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Dichterhain, Bände 1 bis 4

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Dichterhain, Bände 5 bis 8

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Samstag, 31. Januar 2026

Werner Fröhlich: Gelesen, gesehen, gehört (2026, 1)

  • Ist denn ein langes Leben gut? Interview mit dem indischen Historiker Dipesh Chakrabarty, ZEIT 11.12.2025
  • Der Tod steht ihr gut (Death becomes her). Film von Robert Zemeckis. 1992

  • Cormac McCarthy: Die Straße. Roman. 2006


Im Interview mit dem Chikagoer Universitätsprofessor Chakrabarty kommt die ZEIT-Redakteurin
Elisabeth von Thadden auf Themen, die „fast unmöglich auszusprechen“ sind: Den hohen Ressourcenverbrauch durch Maßnahmen zur Lebensverlängerung und die Auswirkungen auf das Weltklima.
Müssten wir womöglich kürzer leben, damit unsere Nachkommen ein besseres Klima erleben?
Der 2006 erschienene dystopische Roman des Pulitzer-Preisträgers Cormac McCarthy schildert in
drastischer Weise, wie eine Welt aussehen könnte, in der alles, restlos alles, was das menschliche
Leben heute ausmacht, verbrannt, verschwunden, vernichtet ist. Ohne elektrischen Strom gibt es
nichts mehr, keine Produktion, keine Lebensmittel, keine Landwirtschaft, keinen Verkehr, keine Medien, keine Verwaltung, keine Gesetze, keine Zivilisation. Zwei Überlebende, ein Junge und sein Vater, schleppen sich durch ein eiskaltes, verwüstetes Land. Sie durchsuchen Müllhalden und verlassene Häuser nach Essbarem, nach dem, was von der früheren Zivilisation erzeugt wurde und übrig geblieben ist. Was sie mehr noch fürchten als das Verhungern, sind andere Menschen, „die Bösen“, die
auf der Jagd sind nach Menschen, die sie töten und aufessen wollen.

Chakrabarty weist im Interview darauf hin, dass die heutige Gesundheitsversorgung ohne Strom
nicht möglich wäre. Ohne Strom keine Kühlschränke für Medikamente, keine Klimaanlagen, keine
geheizten Zimmer für Kinder und alte Menschen. Nicht nur das - eine Unterbrechung der Stromproduktion oder Stromlieferung auch nur für wenige Tage hätte den Zusammenbruch der Zivilisation zur Folge und würde sofort zu lebensgefährlichen Zuständen führen.

Die Wohltaten der modernen Zivilisation beruhen – so Chakrabarty – auf den vier Stoffen Zement,
Plastik, Stahl und Ammoniak zum Düngen. Diese vier Stoffe werden durch das Verbrennen fossiler
Energien hergestellt. Dafür wird ein Viertel des Primärenergieverbrauchs eingesetzt. „Wir haben uns
zu Gefangenen dieses energiehungrigen Lebensstils gemacht“ – so seine Schlussfolgerung.

Menschen wünschen sich ein möglichst langes Leben. Das ist verständlich und war schon immer so,
seit es Menschen gibt. Aber erst die Fortschritte in der Medizin und in der Nahrungsmittelerzeugung
in den letzten hundert Jahren haben es möglich gemacht, dass die durchschnittliche Lebenserwartung - zumindest in den Industrie- und Schwellenländern – auf 80 Jahre und mehr gestiegen ist. Einen so hohen Anteil alter Menschen hat es in der Menschheitsgeschichte noch nie gegeben.

Dass ewiges Leben (auf Erden, nicht im Himmel) für Menschen nicht wirklich erstrebenswert ist, gehört zum Allgemeinwissen und wurde schon viele Male künstlerisch verarbeitet. Zum Beispiel in der
bitterbösen Komödie „Der Tod steht ihr gut“ mit dem famosen Trio Meryl Streep, Goldie Hawn und
Isabella Rossellini. Die Zauberin im Film sagt: „This is life's ultimate cruelty. It offers us a taste of youth and vitality, and then it makes us witness our own decay.“ (Das ist die größte Grausamkeit des
Lebens. Es schenkt uns einen Geschmack von Jugend und Lebensfreude und macht uns dann zum
Zeugen unseres eigenen Zerfalls).

Wo aber sind die Grenzen des Lebens und wer ist berechtigt, sie festzulegen? Darf ich frei über mich
selbst bestimmen und gehört alles, was in mir ist und entsteht, mir und nur mir allein? Muss die
Krankenkasse für die Folgen eines missglückten Selbstmordversuchs bezahlen? Darf alles, was technisch möglich ist, realisiert werden? Ich nehme, um einer Diskussion mit Religionslehrern und Philosophen auszuweichen, die einfachste Entscheidungshilfe: Das Gesetz. Verfassung und Gesetz bestimmen, was erlaubt und was verboten ist.

Das Essen von menschlichem Fleisch (mit dem Begriff „Kannibalismus“ nur unscharf umschrieben) ist
eines der stärksten Tabus. Es wurde in der darstellenden Kunst und in der Literatur schon häufig
thematisiert. Erinnert sei nur an das Märchen vom Machandelbaum, an Jonathan Swifts „Bescheidenen Vorschlag“ oder Poes Roman „Arthur Gordon Pym“. Nach dem Motto „Was verboten ist, macht
uns gerade scharf“ ist das Brechen der stärksten Tabus genau der Inhalt von kommerziellen Exploitation-, Splatter- und Zombiefilmen. Im Roman „Die Straße“ unterscheidet der Autor die „Guten“ von den „Bösen“. Die „Bösen“ essen Menschenfleisch, die „Guten“ nicht. Diese Unterscheidung wirkt
allerdings nicht sehr durchdacht. Wer nämlich, z.B. in einer existenziellen Notsituation, das Fleisch
gestorbener Menschen isst, tötet niemand und fügt niemand ein Leid zu, im Unterschied zu denjenigen, die lebende Menschen töten, verletzen oder foltern. Wie es in jedem Krieg täglich geschieht.

Strafrechtlich gesehen ist Kannibalismus kein schwerwiegender Tatbestand. Ein Mensch, der gestorben ist, wird rechtlich eingestuft als herrenlose Sache. Ein toter Mensch hat keinen Willen und keine
eigenen Rechte. Wer Leichenteile entnimmt und aufisst, handelt verabscheuungswürdig, kann aber
lediglich wegen Störung der Totenruhe bestraft werden, mit Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu
drei Jahren. Jagdwilderei zum Beispiel wird härter bestraft.

Die Verwendung von Körperteilen verstorbener Menschen wird ethisch unterschiedlich beurteilt. Die
Übertragung von Gewebeteilen toter auf lebende Menschen ist eine anerkannte und weit verbreitete Therapiemethode, z.B. die Transplantation von Augenhornhaut, Blut, Herzklappen, Knochen, Sehnen, Nieren oder Herzen. Gewebe- oder Organ-„Spenden“ werden ethisch hoch bewertet und moralisch und in manchen Ländern sogar gesetzlich zur Pflicht gemacht. Die Verwendung von Leichenteilen zum Ernährungszweck wird dagegen ethisch als verwerflich betrachtet, selbst dann, wenn sie in
Extremfällen das einzige Mittel zum Überleben wäre. 


McCarthys Roman ist eine düstere Parabel auf das Leben. Wir erfahren nichts Neues. „Der Mensch ist
des Menschen Wolf" - das wissen wir seit der Antike. In einer toten Umwelt beneiden die Lebenden
die Toten. Trotzdem hängen die Lebenden mit rücksichtslosem Egoismus am Leben. Ist das nackte
Überleben in jeder Situation und um jeden Preis dem Sterben vorzuziehen? Auf diese Frage geben
uns der Romanschriftsteller McCarthy und der Professor Chakrabarty keine Antwort.

(Werner Fröhlich, Neustadt an der Weinstraße)