Die Begegnung
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| Charlotte Corday ermordet Jean-Paul Marat (AI, gemeinfrei) |
Paris, Sommer 1793. Die Stadt riecht nach Regen, Druckerschwärze und Angst. In den engen Gassen des Marais flüstern die Menschen Namen, die man besser nicht laut ausspricht. Einer davon ist Jean‑Paul Marat, der radikale Publizist, der aus seiner Badewanne heraus die Revolution mit Worten schärft wie andere ein Messer.
Charlotte Corday, eine junge Frau aus der Normandie, steigt die knarrenden Stufen zu seiner Wohnung hinauf. In ihrer Tasche liegt ein zusammengefalteter Brief – eine erfundene Liste von Verrätern, die sie vorgibt zu besitzen. Doch ihr eigentliches Ziel ist ein anderes: Sie will den Mann zur Rede stellen, dessen Schriften ihrer Meinung nach das Land ins Chaos stürzen.
Normannische Adlige und Unterstützerin der Girondisten. Sie sah im radikalen Kurs der Montagnards eine Gefahr für die Republik und entschloss sich 1793, Jean‑Paul Marat zu töten, um weiteres Blutvergießen zu verhindern. Am 13. Juli 1793 erstach sie Marat in dessen Wohnung. Vier Tage später wurde sie hingerichtet. Corday gilt als Symbolfigur des individuellen Widerstands gegen revolutionäre Radikalisierung.
Marat empfängt sie misstrauisch, aber neugierig. Sein Gesicht ist blass, die Haut von Krankheit gezeichnet. Er bittet sie, den Brief vorzulesen. Charlotte spricht ruhig, fast zu ruhig. Ihre Worte sind scharf, aber höflich. Sie beschreibt angebliche Verschwörer, doch immer wieder gleitet das Gespräch ab – hin zu Moral, Verantwortung, Schuld. Marat macht sich Notizen.
Marat verteidigt seine Schriften als notwendige Waffe gegen die Feinde der Freiheit. Charlotte fragt, wie viele Menschen noch sterben müssen, bis er zufrieden sei. Marat lächelt müde und sagt, dass die Revolution Opfer fordere. Charlotte antwortet, dass manche Opfer selbst gewählt seien. Für einen Moment schweigt der Raum. Nur das Tropfen des Wassers ist zu hören.
Corday: Die Provinz ist voller Unruhe. Männer sterben, weil Paris ihnen Verrat unterstellt.
Marat: Wenn sie sterben, dann weil sie Verräter sind. Die Republik ist jung und umstellt. Verrat ist tödlicher als jedes Messer.
Corday: Oder Ihre Feder ist tödlicher als jedes Messer. Ihre Listen, Ihre Aufrufe – Sie verlangen täglich neue Köpfe.
Marat: Ich verlange Gerechtigkeit. Die Revolution darf nicht von Aristokraten, Priestern und feigen Abgeordneten erdrosselt werden. Ein Volk, das sich nicht verteidigt, verdient seine Ketten.
Corday: Nein. Ein Volk, das seine Gegner ohne Maß tötet, zerstört seine Freiheit selbst. Die Revolution wurde für Rechte begonnen – nicht für Blut.
Marat: Rechte? Die Girondisten sprechen ständig von Rechten, während sie die Republik an die Feinde verkaufen. Die Freiheit muss zuerst überleben, bevor sie mild sein kann.
Corday: Sie nennen Mord Verteidigung. Sie nennen Terror Tugend. Ich sehe in Ihnen keinen Arzt der Republik – sondern ihr Fieber.
Marat: Und ich sehe in Ihnen eine Frau, die den Schmerz der Zeit nicht begreift. Die Revolution ist kein Salon in Caen. Sie ist ein Krieg.
Corday: Gerade deshalb muss jemand dem Blut Einhalt gebieten.
(Stille. Marat notiert weiter.)
Marat: Die Namen aus der Normandie – ich werde sie dem Konvent melden. In wenigen Tagen wird Frankreich von diesen Verrätern befreit sein.
Corday: Ja. Befreit ...
Charlotte erkennt, dass Marat nicht der Dämon ist, den sie sich vorgestellt hat – aber auch nicht der Mann, der innehalten würde. Seine Überzeugung ist unerschütterlich. In diesem Augenblick begreift sie, dass Worte allein ihn nicht aufhalten werden.
Arzt, Journalist und eine der radikalsten Stimmen der Revolution. In seiner Zeitung Ami du Peuple griff er politische Gegner scharf an und forderte harte Maßnahmen gegen „Feinde der Republik“. Als Abgeordneter der Montagnards wurde er zur Leitfigur der Sansculotten. Sein Tod durch Corday machte ihn zum Märtyrer der revolutionären Linken und verstärkte die politische Polarisierung.
Marat hingegen spürt, dass seine Besucherin mehr ist als eine einfache Informantin. Ihre Ruhe irritiert ihn, ihre Entschlossenheit beunruhigt ihn. Er greift nach dem Brief, um ihn genauer zu lesen und sieht im Augenwinkel, wie ihre Hand in die Tasche gleitet.
Er hebt den Blick.
Sie hält inne.
Ein stiller Moment, in dem beide wissen, dass einer von ihnen die Wohnung nicht lebend verlassen wird.
Die Nachbarn hören einen Schrei. Als sie die Tür aufbrechen, finden sie Charlotte reglos am Fenster stehen, während Marat schwer verletzt im Wasser liegt. Sie sagt nur einen Satz:
„Ich habe für den Frieden gehandelt.“
Die Wachen führen sie ab. Paris wird noch lange über diesen Tag sprechen – über Mut, Fanatismus, Gerechtigkeit und die Frage, ob ein einzelner Mensch den Lauf der Geschichte ändern darf.
(Vier Tage nach dem Attentat auf Jean‑Paul Marat wurde Charlotte Corday am 17. Juli 1793 in Paris durch die Guillotine exekutiert.)




















