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Dichterhain, Bände 1 bis 4

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Dichterhain, Bände 5 bis 8

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Mittwoch, 7. Oktober 2026

Severins Groebners Neuer Glossenhauer #112 - Demenz in corpore insanus

Hellbraun im grünen Bereich, Hauptsache: Farbfernsehen ©Foto: Dominic Reichenbach / Artwork: Claus Piffl


Demenz in corpore insanus

Die Wahlen sind geschlagen, und meine Krankenkasse schreibt mir:
„Demenz darf kein Tabuthema sein!“

Verständlich. Sichtlich bin ich nicht der Einzige, der das Gefühl hat, dass die Demenz gerade um sich greift. Menschen leiden unter historischer Demenz und wiederholen zwanghaft geschichtliche Gegebenheiten.

Kommt mir zumindest so vor.
Bin aber auch ein spezieller Fall. Denn als Österreicher, der in Deutschland lebt, leide ich quasi am Gegenteil: an chronischem Deja-Vu.

„Warum kommt mir das so bekannt vor?!“, frag ich mich, wenn ich die Wahlplakate der AfD zu sehen bekomme.
Dabei drücke ich leicht den blauen „Jörgi-Bär“, den ich seit dem Unfalltod Jörg „Prost!“ Haiders immer mit mir führe und der immer leicht nach Schnaps riecht.

Und nicht nur das. Auch die Reaktionen auf die Partei sind mir schon bekannt. Dieses hilflose „Das sind Nazis! Ganz böse Nazis! Mit denen spielt man nicht! Man übernimmt nur ihre Forderungen und wundert sich dann, warum sie immer mehr Stimmen kriegen“-Geschrei. Das kenn ich auch schon.

Und diese Diskussionen danach: Geht es um Inhalte? Geht es um Köpfe? Geht es um Emotionen?
Welchen Inhalt sollten wir jetzt emotional köpfen?
Kenn ich alles. Und scheine dabei der Einzige (oder einer der wenigen) in Deutschland zu sein.

Eine sehr seltsame Kombination. Du hast das Gefühl in einer Fernsehserie gefangen zu sein, wo Du jede Folge voraussagen  kannst, während alle anderen sich zu Dir neigen und sagen:
„Irres Drehbuch. Hätt’ste nicht gedacht, oder?“

Es ist so, als ob Du in Moskau Deine Stimme abgibst, nicht die Regierungspartei wählst, niemand kennst, der die Regierungspartei gewählt hat, und nach drei Wahltagen sind alle total überrascht darüber, dass die Regierungspartei einen großen Sieg errungen hat. Und nur Du denkst Dir:
„Äh… ja was habt Ihr denn geglaubt, dass rauskommt?“

Oder so:
Du leitest die Entwicklungsabteilung eines deutschen Autokonzerns und alle Deine Modelle, die platzsparend, abgasfrei, leise und vor allem elektrisch unterwegs sind, werden… nie gebaut.
Und zwar solange bis plötzlich dein Absatzmarkt, wo Millionen Menschen teilweise auf engstem Raum bei schlechter Luft zusammen wohnen, deinem Konzern weg brechen.
Und das gesamte Management samt Geschäftsführung fragt sich, warum die da drüben keine riesigen spritzfressenden, stinkenden, lauten Stadtpanzer kaufen wollen.
Und Du denkst Dir: „Naja, was habt Ihr denn geglaubt?“
Und das in Zeiten, in denen der Ölpreis steigt und steigt und steigt und steigt.

Deshalb sage ich: nicht schweigen beim Steigen.
Schließlich hat mir das ja meine Krankenkasse empfohlen: „Demenz darf kein Tabuthema sein.“

Weder historische Demenz. Noch politische Demenz. Oder gar wirtschaftliche Demenz.
Letztere ist besonders gefährlich, weil sie die einzige Demenz ist, die nicht Vergangenes (wie die historische) oder Gegenwärtiges (wie die politische) verschwinden lässt, sondern eine physikalisch durchdachte, ökonomisch durch gerechnete und ökologisch tragbare Vorstellung von der Zukunft aus den Gehirnen löscht.

Und ist diese Vorstellung von der Zukunft einmal weg, dann folgen der futuralen Demenz auch als bald Arbeitsplätze, Volksparteien, Wirtschaftsmodelle, Staatsformen.

Am Schluss bleibt einem nur noch ein kleiner, blauer Jörgi-Bär zum Streicheln. Egal wie der heißt. Ulrich. Herbert. Giorgia. Oder Alice.
Man verschwindet in einem Wunderland, wo alles gut ist, die Kaninchen auch während eines Waldbrands mit einem reden können und die Königin aus dem Kartenspiel schreit: „Köpfen!“
Du drückst das Kuscheltier fest an Dich und freust Dich, dass er immer noch nach Schnaps riecht.

Darum wählen dann Menschen folglich Abziehbilder, die auf einem Mofa mit Verbrennungsmotor unterwegs sind, Freunde haben, die möglicherweise aus Russland finanziert werden und deren Gedankenwelt von vorgestern stammt, und die gegenseitig ihre Verwandten anstellen. Logisch. Bei der Bevölkerungsdichte! Wen denn sonst? Was haben wir denn geglaubt?

Nichts?
Oder können wir uns nicht mehr daran erinnern?
Wie auch immer - schnell Hilfe holen.

Denn: Demenz darf kein Tabuthema sein!

___

groebner live:

Die heißen Neuigkeiten, hab ich schon verbreitet, aber ich wiederhole sie einfach nochmal und nochmal und nochmal. Solange bis sie keine Neuigkeiten sind, sondern Altigkeiten:
Mein Programm „ICH BIN DAS VOLK!“ wird mit dem
„Österreichischen Kabarettpreis 2026“ ausgezeichnet, was mich natürlich sehr freut.
Aber ich freu mich für alle anderen Ausgezeichneten ebenso.

Wann und wo man das im wahrsten Sinn des Wortes „ausgezeichnete“ Programm sehen kann, erfährt der interessierte Mitmensch
hier.
Auf jeden Fall am
2. Oktober 2026 in Kneiting

Und - erstmals in meiner über 30jährigen Bühnenhistorie - in Innsbruck.
Am 4. Oktober im Treibhaus.

Da freu ich mich schon sehr.
Und was die Presse über das Programm „Ich bin das Volk!“ schreibt, kann man
hier lesen.

groebner gesehen:
Über das demnächst ausgezeichnete Programm hat das Bayerische Fernsehen einen Bericht in der Abendschau gemacht.
Den kann man sich
hier anschauen.

Das vorherige Programm (das auch sehr gut ist. Finde ich zumindest. Und ich bin da sehr objektiv mit mir) „ÜberHaltung“ war im ORF Sommerkabarett zu sehen. Und zwar nur in Österreich. Ich hoffe, Ihr habt es geschaut.

groebner gehört:
Anläßlich des Kabarettpreises hat Ö1 den Beitrag über mich und mein Programm „Ich bin das Volk“ erneut in die Audiothek gestellt.
Kann man sich
hier anhören.

Auch zu hören:
Meine neue Single: „
Das Lied der neuen Zeit“ powered by monkey records. Die ist übrigens die Zugabe vom Programm.
Wem das gefällt, gefällt vielleicht auch mein Satire-Pop-Album
„Nicht mein Problem“.

Zwischendurch arbeite ich aber auch weiter für d
as „Ende der Welt“ auf Bayern 2 und in der ARD-Audiothek gibt es das zum nachhören.
Dort denke ich immer wieder über Sachen nach, zum Beispiel:
was die
Menschen für Ihre Haustiere tun, wo man echte Freunde finden kann, oder was das Gletschereis alles so beherbergt. Oder eben nicht mehr.

groebner gefolgt:
Videos und Fotos und Zeug gibt’s auf
YouTube, auf Instagram oder auf Facebook zu sehen.

groebner gelesen:
Dem Falter hab ich übrigens ein
großes Interview gegeben. Und das kann man immer noch Nachlesen.
——-


Der „Neue Glossenhauer“ ist ein Projekt der freiwilligen Selbstausbeutung.
Wer es dennoch materiell unterstützen will, hier wäre die Bankverbindung für Österreich:
Severin Groebner, Bawag, IBAN: AT39 6000 0000 7212 6709
Hier die jene für Deutschland:
Severin Groebner, Stadtsparkasse München, IBAN: DE51 7015 0000 0031 1293 64

Montag, 5. Oktober 2026

Kunsthalle Mannheim: Nur noch wenige Tage „Radikal. Real. Nouveau Réalisme und die Kunst der 1960er Jahre“

Foto: Kunsthalle Mannheim



Letzte Chance: „Radikal. Real.“ nur noch bis zum 11.10.26! Farben explodieren, Momente erstarren, Alltagsobjekte erwachen zum Leben – im Geist des Nouveau Réalisme verschwimmt die Grenze zwischen Kunst und Wirklichkeit. Die Ausstellung „Radikal. Real. Nouveau Réalisme und die Kunst der 1960er Jahre“ zeigt eine Bewegung, die die Welt neu sah – und das Alltägliche zum Außergewöhnlichen machte. Sie ist nur noch bis zum 11.10. zu sehen. Ausgehend von herausragenden Werken aus der Sammlung der Kunsthalle – mit Hauptwerken von Arman, César, Yves Klein, Mimmo Rotella, Daniel Spoerri, Niki de Saint Phalle und Jacques Villeglé – verfolgt die Ausstellung die künstlerischen Entwicklungen des Nouveau Réalisme bis in die frühen 1970er Jahre. Daneben werden auch Arbeiten von Künstler*innen wie Alina Szapocznikow und anderen gezeigt, die zeitgleich an ähnlichen Fragestellungen gearbeitet und wesentlich zur Definition der neuen Sprachen beigetragen haben.

Freitag, 2. Oktober 2026

NTM Mannheim: KASIMIR UND KAROLINE von Ödön von Horvath

 NTM Nationaltheater Mannheim

KASIMIR UND KAROLINE

Volksstück von Ödön von Horváth

 

 

KASIMIR UND KAROLINE

Was gibt Kasimir und Karoline Halt in wirtschaftlichen und politischen Krisenzeiten? Und auf wen oder was können sie hoffen? Als Kasimir seine Arbeit verliert, gerät auch seine Beziehung zu Karoline ins Wanken. Karoline ist schwanger und will trotzdem an ihren Plänen und ihrem Wunsch nach einem besseren Leben festhalten. Zwischen persönlicher Krise und gesellschaftlichem Umbruch stellt sich die Frage: Was hält Menschen zusammen, wenn die Zukunft unsicher wird?

Charlotte Sprenger und ihr Team holen Ödön von Horváths modernen Klassiker in die Gegenwart und verlegen das Geschehen vom Oktoberfest der 1930er-Jahre auf die Betriebsfeier eines Technologieunternehmens. Wo einst die Attraktionen des Volksfests für Rausch, Ablenkung und Begegnung sorgten, treffen heute ersetzbare Angestellte auf jene, die vom System profitieren. KI und Robotik verändern die Arbeitswelt, während die Angst wächst, den eigenen Platz zu verlieren.

Horváth erzählt in seinen Volksstücken das Politische im Kleinen. Seine Figuren sehnen sich nach Selbstbestimmung und sozialem Aufstieg, während ihr Leben von wirtschaftlichen Verhältnissen und der Verfügbarkeit von Arbeit abhängt. Vor dem Hintergrund multipler Krisen, verringerter Sozialleistungen und zunehmender Aufrüstung stellt sich diese Frage heute neu: Was bedeutet Arbeit, wenn Künstliche Intelligenz und Robotik immer mehr Tätigkeiten übernehmen? Was geschieht mit Menschen, die den Eindruck gewinnen, ersetzbar zu sein, während globale Tech-Konzerne immer mehr Kapital und Macht konzentrieren? Und was macht diese Unsicherheit mit unseren Beziehungen?

Spielerisch, musikalisch und visuell stark befragt die Inszenierung Horváths Figuren nach individuellen Handlungsoptionen in der allgemeinen Misere.

Details

Regie: Charlotte Sprenger

Bühne & Kostüm: Aleksandra Pavlović

Licht: Robby Schumann

Musik: Philipp Plessmann

Dramaturgie: Olivia Ebert

 

Mit

Kasimir: Paul Simon

Karoline: Rahel Weiss/Kristin Steffen

Schürzinger: Eddie Irle

Erna: Jessica Higgins

Merkl Franz: Sandro Šutalo

Rauch: Ragna Pitoll

Speer: Bruno Akkan

 

Weitere Termine

Sa, 03.10.2026, 19.00 Uhr (Kurzeinführung um 18.30 Uhr)

Di, 13.10.2026, 19.00 Uhr (Kurzeinführung um 18.30 Uhr)

Mi, 21.10.2026, 19.00 Uhr

Weitere Termine folgen

NTM Mannheim: NORA ODER EIN PUPPENHAUS von Henrik Ibsen | Deutsch von Hinrich Schmidt-Henkel

NTM Nationaltheater Mannheim

NORA ODER EIN PUPPENHAUS

von Henrik Ibsen | Deutsch von Hinrich Schmidt-Henkel

Luxuriöses Haus, schöne Kinder, glänzende Zukunft – ein (Alb-)Traum. Nora hat Freiheit gegen Status eingetauscht und lebt als hübsches Spielzeug ihres Gatten in einem Puppenhaus. Doch unter der glänzenden Oberfläche werden Risse sichtbar: patriarchale Strukturen, Abhängigkeiten und Kreditbetrug bringen das Fundament ins Wanken.

Regisseurin Julia Gudi überschreibt Henrik Ibsens berühmtes Drama aus heutiger Perspektive und nimmt es in ihrer Abschlussarbeit an der HfMDK Frankfurt zum Ausgangspunkt für eine gegenwärtige Systemkritik. Aus dem Ehedrama wird ein Stück über Klasse, Geld und Selbstinszenierung. Vier Figuren ringen um Status und Wohlstand und um die Frage, was Schein und was Sein ist.

Mit einer Ästhetik zwischen 80er/90er-Jahre-Pop, Sitcom und Body Horror untersucht die Inszenierung, wie Weiblichkeit hergestellt und performt wird. Die »Blondification« und das Unheimliche des Uncanny Valley treffen auf ein Puppenhaus, das zunehmend zum Haunted House wird. Eine Live-Cam wird zur Beobachterin, zum Spiegel gelingender oder scheiternder Selbstinszenierung im Blick der anderen.

Wer inszeniert hier eigentlich wen?

Details

Regie: Julia Gudi

Video: Laura Krabes

Bühne & Kostüm: Carolin Wirth

Licht: Ronny Bergmann

Musik: Moritz Schauer

Dramaturgie: Franziska Betz

 

Mit

Nora Helmer: Shirin Ali

Torvald Helmer: Fabian Dott

Kristine Linde: Maria Munkert

Krogstad: Barış Özbük

 

Weitere Termine

Sa, 03.10.2026, 20.00 Uhr

Mi, 21.10.2026, 20.00 Uhr

Mi, 28.10.2026, 20.00 Uhr (Kurzeinführung um 19.30 Uhr)

Weitere Termine folgen

Montag, 28. September 2026

Blick ins Leben: „Der Raum 204“


Raum 204 in der Realschule mit Hauptschule war kein Klassenzimmer. Er war ein Denkmal. Ein Denkmal für den Stillstand.
Wenn Frau Kessler die Tür öffnete, hatte sie jedes Mal das Gefühl, in eine Raumkapsel zu treten, die seit 26 Jahren niemand weiterentwickelt hatte. Die Stühle waren dieselben, die Tafel war dieselbe, die Probleme waren dieselben – nur die Kinder waren andere. Und manchmal fragte sie sich, ob die Kinder überhaupt noch etwas anderes waren als die Symptome eines Systems, das sich weigerte, sich zu bewegen. 

An diesem Morgen saßen 27 Jugendliche vor ihr, die aussahen, als hätten sie eine bleierne Schwere im Kopf, die jede Form von Denken dämpfte. Nicht aus Bosheit. Nicht aus Faulheit. Sondern aus Überforderung.

„Heute üben wir Prozentrechnung“, sagte Frau Kessler. Ein kollektives Stöhnen erhob sich, als hätte sie angekündigt, dass alle jetzt einen Marathon laufen müssten – barfuß, bergauf, im Regen.
„Wofür braucht man das?“, fragte Leon, der grundsätzlich alles infrage stellte, was nicht sofort einen praktischen Nutzen hatte. „Fürs Leben“, antwortete sie. „Welches Leben?“, murmelte jemand aus der letzten Reihe.
Frau Kessler seufzte. Sie wusste, dass die Kinder nicht verstanden, was sie da tat. Nicht, weil sie nicht wollten. Sondern weil sie nicht konnten.
In ihren Köpfen lag eine bleierne Sperre, eine Art geistiger Nebel, der sich über alles legte, was abstrakt war, was Konzentration brauchte, was nicht sofort leuchtete oder vibrierte wie ein Handybildschirm. Sie waren nicht dumm. Sie waren überreizt. Sie waren überlastet. Sie waren Kinder einer Welt, die ihnen jeden Tag zeigte, dass man mit Aufmerksamkeit nicht weit kommt, aber mit Ablenkung sehr wohl.

„Stellt euch vor, ihr wollt herausfinden, wie viel Rabatt ihr bekommt“, versuchte sie es. „Ich kauf nix“, sagte Mia. „Ich hab kein Geld“, sagte Leon. „Ich hab kein Bock“, sagte jemand anderes. 
Es war nicht Trotz. Es war Resignation.
Viele dieser Kinder kamen aus Familien, in denen Bildung nie ein Werkzeug gewesen war, sondern ein Fremdkörper. Man lernte nichts, weil man nichts brauchte. Man brauchte nichts, weil man nichts bekam. Und so wuchs eine Generation heran, die nicht wusste, wozu man Wissen überhaupt benutzen sollte.
„Wir machen ein Beispiel“, sagte Frau Kessler. Sie schrieb Zahlen an die Tafel. Die Klasse starrte sie an, als hätte sie gerade Hieroglyphen notiert.
„Ich versteh das nicht“, sagte Mia. „Ich auch nicht“, sagte Leon. „Ich auch nicht“, sagten fünf weitere.
Es war kein Widerstand. Es war ein kollektives Eingeständnis: Wir können das nicht. Wir verstehen die Welt nicht, die ihr uns erklären wollt.
Frau Kessler spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. Nicht Wut. Nicht Frust. Sondern Traurigkeit.
Denn sie wusste, dass diese Kinder später in einer Welt stehen würden, die ihnen Fragen stellte, die sie nicht beantworten konnten. Eine Welt, die ihnen Aufgaben gab, die sie nicht lösen konnten. Eine Welt, die ihnen Entscheidungen abverlangte, die sie nicht einordnen konnten.
Und sie wusste auch, dass manche von ihnen irgendwann politische Angebote attraktiv finden würden, die versprachen, alles sei ganz einfach. Nicht, weil sie „falsch“ dachten. Sondern weil sie nie gelernt hatten, wie man Komplexität aushält.

„Lasst uns langsam machen“, sagte sie. „Wir fangen bei Null an.“
„Wir sind immer bei Null“, murmelte Leon.
Es war ein Satz, der hängen blieb. Ein Satz, der den Zustand eines ganzen Systems beschrieb. Ein Satz, der die bleierne Schwere in den Köpfen der Kinder in Worte fasste.
Frau Kessler legte die Kreide weg. „Gut“, sagte sie. „Dann fangen wir eben bei Null oder noch weniger an. Heute. Jetzt.“ 
Und zum ersten Mal an diesem Morgen wurde es leise. Nicht, weil die Kinder plötzlich motiviert waren. Sondern weil sie spürten, dass jemand sie nicht aufgegeben hatte.


Sonntag, 27. September 2026

Mehr PISA-Punkte durch Imitation Chinas? (Auswege 3)

Vielleicht liegt Chinas schulisches Geheimnis gar nicht darin, dass chinesische Kinder den ganzen Tag über Büchern sitzen. Vielleicht liegt es darin, dass dort eine ziemlich altmodische Vorstellung noch erstaunlich lebendig ist: Schule ist zum Lernen da. Der Lehrer soll unterrichten, der Schüler soll lernen, Grundlagen sollen sitzen und Fehler dürfen durch Übung verschwinden. China hat inzwischen sogar erkannt, dass man ein solches System überfordern kann, und versucht deshalb, Hausaufgaben- und Nachhilfedruck zurückzunehmen. Deutschland könnte von beidem lernen: von der Konsequenz – und von der Erkenntnis, dass Konsequenz nicht dasselbe ist wie Drill.

Der entscheidende Unterschied liegt in einer anderen Prioritätensetzung:

Chinesischer Ansatz
Deutsches Problem 

klare Lernzieleteilweise sehr viele pädagogische Ziele gleichzeitig
hohe Bedeutung von GrundwissenKompetenzdiskussion teilweise ohne ausreichende Grundlagen
Lehrer als Autorität und FachpersonLehrer zunehmend auch Sozialarbeiter, Verwaltungsfachkraft und Krisenmanager
viel systematisches ÜbenAngst vor „Drill“ und mechanischem Lernen
hohe Leistungserwartungenstärkere Diskussion über Motivation und individuelle Bedürfnisse
zentrale Steuerungföderale Zersplitterung
Schule als zentraler Lernortviele Aufgaben werden zwischen Schule, Familie und außerschulischen Angeboten verteilt
starke Prüfungskulturstärkere Zurückhaltung gegenüber Leistungsdruck
hohe gesellschaftliche BildungsorientierungBildungserwartungen stärker vom sozialen Milieu abhängig

Schule hat einen klaren Bildungsauftrag

Das chinesische System ist wesentlich stärker darauf ausgerichtet, dass Schüler konkretes Wissen und grundlegende Kompetenzen tatsächlich beherrschen. Lesen, Schreiben, Mathematik und Naturwissenschaften haben einen hohen Stellenwert. Der Unterricht ist stärker lehrergesteuert und systematisch aufgebaut als in vielen westlichen Reformmodellen.

Das sieht man auch an den PISA-Ergebnissen: In den vier chinesischen Regionen erreichten 2018 98 % mindestens Kompetenzstufe 2 in Mathematik; im OECD-Durchschnitt waren es 76 %. 44 % erreichten sogar mindestens Stufe 5, gegenüber 11 % im OECD-Durchschnitt.

Der Lehrer ist tatsächlich Lehrer

Das ist für den Vergleich mit Deutschland besonders interessant.

Der Lehrer hat im chinesischen Modell eine relativ klare Autorität: Er vermittelt Stoff, erklärt, übt, kontrolliert und korrigiert. Unterrichtszeit soll möglichst tatsächlich Lernzeit sein.

Das bedeutet nicht, dass chinesische Lehrer weniger belastet wären. Im Gegenteil. Der Leistungsdruck auf Lehrer und Schüler kann erheblich sein. Aber die institutionelle Erwartung ist klarer:

Der Lehrer soll unterrichten - und die Schüler sollen lernen.

Das ist ein ziemlich altmodisches Konzept. Und vielleicht gerade deshalb erstaunlich wirksam.

Üben, wiederholen, beherrschen

Ein wesentlicher Bestandteil ist die hohe Bedeutung von Übung und Wiederholung. Ein mathematisches Verfahren wird nicht einmal erklärt und dann als „Kompetenz“ verbucht. Es wird so lange angewendet, bis es sitzt.

Das chinesische Modell setzt traditionell stärker auf:

Erklärung → Beispiel → Übung → Fehleranalyse → Wiederholung → Beherrschung.

Das ist weniger spektakulär als manche modernen pädagogischen Konzepte, aber bei elementaren Fähigkeiten ziemlich vernünftig.

Hohe Erwartungen

Ein weiterer Faktor ist die Erwartungshaltung.

Von Schülern wird grundsätzlich erwartet, dass sie lernen können und sollen. Von Lehrern wird erwartet, dass sie unterrichten. Von Eltern wird erwartet, dass Bildung wichtig ist.

Das erzeugt Leistungsdruck – und dieser Druck ist eine der problematischen Seiten des Systems. Aber er erzeugt gleichzeitig eine gesellschaftliche Botschaft, die Deutschland gelegentlich etwas abhandengekommen ist:

Bildung ist nicht nur ein Angebot. Sie ist eine Anstrengung.

Der Wettbewerb ist brutal – insbesondere bei Prüfungen

Hier liegt wahrscheinlich der bekannteste Bestandteil des chinesischen Modells: das Gaokao, die nationale Hochschulaufnahmeprüfung.

Der Zugang zu angesehenen Universitäten hängt stark von Prüfungsergebnissen ab. Dadurch bekommt schulische Leistung eine enorme Bedeutung. Das hat zwei Seiten. Einerseits schafft es ein relativ klares Leistungsprinzip: Wer etwas leistet, kann aufsteigen. 
Andererseits erzeugt es enormen Konkurrenz- und Prüfungsdruck. Familien investieren teilweise sehr viel Zeit und Geld in die Bildung ihrer Kinder. Das chinesische System ist deshalb keineswegs einfach ein Modell, das man nach Deutschland kopieren könnte.

Interessant: China versucht inzwischen selbst, den Druck zu reduzieren

Und genau hier wird es für unsere PISA-Glosse besonders interessant. China hat 2021 mit der sogenannten „Double Reduction“-Politik versucht, den exzessiven Hausaufgaben- und Nachhilfedruck zu reduzieren. Die Regierung beschränkte unter anderem akademische außerschulische Nachhilfe und stärkte die Schule als zentralen Lernort.

Die Reform zielte gleichzeitig darauf, die Qualität des Unterrichts zu verbessern. Nach Angaben des chinesischen Bildungsministeriums stieg der Anteil der Schüler, die ihre schriftlichen Aufgaben innerhalb der vorgesehenen Zeit erledigen konnten, von 46 % auf über 90 %. Gleichzeitig wurde die schulische Nachmittagsbetreuung massiv ausgebaut.

Dienstag, 22. September 2026

Mehr Pisa-Punkte? Lernlandschaften (Auswege 2)

Lernlandschaft (Foto generiert mit KI)


Die Grundidee: Lernen als Erlebnis

Lernen als Landschaft, nicht als Klassensaal. Die Schüler bewegen sich frei, je nach Aufgabe und Bedürfnis. Keine feste Sitzordnung.



3 Prinzipien:

1  Selbststeuerung: Jeder hat einen Lernpfad-Chip. Jeder entscheidet: Brauche ich heute Ruhe oder Team?
2  Materialität zuerst: Begreifen kommt von Anfassen. Erst Karte, Modell, Versuch - dann das Tablet als Lupe.
3  Bewegung: Allein -> Gruppe -> Präsentation. Der Raumwechsel hilft dem Denken.


Die 7 Zonen (zusammen 140 m²)
 



1. AGORA / Ankommen (Herzstück)
Teppichkreis, Tagesziel-Board, Kalender. Hier startet und endet der Tag. Sozialform: Plenum.


2. FOKUS (Allein-Arbeit)
Akustik-Nischen mit 120cm Wänden, Ohrenschützer, Einzel-Kabinen mit Filz. Regel: Flüstern. Keine Ablenkung. Für Lesen, Rechnen, Schreiben.


3. KOLLABORATION (Gruppeninseln)
Höhenverstellbare 4er-Tische, beschreibbare Tischplatten und fahrbare Whiteboard-Wände. Ideal für 2-4 Personen.


4. MATERIALBAR 
Offene, niedrige Regale auf Rollen, farbcodiert, z.B.:


Gelb - Karten & Zeit: Reliefkarten, historische Karten, Atlanten, 3m Zeitschiene zum Ausrollen
Blau - Modelle: Skelett, Globus, Vulkanschnitt, Molekülbaukasten, Brückenmodell
Grün - Natur: Gesteinssammlung, Herbarium, Mikroskope
Alles mit Piktogramm und QR-Code, der zu einem 2-Minuten Erklärvideo zur Nutzung führt.


5. LABOR / WERKSTATT
Versuchsanordnungen fest aufgebaut, aber sicher: Stromkreise mit Klemmen, Wasserlauf-Modell, Hebelgesetze, Chemie-Schublade nur mit Coach. Jede Kiste hat eine Auftragskarte: Frage - Material - Dokumentation. 


6. ATELIER / Maker
Großer Bautisch in der Mitte. Lego, Kapla, Ton, 3D-Stifte, große Papierrollen zum Kartieren.


7. FORUM / Bühne
Kleines Amphitheater aus 2 Stufen mit Teppich. Dokumentenkamera und Beamer. Hier wird präsentiert, was in den anderen Zonen entdeckt wurde. Ob der Platz jeweils zur Verfügung steht oder das Geld für Umbau ist eine andere Frage. Modernste Schulen kommen eventuell schnell zur Verwirklichung.



So funktioniert ein Tag:

08:00 Agora - Ziel: "Wie entsteht ein Vulkanausbruch?"
08:20 Fokus - Text lesen + Fachwörter in Einzel-Nische
09:00 Labor - Zu zweit Modell-Vulkan ausbrechen lassen
10:00 Materialbar - Auf Reliefkarte Lage echter Vulkane finden
11:00 Forum - 3-Minuten Präsentation mit Modell



Und die Lehrkraft? Braucht kein Pult mehr. Sie verwendet eine mobile Coaching-Station - Rollcontainer mit Laptop (KI, Internet), betreut Gruppen, gibt Impulse.  Erinnert ein bisschen an Wartung. Das Modell braucht starke Disziplin und Ruhe bei den Schülern und kann in so mancher Klasse, gerade an Haupt- und Realschulen, entweder nicht oder erst nach Disziplintraining durchgeführt werden.