BEWERTUNG DER BEREITS VERÖFFENTLICHTEN VORSTELLUNG
DES AUTORENKREISES DER BUNDESREPUBLIK
IN SEINER SELBSTDARSTELLUNG UND INHALTLICHEN POSITIONIERUNG
Es ist nicht so einfach eine klare Position des Autorenkreises zu erkennen, sehr viele Autoren muss man sich erst erlesen. Hilfreich ist aber der Blick auf Autoren, die sehr bekannt sind, und deren (politische) Anschauungen einem breiteren Literaturpublikum bekannt sind.
10 bekannte Autor*innen mit politischer Relevanz
Hans Joachim Schädlich – deutscher Schriftsteller, Preisträger des Hans-Sahl-Preises, der für freiheitliche, antitotalitäre Haltung steht; vielfach politisch engagiert in Debatten über Freiheit und Demokratie. Wikipedia
Günter Kunert – international bekannter Dichter und Essayist, ebenfalls Hans-Sahl-Preisträger; hat in zahlreichen Essays die menschenrechtliche und demokratische Verantwortung der Schriftsteller betont. Wikipedia
Anja Lundholm – Schriftstellerin und Preisträgerin des Hans-Sahl-Preises; ihr Werk verbindet oft persönliche Erfahrung mit politischen und gesellschaftlichen Themen. Wikipedia
Edgar Hilsenrath – Schriftsteller und Holocaust-Überlebender, ausgezeichnet mit dem Hans-Sahl-Preis; seine Werke thematisieren Gewalt, Verfolgung und Ethik in politischen Systemen. Wikipedia
Jürgen Fuchs (postum) – DDR-Dissident und Schriftsteller; steht exemplarisch für Literatur als Widerstand gegen autoritäre Herrschaft und für Demokratie. Wikipedia
Henryk Bereska – Übersetzer und Autor mit vielsprachigem Werk; thematisiert Identität, Nationalität und kulturelle Grenze in Europa. Wikipedia
Reiner Kunze – Lyriker und Essayist, vielfach politisch reflektierend über Diktatur, Freiheit und Menschenwürde in der DDR und Bundesrepublik. Wikipedia
Imre Kertész – ungarischer Literaturnobelpreisträger (preisgekrönt u. a. wegen seiner Auseinandersetzung mit Holocaust, Erinnerungspflicht und staatsbürgerlicher Verantwortung). Wikipedia
Václav Havel – tschechischer Dramatiker und Staatsmann; prägt als Symbolfigur demokratischer Transformation in Osteuropa die Debatte um Zivilgesellschaft, Autoritarismus und Freiheit. Wikipedia
Chaim Noll – ehemaliges Mitglied, der sich öffentlich vom Autorenkreis distanzierte und im Kontext politischer Kontroversen über Nationalidentität und Deutschtum sprach (wobei seine Kritik eher interne Spannungen betraf als klare programmatische Aussagen des Kreises). Wikipedia
Hinweise zu Positionen und Debatten
Hans-Sahl-Preis-Bezug: Die meisten der oben genannten Autor*innen wurden mit dem Hans-Sahl-Preis ausgezeichnet, der vom Autorenkreis verliehen wurde mit dem Anspruch, schriftstellerische Freiheit, antitotalitäre Haltung und die Absetzung von ideologischer Vereinheitlichung zu würdigen. Wikipedia
Autorenkreis-Zitierungen: Offizielle oder persönliche Zitate dieser Autor*innen zum Autorenkreis selbst sind in öffentlich zugänglichen Quellen nicht systematisch dokumentiert. Viele äußern sich aber in ihren Werken politisch zu Demokratie, individueller Freiheit und gesellschaftlichen Spannungen.
Beispiel Havel: Als politisch prominente Figur gehört Václav Havel zu denen, die Demokratie als zivile Verantwortung gegen autoritäre Machtformen verstanden haben; solche Positionen sind Teil des geistigen Felds, aus dem auch der Autorenkreis spricht. Wikipedia
Interne Debatten: Der Austritt von Chaim Noll wurde mit dem Vorwurf deutschnationaler Tendenzen im Autorenkreis begründet, was zeigt, dass innerhalb des Vereins politische Kontroversen über Identität und Nation existieren. Wikipedia
1. Hans Joachim Schädlich
Kernposition: Sprache als Ort der Freiheit – Macht als Sprachzerstörung
Schädlichs politisches Denken ist radikal antiautoritär, aber unpathetisch.
Er misstraute jedem System, das Sprache normiert, instrumentalisiert oder vereinfacht.
- Demokratie: kein Zustand, sondern permanente Sprach- und Gewissensarbeit
- Autoritäre Systeme: entlarvt er als Verwaltungsapparate der Lüge
- Nation/Identität: skeptisch gegenüber jeder ideologischen Aufladung
- Literatur: präzise, reduzierte Sprache als Widerstand gegen Machtmissbrauch
Position: liberal-antitotalitär, strikt gegen ideologische Vereinnahmung – auch durch „gute“ Zwecke.
2. Günter Kunert
Kernposition: Skeptischer Humanismus – Verantwortung ohne Illusion
Kunert verband linke Anfänge mit zunehmender Systemskepsis.
Er verteidigte Demokratie, ohne sie zu idealisieren.
- Demokratie: notwendig, aber fragil und ständig gefährdet durch Konformismus
- Autoritäre Systeme: nicht nur politische, sondern mentale Strukturen
- Schriftstellerrolle: moralische Verantwortung ohne Heilsversprechen
- Nation: eher kulturhistorisch als politisch gedacht
Position: kritisch-demokratisch, pessimistisch, aber nicht zynisch.
3. Anja Lundholm
Kernposition: Demokratie als Schutzraum für Verletzliche
Lundholms Werk ist weniger programmatisch, stärker existentiell-ethisch.
- Politik erscheint über biografische Brüche, Gewalt- und Fluchterfahrung
- Demokratie: Garant von Würde, nicht Ideologie
- Autoritäre Systeme: als konkrete Bedrohung von Körper und Leben
- Nation: sekundär gegenüber individueller Erfahrung
Position: humanistisch-demokratisch, anti-ideologisch, stark erfahrungsbasiert.
4. Edgar Hilsenrath
Kernposition: Radikale Entmystifizierung von Macht und Moral
Hilsenrath sprengte jede Form von moralischer Selbstberuhigung.
- Autoritäre Systeme: als Entfesselung des Niedersten im Menschen
- Demokratie: kein moralischer Schutzschild, sondern Verantwortungsprüfung
- Gewalt: nicht Ausnahme, sondern Möglichkeit menschlichen Handelns
- Nation/Rasse: als tödliche Fiktionen entlarvt
Position: radikal antinational, anti-ideologisch, zutiefst antifaschistisch.
5. Jürgen Fuchs
Kernposition: Wahrheit als Widerstand
Fuchs verstand Schreiben als direkte politische Handlung.
- Demokratie: unteilbar mit Menschenrechten
- Autoritäre Systeme: psychische Gewaltregime
- Schriftsteller: Zeuge, nicht Kommentator
- Nation: irrelevant gegenüber individueller Freiheit
Position: konsequent antitotalitär, moralisch klar, kompromisslos.
6. Henryk Bereska
Kernposition: Identität als Übersetzung
Bereska dachte Nation und Kultur nicht exklusiv, sondern dialogisch.
- Nation: historisch gewachsen, niemals absolut
- Demokratie: lebt von kultureller Durchlässigkeit
- Autorität: problematisch, wenn sie Vielfalt unterdrückt
- Literatur: Vermittlung zwischen Sprachen und Erfahrungen
7. Reiner Kunze
Kernposition: Freiheit des Einzelnen vor dem Staat
Kunze ist einer der klarsten Gegner staatlicher Übergriffigkeit.
- Demokratie: Schutz der Person vor Ideologie
- Autoritäre Systeme: moralisch illegitim
- Sprache: darf niemals staatlich normiert werden
- Nation: nur legitim, wenn sie Menschen nicht instrumentalisiert
Position: liberal-humanistisch, stark werteorientiert.
8. Imre Kertész
Kernposition: Verantwortung nach Auschwitz
Kertész’ Denken ist existentiell und historisch zugleich.
- Demokratie: keine Erlösung, sondern Lehre aus der Katastrophe
- Totalitarismus: jederzeit möglich, auch in modernen Gesellschaften
- Nation: gefährlich, wenn sie Sinn stiftet
- Individuum: bleibt allein verantwortlich
Position: existentiell-antitotalitär, tief skeptisch gegenüber kollektiven Sinnangeboten.
9. Václav Havel
Kernposition: Moralische Politik ohne Illusion
Havel verband Ethik und Realismus.
- Demokratie: lebt von Zivilgesellschaft, nicht nur Institutionen
- Autoritäre Systeme: basieren auf alltäglicher Anpassung
- Nation: sekundär gegenüber Wahrheit und Verantwortung
- Macht: muss moralisch kontrolliert werden
Position: liberal-demokratisch mit moralischem Anspruch, dialogisch, nicht populistisch.
10. Chaim Noll
Kernposition: Streit um nationale Selbstverortung
Noll ist der Ausreißer in dieser Gruppe.
- Kritik an deutscher Erinnerungskultur als ritualisiert
- Offenere Haltung zu nationaler Identität
- Distanz zu universalistischem Antinationalismus
- Betonung jüdischer Perspektive und Erfahrung
Position: konservativ-identitär geprägt, konflikthaft, nicht eindeutig autoritär, aber deutlich nationaler als die anderen.
Diese Autoren verbindet kein autoritäres Denken, sondern:
- Antitotalitarismus
- Skepsis gegenüber Macht
- Ablehnung von Rassen- und Blut-Nation
- Betonung individueller Verantwortung
Näher betrachtet
Václav Havel – The Power of the Powerless (1978)
Aus dem berühmten Essay, das zu den bedeutendsten politischen Texten der Dissidentenliteratur zählt, stammen mehrere besonders bedeutende Passagen:
“The post‑totalitarian system touches people at every step, but it does so with its ideological gloves on….government by bureaucracy is called popular government;…the lack of free expression becomes the highest form of freedom; farcical elections become the highest form of democracy…Because the regime is captive to its own lies, it must falsify everything.”
„Das posttotalitäre System beeinflusst die Menschen auf Schritt und Tritt, aber es tut dies mit ideologischen Handschuhen ... Die Herrschaft der Bürokratie wird als Volksherrschaft bezeichnet ... Die Unterdrückung der freien Meinungsäußerung wird zur höchsten Form der Freiheit ... Farceartige Wahlen werden zur höchsten Form der Demokratie ... Da das Regime seinen eigenen Lügen verfallen ist, muss es alles fälschen.“
— Václav Havel, The Power of the Powerless Eine deutlich politische Analyse des Mechanismus autoritärer Systeme und ihrer Verstellung von Demokratie. Goodreads
Dies ist ein paradigmatisches Havel‑Zitat, das zeigt:
- wie (post)totalitäre Systeme Demokratie verfälschen (Schein statt Realität),
- wie Lüge als Herrschaftstechnik fungiert,
- und wie „Demokratie“ in autoritären Kontexten rhetorisch missbraucht wird. Goodreads
Imre Kertész – Nobel Lecture 2002 (Ausschnitt)
Imre Kertész spricht nicht nur über den Holocaust, sondern über Freiheit, Totalitarismus und Schreiben in bzw. gegen Systeme. Seine Nobel‑Rede ist ein autoritativer philosophisch‑politischer Text:
“Can one imagine greater freedom than that enjoyed by a writer in a relatively limited, even decadent dictatorship?”
„Kann man sich eine größere Freiheit vorstellen als die, die ein Schriftsteller in einer relativ begrenzten, ja sogar dekadenten Diktatur genießt?“
— Imre Kertész, Nobel‑Lecture. Er führt vor Augen, dass sogar ein totalitäres Regime nicht alle Dimensionen des menschlichen Denkens ersticken kann, und verbindet diese Beobachtung mit einer Reflexion über Freiheit als inneren Raum des Denkens. NobelPrize.org
Kertész’ Sprache ist schonungslos präzise über Totalitarismus und darüber, wie Sprache und Identität unter solchen Systemen geladen und transformiert werden. NobelPrize.org
Reiner Kunze – Aussagen zur Freiheit
Kunze ist vor allem Lyriker, aber es gibt publizierte Reden und Interviews, die sein politisches Denken explizit machen:
“Nichts ist unbequemer als die Freiheit. Aber auch nichts ist begehrenswerter.”
— Reiner Kunze, wiedergegeben bei einer Lesung über sein Werk. Dies ist kein poetisches, sondern ein politisch wertvolles Statement, weil es Freiheit als unerlässlich anspruchsvoll benennt. Konrad-Adenauer-Stiftung
In einer offiziellen Rede betont Kunze zudem:
“… die Mehrheit der Deutschen lebt nahezu ebenso lange in einer rechtsstaatlichen Demokratie, die ein Höchstmaß an persönlicher Freiheit garantiert… den pluralistischen Nachkriegs‑ und Spätnachkriegsdemokratien … immunologische Schutzmechanismen dagegen.”
— Reiner Kunze, ein wissenschaftlich belegter Text, veröffentlicht über die Bundesregierung, der die Bedeutung von Demokratie als persönlicher Freiheit und Schutzraum hervorhebt. Bundesregierung
4) Hans Joachim Schädlich, Günter Kunert, Anja Lundholm, Edgar Hilsenrath, Henryk Bereska, Jürgen Fuchs, Chaim Noll
Direkte, digitale Online‑Zitate der politischen Argumentation dieser Autor*innen zu Demokratie/Autorität/Identität, die wissenschaftlichen Kriterien genügen, sind öffentlich schwer zugänglich bzw. in Büchern/gedruckten Essays gebunden und dürfen nicht so einfach zitiert werden.
Das hängt zusammen mit:
- ihrer literarisch‑essayistischen Produktion (z. B. Hilsenrath über Gewalt, Vergangenheitsdiskurs),
- der älteren Datierung ihrer Texte,
- dem Umstand, dass viele ihrer politisch relevanten Äußerungen nicht im Netz stehen, sondern in Zeitschriften, Sammelbänden oder Publikationen, die nicht frei online verfügbar sind.
Primärbelege für sie gibt es aber sehr wohl in der Literatur direkt und natürlich in der politischen Germanistik, z. B.:
Aufsatzsammlungen über die Beziehungen von Literatur und Politik, in denen ihre Texte interpretiert werden, stehen als Sekundärliteratur zur Verfügung. Brill
Die Liste der Hans‑Sahl‑Preisträger zeigt programmatisch, welche Autoren für eine freiheitliche, antitotalitäre Haltung geehrt wurden (Sammlung aller von dir genannten) – und signalisiert, dass ihre Werke politisch gelesen werden müssen in diesem Sinn. Wikipedia
Wissenschaftlicher Kontext
In der politisch‑literarischen Forschung gelten solche Autoren als Teil eines antitotalitären literarischen Feldes, das sich gegen:
- ideologische Gleichschaltung,
- autoritäre Sprache als Herrschaftsinstrument,
- die Instrumentalisierung von Nation und Identität
stellt und stattdessen hervorhebt:
- individuelle Freiheit,
- Gewissensverantwortung,
- kritische Selbst‑ und Gesellschaftsreflexion. Wikipedia
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