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Dichterhain, Bände 1 bis 4

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Dichterhain, Bände 5 bis 8

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Samstag, 18. April 2026

Wahlsonntag in Bulgarien: Wahlbetrug und Stimmenkauf toben in den Gassen

Wahl in Bulgarien
(AI, gemeinfrei) 

Bulgarien wählt am 19. April 2026 zum achten Mal seit 2021. Nach dem Sturz der Regierung Scheljaskow und drei gescheiterten Regierungsbildungen regiert nur noch ein Übergangskabinett. In den Umfragen führt Rumen Radews neue Mitte-Links-Koalition Progresivna Bulgaria mit 30,8%, GERB folgt abgeschlagen mit 20,7%. Die alte Koalition hätte keine Mehrheit mehr. Bulgarien steht vor einer Wahl, bei der es formal um Links oder Rechts, EU oder Eigenweg geht. Faktisch geht es um die Frage: Kann eine Demokratie funktionieren, wenn ein relevanter Teil der Wähler die Stimme nicht abgibt, sondern verkauft – weil er sie zum Überleben braucht? Das ist der größte Hohn für ein gerechtes Wahlsystem. Bulgarien hat hier sehr viel zu leisten, um zur Normalität zurückzukehren. Die rechten Parteien sind absolut korrupt. 

Das Innenministerium meldet 500–600% mehr Verstöße beim Stimmenkauf als 2024, über 1 Mio. Euro wurden bei Razzien beschlagnahmt. Der Betrug ist simpel: Parteifunktionäre reichen Geld über regionale Koordinatoren an lokale „Vertrauens-personen“ weiter. Am Ende erhält der Wähler 20–50 Lewa /etwa 10-25 EUR. Nicht nur Bargeld! Im Paket sind auch Brennholz, Lebensmittel, bezahlte Stromrechnungen oder das Versprechen, dass das Jugendamt wegschaut. Geld gegen Stimme ist erst die halbe Miete. Der zweite Teil ist „kontrollierte Stimmabgabe“. Methode A: Der Wähler fotografiert den ausgefüllten Zettel mit dem Handy als Beweis. Methode B: „Dunkle Räume“ in Wahllokalen, wo ein Helfer neben der Kabine steht und beim Ankreuzen „hilft“. Methode C: Vorgefertigte Stimmzettel werden draußen übergeben und nur noch eingeworfen.

Ziel sind Arme und Prekäre – Sozialhilfeempfänger, verschuldete Dörfer, Roma-Communitys –, die das Geld bitter nötig haben.


Laut Parlaments-Dossiers entfallen 80% der Manipulationsfälle auf DPS, 20% auf GERB. Bei niedriger Wahlbeteiligung reichen 150.000 gekaufte Stimmen, um Mehrheiten zu kippen. Deshalb heißt es von allen Seiten: Nur massenhafte Beteiligung verdünnt den Effekt.

Donnerstag, 16. April 2026

Severin Groebners Neuer Glossenhauer #102 - Bergmann übernehmen Sie!

 


     Grün ist die Hoffnung! © Foto: Dominic Reichenbach / Artwork: Claus Piffl



Bergmann, übernehmen Sie!

Ich hab jetzt diesen Newsletter dreimal angefangen und dann wieder gelöscht, weil - während ich was geschrieben habe - schon wieder etwas passiert ist. Irgendwas, was man jetzt schon wieder fast vergessen hat.

Zuerst war es die Ankündigung von Melania Trump, Gerüchten entgegen treten zu wollen, die niemand gekannt hat, und so diese Gerüchte erst weltweit in die Schlagzeilen zu bringen.
Tipp für Trump: Der Streisand-Effekt bedeutet nicht, dass man eine große Nase hat und trotzdem schön singen kann.

Dann war es die Reaktion des weißen Hauses auf die Sperrung der Straße von Humus… nein, Hormus. Das war nämlich: eine Sperrung der Straße. Eine Sperrung durch eine Sperrung aufheben… ganz ehrlich, wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Donald „Drill, Baby, drill“ Trump und das iranische „Kill, Baby, Kill“-Regime jetzt den Mitgliedern der „Letzten Generation“ zeigen, wie einen Ökologisierung der Wirtschaft wirklich geht.
Nicht ein paar Stadt-Autobahnen für ein paar Stunden sperren.
Nein, das ist was für Stümper.
Merkt es Euch zum Skandieren für die nächste Klima-Demo (Gibt’s die eigentlich noch?):
„Handelsrouten musst Du schließen / dann wird das Öl gar nicht mehr fließen!“

Dann gab es noch die Wahl in Ungarn (sehr erfreulich!) und die Erklärungen der deutschen Wirtschaftsministerin (sehr unerfreulich) und die weltpolitische Fußnote ersten Ranges: Der österreichische Bundeskanzler besucht Indien.
Ich vermute, so wie der aussieht, wird er dort für eine Renaissance des Buddhismus sorgen.

Denn das ist ja die Rolle Österreichs in der Welt - gerade in schwierigen Zeiten: Beruhigen. Entschleunigen. „Nua kane Wöhn!“
Und wer den österreichischen Kanzler schon einmal reden gehört hat, weiß: Der beruhigt. Sehr stark.

Österreich selbst aber lässt sich von der Welt am Liebsten ablenken.
Durch Theater. Oder Oper. Oder klassische Musik. Oder anderes Bühnengeschehen.
Deshalb hat es auch vor über hundert Jahren die „Salzburger Festspiele“ erfunden. Zur Ablenkung.
Und zur Geschäftsanbahnung.

Und diese Festspiele haben jetzt eine neue Chefin: Karin Bergmann.
Die hat schon mal das Burgtheater vor ein paar Jahren interimistisch geleitet, nachdem es von einem Mann in … sagen wir mal … eine Verkehrsfläche mit erhöhtem Kot-Aufkommen (vulgo: Scheißgasse, nobler: Rue de la Gack)  geführt wurde. Das war auch so eine Art Blockade damals.
Aber nach Frau Bergmann läuft es im Burgtheater wieder.

Anscheinend ist das Frau Bergmanns Job-Profil:
„Wenn Du weißt, es kann kein Mann 
/ Dann ruf doch die Bergmann an!“
(Zum Skandieren für die nächste Demo zum Gender-Pay-Gap.)

Insofern ahne ich schon, wer nach Wolfgang Kubicki die FDP übernimmt: Karin Bergmann. Und wer wird neuer Teamchef von Italien? Karin Bergmann!

Man sieht: Mit einer Frau Bergmann allein wird sich das nicht mehr ausgehen. Wir  brauchen ein Karin-Bergmann-Institut, wo Karin Bergmann viele kleine Karin Bergmanns ausbildet, damit diese dann eitle Männer beerben können, um das durch Verschmutzung immobil gewordenen Fahrzeug (vulgo: den Karren im Dreck) erneut zu mobilisieren.
Sie ist also keine Allround-Managerin, sondern eine All-Rad-Managerin.

Ich gehe jedenfalls fix davon aus, dass Karin Bergmann und ihre Schülerinnen, den Orden Carina de Fossori (kurz: die Fossoris) gründen wird, ein Orden, der sich demnächst über die Welt verbreitet.
Denn es gibt so viele zu bewegende Karren.
Wer kommt nach Wladimir Putin? Karina Bergmannova!
Wer nach Donald Trump? Carina Mountainman!
Wer nach Emanuelle Macron? Carine Mountaigne! (Ein Witz nur für Nils Minkmar.)
Wer wird der nächste Ministerpräsident von NRW? Die Kumpel-Karin!

Und, wer weiß, vielleicht werde auch ich eines Tages von einer Karin Bergmann ersetzt?
Eitel genug wäre ich, aber vielleicht noch nicht alt genug? Oder umgekehrt? Alt ja, aber nicht eitel genug?
Oder mein Karren ist noch nicht dreckig genug? Ich weiß es nicht.
Ich werde einfach Karin Bergmann fragen.
Sie wird mir sicher antworten, nachdem sie die Straße von Hornochs… äh… Hormus geöffnet hat.

In diesem Sinne: Glück auf!

____________

groebner live:

Samstag 18.4. Hartheim/Rhein, 
Salmen in Hartheim

Freitag 8.5. München, 
Schlachthof
Donnerstag 14.5. Wien, 
Kabarett Niedermair
Dienstag 19. und Mittwoch 20.5. Graz, 
Theatercafé
Donnerstag 21. - Samstag 23.5. Regensburg, 
Statt-Theater
Freitag 29.5. Frankfurt, 
die KÄS

Und, und, und…alle Termine gibt es 
hier.
Und was die Presse über das Programm „Ich bin das Volk!“ schreibt, kann man 
hier lesen.


groebner gesehen:
In der wunderbaren Sendung „Schlachthof“ im Bayerischen Fernsehen war ich zu Gast.
Und durfte dort
 eine Kostprobe meines Regierungsprogramms „Ich bin das Volk!“ geben.

In der Abendschau im BR gab es sogar einen eigenen Premierenbericht.
Den kann man sich 
hier anschauen.

Der freundliche Sender 3Sat hat übrigens mein voriges Programm „
ÜberHaltung“ ausgestrahlt.
Für alle, die es noch nicht gesehen haben, die haben jetzt in der Mediathek (Achtung Wortwitz) 
das Nachsehen.

groebner gehört:
Ganz frisch heraussen!!!!
Meine neue Single: „
Das Lied der neuen Zeit“ powered by monkey records

Kennt Ihr schon mein Satire-Pop-Album 
„Nicht mein Problem“?
Es ist sehr gut.

In der wunderbaren Sendung „
Satire Deluxe“ war ich zu Gast und habe - live ! - ein Liedchen zum Besten gegeben.

Zusammen mit den sehr geschätzten Kolleginnen und Kollegen Fine Degen, Ella Carina Werner, Jess Jochimsen und Sascha Bendiks (ich schätze alle… mindestens drei Jahre jünger, als sie eigentlich sind) war ich auf Schloß Kapfenburg und habe dort bei für SWR Kultur die
 „Nacht der Poet:Innen“ mit lustigen Texten bestritten.
Teil eins könnt Ihr Euch hier 
anhören.
Teil zwei auch, aber 
hier.

Das „Ende der Welt“ gibt es auf Bayern 2 und in der ARD-Audiothek zu hören.
Dort denke ich darüber nach, wie man den US-Vizepräsidenten gut einsetzen könnte.
Oder warum es den Wiener 
Opernball wirklich gibt.

groebner gefolgt:
Videos und Fotos und Zeug gibt’s auf 
YouTube, auf Instagram oder auf Facebook zu sehen.

groebner gelesen:
Dem Falter hab ich übrigens ein 
großes Interview gegeben. Und das kann man immer noch Nachlesen.
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Über diesen Newsletter:

Der „Neue Glossenhauer“ ist ein Projekt der freiwilligen Selbstausbeutung.
Wer es dennoch materiell unterstützen will, hier wäre die Bankverbindung für Österreich:
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Mittwoch, 15. April 2026

Blockade der Straße von Hormus – die Stopp-Uhr läuft

Küstennahe Zwangsrouten 2026
(AI, gemeinfrei)
An der Zapfsäule merkt es noch niemand, wobei die Preise schon erheblich höher sind als vorher. Doch 5.000 Kilometer entfernt entscheidet sich gerade, ob die Weltwirtschaft in den nächsten Wochen in eine Schockstarre fällt. Die Straße von Hormus – 33 Kilometer Wasser zwischen Iran und Oman an der engsten Stelle  – transportiert im Normalfall 20 Prozent des globalen Öls. Seit 13. April läuft die Uhr: Die US-Blockade iranischer Häfen ist aktiv. Der Tanker-Verkehr ist auf ein Zehntel eingebrochen.

Die Fakten: Von 130 auf 8 Schiffe pro Tag

Vor dem 28. Februar 2026 passierten täglich über 130 Handelsschiffe die Meerenge. Heute sind es 4 bis 8. Westlich von Hormus warten über 1.000 Schiffe, darunter 426 Öltanker, 34 LPG- und 19 LNG-Carrier. Pole Star Global zählte am 20. März 3.208 AIS-Signale im Stau vor dem Engpass. Die meisten Schiffe schalten ihr AIS heute sogar ab.  

Was noch fährt, fährt unter Risiko, so ein französischer Tanker. Drei Gründe würgen den Verkehr ab: Die US-Blockade mit mindestens 15 Kriegsschiffen, nicht auffindbare iranische Seeminen und flächendeckendes GPS-Jamming. 

Die Stoppuhr: Wie lange halten die Puffer?

Experten modellierten die Blockade mit 10.000 Tankern und 1.315 Häfen. Das Ergebnis: Die Zeit entscheidet alles.

Dauer Folge
0–14 Tage Nur Preisschock. Brent sprang auf >100 $/Barrel. Reserven puffern.
2–4 Wochen Raffinerien müssen auf andere Ölsorten umstellen. Dauert 7–14 Tage pro Anlage.
>4 Wochen Kaskadeneffekte. Tanker verpassen "Slots" (= feste Anlegezeiten für Betanken), Häfen verstopfen. Lieferketten reißen.
56 Tage Simulierte "Kernschmelze": Verzögerungen verstärken sich massiv.


Das Mengen-Dilemma

Durch Hormus fließen normal 20 Mio. barrel/day. Alle Pipelines, die die Meerenge umgehen, schaffen zusammen maximal 10 Mio. b/d. Saudi-Arabiens East-West Pipeline läuft bereits auf Anschlag: 5,9 Mio. b/d Export aus Yanbu am 9. März, Kapazität 7 Mio. b/d. Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE)-Pipeline Habshan–Fujairah schafft 1,8 Mio. b/d. Fehlmenge: mindestens 10 Mio. Barrel täglich.

Freie Förderung? Kaum vorhanden. OPEC+ hat effektiv nur 3,2–3,7 Mio. b/d Reservekapazität. Davon 2,0–2,3 Mio. in Saudi-Arabien, 0,8–1,0 Mio. in den VAE. Der Rest liegt am Golf – und müsste selbst durch Hormus. 

Wer zahlt die Rechnung?

Asien zuerst. China importiert jährlich für 97 Mrd. $ aus Golfstaaten, Indien für 74 Mrd. $, Japan für 63 Mrd. $ – größtenteils Öl, LNG und Ölprodukte. Peking hat 160 Mio. Barrel auf See gebunkert. Das reicht bei 1,8 Mio. b/d Import für etwa 90 Tage. Danach muss China auf Russland umstellen oder die Industrie drosseln.

Die Märkte wetten bereits auf Eskalation. Brent eröffnete nach Kriegsbeginn bei 85–90 $, nach einem Schluss von 73 $. Die IEA gab 400 Mio. Barrel aus strategischen Reserven frei: 6,7 Mio. b/d für 60 Tage. Das deckt nur ein Drittel des Hormus-Ausfalls.

Das Endspiel: Preis statt Menge

Ein Importland wie Deutschland kann Verträge binnen Tagen auf Norwegen oder die USA umstellen. Die physischen Barrel brauchen aber 30–60 Tage über den Atlantik. Umswitchen rettet nicht vor der Uhr. Nach vier Wochen Blockade hilft nur noch Verbrauch senken.

Die Straße von Hormus zeigt 2026 das brutale Gesetz der Geographie: Wer das 33-Kilometer-Nadelöhr beherrscht hält die Weltwirtschaft in Geiselhaft. Jeder Tag Blockade kostet Milliarden. Die Stoppuhr läuft – und niemand weiß, wann der "GAU" kommt. Die USA verlegen aktuell noch 6000 weitere Soldaten und Flugzeugträger in die Krisengegend. 



Siehe auch: 

Brandbeschleuniger: Warum eine US‑Blockade der Straße von Hormus globale Konflikte auslösen würde

Montag, 13. April 2026

Oper Frankfurt: Deep Dive mit Thomas Guggeis zu »Turandot«

 


Donnerstag, 9. April 2026

HIGHLIGHTS IM SPIELPLAN DER OPER FRANKFURT IM MAI 2026

Sonntag, 10. Mai 2026, um 18 Uhr im Opernhaus

Claudia Mahnke (Mezzosopran / Mutter;
Bildnachweis: Barbara Aumüller)



Premiere / Frankfurter Erstaufführung

BLUTHOCHZEIT
Lyrische Tragödie in zwei Akten von Wolfgang Fortner
In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Musikalische Leitung: Duncan Ward; Inszenierung: Àlex Ollé
Mitwirkende: Claudia Mahnke (Mutter), Magdalena Hinterdobler (Braut), Christian Clauß (Bräutigam), Daniela Ziegler (Tod / Bettlerin), Mikołaj Trąbka (Leonardo), Zanda Švēde (Leonardos Frau), Annette Schönmüller (Schwiegermutter), Karolina Makuła (Magd), Barbara Zechmeister (Nachbarin), Karolina Bengtsson (Kleines Mädchen), Dietrich Volle (Vater der Braut), AJ Glueckert (Mond), Alina Avagyan (Kind) u.a.

Weitere Vorstellungen: 13., 15., 24. (18 Uhr), 31. Mai, 6., 15. Juni 2026 Falls nicht anders angegeben, beginnen diese Vorstellungen um 19 Uhr. Preise: € 16 bis 190 (12,5% Vorverkaufsgebühr nur im externen Vorverkauf)

Eine erschütternde dramatische Intensität und kompromisslose Modernität prägen die Oper Bluthochzeit von Wolfgang Fortner (1907–1987). Als der Komponist 1957 sein erstes Bühnenwerk fertigstellte, galt er bereits als eine der führenden Persönlichkeiten des europäischen Musiklebens. Der Text stammt vom spanischen Dichter Federico García Lorca. Bis zu Fortners Tod wurde Bluthochzeit 22 Mal neu inszeniert und zählte zu den erfolgreichsten deutschen Opern der Nachkriegszeit. Fortner selbst galt auch als einflussreicher Lehrer, der eine ganze Generation von Musikern prägte, darunter Hans Werner Henze. Seine Biografie weist jedoch auch Schattenseiten auf, insbesondere seine NSDAP-Mitgliedschaft und die Arbeit an Propagandawerken während der NS-Zeit. 

Zum Inhalt: Seit Generationen bekriegen sich zwei Familien in einem spanischen Dorf. Eine Hochzeit steht bevor. Die Mutter des Bräutigams hat ihren Mann und ihren ältesten Sohn durch den verbitterten Kampf zwischen den Clans verloren und bangt nun um das Leben ihres jüngsten Sohnes. Sie fürchtet, dass durch seine Ehe der Krieg der beiden Familien wieder aufflammt. Denn die Braut liebt immer noch ihren früheren Verlobten Leonardo, der zum feindlichen Clan gehört. Er entführt sie direkt nach der Hochzeit. Sie fliehen in den Wald, doch ihre Verfolger holen sie ein. Die Blutrache wird zweifach vollzogen: Der Bräutigam und Leonardo sterben im Duell.

Inszeniert wird die Frankfurter Erstaufführung von Àlex Ollé. Er hat an der Oper Frankfurt bereits den Doppelabend mit Debussys La Damoiselle élue und Honeggers Jeanne d’Arc au bûcher, sowie Giacomo Puccinis Manon Lescaut inszeniert. Musikalisch geleitet wird die Premierenserie von Duncan Ward. Dieser gilt als einer der vielseitigsten Dirigenten seiner Generation. Regelmäßig arbeitet er mit Klangkörpern wie dem London Symphony Orchestra, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks oder dem Gürzenich-Orchester Köln zusammen. Des Weiteren ist er Chefdirigent der Südniederländischen Philharmonie (Philzuid). Mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester gestaltete Ward in der vergangenen Spielzeit ein Museumskonzert. Die Mutter ist mit Claudia Mahnke besetzt. Neben ihren Partien in Boris Godunow und Richard Wagners Tristan und Isolde an der Oper Frankfurt, gastiert Mahnke in dieser Spielzeit unter anderem an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Magdalena Hinterdobler (Braut) sang in dieser Spielzeit Tosca an der Finnischen Nationaloper in Helsinki und gab ihr Rollendebüt als Senta in Wagners Der fliegende Holländer am Landestheater Salzburg. An der Oper Frankfurt verkörperte sie in dieser Spielzeit bereits die Rolle der Ellen Orford in Peter Grimes. Der Schauspieler Christian Clauß ist als Bräutigam, die Schauspielerin Daniela Ziegler als Tod / Bettlerin zu erleben. Beide sind durch Auftritte auf diversen Bühnen sowie als TV-Darsteller bekannt. In weiteren Rollen sind überwiegend Mitglieder des Ensembles besetzt. 


Dienstag, 5. Mai 2026, um 19.30 Uhr im Opernhaus 

Simon Bailey (Bassbariton;
Bildnachweis: Edmond Choo)



Liederabend

SIMON BAILEY, Bassbariton

ANNE LARLEE, Klavier



Lieder von Ralph Vaughan Williams, Franz Schubert, Jacques Ibert, Henri Duparc u.a. 

Preise: € 16 bis 109 (12,5% Vorverkaufsgebühr nur im externen Vorverkauf) 

Über viele Jahre zählte Simon Bailey als Ensemblemitglied zu den Frankfurter Publikumslieblingen. In dieser Spielzeit sprang er bei der zweiten Vorstellung in Rudi Stephans Oper Die ersten Menschen ein. Sein hiesiges Repertoire umfasst Partien wie Peter (Hänsel und Gretel), Mr. Redburn (Billy Budd), Gunther (Götterdämmerung), Klingsor (Parsifal), Gelone (L’Orontea), Don Magnifico (La Cenerentola), Orest (Elektra), Křeneks Adam Ochsenschwanz (Schwergewicht) und die Titelpartie von Herzog Blaubarts Burg. Gastengagements brachten den britischen Bassbariton etwa als Achilla (Giulio Cesare in Egitto), Don Bartolo (Il barbiere di Siviglia), Mozarts Figaro, Leporello (Don Giovanni), Kutusow (Krieg und Frieden), Méphistophélès (La damnation de Faust), die vier Bösewichter (Les contes d’Hoffmann), Jochanaan (Salome), Balstrode (Peter Grimes) und Der Totenrichter (Die Verurteilung des Lukullus) u.a. an die Opernhäuser in Wiesbaden, Stuttgart, Basel, Straßburg, Brüssel, London und Mailand. Seit seinem Debüt bei den Tiroler Festspielen Erl zählt auch Wotan / Wanderer (Der Ring des Nibelungen) zu den Paraderollen des Gewinners des Wales Theatre Award 2018. Wotan sang er zuletzt in Dortmund (Das Rheingold), Luzern und Dresden (Die Walküre), den Wanderer (Siegfried) in Wiesbaden, Dortmund, Dresden und Versailles.


Karten für die genannten Veranstaltungen sind bei unseren bekannten Vorverkaufsstellen, online unter www.oper-frankfurt.de oder im telefonischen Vorverkauf 069 - 212 49 49 4 erhältlich.

Mittwoch, 8. April 2026

Severin Groebners Neuer Glossenhauer #101 - Regime Chchchchchanges

 

Gelb scheint die Sonne der Ververververänderung © Foto: Dominic Reichenbach / Artwork: Claus Piffl


Regime Chchchchchanges

Alle reden von Regime Change.
So ooft, dass ich schon diesen alten Bowie-Song im Ohr hab: Chchchchchanges!

Und es wär ja auch wirklich schön - vor allem für die Iranerinnen und Iraner - wenn sich diese religiöse Diktatur nicht einfach jetzt in eine Militär-Diktatur changen würde. Sondern echt changen. So von Diktatur in Demokratie.
Aber, ob das geht, in dem man das Land einfach bombardiert… ? Eher nein.

Allein aus praktischen Gründen.
Wie soll man auf die Straße gehen, wenn man dort Gefahr läuft nicht nur von den Killern des Regimes, sondern auch noch von den Raketen der Angreifer erledigt zu werden?

Irgendwer hat da nicht sehr weit gedacht.
Könnte sein, dass es Donald Trump ist, der Präsident der Beleidigten Staaten von Amerika. Denken ist aber auch nicht seine Stärke. Dafür reden. Ständig redet er. Deshalb  sagt er auch ständig nicht, wie genau er das Regime chchchchchchchangen will.

Also das im Iran. Nicht das in Israel.
Obwohl die letzten Jahre und Monate immer wieder zehn- bis hunderttausende Israelis auf die Straße gegangen sind, die gefordert haben, dass sich auch das Regime von Bbibibibibibibibi Netanjahu sich changen soll.
Vielleicht sogar vertschtschtschtschtschüssen.

Aber auch anderswo fordert man Regime Change. Im Land von Donald Trump selbst, also in den Beseitigten Staaten von Amerika. Dort gehen die Leute auf die Straße und fordern: „No Kings!“.

Eine gute Formulierung.
Allerdings nicht gut genug. Bleiben dann doch immer noch andere Formen der Alleinherrschaft wie Diktator, Imperator, Kaiser, Zar oder einfach Mafiabosse übrig*, von denen man sich beherrschen lassen könnte.
Da muss man noch konkreter werden, in den Verteidigten Staaten von Amerika.

Apropos Mafiaboss: Was macht eigentlich Wladimir Putin? (Zu deutsch: Waldemar Steck-Rein) Natürlich nichts.
Und die Russen machen auch nichts. Weil erstens in Russland alles okay ist, und zweitens weil es verboten ist dort irgendwas zu machen. Die letzten, die dort was gemacht haben, waren Pussy Riot, seither ist es Russy Quiet.

Und weil in Russland selbst alles so okay ist, so prima, so dufte, haben jetzt führende Oligarchen bei einer Sitzung angeboten… was heißt angeboten, eigentlich haben sie darum gebeten… also sie haben den Staat angebettelt… nein… auf Knien angefleht haben sie den Wladimir, dem man ja namentlich irgendwo irgendwas rein stecken soll, dass sie doch bitte bitte bitte, dem russischen Staat Geld schenken dürfen.
Und dass bei steigendem Ölpreis.

Es ist einfach alles großartig in Russland.
Und deshalb fragt man sich schon langsam, wer sein Nachfolger werden könnte, weil der Waldemar Output… nein… Putin halt auch nicht mehr der Jüngste ist.
Angeblich soll schon ein Machtkampf im Gange sein.
Wir werden davon erfahren, wenn demnächst wieder ein paar einflussreiche Russen auf einen Balkon vor ihrem Fenstern treten… wo aber keiner ist.
Und der, der übrig bleibt, wird dann der neue Chef des Staats der Tschtschtschtschtschekisten.

Wie Putins Autokraten-Kumpel Erdoğan diese Probleme löst, hat man ja auch schon vor über einem Jahr gesehen. Ganz demokratisch. Denn gegen Erdoğan dürfen alle antreten, die…. garantiert keine Chance haben.

Alle, die eine Chance haben aber, landen im Knast. Damit es aber nicht so eine Überraschung ist, wenn der Kandidat nicht mehr da ist, am besten schon ein bis zwei Jahre vor der Wahl. Dann kann sich der Wähler und die Wählerin schon an die mangelnde Auswahl gewöhnen.

Das hingegen hat die alte (16 Jahre an der Macht!) Budapestbeule Viktor Orban übersehen. Dieser Helmut-Kohl-artige Paprika-Potentat ist jetzt plötzlich konfrontiert mit einem Kandidaten, der konstant in den Umfragen weit vor der Regierungspartei von Viktor Orban liegt.

Deshalb ist der Pupupupupupuszta-Papst auch ein bisschen sauer. Das mögen nämlich diese Menschen, die den Volkswillen zu kennen glauben, gar nicht, wenn dieser Volkswille sich bei Wahlen so äußert, dass er ihnen sagt:
„Schleich di, Dicker! Wir haben dei schiache Fratzn lang gnua g’sehen. Mach an Schuach!**“

Noch weniger mögen sie es, wenn dazu noch rauskommt, dass er und sein Regime noch enger mit Russland in Kontakt steht, als man sich das ohnehin schon gedacht hat.
Also nicht nur, dass man es sich in der Peristaltik des Kreml-Chefs gemütlich gemacht hat (Put-in ist also wirklich wörtlich zu verstehen - und: Ja, dreimal reicht für dieses Wortspiel), sondern auch, weil der Außenminister nach den EU-Außenminister-Sitzungen sich sofort mit dem russischen Außenminister kurzgeschlossen hat.
Ist aber auch logisch, muss man sagen, weil Russland liegt ja außerhalb der EU.

Der Geheimdienst dagegen ist nicht mehr so geheim.
Der ungarische. Nicht der deutsche. Oder gar der österreichische …. Hahaha. Nein, dazu ein andermal.

Aber der ungarische Geheimdienst, der ist sehr bekannt.
Der sollte sich nämlich - so kam es gerade raus - in die oppositionelle Partei einschließen lassen und diese von innen zersetzen oder Datensätze abgreifen - oder beides. Das ist gerade rausgekommen - zwei Wochen vor der Wahl.

Man wird sehen, was die ungarischen Wähler davon halten.
Denn das ist eben der Zauber der Demokratie, dass da der Regime Change immer eine Möglichkeit ist.
Und zwar ganz simpel. Einfach nur chchchchchchchchangen, in dem sich Menschen an einem ganz bestimmten Tag zusammen finden, jeder für sich überlegt, dann einen gefalteten Zettel in ein Kuvert steckt und dieses Kuvert in eine Urne fallen lässt.
Und im besten Fall vorher auf diesem gefalteten Zettel etwas ankreuzt.
Es ist friedlich, es ist zivilisiert, es läuft nach Regeln ab, an die sich alle halten. Das ist Regime Change, wie er sein soll.

So geht das.  Dann muss man auch keine Gewalt anwenden. Da braucht man keine Bomben, keine Panzer, Drohnen oder sonst was. Da muss niemand aus dem Fenster fallen oder ins Gefängnis geworfen werden.

Da muss man nicht einmal Leute ans Kreuz schlagen, wie das eine Besatzungsmacht vor 2000 Jahren gemacht hat, mit einem Typen, einem Sozialrevolutionär, der da im antiken Judäa, Samaria und Galiläa einen Regime-Change haben wollte.

In diesem Sinne: Hoch die Demokratie und schschschschschöne Ostern!

*Kann man alle in meinem Soloprogramm „Ich bin das Volk“ bewundern.
Siehe auch unten: „groebner live“

**
Für alle Nicht-Wiener:
„Mach an Schuach“ ist nicht die Aufforderung sich beruflich im Schuhhandwerk zu versuchen (Sehr seltsames Wort übrigens „Schuh-Hand-Werk“ muss es nicht eigentlich Schuh-Fuss-Werk heißen? Oder Hand-Schuh-Werk?), sondern es ist die freundliche Bitte um Auto-Dislocation.
Vergleiche: „Lass a Gerschtl umme wachsn“ ist auch nicht die Aufforderung kreisförmig Gerste anzubauen, sondern Geld zu übergeben.
Siehe auch unten: „Wer diesen Newsletter unterstützen will…“

——-


groebner live:

Freitag 10.4. Erlangen, 
Fifty-Fifty
Samstag 11.4. Nabburg, 
Schmidt-Haus
Samstag 18.4. Hartheim/Rhein, 
Salmen in Hartheim

Freitag 8.5. München, 
Schlachthof
Donnerstag 14.5. Wien, 
Kabarett Niedermair
Dienstag 19. und Mittwoch 20.5. Graz, 
Theatercafé
Donnerstag 21. - Samstag 23.5. Regensburg, 
Statt-Theater
Freitag 29.5. Frankfurt, 
die KÄS

Und, und, und…alle Termine gibt es 
hier.
Und was die Presse über das Programm „Ich bin das Volk!“ schreibt, kann man 
hier lesen oder hier.

Und meinen Vierteljahresrückblick 
„Quartalsweise“ in der Frankfurter Buchhandlung „Buch&Wein“ gibt es auch wieder
Am Donnerstag 12.3.!

groebner gesehen:
In der wunderbaren Sendung „Schlachthof“ im Bayerischen Fernsehen war ich zu Gast.
Und durfte dort
 eine Kostprobe meines Regierungsprogramms „Ich bin das Volk!“ geben.

In der Abendschau im BR gab es sogar einen eigenen Premierenbericht.
Den kann man sich 
hier anschauen.

Der freundliche Sender 3Sat hat übrigens mein voriges Programm „
ÜberHaltung“ ausgestrahlt.
Für alle, die es noch nicht gesehen haben, die haben jetzt in der Mediathek (Achtung Wortwitz) 
das Nachsehen.

groebner gehört:
Ganz frisch heraussen: Meine neue Single: „
Das Lied der neuen Zeit“ powered by monkey records

Kennt Ihr schon mein Satire-Pop-Album 
„Nicht mein Problem“? Es ist sehr gut.

In der wunderbaren Sendung „
Satire Deluxe“ war ich zu Gast und habe - live ! - ein Liedchen zum Besten gegeben.
Hört mich schwitzen.

Zusammen mit den sehr geschätzten Kolleginnen und Kollegen Fine Degen, Ella Carina Werner, Jess Jochimsen und Sascha Bendiks (ich schätze alle… mindestens drei Jahre jünger, als sie eigentlich sind) war ich auf Schloß Kapfenburg und habe dort bei für SWR Kultur die
 „Nacht der Poet:Innen“ mit lustigen Texten bestritten.
Teil eins könnt Ihr Euch hier 
anhören.
Teil zwei auch, aber 
hier.

Das „Ende der Welt“ gibt es auf Bayern 2 und in der ARD-Audiothek zu hören.
Dort denke ich darüber nach, was der Unterschied zwischen 
Krapfen und Berliner ist. Oder isst.
Und warum es den Wiener 
Opernball wirklich gibt, erfährt man auch. Und zwar hier.

groebner gefolgt:
Videos und Fotos und Zeug gibt’s auf 
YouTube, auf Instagram oder auf Facebook zu sehen.

groebner gelesen:
Dem Falter hab ich übrigens ein 
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Freitag, 3. April 2026

Gibt es ein historisches Ostertrauma? - Teil 3

Auschwitz, AI, gemeinfrei


Das Thema des Ostertraumas berührt eine lange, düstere Traditionslinie europäischer Geschichte: die wiederkehrende Verbindung von religiöser Aufladung, sozialer Spannung und Gewalt gegen Minderheiten – besonders gegen jüdische Gemeinden – rund um das Osterfest. Eine Recherche im Internet ergibt eine ganze Menge.

I. Spätantike: Römerzeit und frühes Christentum

Bereits in der Spätphase des Römischen Reiches entstehen Spannungen, die später eskalieren. Nach der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr. (Zerstörung Jerusalems 70 n. Chr.) verschiebt sich das Verhältnis zwischen Juden und sich entwickelndem Christentum grundlegend. Christen definieren sich zunehmend in Abgrenzung zum Judentum. Theologisch entsteht der Vorwurf des „Gottesmordes“ (Deizid) – also der Verantwortung für den Tod Jesu.

Wichtig: Ostern wird zum zentralen christlichen Fest – und damit auch der Passionsbericht, der Schuldzuweisungen enthält. Diese religiöse Erzählung wird über Jahrhunderte emotional aufgeladen. Einflussreiche Stimmen wie Johannes Chrysostomos predigen offen gegen Juden – oft in direkter Verbindung zu christlichen Festzeiten. Es sind noch keine Pogrome im späteren Sinne, aber eine ideologische Grundlage.

II. Frühmittelalter: Vereinzelte Gewalt, wachsende Stereotype

Zwischen dem 6. und 10. Jahrhundert ist die Lage regional sehr unterschiedlich: In vielen Gebieten leben jüdische Gemeinden relativ geschützt unter Herrschern. Dennoch entstehen Mythen, wie Ritualmordlegenden (oft mit Bezug zu Passion/Ostern), Hostienfrevelvorwürfe. Diese Narrative verknüpfen Ostern mit dem Leiden Christi und der angeblichen jüdischen Schuld.

Noch sind Pogrome selten – aber das ideologische Arsenal wächst.

III. Hochmittelalter: Die große Eskalation (11.–14. Jahrhundert)

Hier verdichtet sich alles – und Ostern wird zu einem wiederkehrenden Auslöser von Gewalt.

1. Die Rheinischen Massaker (1096)

Im Kontext des Ersten Kreuzzugs kommt es zu systematischen Massakern in den Städten Speyer, Worms, Mainz, klassische Siedlungsgebiete der Juden. Die Täter sind Kreuzfahrer und lokale Bevölkerungen. Dies alles geschieht oft um Ostern herum.

Das genannte Beispiel: In Mainz wird die gesamte jüdische Gemeinde ausgelöscht, wohl nach dem Motiv „Warum in die Ferne ziehen, wenn die Feinde Christi vor Ort sind?“

2. Wiederkehrende Osterpogrome

Im 12.–13. Jahrhundert häufen sich Gewalttaten genau zu dieser Zeit. Typische Mechanismen sind Predigten während der Karwoche, öffentliche Passionsspiele und kollektive emotionale Erregung.  Danach kommt es zu Angriffen auf jüdische Viertel.

3. Ritualmordlegenden

Ein Schlüsselereignis ist der Fall William von Norwich. Hier wird erstmals systematisch behauptet, dass Juden christliche Kinder zu Ostern töten würden. Diese Legende verbreitet sich europaweit und wird immer wieder als Vorwand genutzt.

4. Pestpogrome (1348–1351)

Während der Schwarze Tod sich ausbreitet, eskaliert die Gewalt massiv: Juden werden beschuldigt, Brunnen vergiftet zu haben. Bei Pogromen in hunderten Städten an Ostern spielen hier indirekt eine Rolle die religiösen Deutungen der Katastrophe und die Verstärkung vorhandener Feindbilder.

Im Elsass und am Oberrhein, in Straßburg, Colmar, Basel werden gehäufte Übergriffe während und nach Passionsspielen dokumentiert, besonders in Krisenzeiten (Pest, Hungersnöte).

Das Straßburger Pogrom von 1349 ist ein Massenmord an der jüdischen Bevölkerung von Straßburg während der Zeit der Pestpandemie. Es gilt als eines der frühesten und brutalsten Beispiele der antijüdischen Gewalt im Zusammenhang mit den Pestverfolgungen im Heiligen Römischen Reich.

Am 14. Februar 1349 sind in Straßburg (damals Reichsstadt im Heiligen Römischen Reich) etwa 900 bis 2.000 jüdische Einwohner aufgrund von Gerüchten über Brunnenvergiftung vernichtet worden. Ihr Eigentum wird beschlagnahmt. In Straßburg schürten politische Spannungen zwischen dem Stadtrat, der Bürgerschaft und dem Bischof die Gewalt zusätzlich. Die jüdischen Einwohner von Straßburg werden auf den „Judenbühl“ außerhalb der Stadt getrieben, die meisten von ihnen auf einem Scheiterhaufen verbrannt, andere zwangsgetauft. Nur wenige überleben durch Flucht oder Konversion. Die Tat war von der Stadtführung gebilligt und organisiert. Das Pogrom markiert den Untergang einer der ältesten und wohlhabendsten jüdischen Gemeinden Mitteleuropas. Straßburg blieb jahrzehntelang „judenfrei“. Ähnliche Gewaltwellen erfassten in den folgenden Monaten viele andere Städte des Reichs. In der Forschung gilt das Ereignis als Ausdruck tief verwurzelter antisemitischer Strukturen und als frühes Beispiel staatlich unterstützter Verfolgung.

Heute erinnert in Straßburg eine Gedenktafel auf dem Place de la République an das Pogrom. Historiker sehen es als Mahnung vor religiös motivierter Gewalt und kollektiver Schuldzuschreibung in Krisenzeiten.

IV. Spätmittelalter (14./15. Jahrhundert)

Passionsspiele werden öffentlich, mehrtägig von großen Teilen der Bevölkerung besucht. Juden werden als grausam, verschwörerisch, kollektiv schuldig betrachtet. Ihnen wird eine konkrete Verbindung zu Gewalt unterstellt.

Nürnberg ist ein bedeutendes Zentrum spätmittelalterlicher Spiele. Es gibt detaillierte Passionsinszenierungen und eine stark antijüdische Bildsprache, aber keine klar datierten Sofortpogrome, eher langfristige Radikalisierung des Stadtklimas.  

In Augsburg mehrere dokumentierte Spannungen und Übergriffe im Zusammenhang mit ausgeprägten Passionsspielen, gab es gemäß stark ausgearbeiteten Judendarstellungen, Stadtrechnungen und Chroniken gleichzeitige antijüdische Maßnahmen.

In Regensburg fanden wiederholte Vertreibungen und Gewalt (insb. 1470er Jahre) nach Passionsspielen statt. Sie standen in Zusammenhang mit Passionsfrömmigkeit und Ritualmordlegenden. Es fanden kollektive Übergriffe auf die jüdische Gemeinde statt.

Die Gewalt wird weniger flächendeckend, aber bleibt strukturell präsent. Typische Erscheinungen sind Karfreitagsrituale mit antijüdischer Symbolik. Deutlich die zwangsweise Teilnahme von Juden an christlichen Ritualen, Passionsspielen und periodische Ausschreitungen gegen sie. Ein besonders drastisches Beispiel zeigt der Trienter Ritualmordprozess von 1475, ein berüchtigter mittelalterlicher Schauprozess gegen die jüdische Gemeinde in Trient (heute Trento, Italien). Er begann nach dem Tod des zweijährigen Simon von Trient und führte zu massiven Verfolgungen, Hinrichtungen und zur Auslöschung der jüdischen Bevölkerung der Stadt. Am Osterfest 1475 wurde der Knabe Simon tot aufgefunden. Lokale Autoritäten, unterstützt vom Fürstbischof Johannes Hinderbach, beschuldigten die jüdische Gemeinde des „ritualisierten Mordes“ zu Passahzwecken – ein typisches Motiv antisemitischer Propaganda jener Zeit. Trotz fehlender Beweise wurden zahlreiche Juden gefoltert und hingerichtet. Passah/Pessach kennt zwar die rituelle Schlachtung eines fehlerlosen Lammes, die zentraler Bestandteil der ursprünglichen Pessachordnung in Exodus 12 ist. Es handelt sich jedoch nicht um einen menschlichen Ritualtod, sondern um ein Tieropfer! Es hat rein gar nichts mit Ritualmord oder dem christlichen Ostern zu tun. Der Ritualmord-Mythos wurde dadurch dennoch in Europa erneut befeuert und weiterverbreitet.

Institutionalisierter Antijudaismus

Typische Formen waren Ghettobildung, Berufsverbote, Sondersteuern. Die Gewalt ist nun oft weniger spontan, sondern stärker strukturell organisiert, aber zu Ostern bleibt das Eskalationsrisiko erhöht.

V. Frühe Neuzeit bis 19. Jahrhundert

Mit Aufklärung und staatlicher Zentralisierung verändert sich die Lage – aber der Antijudaismus verschwindet nicht. Es gibt zwar einen Rückgang, aber kein Ende. In Westeuropa nimmt offene Gewalt ab, in Osteuropa bleibt sie massiv. 

Ein herausragendes Beispiel ist der Chmelnyzkyj-Aufstand von 1648 bis 1657 eigentlich gegen den Adel gerichtet, den polnischen Staat. Er folgt nicht mehr der Passionsspiellogik. Weder spontan, noch an Ostern gebunden, noch durch Passionsdarstellungen emotionalisiert, werden Zehntausende Juden ermordet, allerdings auch aus religiösen Motiven. Anführer ist Bohdan Chmelnyzkyj und wirkt in der heutigen Ukraine, Polen, Belarus. Der Aufstand der Kosaken und großer Teile der bäuerlichen Bevölkerung gegen die Ordnung der polnisch-litauischen Adelsrepublik und Katholiken bzw. Katholisch-Orthodoxe wird begleitet von massiver Gewalt gegen Juden: Es finden Massaker in zahlreichen Städten (z. B. Nemyriv, Tulczyn, Polonne) und Zerstörung ganzer Gemeinden statt. Die Opferzahlen sind historisch umstritten (mehrere Zehntausend wahrscheinlich).

In der jüdischen Erinnerung zählt der Aufstand als eines der größten traumatischen Ereignisse vor dem 20. Jahrhundert (apokalyptische Ausmaße). Juden werden nicht primär aus theologischen, religiösen Gründen angegriffen, sondern als Verwalter von Gütern, Steuereintreiber, Zwischeninstanz zwischen Adel und bäuerlicher Bevölkerung. Sie werden als Teil des Unterdrückungssystems wahrgenommen.
 

Die Zeit von 1900 bis 2026 markiert keinen Bruch, sondern eine Transformation: Die direkte religiöse Aufladung von Ostern als Auslöser von Gewalt nimmt in Westeuropa stark ab, verschwindet aber nicht vollständig. Gleichzeitig verschieben sich Motive – von religiösem Antijudaismus hin zu modernem Antisemitismus, Nationalismus und politischer Instrumentalisierung.


VI.  Frühes 20. Jahrhundert (1900–1933): Übergang und Persistenz

Osteuropa als Brennpunkt

Im Russischen Reich und angrenzenden Regionen kommt es weiterhin zu Pogromen, so in Kischinew. Weitere Ausschreitungen 1905 im Zuge revolutionärer Unruhen

Mitteleuropa

In Deutschland, Frankreich, Österreich findet man weniger Pogrome, aber starke antisemitische Mobilisierung (Presse, Parteien). Ostern spielt hier eher symbolisch-kulturell, nicht mehr direkt gewaltauslösend eine Rolle.

VII. Nationalsozialismus (1933–1945): Ideologische Radikalisierung ohne Osterbindung

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei verändert sich die Struktur grundlegend:

1. Der Bruch

  • Antisemitismus wird staatlich organisiert
  • Gewalt ist nicht mehr spontan, sondern systematisch

Zentrales Ereignis sind die Novemberpogrome 1938. Entscheidender Unterschied ist, dass es keine Bindung an Ostern mehr gibt, stattdessen politische Inszenierung.

2. Rolle der Kirchen

Teile der christlichen Tradition wirken indirekt weiter, aber die NS-Ideologie ist zunehmend rassisch statt religiös.

3. Kulmination

Im Holocaust findet eine vollständige Entkopplung von religiösen Festzyklen statt im Übergang zu industrieller, bürokratischer, angeordneter Gewalt von Führer über SS-Größen bis zum Wachmann an der Gaskammer. Grauenhafte Mordlust und Vernichtungsfantasien mit ungeheurem Ausmaß. Ein teuflischer Plan, alle Juden zu vernichten auf Tausende von Kilometern. Das NS-Regime vernichtet  tatsächlich über 6 Millionen Juden. Eine so hohe Opferzahl durch systematische jahrelange Ermordung, dass es keine Überbietung weltweit gibt.

VIII. Nachkriegszeit (1945–ca. 1990)

1. Westeuropa

Pogrome im klassischen Sinne verschwinden weitgehend. Rechtsstaatlichkeit, Aufarbeitung des Holocaust und Säkularisierung lassen osterbezogene Gewalt praktisch nicht mehr zu.

2. Osteuropa (Sowjetunion und Satellitenstaaten)

Offener Antisemitismus wird offiziell unterdrückt, ist aber latent vorhanden und führt zu gelegentlichen Ausschreitungen. Religiöse Bezugspunkte sind stark reduziert durch staatlichen Atheismus.

Ein wichtiges Nachbeben

Das Pogrom von Kielce ist eines der erschütterndsten Beispiele für antisemitische Gewalt nach dem Holocaust – und zugleich ein Fall, in dem sich mittelalterliche Motive (Ritualmordlegende) bis in die Moderne fortsetzen. 

Am 4. Juli 1946 behauptet ein Junge, von Juden entführt worden zu sein. Das führt zur Wiederbelebung einer klassischen Erzählung: Ritualmordlegende (Blutbeschuldigung). Diese Legende war bereits seit dem Mittelalter eng mit der Passionszeit verbunden – hier tritt sie im 20. Jahrhundert erneut auf, völlig losgelöst vom Osterkalender, aber mit identischer Struktur.

Eine Menschenmenge versammelt sich vor einem jüdischen Gebäude, unter Beteiligung von Zivilisten, Polizei und Militär. Es kommt zur Eskalation durch Schüsse, Misshandlungen, Lynchmorde. Dadurch werden etwa 40 jüdische Menschen getötet, viele weitere verletzt. Das Pogrom ist besonders verstörend, weil nicht nur ein „Mob“ beteiligt war, sondern auch staatliche Kräfte, was die tiefe Verankerung antisemitischer Einstellungen zeigt.

Nach dem Holocaust haben nur wenige Juden überlebt, viele kehren dennoch in ihre Heimatorte zurück. Natürlich erwarten sie einige Konflikte: Eigentumsfragen, Ablehnung durch Bevölkerung, fortbestehender Antisemitismus. Es herrscht politische Instabilität im Nachkriegschaos, Machtkampf in Polen, schwache staatliche Kontrolle, und kein Mensch hat versucht, das Volk vom Antisemitismus abzubringen. Eine fehlende Entnazifizierung kommt hinzu.

Wie im Mittelalter funktionieren die Mechanismen 

  • Projektion von Angst
  • Legitimation von Gewalt
  • soziale Spannungsentladung

Das Pogrom löst eine Flucht tausender Juden aus Polen aus, die mit ihrer früheren Heimat endgültig brechen. Kielce wird zu einem historischen Marker: Selbst nach Auschwitz war jüdisches Leben in Europa nicht sicher.


IX. Neue Formen von Gewalt und Bedrohung (1990–2026)

Mit dem Ende des Kalten Krieges entsteht eine neue Gemengelage.


1. Europa: Verschiebung der Gewaltformen

Zwischen 1990 und 2026 kehrt der Antisemitismus in Europa nicht als Wiederholung der Geschichte zurück, sondern als ihre Verwandlung. Was einst in dichten, ritualisierten Gewaltschüben kulminierte – oft im Rhythmus religiöser Kalender, gebündelt um die Passionszeit –, tritt heute fragmentiert, vielgestaltig, scheinbar unzusammenhängend auf. Und doch trägt es Spuren jener langen Dauer: alte Erzählungen, neue Träger, veränderte Formen.

Die politische Zäsur von 1989/90, der Zusammenbruch der bipolaren Welt, öffnete Räume – für Demokratie, für Markt, für Mobilität. Aber auch für Rückgriffe. In Osteuropa kehrten nationale Narrative zurück, die zuvor unterdrückt oder nivelliert waren. In Westeuropa begann eine Phase der Selbstvergewisserung, die sich bald mit Migration, Globalisierung und ökonomischer Unsicherheit verschränkte. In beiden Fällen entstand ein Klima, in dem sich alte Feindbilder neu konfigurieren konnten.

Dabei ist der Antisemitismus der Gegenwart selten offen als solcher kenntlich. Er tarnt sich. Er tritt auf als Kritik an „Eliten“, als Misstrauen gegenüber „Finanzmächten“, als raunende Theorie über globale Netzwerke. Er verschiebt seine Begriffe, bleibt aber in seiner Struktur erstaunlich stabil. Der Jude – real oder imaginiert – fungiert weiterhin als Projektionsfläche für das, was als bedrohlich, unkontrollierbar, fremd empfunden wird.

Und doch ist etwas Entscheidendes anders geworden: die Form der Gewalt.

Wo im Mittelalter kollektive Erregung, verstärkt durch Passionsspiele und Predigten, zu plötzlichen Pogromen führte, sehen wir heute eine Zersplitterung. Gewalt erscheint als Tat Einzelner oder kleiner Gruppen, ideologisch aufgeladen, aber nicht mehr eingebettet in eine gemeinsame liturgische Dramaturgie. Der Anschlag auf die Synagoge in Halle im Jahr 2019 ist dafür ein paradigmatisches Beispiel: Ein Täter, radikalisiert in digitalen Räumen, bewaffnet mit einem Weltbild aus Verschwörung und Hass, zielt auf ein religiöses Zentrum. Kein Mob, kein öffentlicher Ritus – und doch eine Tat, die an ältere Muster anschließt, indem sie Juden als symbolischen Kern eines imaginierten Feindes markiert. Eine ziemlich vollständige Liste der antisemitischen Übergriffe ab 1950 durch Einzeltäter und Gruppierungen findet man bei Wikipedia. Es sind zu Beginn Friedhofsschändungen, später bis hin zu Mord und Totschlag. Viele Dutzende von Übergriffen, manchmal regelrechte Häufungen pro Jahr bis zur Gegenwart. In 2025 wurde bislang nur ein Fall eingetragen, das Jahr ist aber noch nicht fertig bearbeitet.

Parallel dazu existieren andere Stränge antisemitischer Gewalt, die sich nicht aus klassischem Nationalismus speisen, sondern aus religiösem Extremismus oder geopolitischen Konflikten. Die Anschläge in Frankreich im Jahr 2012 – Terroranschläge von Toulouse und Montauban – zeigen, dass der Antisemitismus längst mehrere ideologische Heimaten besitzt. Was sie verbindet, ist weniger eine gemeinsame Tradition als eine gemeinsame Funktion: die Reduktion komplexer Wirklichkeit auf ein personifiziertes Feindbild. Festgelegte und "eingeschliffene" Feindbilder, simplifiziert wie auch das Denken der Täter. Blind-wütiges Fehlverhalten von Gewalt- und Killertypen.

Nationalistische Bewegungen in Europa spielen dabei eine ambivalente Rolle. Sie sind selten die alleinigen Träger antisemitischer Gewalt, aber häufig deren Resonanzraum. In ihren Diskursen tauchen Versatzstücke auf, die tief in die europäische Ideengeschichte zurückreichen: die Vorstellung eines „bedrohten Volkes“, die Konstruktion einer inneren Zersetzung, die Suche nach einem identifizierbaren Schuldigen. Vorgänge, die nationalistische Vertreter nicht mehr verstehen, werden u.a. als jüdische Machenschaften im großen Stil abgetan und dort bekämpft, obwohl es in den seltensten Fällen einen kausalen Zusammenhang gibt. Der Antisemitismus wird hier sogar verdeckt gehalten, aber er bleibt anschlussfähig – als Unterton, als Andeutung, als codierte Rede.

Auffällig ist, dass diese neuen Formen der Gewalt und des Hasses keine religiöse Entrüstung mehr kennen, sondern die der Minderheitenhasser. Die alte Kopplung an Ostern, an Karfreitag, an die dramatische Inszenierung der Passion ist somit weitgehend verschwunden. Die religiöse Dramaturgie, die einst Emotionen synchronisierte und kollektive Eskalationen begünstigte, ist durch eine andere Infrastruktur ersetzt worden: durch Hetze in digitalen Netzwerken, durch permanente Verfügbarkeit von Bildern und Erzählungen, durch die Möglichkeit, sich jederzeit und überall zu radikalisieren. Dennoch bleiben Bezüge zum radikalen Antisemitismus der 30er und 40er-Jahre erhalten, in dem auffällige Daten wie Geburtstag des Führers oder der NS-Größen als Eckpfeiler für die Gesinnung oder Aktivitäten gesetzt werden.  

Wenn man so will, hat sich der Kommunikationsraum verschoben und erweitert – vom Marktplatz zur Timeline, von der Bühne zum Bildschirm, Kontakt zu viel mehr Gleichgesinnten als zuvor.

Es bleibt ein irritierender Befund: Die verkehrten Erzählungen sterben nicht. Sie verändern ihre Sprache, ihre Bilder, ihre Kontexte, aber sie behalten ihren Kern. Die Ritualmordlegende des Mittelalters lebt fort in modernen Verschwörungstheorien; die Vorstellung kollektiver Schuld transformiert sich in Narrative globaler Kontrolle; die alte religiöse Feindschaft wird ergänzt oder ersetzt durch politische und kulturelle Codes.

Das bedeutet nicht, dass Europa in eine Vergangenheit zurückfällt. Im Gegenteil: Die Unterschiede sind fundamental. Es gibt keine systematischen Pogrome mehr, keine gesellschaftlich legitimierten Massaker, keine staatlich organisierte Vernichtung wie im Holocaust. Rechtsstaatliche Strukturen, zivilgesellschaftliche Wachsamkeit und historische Aufarbeitung wirken als Barrieren.

Aber diese Barrieren sind nicht absolut. Sie verhindern nicht jede Tat, nicht jede Radikalisierung, nicht jede symbolische Gewalt. Sie verschieben die Form, nicht die Möglichkeit. Eine großflächige Zusammenrottung wird ebenso möglich wie Parallelübergriffe.

So steht Europa heute in einer eigentümlichen Spannung zwischen historischer Erkenntnis und gegenwärtiger Verletzlichkeit. Der Antisemitismus ist nicht mehr so, wie er war – aber er ist auch nicht verschwunden. Er ist beweglicher geworden, schwerer zu greifen, oft indirekt, manchmal codiert.

Und gerade darin liegt seine Persistenz: nicht als Wiederholung, sondern als Anpassung.

2. Islamistisch geprägter Antisemitismus in Europa

Seit den 2000er Jahren tritt in Europa eine islamistisch geprägte Form des Antisemitismus als zusätzliche ideologische Quelle hervor. Sie unterscheidet sich vom klassischen europäischen Antijudaismus dadurch, dass sie stärker politisch und global ausgerichtet ist: Juden werden häufig mit dem Staat Israel gleichgesetzt und als Teil eines umfassenden Konflikts wahrgenommen.

Ein prägnantes Beispiel sind die Terroranschläge von Toulouse und Montauban, bei denen gezielt eine jüdische Schule angegriffen wurde. Solche Taten entstehen weniger aus lokalen Spannungen, sondern aus transnationalen ideologischen Narrativen.

Der Bezug zu Ostern oder zur christlichen Passionszeit spielt hier kaum eine Rolle. Stattdessen folgen Eskalationen oft den Dynamiken des Nahostkonflikts – etwa bei militärischen Auseinandersetzungen oder politischen Krisen.

Charakteristisch ist eine religiös-politische Deutung des Konflikts, die Übertragung globaler Feindbilder in den europäischen Alltag und Radikalisierung eher individuell oder in kleinen Netzwerken.

Trotz anderer Herkunft bleibt die Struktur ähnlich: Komplexe Konflikte werden vereinfacht, Schuld kollektiv zugeschrieben und Gewalt ideologisch gerechtfertigt.


X. Gesamtentwicklung (1900–2026) 

Im 20. und 21. Jahrhundert verschwindet weitgehend, was die europäische Gewaltgeschichte über Jahrhunderte geprägt hatte: klassische Pogrome im Umfeld von Ostern, getragen von aufgeheizten Menschenmengen, oft ritualisiert und religiös aufgeladen. Der Kalender verliert seine unmittelbare Gewaltfunktion.

Was bleibt, ist nicht die Form, sondern die Erzählung – in veränderter Gestalt. Alte Motive wie Ritualmordlegenden, Verschwörungsmythen oder religiös codierte Feindbilder lösen sich von festen Anlässen und werden ideologisch mobilisierbar. Sie tauchen in neuen Kontexten wieder auf, fragmentiert, modernisiert, oft politisch überformt.

An die Stelle kollektiver Ausschreitungen treten andere Gewaltformen:

  • rechtsextremer Terror (z. B. Anschlag auf die Synagoge in Halle)

  • islamistisch motivierte Anschläge (z. B. Terroranschläge von Toulouse und Montauban)

  • digitale Radikalisierung, die Gewalt entkoppelt von Ort und Anlass

Der entscheidende Strukturwandel liegt darin:
Vor 1900 konnte Ostern selbst als Auslöser fungieren – als Moment, in dem religiöse Emotion in Gewalt umschlug.
Nach 1900 übernehmen Ideologien diese Rolle. Sie strukturieren Wahrnehmung, erzeugen Feindbilder und bestimmen den Zeitpunkt der Eskalation.

Ostern bleibt – wenn überhaupt – nur noch ein kultureller Resonanzraum, ein historischer Hintergrund. Die Gewalt hat sich vom Kalender gelöst und in die Sphäre der radikalen Weltdeutungen und deren Aktionen verlagert.


Teil 2

Teil 1