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Montag, 28. Mai 2012

Buchbesprechung: ICH GRASE MEINE GEHIRNWIESE AB

Ich grase meine Gehirnwiese ab
Paul Valéry und seine verborgenen Cahiers
Ausgewählt und mit einem Essay von Thomas Stölzel
Die Andere Bibliothek im Eichborn Verlag, Band 317
350 Seiten, gebunden, € 32,- (D)

Der französische Schriftsteller Paul Valéry wurde 1871 in Sète geboren, studierte Jura und ging mit 23 Jahren nach Paris. Dort begann er mit den sogenannten "Cahiers" (Heften), an denen er bis an sein Lebensende 1945 jeden Tag schrieb. Ihnen galt der Schwerpunkt seines Schaffens, ebenso der Frage: "Was kann ein Mensch?" Valéry wurde auch in Sète begraben.

Jeden Morgen setzte sich der Schriftsteller zu früher Stund an den Schreibtisch, bei extrem dickem Kaffee und starkem Tobak, wie bei einem Entschlackungsritual, und notierte seine Gedanken - zu einer Tageszeit, in der "die Dinge dieser Welt, die Ereignisse, meine Geschäfte, sich noch nicht in [...] mich einmischen." Das Ergebnis ist kein Tagebuch, sondern Gedanken, Skizzen, Assoziationen zu Politik und Literatur etwa, die aber in vorliegendem Buch zu kurz kommen. Oder zu philosophischen und allgemeinen Fragen. Das Original in voller Länge umfasst 27.000 Seiten.


20 Jahre nach der großen sechsbändigen deutschsprachigen Ausgabe der Cahiers (die selbst wieder nur einen kleinen Teil des Originaltextes abbildete), die Paul Valéry dem deutschen Publikum erschloss, gibt der Philosoph und Publizist Thomas Stölzel aus dieser Ausgabe wiederum „eine kleine Gesamtansicht wesentlicher Themen und Aspekte seines Denkens, Fragens, Vermutens wie seiner (Selbst-) Beobachtungen, Erfahrungen und Erkenntnisse, welche einerseits die geistigen Umrisse dieses sehr reflektierten Autors erkennen lassen und andererseits so etwas wie ein zeitloses Kompendium der Selbst-Aufklärungsmöglichkeiten des Einzelnen schaffen, das Valéry nicht nur als Menschen seiner Epoche zeigt, sondern auch als unseren Zeitgenossen."

"Ich bin wie eine Kuh am Pflock, dieselben Fragen grasen seit 43 Jahren meine Gehirnwiese ab", heißt es in den Cahiers. Nicht so sehr das Produkt, sondern der Prozess des Denkens war für Valéry wichtig. Nicht einfach nur Erlebtes verarbeiten, sondern eigene Gedanken so lange hin und her wenden, bis sie "depersonalisiert" waren und Bewusstseinsstrukturen freilegten, das wollte er: Er nannte das "Moi pur".

"Spezialität ist mir unmöglich. Ich werde belächelt. Sie sind kein Dichter. Sie sind kein Philosoph. Sie sind weder Geometer noch sonst irgendwas. Sie betreiben nichts gründlich […]. - Vielleicht ist das meine Spezialität. Meine Spezialität, das ist mein Geist."

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