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Mittwoch, 23. Mai 2012

(6) Und wenn sie nicht ... Spieglein, Spieglein an der Wand

Spieglein, Spieglein an der Wand oder Es gibt Fragen, die sollte man besser nicht stellen!

Schneewittchen schaute sich verstohlen um. Rapunzel schien ganz in Gedanken zu sein. Vielleicht war sie auch einfach nur kaputt, in ihrem Salon war heute die Hölle los gewesen. Jetzt saß nur noch sie einsam unter der Trockenhaube. Es war heiß und die Lockenwickler piekten. Hoffentlich dauerte es nicht mehr lange.


Schneewittchen wühlte in ihrer Handtasche. Wo hatte sie denn nur ... ah ja, da war ja, was sie suchte. Noch ein prüfender Blick, ob Rapunzel auch nicht herschaute und dann erst mal einen ordentlichen Schluck aus dem Flachmann genommen. Oh Mann, das tat gut. Schnell noch einen guten Schuss in den Kaffee, den Rapunzel ihr hingestellt hatte. Zum Glück hatte noch keiner gemerkt, dass sie sich gern mal was Hochprozentiges genehmigte. Oder sah man ihr das etwa schon an? Skeptisch sah sie in den Spiegel. Na ja ... der Lack war ab, dass ließ sich nicht leugnen.


Aber war das ein Wunder? Schließlich war ihr Leben kein Zuckerschlecken gewesen. Und alles wegen dieser grässlichen Stiefmutter. Keine Ahnung, was ihr Vater an der gefressen hatte. Zugegeben, sie sah klasse aus. Bildschönes Gesicht, tolle Figur – und einen miesen Charakter! Dass Papa das nicht gemerkt hatte. Tja, so ist das eben, wenn Männern der Verstand in die Hose rutscht. Da sind sie alle gleich. Schneewittchen hatte jedenfalls die Hölle auf Erden, seit dieser giftige Drache ins Schloss gezogen war. Und als sich der pickelige Teenager auch noch zu einer schönen jungen Frau mauserte, da war es ganz aus.


Hätte sie doch nur diesen dämlichen Zauberspiegel zerdeppert. Dann wäre ihr einiges erspart geblieben! Obwohl ... schlimmer als unter der Fuchtel der Stiefmutter war alles andere auch nicht gewesen. Den Spiegel hatte Schneewittchen übrigens mitgenommen, als das Schloss des Vaters verkauft wurde. Aber vor ein paar Tagen hatte sie ihn in die Tonne gekloppt. Da antwortete dieses unverschämte Möbel, auf ihre Frage, wer denn die Schönste im Land sei, doch glatt: „Du nicht, du olle Gesichtsbaracke! Nicht mit dieser Säufernase!“ Das war sein Ende!


Ja, was erwarteten denn die Leute von einem? Da war sie knapp mit dem Leben davon gekommen, weil der Jäger Mitleid hatte und es nicht über sich brachte, ihr das Herz herauszuschneiden. Danach irrte sie tage- und nächtelang im Wald umher, um endlich bei den sieben Zwergen Unterschlupf zu finden. Wer jetzt glaubt, damit wäre alles gut geworden, der irrt aber gewaltig. Diese notgeilen kleinen Gnome konnten nicht die Finger von ihr lassen. Ständig wurde sie angetatscht und sexuell belästigt. Nicht genug, dass sie den ganzen Haushalt schmeißen musste ... Nein, sie durfte auch mit niemandem sprechen. Wenn überhaupt mal jemand an der Hütte vorbeikam. Lag ja echt am Arsch der Welt!


Rapunzel trat heran und nahm ihr die Haube ab. Sie begann schweigend, die Lockenwickler herauszunehmen. War wohl noch immer in Gedanken. Das schätzte Schneewittchen so an ihr. Endlich mal eine „Frisäusel“ die ihre Klappe halten konnte.


Ach ja, die Zwerge! Vielleicht hätte sie ja ausnahmsweise auf sie hören sollen. Mein Gott, wie blöd war sie gewesen. Dabei waren schon zwei Attentate der Stiefmutter nur knapp gescheitert. Für jeden normalen Menschen ein Grund, vorsichtig zu sein. Nur nicht für Schneewittchen! Man wird halt naiv, wenn man im Wald lebt! Dass sie die Alte aber auch nicht erkannt hatte. Da konnte man mal sehen, was so ein bisschen Make-up ausmachen kann.


Wie auch immer, dieser Apfel machte ihr heute noch zu schaffen. Drei Monate Koma und ein dauerhafter Leberschaden waren ein nettes Souvenir. Danke, Stiefmama! Aber schön war sie damals gewesen – bildschön! So schön, dass sich ein Prinz in sie verliebte, obwohl sie halbtot war. Wenn sie sich das heute so überlegte ... Ganz schön pervers, oder? Welcher normale Mann nimmt denn eine Frau im gläsernen Sarg mit nach Hause? Dass die dummen Wichtel stolperten und sie dadurch wieder zu sich kam, konnte er ja nicht ahnen.


Wie sich dann später herausstellte, wusste er mit einer lebendigen Frau tatsächlich nicht viel anzufangen. Aber den Eifersüchtigen mimen! Angeblich löste der Gedanke, dass sie etwas mit den Zwergen gehabt haben könnte, eine sexuelle Blockade bei ihm aus. Ja, ja ... Hauptsache, man(n) hat eine gute Ausrede! Das war so frustrierend, dass sie sich doch mit einem der Zwerge einließ. Mit einem wohlgemerkt, nicht mit allen! Frau wollte ja auch ein bisschen Spaß haben. Und zum Glück war nicht alles klein an dem Wichtel.


Mein lieber Schwan, das ging ganz schön ab in ihrem Schlafzimmer! Schneewittchen kicherte, verkniff es sich aber sogleich, als sie Rapunzels befremdeten Blick sah. Ob die Gute etwas ahnte? Na, wenn schon. Wer wollte ihr verübeln, dass sie auch Bedürfnisse hatte? Schließlich war sie eine Frau in den besten Jahren. Außerdem sollten hier mal alle vor der eigenen Tür kehren. Selbständig sein und Karriere machen, während die Zwillinge verlotterten und kriminell wurden. Pah!


Hoffentlich hörte die bald auf, an ihren Haaren rumzufummeln. Sie wollte endlich nach Hause und sich noch ein Gläschen genehmigen, bevor ihr Mann heimkam. Der war in der letzten Zeit so schlecht gelaunt, dass sie ihn nur mit mindestens 1,5 Promille ertragen konnte. Das hing wahrscheinlich mit der Klage ihrer Stiefmutter wegen vorsätzlicher Körperverletzung gegen ihn zusammen. Zudem war auch noch sein Anwalt Rumpelstilzchen nicht aufzufinden. Wenn dieser komische Winkeladvokat nicht mehr auftauchte, musste er sich ganz schnell einen neuen Anwalt suchen.


Was für eine Dreistigkeit von der Alten! Da versucht die drei Mal ihre Stieftochter umzubringen und kommt ungeschoren davon, weil ihr keiner was beweisen kann. Sie war sogar so clever, ihre Hälfte vom Apfel mit Stumpf und Stiel zu verspeisen, so dass man ihre DNS nicht nachweisen konnte. Erscheint zu allem Überfluss auch noch uneingeladen auf der Hochzeit – und als man ihr dann buchstäblich einen „heißen“ Tanz bereitete, hatte sie nichts Eiligeres zu tun, als Anzeige zu erstatten und auf Schmerzensgeld zu klagen.


Warum war der Mann auch so stur? Beinah auf Knien hatte Schneewittchen ihn angefleht, der Alten nicht die glühenden Eisenschuhe anziehen zu lassen. „Das gibt nichts als Ärger!“, hatte sie auf ihn eingeredet. Zwecklos! War ja irgendwie rührend, dass er sie rächen wollte – doch was hatten sie jetzt davon? Die alte Bratze lebte im luxuriösesten Pflegeheim des Märchenlandes und ließ es sich gut gehen. Auf ihre Kosten! Das nannte sich nun Gerechtigkeit! Schneewittchen verstand ja nicht viel davon, aber so viel hatte sie doch mitgekriegt, dass in den nächsten Tagen einige wichtige Fristen abliefen. Wenn dieser kleine, jähzornige Perry Mason-Verschnitt bis dahin nicht wieder auf der Bildfläche erschien ... dann gute Nacht, Marie! Dann hieß es Zahlemann und Söhne bis zum St. Nimmerleinstag!


„Ist es recht so?“ Schneewittchen zuckte zusammen, als Rapunzel sie plötzlich ansprach. Ja, doch, sie war ganz zufrieden. Vor allem: Endlich fertig! Sie stand auf, bezahlte und verabschiedete sich. Natürlich nicht ohne Grüße an Eulalia aufzutragen. Sie wusste, dass Rapunzel ihr heute Abend einen Besuch abstatten wollte. Vielleicht sollte sie auch....? Nein, ihr war heut nicht nach fremdem Elend. Auch wenn Eulalia ihr leid tat. Und das arme Kind erst! Das ganze Land rätselte herum, was da geschehen sein mochte.


Sollten sie sich doch die Köpfe zerbrechen! Schneewittchen war das piepegal. Sie wollte nur eins:
Nach Hause. Was trinken!



© Siglinde Goertz, Uedem

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