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Dichterhain, Bände 1 bis 4

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Dichterhain, Bände 5 bis 8

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Freitag, 2. Januar 2026

ERGÄNZUNG ZUR BEREITS VERÖFFENTLICHTEN VORSTELLUNG DES AUTORENKREISES DER BUNDESREPUBLIK

BEWERTUNG DER BEREITS VERÖFFENTLICHTEN  VORSTELLUNG
DES AUTORENKREISES DER BUNDESREPUBLIK 
IN SEINER SELBSTDARSTELLUNG UND INHALTLICHEN POSITIONIERUNG


Es ist nicht so einfach eine klare Position des Autorenkreises zu erkennen, sehr viele Autoren muss man sich erst erlesen. Hilfreich ist der Blick auf Autoren, die sehr bekannt sind, und deren (politische) Anschauungen einem breiteren Literaturpublikum bekannt sind.

Der Autorenkreis hat bislang vor allem historische Bedeutung, er kann sich jedoch noch wesentlich weiterentwickeln, wenn Mitglieder eine politische und literarisch-ästhetische Sicht verbinden. Gerade in der Betonung des Literarisch-Fiktionalen, gekoppelt mit überprüfbarer Historie gibt es laut Kritikern noch Leerräume.

Autoren, die Missstände,  Tagespolitik, Schaltpunkte der politischen Entwicklung aufgreifen, beschreiben und Informationen zu realem oder fiktionalem Geschehen zum Untergang von Demokratie im Kontakt mit nivellierender, gewalttätiger Geschichtsaneignung anbieten, bleiben dennoch von hohem Wert für das Verständnis von historischen Ereignissen, Phasen und Epochen.

Ein Autor kann Meister des Fiktionalen sein, er kann aber auch Meister des Geschichtsbezugs bleiben. Die Leser entscheiden, was sie lesen wollen, und gerade hier gibt es höchst unterschiedliche Interessen. Wer die Versuche, Demokratie in Deutschland aufzuweichen, ignoriert, der hat als Autor offensichtlich den Realitätsbezug verloren.

Beschäftigt sich jedoch ein fiktionales Geschehen in Deutschland heute mit den teils massiven Manipulationsversuchen der Anhänger oder Vertreter autoritärer Systeme, alle Freiheitsbehauptungen sowie Eigenschaften der Menschen (Rasse, Herkunft, Religion usw.) zu unterdrücken, spüren wir die Hiebe und Wunden der Vergangenheit zwischen den Zeilen, über die Konfrontationsgrenze hinaus, und können unsere Gegenwart besser erkennen, beurteilen und gestalten. Wir brauchen diese Autoren!

10 bekannte Autor*innen des Autorenkreises mit politischer Relevanz

  1. Hans Joachim Schädlich – deutscher Schriftsteller, Preisträger des Hans-Sahl-Preises, der für freiheitliche, antitotalitäre Haltung steht; vielfach politisch engagiert in Debatten über Freiheit und Demokratie. Wikipedia

  2. Günter Kunert – international bekannter Dichter und Essayist, ebenfalls Hans-Sahl-Preisträger; hat in zahlreichen Essays die menschenrechtliche und demokratische Verantwortung der Schriftsteller betont. Wikipedia

  3. Anja Lundholm – Schriftstellerin und Preisträgerin des Hans-Sahl-Preises; ihr Werk verbindet oft persönliche Erfahrung mit politischen und gesellschaftlichen Themen. Wikipedia

  4. Edgar Hilsenrath – Schriftsteller und Holocaust-Überlebender, ausgezeichnet mit dem Hans-Sahl-Preis; seine Werke thematisieren Gewalt, Verfolgung und Ethik in politischen Systemen. Wikipedia

  5. Jürgen Fuchs (postum) – DDR-Dissident und Schriftsteller; steht exemplarisch für Literatur als Widerstand gegen autoritäre Herrschaft und für DemokratieWikipedia

  6. Henryk Bereska – Übersetzer und Autor mit vielsprachigem Werk; thematisiert Identität, Nationalität und kulturelle Grenze in Europa. Wikipedia

  7. Reiner Kunze – Lyriker und Essayist, vielfach politisch reflektierend über Diktatur, Freiheit und Menschenwürde in der DDR und Bundesrepublik. Wikipedia

  8. Imre Kertész – ungarischer Literaturnobelpreisträger (preisgekrönt u. a. wegen seiner Auseinandersetzung mit Holocaust, Erinnerungspflicht und staatsbürgerlicher Verantwortung). Wikipedia

  9. Václav Havel – tschechischer Dramatiker und Staatsmann; prägt als Symbolfigur demokratischer Transformation in Osteuropa die Debatte um Zivilgesellschaft, Autoritarismus und Freiheit. Wikipedia

  10. Chaim Noll – ehemaliges Mitglied, der sich öffentlich vom Autorenkreis distanzierte und im Kontext politischer Kontroversen über Nationalidentität und Deutschtum sprach (wobei seine Kritik eher interne Spannungen betraf als klare programmatische Aussagen des Kreises). Wikipedia



Hinweise zu Positionen und Debatten

Hans-Sahl-Preis-Bezug: Die meisten der oben genannten Autor*innen wurden mit dem Hans-Sahl-Preis ausgezeichnet, der vom Autorenkreis verliehen wurde mit dem Anspruch, schriftstellerische Freiheit, antitotalitäre Haltung und die Absetzung von ideologischer Vereinheitlichung zu würdigen. Wikipedia

Autorenkreis-Zitierungen: Offizielle oder persönliche Zitate dieser Autor*innen zum Autorenkreis selbst sind in öffentlich zugänglichen Quellen nicht systematisch dokumentiert. Viele äußern sich aber in ihren Werken politisch zu Demokratie, individueller Freiheit und gesellschaftlichen Spannungen.

Beispiel Havel: Als politisch prominente Figur gehört Václav Havel zu denen, die Demokratie als zivile Verantwortung gegen autoritäre Machtformen verstanden haben; solche Positionen sind Teil des geistigen Felds, aus dem auch der Autorenkreis spricht. Wikipedia

Interne Debatten: Der Austritt von Chaim Noll wurde mit dem Vorwurf deutschnationaler Tendenzen im Autorenkreis begründet, was zeigt, dass innerhalb des Vereins politische Kontroversen über Identität und Nation existierenWikipedia


1. Hans Joachim Schädlich (1935-2023)

Kernposition: Sprache als Ort der Freiheit – Macht als Sprachzerstörung

Schädlichs politisches Denken ist radikal antiautoritär, aber unpathetisch.
Er misstraute jedem System, das Sprache normiert, instrumentalisiert oder vereinfacht.

  • Demokratie: kein Zustand, sondern permanente Sprach- und Gewissensarbeit
  • Autoritäre Systeme entlarvt er als Verwaltungsapparate der Lüge
  • Nation/Identität: er bleibt skeptisch gegenüber jeder ideologischen Aufladung
  • Literatur: präzise, reduzierte Sprache als Widerstand gegen Machtmissbrauch

Position: liberal-antitotalitär, strikt gegen ideologische Vereinnahmung – auch durch „gute“ Zwecke.

Hauptwerke:
  • Versuchte Nähe (1977) – Prosaminiaturen über Sprache, Macht und Entfremdung
  • Tallhover (1986) – Roman über einen Spitzel; Schlüsseltext zur Funktionsweise autoritärer Systeme
  • Schott (1992) – Roman über Anpassung, Karrieren und moralische Erosion
  • Ostwestberlin (1998) – Essays und Prosa zur deutschen Teilung und Nachgeschichte


2. Günter Kunert (1929–2019)

Kernposition: Skeptischer Humanismus – Verantwortung ohne Illusion

Kunert verband linke Anfänge mit zunehmender Systemskepsis.
Er verteidigte Demokratie, ohne sie zu idealisieren.

  • Demokratie: notwendig, aber fragil und ständig gefährdet durch Konformismus
  • Autoritäre Systeme: nicht nur politische, sondern mentale Strukturen
  • Schriftstellerrolle: moralische Verantwortung ohne Heilsversprechen
  • Nation: eher kulturhistorisch als politisch gedacht

Position: kritisch-demokratisch, pessimistisch, aber nicht zynisch.

Hauptwerke:

  • Im Namen der Hüte (1967) – Gedichte mit politisch-satirischem Unterton
  • Erwachsenenspiele (1976) – Prosa zwischen DDR-Alltag und Systemkritik
  • Warum schreiben? (Essayband, 1980) – Verantwortung von Literatur und Autor
  • Die befleckte Empfängnis (1987) – Essays zur politischen Kultur


3. Anja Lundholm (1934–2017)

Kernposition: Demokratie als Schutzraum für Verletzliche

Lundholms Werk ist weniger programmatisch, stärker existentiell-ethisch.

  • Politik erscheint über biografische Brüche, Gewalt- und Fluchterfahrung
  • Demokratie: Garant von Würde, nicht Ideologie
  • Autoritäre Systeme: als konkrete Bedrohung von Körper und Leben
  • Nation: sekundär gegenüber individueller Erfahrung

Position: humanistisch-demokratisch, anti-ideologisch, stark erfahrungsbasiert.

Hauptwerke:
  • Der Schatten und das Licht (1990) – Roman über Exil und Selbstbehauptung
  • Zwischen den Ländern (Essayistische Prosa)
  • Erinnerungen ohne Heimat (autobiografisch geprägte Texte)


4. Edgar Hilsenrath (1926–2018)

Kernposition: Radikale Entmystifizierung von Macht und Moral

Hilsenrath sprengte jede Form von moralischer Selbstberuhigung.

  • Autoritäre Systeme: als Entfesselung des Niedersten im Menschen
  • Demokratie: kein moralischer Schutzschild, sondern Verantwortungsprüfung
  • Gewalt: nicht Ausnahme, sondern Möglichkeit menschlichen Handelns
  • Nation/Rasse: als tödliche Fiktionen entlarvt

Position: radikal antinational, anti-ideologisch, zutiefst antifaschistisch.

Hauptwerke:

  • Der Nazi & der Friseur (1971) – Schlüsselroman zur Täter-Opfer-Problematik
  • Bronskys Geständnis (1983) – Exil, Schuld, Erinnerung
  • Das Märchen vom letzten Gedanken (1989) – Armeniermord, Gewaltgeschichte
  • Jossel Wassermanns Heimkehr (1993)


5. Jürgen Fuchs (1950–1999)

Kernposition: Wahrheit als Widerstand

Fuchs verstand Schreiben als direkte politische Handlung.

  • Demokratie: unteilbar mit Menschenrechten
  • Autoritäre Systeme: psychische Gewaltregime
  • Schriftsteller: Zeuge, nicht Kommentator
  • Nation: irrelevant gegenüber individueller Freiheit

Position: konsequent antitotalitär, moralisch klar, kompromisslos.

Hauptwerke:

  • Gedächtnisprotokolle (1977) – Haft- und Verhörprotokolle (Schlüsseltext!)
  • Vernehmungsprotokolle (1978)
  • Magdalena (1987) – Roman über politische Verfolgung
  • Das Ende einer Feigheit (Essayband)


6. Henryk Bereska (1926–2005)

Kernposition: Identität als Übersetzung

Bereska dachte Nation und Kultur nicht exklusiv, sondern dialogisch.

  • Nation: historisch gewachsen, niemals absolut
  • Demokratie: lebt von kultureller Durchlässigkeit
  • Autorität: problematisch, wenn sie Vielfalt unterdrückt
  • Literatur: Vermittlung zwischen Sprachen und Erfahrungen

Position: kosmopolitisch-europäisch, gegen ethnische Engführungen.

Hauptwerke:
  • Zeitzeugnisse (Gedichte)
  • Fremde Heimat (Essayistische Prosa)
  • Übersetzungen u. a. von Szymborska, Różewicz (politisch hoch relevant)


7. Reiner Kunze (1933)

Kernposition: Freiheit des Einzelnen vor dem Staat

Kunze ist einer der klarsten Gegner staatlicher Übergriffigkeit.

  • Demokratie: Schutz der Person vor Ideologie
  • Autoritäre Systeme: moralisch illegitim
  • Sprache: darf niemals staatlich normiert werden
  • Nation: nur legitim, wenn sie Menschen nicht instrumentalisiert

Position: liberal-humanistisch, stark werteorientiert.

Hauptwerke:

  • Die wunderbaren Jahre (1976) – Erzählband über DDR-Alltag
  • Zimmerlautstärke (1969) – Gedichte gegen ideologische Sprache
  • Auf eigene Hoffnung (1982) – Essays und Reden
  • Einladung zu einer Tasse Jasmintee (1980)


8. Imre Kertész (1929–2016)

Kernposition: Verantwortung nach Auschwitz

Kertész’ Denken ist existentiell und historisch zugleich.

  • Demokratie: keine Erlösung, sondern Lehre aus der Katastrophe
  • Totalitarismus: jederzeit möglich, auch in modernen Gesellschaften
  • Nation: gefährlich, wenn sie Sinn stiftet
  • Individuum: bleibt allein verantwortlich

Position: existentiell-antitotalitär, tief skeptisch gegenüber kollektiven Sinnangeboten.

Hauptwerke:

  • Roman eines Schicksallosen (1975) – Schlüsselwerk der Holocaust-Literatur
  • Fiasko (1988)
  • Kaddisch für ein nicht geborenes Kind (1990)
  • Liquidation (2003)


9. Václav Havel (1936–2011)

Kernposition: Moralische Politik ohne Illusion

Havel verband Ethik und Realismus.

  • Demokratie: lebt von Zivilgesellschaft, nicht nur Institutionen
  • Autoritäre Systeme: basieren auf alltäglicher Anpassung
  • Nation: sekundär gegenüber Wahrheit und Verantwortung
  • Macht: muss moralisch kontrolliert werden

Position: liberal-demokratisch mit moralischem Anspruch, dialogisch, nicht populistisch.

Hauptwerke:

  • Die Macht der Machtlosen (1978) – politisches Schlüsselessay
  • Versuch, in der Wahrheit zu leben (Essayband)
  • Audience / Vernissage (Dramen)
  • Briefe an Olga (1983)


10. Chaim Noll (1954)

Kernposition: Streit um nationale Selbstverortung

Noll ist der Ausreißer in dieser Gruppe.

  • Kritik an deutscher Erinnerungskultur als ritualisiert
  • Offenere Haltung zu nationaler Identität
  • Distanz zu universalistischem Antinationalismus
  • Betonung jüdischer Perspektive und Erfahrung

Position: konservativ-identitär geprägt, konflikthaft, nicht eindeutig autoritär, aber deutlich nationaler als die anderen.

Hauptwerke:
  • Der goldene Löffel (1985) – DDR-Roman
  • Der Schmuggel über die Zeitgrenze (2000) – Essays zu Geschichte und Identität
  • Israel-Essaybände (u. a. Der fremde Freund, Die Stille am Morgen)


Diese Autoren verbindet kein autoritäres Denken, sondern:

  • Antitotalitarismus
  • Skepsis gegenüber Macht
  • Ablehnung von Rassen-, Blut-und-Boden-Ideologie
  • Betonung individueller Verantwortung


Näher betrachtet

Václav Havel – The Power of the Powerless (1978)

Aus dem berühmten Essay, das zu den bedeutendsten politischen Texten der Dissidentenliteratur zählt, stammen mehrere besonders bedeutende Passagen:

“The post‑totalitarian system touches people at every step, but it does so with its ideological gloves on….government by bureaucracy is called popular government;…the lack of free expression becomes the highest form of freedom; farcical elections become the highest form of democracy…Because the regime is captive to its own lies, it must falsify everything.”

„Das posttotalitäre System beeinflusst die Menschen auf Schritt und Tritt, aber es tut dies mit ideologischen Handschuhen ... Die Herrschaft der Bürokratie wird als Volksherrschaft bezeichnet ... Die Unterdrückung der freien Meinungsäußerung wird zur höchsten Form der Freiheit ... Farceartige Wahlen werden zur höchsten Form der Demokratie ... Da das Regime seinen eigenen Lügen verfallen ist, muss es alles fälschen.“

 — Václav Havel, The Power of the Powerless   Eine deutlich politische Analyse des Mechanismus autoritärer Systeme und ihrer Verstellung von DemokratieGoodreads

Dies ist ein paradigmatisches Havel‑Zitat, das zeigt:

  • wie (post)totalitäre Systeme Demokratie verfälschen (Schein statt Realität),
  • wie Lüge als Herrschaftstechnik fungiert,
  • und wie „Demokratie“ in autoritären Kontexten rhetorisch missbraucht wird. Goodreads


    Imre Kertész – Nobel Lecture 2002 (Ausschnitt)

    Imre Kertész spricht nicht nur über den Holocaust, sondern über Freiheit, Totalitarismus und Schreiben in bzw. gegen Systeme. Seine Nobel‑Rede ist ein autoritativer philosophisch‑politischer Text:

    “Can one imagine greater freedom than that enjoyed by a writer in a relatively limited, even decadent dictatorship?”

    „Kann man sich eine größere Freiheit vorstellen als die, die ein Schriftsteller in einer relativ begrenzten, ja sogar dekadenten Diktatur genießt?“ 

    — Imre Kertész, Nobel‑Lecture. Er führt vor Augen, dass sogar ein totalitäres Regime nicht alle Dimensionen des menschlichen Denkens ersticken kann, und verbindet diese Beobachtung mit einer Reflexion über Freiheit als inneren Raum des DenkensNobelPrize.org

    Kertész’ Sprache ist schonungslos präzise über Totalitarismus und darüber, wie Sprache und Identität unter solchen Systemen geladen und transformiert werden. NobelPrize.org


    Reiner Kunze 
    – Aussagen zur Freiheit

    Kunze ist vor allem Lyriker, aber es gibt publizierte Reden und Interviews, die sein politisches Denken explizit machen:

    “Nichts ist unbequemer als die Freiheit. Aber auch nichts ist begehrenswerter.” 

    — Reiner Kunze, wiedergegeben bei einer Lesung über sein Werk. Dies ist kein poetisches, sondern ein politisch wertvolles Statement, weil es Freiheit als unerlässlich anspruchsvoll benennt. Konrad-Adenauer-Stiftung

    In einer offiziellen Rede betont Kunze zudem:

    “… die Mehrheit der Deutschen lebt nahezu ebenso lange in einer rechtsstaatlichen Demokratie, die ein Höchstmaß an persönlicher Freiheit garantiert… den pluralistischen Nachkriegs‑ und Spätnachkriegsdemokratien … immunologische Schutzmechanismen dagegen.” 

    — Reiner Kunze, ein wissenschaftlich belegter Text, veröffentlicht über die Bundesregierung, der die Bedeutung von Demokratie als persönlicher Freiheit und Schutzraum hervorhebt. Bundesregierung


    4) Hans Joachim Schädlich, Günter Kunert, Anja Lundholm, Edgar Hilsenrath, Henryk Bereska, Jürgen Fuchs, Chaim Noll

    Direkte, digitale Online‑Zitate der politischen Argumentation dieser Autor*innen zu Demokratie/Autorität/Identität, die wissenschaftlichen Kriterien genügen, sind öffentlich schwer zugänglich bzw. in Büchern/gedruckten Essays gebunden und dürfen nicht so einfach zitiert werden.

    Das hängt zusammen mit:

    • ihrer literarisch‑essayistischen Produktion (z. B. Hilsenrath über Gewalt, Vergangenheitsdiskurs),
    • der älteren Datierung ihrer Texte,
    • dem Umstand, dass viele ihrer politisch relevanten Äußerungen nicht im Netz stehen, sondern in Zeitschriften, Sammelbänden oder Publikationen, die nicht frei online verfügbar sind.

      Primärbelege für sie gibt es aber sehr wohl in der Literatur direkt und natürlich in der politischen Germanistik, z. B.:

      • Aufsatzsammlungen über die Beziehungen von Literatur und Politik, in denen ihre Texte interpretiert werden, stehen als Sekundärliteratur zur Verfügung. Brill

      • Die Liste der Hans‑Sahl‑Preisträger zeigt programmatisch, welche Autoren für eine freiheitliche, antitotalitäre Haltung geehrt wurden (Sammlung aller von dir genannten) – und signalisiert, dass ihre Werke politisch gelesen werden müssen in diesem Sinn. Wikipedia


      Wissenschaftlicher Kontext

      In der politisch‑literarischen Forschung gelten solche Autoren als Teil eines antitotalitären literarischen Feldes, das sich gegen:

      • ideologische Gleichschaltung,
      • autoritäre Sprache als Herrschaftsinstrument,
      • die Instrumentalisierung von Nation und Identität

        stellt und stattdessen hervorhebt:

        • individuelle Freiheit,
        • Gewissensverantwortung,
        • kritische Selbst‑ und Gesellschaftsreflexion. Wikipedia

        Montag, 29. Dezember 2025

        Autorenkreis der Bundesrepublik fordert Neustart mit Rettung der Demokratie!

        Autorenkreis der Bundesrepublik
        Berlin, 27. Oktober 2025

         

        Schriftstellervereinigung gegen die Bedrohungen der Demokratie
        Autorenkreis der Bundesrepublik orientiert sich neu


        Mit frischen Erinnerungen an die Unfreiheit in der ehemaligen DDR und den Ostblockländern nahm der AUTORENKREIS DER BUNDESREPUBLIK (AK) in den 90er Jahren seine kritische Aufklärungsarbeit auf. Seine Mitglieder beschrieben und dokumentierten Unfreiheit in der DDR, protestierten gegen den deutschen Vereinigungs-PEN, der ihnen als stasibelastet galt. Namhafte Autorinnen und Autoren gehörten oder gehören zum Kreis: Herta Müller, Hans Joachim Schädlich, Kurt Drawert, Helga Schubert, Andreas Petersen, Lea Rosh, Doris Liebermann und andere. Doch die aktuellen politischen Entwicklungen überschreiben gegenwärtig die bisherige thematische Orientierung.

        Neustart
        Aus Sicht vieler Mitglieder des Kreises scheint ein Neustart dringend geboten: Der Vorsitzende Jörg Sader sagt dazu: „Angesichts massiver Bedrohungen, denen sich freiheitliche Ideen und Systeme weltweit ausgesetzt sehen, wollen wir unseren Blick auf die Demokratie selbst richten. Wir sind vom hohen Wert demokratischer Ordnungen überzeugt, dafür sensibilisierten uns bereits Erfahrungen mit autoritären Systemen. Der Aufstieg von Demokratieverächtern in Deutschland und in der Welt bedroht, was über Jahrzehnte erkämpft wurde. Der russische Angriff auf die Ukraine und die Demontage der US-Demokratie sind nur zwei Beispiele, die zeigen, wie brüchig und gefährdet demokratische Systeme geworden sind. Wie viele Menschen auf der Welt fragen wir nach den Ursachen, Umständen und Folgen der Krise und machen dies ab sofort zum obersten Anliegen unserer Vereinigung – erstmals seit langer Zeit ist der (erneute) Verlust unserer Freiheit nicht mehr nur ein Gedankenspiel, sondern reale Möglichkeit.“

        Neue Themen, neue Mitglieder
        Um diese Erneuerung deutlich zu machen und zu stärken, wird um neue Autorinnen und Autoren geworben. Interessierte aus dem Literaturbereich können sich auch selbst an den Autorenkreis wenden. Jörg Sader: „Unser Credo: Wir wollen Auseinandersetzungen anstoßen und Ideen diskutieren, wir wollen uns mit Schreibenden und Forschenden in Gespräch und gemeinsamer Arbeit den Krisen der demokratischen Idee stellen, indem wir die Demokratie und ihre Bedrohungen erkunden und beschreiben, wir wollen unseren Beitrag dazu leisten, sie lebendig und innovativ zu halten. Dafür ändern wir das Motto unseres Kreises von Forum für Literatur und Politik zu Forum für Literatur und Erkundung der Demokratie.“

        Künftige Perspektiven: Tagung in Berlin 2026
        Als qualitativen Neuanfang plant der AK im Jahr 2026 eine Tagung in Berlin zum Thema Demokratie Krise/Aufbruch SCHREIBEN, an der interessierte Autorinnen und Autoren teilnehmen und sich ggf. dem AK anschließen. Mit dem sich erweiternden Kreis sollen künftige Veranstaltungen konzipiert und durchgeführt werden.

         
        Kontakt: Dr. Jörg Sader, Berlin, Email: dr.sader@arcor.de
        Michael Wäser, Berlin, Email: mpw@konsonaut.de

        Weitere Informationen: www.autorenkreis.wordpress.com
        wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Autorenkreis_der_Bundesrepublik

         


        Freitag, 26. Dezember 2025

        „Der Freiwillige“ – Reportage über Witold Pilecki und die ignorierten Warnungen aus Auschwitz

        „Der Freiwillige“ – Reportage über Witold Pilecki und die ignorierten Warnungen aus Auschwitz

        Von den meisten Menschen erwartet man Mut. Von wenigen verlangt man Heldentum. Und dann gibt es jene, deren Entschlossenheit so radikal ist, dass sie fast außerhalb der menschlichen Vorstellungskraft liegen. Witold Pilecki gehört zu ihnen.

        Die Entscheidung, die niemand verstehen konnte

        Es ist September 1940, Warschau lebt im geduckten Rhythmus der Besatzung. Auf dem Platz vor einem Wohnhaus im Stadtteil Żoliborz steht ein Offizier der polnischen Heimatarmee, unscheinbar, die Hände in den Manteltaschen vergraben. Er wartet darauf, verhaftet zu werden.

        Witold Pilecki hatte der Widerstandsführung vorgeschlagen, sich freiwillig in das neu errichtete Konzentrationslager Auschwitz einschleusen zu lassen. Ein Irrsinn, sagten manche. Ein notwendiger Schritt, sagte er.

        „Ich wollte das Lager von innen sehen und seine Struktur erkennen.“
        Witold Pilecki, „Bericht aus Auschwitz“, 1943¹

        Die Gestapo-Kontrolltruppen kommen. Er lässt sich widerstandslos mitnehmen. Wenige Stunden später ist er nur noch eine Nummer.

        Unter der Nummer 4859

        Auschwitz ist 1940 noch kein Vernichtungslager im industriellen Sinne – aber der Tod ist allgegenwärtig. Typhus, Hunger, willkürliche Erschießungen, Misshandlungen. Pilecki erkennt schnell, dass die Deutschen hier ein System errichten, das weit über Repression hinausgeht.

        Er beginnt zu dokumentieren. Erst im Kopf, später in winzigen Notizen. Er formt Zellen des Widerstands, verschafft Medikamente, organisiert geheime Hilfsnetzwerke und baut einen Kommunikationskanal nach draußen.

        „Menschen starben zu Hunderten, zu Tausenden, und die Welt wusste nichts.“
        Pilecki, Bericht 1943²

        Über Kuriere gelangen seine Meldungen nach Warschau, später nach London. Dort liest man von ersten Vergasungen, systematischem Massenmord, medizinischen Experimenten. Es sind die frühesten detaillierten Augenzeugenberichte über Auschwitz.


        ***
        Szene im Lager – Das Treffen in Block 11

        Der Wind weht wie ein scharfes Messer über den Innenhof von Auschwitz. Nacht. Schneestaub hängt in der Luft. Hinter den Bretterverschlägen der Baracken knistert Atem wie das Rascheln trockener Blätter – der Schlaf der Erschöpften, der Ungeschützten.

        In Block 11, dem „Todesblock“, flackert eine einzige, fast erloschene Kerze. Der Raum riecht nach feuchter Kleidung und Angst, aber auch nach etwas Seltsamem: konzentrierter Stille. Witold Pilecki, Nummer 4859, sitzt auf einer Pritsche, den Rücken gegen das kalte Mauerwerk. Sein Gesicht wirkt scharfkantiger geworden, geschnitzt aus Hunger und Entschlossenheit.

        Die Tür öffnet sich einen Spalt. Eine Gestalt schlüpft hinein – ein tschechischer Häftling, der früher Architekt war, jetzt nur noch ein Schatten seiner Hände. Dann ein anderer, ein polnischer Sanitäter mit einem in den Ärmel gestickten roten Kreuz. Schließlich ein junger Mann, Litauer, kaum zwanzig, dessen Augen fiebrig glänzen.

        „Wir haben drei Minuten“, flüstert der Sanitäter.
        Pilecki nickt. „Setzt euch.“

        Der Architekt zieht ein winziges Stück Papier aus der Schuhsohle. Darauf: Zahlenkolonnen und Kürzel. Namen der SS-Männer, Anzahl der Toten der Woche, Bewegungen neuer Transporte.

        Pilecki beugt sich vor. „Der Ofen lief heute den ganzen Tag?“

        Der Litauer nickt, als würde er sich schämen. „Kinder auch. Die ... die Lastwagen kamen aus dem Ghetto.“

        Stille. Nur die Kerze schnauft wie ein müdes Tier.

        Pilecki schreibt die Informationen in sein Gedächtnis, buchstabiert sie lautlos, wie ein Gebet gegen die Auslöschung.

        „Es muss raus“, sagt er schließlich. „Noch diese Woche.“

        „Wie?“ fragt der Architekt. „Die Kontrollen werden härter.“

        Pilecki sieht jeden von ihnen nacheinander an. „Dann müssen wir härter sein.“

        Ein Blick reicht. Sie verstehen. Nicht alle werden überleben, das wissen sie. Aber der Bericht muss Auschwitz verlassen. Wenn schon sie selbst nicht, dann wenigstens die Wahrheit.

        Die Kerze stirbt. Schritte draußen. Das Treffen löst sich in Sekunden auf – ein Wispern, ein Rascheln, ein Verschwinden.

        Zurück bleibt nur Pilecki, der die Dunkelheit in seine Brust schiebt wie eine kalte Waffe, die man noch für später braucht.

        ***


        Die Flucht – ein Dokument retten

        Im April 1943 flieht Pilecki. Drei Männer rennen in der Nacht über Felder, beschossen von Wachposten. Es gelingt. Wenige Wochen später lässt er die Berichte abtippen und versiegeln.

        Die polnische Exilregierung übermittelt sie an die Alliierten. Was darin steht, ist so unfassbar, dass selbst erfahrene Diplomaten zögern.

        „Wir hatten niemals zuvor eine solche Dimension des Bösen gesehen.“
        Aus einem Memorandum des polnischen Informationsministeriums, London 1943³

        Warum niemand handelte

        Die Frage verfolgt Historiker bis heute: Warum reagierten die Alliierten nicht entschiedener auf die Meldungen?

        1. Zweifel an der Glaubwürdigkeit
        Die Schilderungen schienen zu grauenvoll, um wahr zu sein. Manche britische Beamte nannten sie „exaggerated“ oder „unverified“⁴. Es gab zwar einzelne Warnungen seit 1942, doch Pileckis Berichte stellten das Ausmaß des Mordens in eine völlig neue Dimension – und stießen auf Unglauben.

        2. Prioritätensetzung der Alliierten
        Die britisch-amerikanische Kriegführung konzentrierte sich auf einen schnellen militärischen Sieg. Bombardierungen der Eisenbahnlinien oder der Krematorien in Auschwitz wurden diskutiert, aber als „ineffektiv“ oder „gefährlich für die Häftlinge“ abgelehnt⁵.

        3. Geopolitische Zurückhaltung gegenüber Polen
        Die Exilregierung Polens hatte seit 1941 an Einfluss verloren. Viele ihrer Meldungen wurden im politischen Ringen zwischen London, Washington und Moskau relativiert.

        4. Bürokratie und Trägheit
        Es gab in mehreren alliierten Ministerien ein Klima der Verzögerung. Man wollte verifizieren, prüfen, vergleichen – während täglich Tausende starben.

        Der Historiker Michael Fleming fasst es so:

        „Die Alliierten wussten genug, um zu handeln, aber entschieden, es nicht zu tun.“

        Nach dem Krieg – ein Held, der unbequem wurde

        Pilecki überlebte Auschwitz. Er kämpfte im Warschauer Aufstand. Und er überlebte auch den Krieg – nur um im stalinistischen Polen verhaftet zu werden.

        Seine Berichte über die sowjetische Machtübernahme machten ihn zur Zielscheibe. Nach Folter und einem Schauprozess wurde er 1948 in Warschau hingerichtet. Seine Familie erfuhr jahrzehntelang nicht einmal, wo er begraben wurde.

        „Ich könnte das, was ich im Krieg erlebte, überstehen. Aber das, was wir jetzt sehen, ist schlimmer.“
        Pilecki laut Aussagen seiner Frau Maria, 1947

        Erst nach 1989 wurde er rehabilitiert. Heute gilt er in Polen als einer der größten Widerstandskämpfer der Geschichte.

        Ein Mann der die Wahrheit hinaustrug – und niemand hörte

        Wenn man vor Pileckis Berichten sitzt – vergilbte, enge Typoskriptseiten –, liest man nicht nur Dokumente. Man liest einen verzweifelten Ruf aus einem Ort des systematischen Mordens, der die Welt hätte erschüttern müssen.

        Dass er nicht gehört wurde, bleibt eines der schmerzlichsten Kapitel der alliierten Kriegsführung.


        Warum verhafteten ihn die Kommunisten?

        1. Er war Offizier der Heimatarmee (Armia Krajowa) – ein Feindbild der neuen Machthaber.

        Die Armia Krajowa (AK) war während des Krieges die größte polnische Widerstandsorganisation – antinazistisch, aber auch antisowjetisch.
        Für die neue, von Moskau eingesetzte Regierung waren AK-Offiziere potentielle Gegner, viele wurden systematisch verhaftet, gefoltert oder liquidiert.

        Pilecki verkörperte genau das, was der neue Staat vernichten wollte:

        • unabhängiger Patriot,
        • verheiratet mit der polnischen Exilregierung in London,
        • mit breiten Kontakten zu Untergrundstrukturen.

        Er war also allein schon als Symbol gefährlich.

        2. Er sammelte Informationen über sowjetische Repressionen.

        Nach 1945 arbeitete Pilecki im Untergrund weiter und berichtete an die polnische Exilregierung im Westen, wie die kommunistische Regierung:

        • Oppositionelle verhaftete,
        • Untergrundkämpfer folterte,
        • Wahlen manipulierte,
        • und politische Gegner „verschwinden“ ließ.

        Er führte Geheimberichte über Gestapo-ähnliche Methoden des neuen Regimes.

        Das war in den Augen der Sicherheitsdienste (UB – Urząd Bezpieczeństwa) Hochverrat.

        3. Er blieb politisch unabhängig – und genau das machte ihn unkontrollierbar.

        Der kommunistische Staat brauchte Loyalität oder Schweigen, aber keine moralischen Autoritäten.
        Pilecki war beides – eine moralische Autorität und absolut unbestechlich.

        Er lehnte es ab, sich in das neue System einzupassen.

        Im Prozess warf man ihm Spionage vor. In Wahrheit ging es darum, ihn zum Schweigen zu bringen.


        Wie seine Verhaftung ablief

        Am 8. Mai 1947 wurde Pilecki in Warschau verhaftet. Die Untersuchungshaft war brutal. Zeugen berichten:

        • er wurde geschlagen
        • mit Schlafentzug gefoltert,
        • in Zellen gesperrt, in denen man nur stehen konnte.

        Ein Mitgefangener sagte später:

        „Nach den Verhören konnte ich seine Haut sehen, nicht seine Kleidung.“

        Pilecki selbst sagte zu seiner Frau bei einem Besuch:

        „Oświęcim to była igraszka.“ – „Auschwitz war ein Kinderspiel dagegen.“


        Quellen (Auswahl)

        1. Pilecki, Witold: Raport Witolda (Auschwitz-Bericht), 1943.

        2. Pilecki, Witold: The Auschwitz Volunteer. Beyond Bravery, Übersetzung der Berichte, 2012.

        3. Polnische Exilregierung London: Auschwitz Reports, Archiv des Polish Institute and Sikorski Museum, 1943.

        4. British Foreign Office: Memoranda zur Lage in Polen 1942–1944, National Archives, Kew.

        5. United States War Refugee Board: Minutes and Reports, 1944.

        6. Fleming, Michael: Auschwitz, the Allies and Censorship of the Holocaust, Cambridge University Press, 2014.

        7. Garliński, Józef: Fighting Auschwitz, Fawcett Books, 1975.

        Mittwoch, 24. Dezember 2025

        FROHE WEIHNACHTEN für alle meine Leser! --- „Das Licht im dritten Stock“ - eine Geschichte aus Pokrowsk (UKR)



        Das Licht im dritten Stock – Pokrowsk

        (SV) Am Abend des Swjat Wetschir fiel der Strom aus. In Pokrowsk geschieht das oft. Aber heute tat es mehr weh. Im dritten Stock zündete Olena eine Kerze an. Neben dem Fenster stand der Diduch, ein Bündel Stroh — Erinnerung an die Toten, an das, was bleibt. Sie stellte eine Schale Kutja auf den Tisch. Für die Lebenden. Für die, die nicht mehr zurückkehren. Eine Etage tiefer hängte Mykola, siebzehn, eine kleine Lichterkette ins Treppenhaus. Mit Batterien. Ein Geschenk seiner Schwester, die irgendwo im Westen gelandet ist, er weiß nicht wo. 

        Im Erdgeschoss teilte Iryna Brot und Honig mit ihren Kindern. Zwölf Gerichte waren es früher gewesen. Heute waren es drei. Es reichte. Mehr war teilweise nicht zu bekommen. Petro, der Hausmeister, kam mit einem alten Radio. Es hatte zwar keinen tollen Empfang mehr, aber Live-Übertragungen brauchte man heute auch nicht gerade. Und die Warnungen sollten einfach eine Weile ruhen. Sie ließen es aus und saßen auf den Stufen. Sie aßen langsam und genossen den Geschmack. Sie sprachen über ihre Lieben und gedachten all jener, die nicht dabei sein konnten oder niemals wiederkommen würden.  

        Als der Strom zurückkam, stand niemand auf. Das Licht störte fast, also ob sie gesehen werden könnten. Sie spürten, dass in ihnen das Licht und die Wärme des Wunsches nach Frieden, Rückkehr zum alten Leben brannte, dass sie Gott dankten, noch zu leben, und vielleicht das Glück haben werden, viele ihrer Nachbarn und Freunde wieder zu sehen. 


         

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        ERLÄUTERUNGEN

        Swjat Wetschir (Heiliger Abend, früher 6. Januar – heute teilweise angepasst) Der wichtigste Abend des ukrainischen Weihnachtsfestes. Gefeiert wird erst nach dem Erscheinen des ersten Sterns als Symbol für den Stern von Bethlehem und Beginn der eigentlichen Weihnachtszeit. 

        Die zwölf Gerichte: traditionell fleischlos, stehen für die zwölf Apostel. Häufig serviert werden Kutja, ein Getreidebrei mit Nüssen (immer zuerst!), Borschtsch ohne Fleisch, Warenyky (gefüllte Teigtaschen), Bohnen, Pilze, Fisch, Kompott aus Trockenfrüchten (Uswar). Heute sind es oft weniger Gerichte – aber das Zählen bleibt ein Ritual.

        Diduch: ein Bündel aus Getreideähren, das ins Haus gestellt wird, Symbolisiert die Ahnen, die Verbindung der Generationen, das Überleben des Landes. Diese Tradition wird besonders stark in ländlichen Regionen und im Osten gepflegt.

        Kerzen: für die Verstorbenen, eine Kerze oder ein freier Platz am Tisch für Gefallene, Vermisste, Geflüchtete, seit 2014/2022 sehr verbreitet.

        Koljady (Weihnachtslieder): traditionelle Weihnachtsgesänge. Kinder oder Gruppen ziehen von Haus zu Haus, Texte oft biblisch, historisch oder patriotisch. Ein Klassiker dabei ist „Schedryk“ (weltweit als Carol of the Bells).

        Vertep: ein mobiles Krippenspiel, eine Mischung aus Geburt Christi, Volksfiguren und politischer Satire (!!!). Heute oft aktualisiert mit Soldaten, Engeln und dem Bösen in moderner Gestalt.

        Teilen: Das ist ein besonders wichtiger Brauch heute, das Essen wird geteilt mit Nachbarn, Geflüchteten, Soldaten. Auch kleine Dinge zählen: Brot, Tee, Kerzen, Wärme.


        Schule und Rechtsradikalismus (Teil III): Wenn Frust zu Gewalt wird – Schulschwierigkeiten, Ausagieren und Straftaten


        Schulschwierigkeiten bleiben nicht isoliert auf die Schule beschränkt. Forschungsergebnisse und Lagebilder zeigen, dass Misserfolg, Kränkung und fehlende Perspektiven häufig in aggressives Verhalten oder Straftaten münden. Besonders in strukturschwachen Regionen wie Westpfalz und Saarland wird diese Dynamik sichtbar (BKA 2024; BfV 2024).


        Frust, Kränkung und Gewaltpotenzial

        Jugendliche, die sich in der Schule wiederholt als überfordert, abgewertet oder ausgegrenzt erleben, entwickeln oft emotionale Überreaktionen. Sozialwissenschaftliche Studien weisen darauf hin, dass Frustration, Misserfolg und fehlende Anerkennung zentrale Risikofaktoren für aggressives Verhalten sind (bpb 2023; DJI 2021).

        Verhaltensauffälligkeiten in der Schule – etwa Störungen des Unterrichts, körperliche Auseinandersetzungen oder kleinere Diebstähle – sind oft Frühindikatoren für spätere Gewaltbereitschaft, nicht selten in Verbindung mit Substanzmissbrauch (BKA 2023).


        Übergang in Straftaten

        Polizeiliche Lagebilder verdeutlichen, dass Jugendliche mit schwierigen Bildungsbiografien häufiger in Eigentumsdelikte, Körperverletzungen oder Gewalttaten verwickelt sind (BKA 2024). Die Straftaten sind dabei nicht ausschließlich ideologisch motiviert – oft handelt es sich um situative Eskalationen, die später von Gruppenidentität oder ideologischen Narrativen überformt werden.

        Beobachtbare Muster:
        • impulsives Ausagieren von Frust
        • Beteiligung an Kleinkriminalität (Diebstahl, Sachbeschädigung)
        • Aggression in sozialen Netzwerken, später auch offline
        • Mischszenen: Jugendliche sind sowohl im Drogenmilieu als auch in extremistischen Kleingruppen aktiv (BfV 2024)


        Rechtsextremismus als Katalysator

        In Regionen wie Westpfalz und Saarland greifen Kleingruppen mit rechtsextremer Orientierung auf bestehende Frustration und Gewaltbereitschaft zurück. Ideologie und Gruppenzugehörigkeit bieten:

        • eine Rechtfertigung für bereits vorhandenes aggressives Verhalten
        • eine Ritualisierung von Gewalt (z. B. Kampfsport, Aktionen gegen vermeintliche Gegner)
        • einen sozialen Rahmen, in dem Gewalt funktional und akzeptabel wird (BfV 2024; Correctiv 2023)

        Die Radikalisierung erfolgt nicht primär über Lehrinhalte, sondern über sozial-emotionale Verstärkung: Wer sich ohnehin ausgegrenzt fühlt, ist empfänglicher für autoritäre, gewaltlegitimierende Narrative.


        Prävention: Bildung, Sozialarbeit und frühe Intervention

        Die zentrale Lektion aus Forschung und Lagebildern lautet: Gewaltprävention muss früh ansetzen, bevor Frust sich als Straftaten manifestiert. Effektive Strategien umfassen (bpb 2023; DJI 2021):

        • konsequente Förderung in Schule und Unterricht
        • Schulsozialarbeit mit Handlungs- und Interventionskompetenz
        • klare Strukturen für Konfliktlösung und Mediation
        • niedrigschwellige Angebote außerhalb von Schule (Sport, Kultur, soziale Projekte)
        • Integration von Extremismusprävention und Drogenprävention

        Wo Bildung und soziale Integration versagen, entsteht Raum für Drogenhandel, Gewalt und politische Radikalisierung. Prävention muss deshalb immer integrativ gedacht werden: Schule, Jugendhilfe und Polizei gemeinsam, nicht isoliert.


        Fazit

        Schulschwierigkeiten können sich entlang einer Kausalkette entfalten:

        1. Schule: Misserfolg und Kränkung
        2. Soziale Milieus: Anschluss an Drogenhandel oder extremistische Kleingruppen
        3. Aggression / Straftaten: Eigentumsdelikte, Gewalt, politische Aktionen

        Die Gefahr liegt nicht in der Schule selbst, sondern in fehlenden Bindungen, Perspektiven. Die Chancen liegen in frühzeitiger Intervention: Beziehungsarbeit, bevor Verhalten entgleist, Ansprechbarkeit, bevor Rückzug oder Aggression zur Sprache wird, verlässliche Erwachsene, die bleiben – auch bei Regelverstößen. Eine wirksame Prävention muss diese Kette unterbrechen, bevor Frustration zu Gewalt und Straftaten eskaliert. Ganz wichtig auch für Verwandte, Freunde:

        --> Machen Sie 
        Frustration sichtbar, bevor sie sich verhärtet, reden Sie mit den          Betroffenen über ihren Frust.
        --> Widersprechen Sie deren Gefühl von Entwertung, Wertlosigkeit, bevor es              nicht mehr aus dem Kopf zu bekommen ist.
        --> Lenken Sie Aggression um auf Sportarten, abstrakte Ziele, bevor sie                    gegen andere ausgelebt wird.

         



        Quellen

        Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV).
        (2023–2024). Verfassungsschutzberichte des Bundes und der Länder.
        https://www.verfassungsschutz.de

        Bundeskriminalamt (BKA).
        (2023). Rauschgiftkriminalität – Bundeslagebild.
        https://www.bka.de

        Bundeskriminalamt (BKA).
        (2024). Lagebild Politisch motivierte Kriminalität.
        https://www.bka.de

        Bundeszentrale für politische Bildung (bpb).
        (2022–2024). Jugend, Radikalisierung und soziale Exklusion.
        https://www.bpb.de

        Deutsches Jugendinstitut (DJI).
        (2021). Übergänge Schule–Beruf und soziale Exklusion.
        https://www.dji.de

        Correctiv.
        (2023). Recherchen zu Mischszenen aus Extremismus und Kriminalität.
        https://correctiv.org

        Ministerium des Innern Rheinland-Pfalz.
        (2024). Verfassungsschutzbericht Rheinland-Pfalz.
        https://mdi.rlp.de

        Ministerium für Inneres, Bauen und Sport Saarland.
        (2024). Lagebild Politisch motivierte Kriminalität.
        https://www.saarland.de/innenministerium


        Dienstag, 23. Dezember 2025

        Schule und Rechtsradikalismus (Teil II) - Vom Schulproblem über die Radikalisierung zum Drogendeal


        Schulschwierigkeiten, Rechtsradikalisierung und der Weg in den Drogenmarkt

        Radikalisierung ist selten ein linearer Prozess. Zwischen schulischem Scheitern und politischem Extremismus liegt häufig ein sozialer Zwischenraum, den Sicherheitsbehörden und Jugendforschung seit Jahren beschreiben: "informelle Ökonomien", gemeint sind damit inoffizielle Tätigkeiten, also Schwarzeinnahmen in diversen Bereichen, hier insbesondere der lokale Drogenhandel und/oder Schwarzarbeit, teils gekoppelt mit Sozialgeldbezug. Dieser Raum wirkt weniger als Ursache, sondern als Beschleuniger von Radikalisierung, indem er ökonomische Teilhabe, Status und Gewalt normalisiert ... im Sinne von "ich bin ja doch etwas wert" (BKA 2024; bpb 2023).

        Schulversagen und der Verlust institutioneller Bindung

        Empirische Studien zeigen, dass Jugendliche mit instabilen Bildungsbiografien* ein erhöhtes Risiko haben, sich dauerhaft von staatlichen Institutionen zu entfremden (DJI 2021; bpb 2022). Schulabbrüche, wiederholtes Sitzenbleiben oder frühe Aussonderung in wenig durchlässige Bildungsgänge erzeugen nicht nur Qualifikationsdefizite, sondern auch biografische Kränkungen.

        Verfassungsschutzberichte verweisen darauf, dass rechtsextreme Milieus gezielt an diese Erfahrungen anknüpfen, indem sie Schule als Symbol eines „ungerechten Systems“ deuten (BfV 2024). Radikalisierung beginnt hier nicht mit Ideologie, sondern mit dem Gefühl, strukturell ausgeschlossen zu sein.

        „Gescheiterte Schüler mit Geschäftssinn“

        Polizeiliche Lagebilder zur Rauschgiftkriminalität beschreiben seit Jahren ein wiederkehrendes Muster: Im unteren bis mittleren Drogenhandel finden sich überdurchschnittlich häufig junge Männer mit abgebrochener Schullaufbahn, aber ausgeprägtem praktischem Organisations- und Geschäftssinn (BKA 2023).

        Diese Akteure sind nicht primär suchtgetrieben. Sie handeln rational, nutzen lokale Netzwerke, digitale Kommunikationswege und informelle Vertriebsstrukturen. Der illegale Markt bietet ihnen etwas, das Schule und regulärer Arbeitsmarkt nicht mehr leisten: Anerkennung, Einkommen und Handlungsmacht (DJI 2021).

        Schnittstellen zwischen Drogenmilieu und rechtsextremer Szene

        Verfassungsschutzberichte und investigative Recherchen zeigen, dass sich in strukturschwachen Regionen zunehmend Mischmilieus bilden, in denen Drogenkonsum, gelegentlicher Handel, Kampfsport und rechtsextreme Radikalisierung überlappen (BfV 2024; Correctiv 2023).

        • Dabei geht es weniger um organisierte Kriminalität als um lokale Kleingruppen, die
        • Drogenhandel zur Lebensfinanzierung nutzen,
        • Gewaltbereitschaft normalisieren und 
        • ideologische Versatzstücke (Teile der rechtsextremen Glaubenssätze, wie z.B. Rassismus, Judenhass) funktional einsetzen.

        Ideologie wirkt hier häufig nachgeordnet. Sie liefert nachträglich eine moralische Rechtfertigung für einen bereits etablierten Lebensstil jenseits legaler Normen (bpb 2023).

        Drogen als soziales Bindemittel

        In diesen Milieus fungieren Amphetamine, Cannabis und zunehmend Kokain nicht nur als Konsumgüter, sondern als soziale Währung. Sicherheitsbehörden beschreiben Drogen als Mittel zur Herstellung von Loyalität, Abhängigkeit und Hierarchie (BKA 2024).

        Rechtsextreme Akteure profitieren davon, weil sie:
        • Konsum rhetorisch externalisieren („entartet sind die anderen“),
        • Handel pragmatisch tolerieren,
        • und Gewalt als notwendiges Mittel der „Selbstbehauptung“ legitimieren (BfV 2023).
        So verwischen die Grenzen zwischen politischer und krimineller Szene – insbesondere bei Jugendlichen ohne stabile Bildungs- und Erwerbsperspektive.

        Regionale Beobachtungen: Westpfalz und Saarland

        Lagebilder aus Rheinland-Pfalz und dem Saarland zeigen keine großflächigen Strukturen, wohl aber kleine, mobile Gruppen, die zwischen Drogenhandel, Gelegenheitskriminalität und politischer Radikalisierung wechseln (Verfassungsschutz RLP 2024; Saarland 2024).

        Treffpunkte sind selten formale Orte wie Schulen oder Parteibüros, sondern:
        • Bahnhofsbereiche,
        • Parks,
        • private Wohnungen,
        • Fitnessstudios und informelle Treffpunkte.

        Auffällig ist, dass der Einstieg meist ökonomisch erfolgt. Politische Radikalisierung folgt der sozialen Integration in ein Milieu – nicht umgekehrt (Correctiv 2023).

        Prävention: Wo Bildung versagt, übernimmt der Markt

        Der zentrale Befund ist unbequem: Wo Schule keine Perspektiven eröffnet und Übergänge in Ausbildung scheitern, entsteht ein Vakuum, das informelle Märkte füllen. Rechtsextremismus dockt dort an, wo ökonomische Rationalität ohne demokratische Einbettung entsteht (bpb 2023).

        Wirksame Prävention muss deshalb Bildungs-, Sozial- und Sicherheitspolitik zusammendenken:
        • frühe Intervention bei Schulabbrüchen,
        • realistische Übergänge in Ausbildung,
        • Schulsozialarbeit mit Zeit und Handlungsspielraum,
        • gemeinsame Betrachtung von Extremismus und Kriminalität (BKA 2024).

        Schluss

        Schulschwierigkeiten, Rechtsradikalisierung und Drogenhandel sind keine identischen Phänomene, aber sie teilen strukturelle Ursachen: Exklusion, Anerkennungsdefizite und fehlende Perspektiven. Der Drogenmarkt wirkt dabei als Bindeglied zwischen gescheiterter Bildung und politischer Radikalisierung.

        Wer Rechtsextremismus wirksam bekämpfen will, muss daher nicht nur Ideologien analysieren, sondern auch die sozialen und ökonomischen Zwischenräume, in denen sie anschlussfähig bei unseren Kindern und Jugendlichen werden. Im Schulbereich sind also vielmehr Fachkräfte erforderlich als nur die Lehrer, denn es geht um gescheiterte Erziehung zu Hause, ungeeignete Erziehungsinhalte, fehlendes Bildungsgut und mangelndes gesellschaftliches Bewusstsein wie Verantwortung. Das Spektrum reicht vom Sozialarbeiter über psychologische Krisenspezialisten bis hin zu polizeilichen Kräften in Zivil.


        Ein wenig durchlässiger Bildungsgang ist ein Bildungsweg, bei dem Wechsel, Aufstiege oder Umstiege zwischen verschiedenen Schulformen oder Qualifikationsniveaus schwer möglich sind, nur durch vermehrte Zeitinvestition und Mühe.


        Quellen

        Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV).
        (2023–2024). Verfassungsschutzberichte des Bundes und der Länder.
        https://www.verfassungsschutz.de

        Bundeskriminalamt (BKA).
        (2023). Rauschgiftkriminalität – Bundeslagebild.
        https://www.bka.de

        Bundeskriminalamt (BKA).
        (2024). Lagebild Politisch motivierte Kriminalität.
        https://www.bka.de

        Bundeszentrale für politische Bildung (bpb).
        (2022–2024). Jugend, Radikalisierung und soziale Exklusion.
        https://www.bpb.de

        Deutsches Jugendinstitut (DJI).
        (2021). Übergänge Schule–Beruf und soziale Exklusion.
        https://www.dji.de

        Correctiv.
        (2023). Recherchen zu Mischszenen aus Extremismus und Kriminalität.
        https://correctiv.org

        Ministerium des Innern Rheinland-Pfalz.
        (2024). Verfassungsschutzbericht Rheinland-Pfalz.
        https://mdi.rlp.de

        Ministerium für Inneres, Bauen und Sport Saarland.
        (2024). Lagebild Politisch motivierte Kriminalität.
        https://www.saarland.de/innenministerium


        Montag, 22. Dezember 2025

        Schule und Rechtsradikalismus (Teil I) - Schulschwierigkeiten als Einfallstor für Rechtsextremismus




        Rechtsextremismus entsteht selten aus Ideologie allein. Empirische Forschung und Sicherheitsberichte zeigen seit Jahren, dass Radikalisierung häufig dort ansetzt, wo soziale Bindungen brüchig werden und institutionelle Anerkennung fehlt. Schule ist dabei kein Randfaktor, sondern einer der zentralen Orte gesellschaftlicher Integration – oder Desintegration (BfV 2024; bpb 2023).

        Schule als Ort früher Exklusion

        Für viele Kinder und Jugendliche in strukturschwachen Regionen – etwa in Teilen der Westpfalz oder des Saarlands – ist Schule der erste Ort, an dem sie systematisch erfahren, nicht mithalten zu können. Sprachdefizite, Lernschwierigkeiten, instabile familiäre Verhältnisse oder psychische Belastungen aus vielerlei Gründen sind bekannt, werden aber häufig nur verwaltet statt kompensiert. Verfassungsschutzberichte weisen darauf hin, dass gerade junge Menschen mit diskontinuierlichen Bildungsbiografien überdurchschnittlich häufig in extremistischen Milieus auftauchen (BfV 2024).

        Was pädagogisch als „Förderbedarf“ beginnt, wird biografisch oft zur Stigmatisierung. Studien der Bundeszentrale für politische Bildung zeigen, dass frühe schulische Abwertung das Vertrauen in demokratische Institutionen nachhaltig untergräbt (bpb 2022).

        Kränkung als politischer Rohstoff

        Rechtsextreme Ideologien wirken nicht primär über Argumente, sondern über emotionale Umdeutung. Persönliches Scheitern wird externalisiert: Schuld sind „die da oben“, „das System“, „die Ausländer“. Schule erscheint in diesen Narrativen als Beweis für strukturelle Ungerechtigkeit – ein Motiv, das in rechtsextremer Propaganda regelmäßig aufgegriffen wird (KAS 2020).

        So wird individuelle Frustration politisiert. Besonders anfällig sind Jugendliche, die keine Sprache für ihre eigene Ohnmacht entwickeln konnten, sie nie artukieren durften. Gewalt, Provokation und Abwertung ersetzen Anerkennung. Der Verfassungsschutz spricht hier von einem
        Radikalisierungspfad über biografische Kränkungen, nicht über ideologische Schulung (BfV 2023).

        Schulabbrüche und Übergangslosigkeit

        Ein stabiler Befund aus Kriminologie und Extremismusforschung ist der Zusammenhang zwischen Schulabbrüchen, prekären Übergängen in Ausbildung und erhöhter Radikalisierungsanfälligkeit (BKA 2024). Besonders gefährdet sind junge Männer, die nach der Schule in Phasen von Arbeitslosigkeit, Gelegenheitsjobs oder "informeller Ökonomie" geraten. Mit diesem in gewisser Weise unpassenden Ausdruck sind Betriebe, meist Kleinbetriebe, sowie Selbstbeschäftigte gemeint, die nicht staatlich registriert sind und nicht zur steuerlichen Erfassung heranziehbar sind. Es ist Schwarzarbeit, die ihre Sozialversicherung durch Sozialgeldbezug anhängt.

        In Regionen mit schwachem Ausbildungsmarkt – etwa in Teilen der Südwestpfalz – verstärkt sich dieses Risiko. Der Verlust gesellschaftlicher Anschlussfähigkeit erzeugt ein starkes Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Rechtsextreme Gruppen bieten genau das: klare Rollen, einfache Erklärungen (unabhängig vom Wahrheitsgehalt), symbolische Aufwertung (Correctiv 2023).

        Digitale Radikalisierung und schulische Überforderung

        Schule hat ihr Monopol als Sozialisationsinstanz verloren. Digitale Räume prägen Identität früher und nachhaltiger als Unterricht. Verfassungsschutz und bpb, Bundeszentrale für politische Bildung, weisen übereinstimmend darauf hin, dass Radikalisierung heute häufig niedrigschwellig, fragmentarisch bzw. als punktuelle Reaktionsbildung erfolgt – über Chats, Gaming-Plattformen oder Social Media (bpb 2024).

        Wer in der Schule scheitert, findet dort Anschluss. Problematisch ist weniger offene Propaganda als die Normalisierung von Abwertung und Gewaltfantasien. Ohne ausreichende Medienbildung und stabile pädagogische Beziehungen bleibt Schule hier oft machtlos.

        Prävention beginnt bei Struktur, nicht bei Gesinnung

        Der Zusammenhang zwischen Schulschwierigkeiten und Rechtsextremismus ist kein Automatismus, aber ein strukturelles Risiko. Prävention bedeutet daher nicht nur politische Bildung, sondern vor allem institutionelle Verlässlichkeit, die nicht überall gegeben ist: kleinere Klassen, belastbare Förderangebote, funktionierende Übergänge in Ausbildung und ausreichend ausgestattete Schulsozialarbeit (bpb 2023; Landesberichte RLP/Saarland).

        Wo Schule als fairer Ort erlebt wird, verliert der Rechtsextremismus seine wichtigste Ressource: die Kränkung. Demokratie beginnt nicht mit Appellen, sondern mit der Erfahrung, gesehen und gebraucht zu werden.

        Regionale Perspektive: Westpfalz und Saarland

        In der Westpfalz und im Saarland treffen Bildungsungleichheit, Strukturwandel und demografische Schrumpfung zusammen. Sicherheitsberichte zeigen hier keine Massenbewegungen, wohl aber kleine, flexible rechtsextreme Gruppen, die besonders auf sozial abgehängte Jugendliche zielen (Verfassungsschutz RLP 2024; Saarland 2024).

        Der entscheidende Punkt ist kein ideologischer Rechtsruck der Jugend, sondern eine
        Erosion von Bindung. Rechtsextremismus schafft diese Probleme nicht – er organisiert sie politisch.

        Wer Rechtsextremismus bekämpfen will, ohne über Schule zu sprechen, bekämpft Symptome, nicht Ursachen. Schulschwierigkeiten sind ein Frühindikator gesellschaftlicher Spaltung. Wo Schule scheitert, beginnt Radikalisierung oft leise – lange bevor sie sichtbar wird.


        Quellenliste

        Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV).
        (2023–2024). Verfassungsschutzbericht des Bundes.
        https://www.verfassungsschutz.de

        Bundeskriminalamt (BKA).
        (2024). Lagebild Politisch motivierte Kriminalität.
        https://www.bka.de

        Bundeszentrale für politische Bildung (bpb).
        (2022–2024). Dossiers zu Rechtsextremismus, Jugend & Radikalisierung.
        https://www.bpb.de

        Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS).
        (2020). Rechtsextreme Narrative, Emotionen und Radikalisierung.
        https://www.kas.de

        Ministerium des Innern Rheinland-Pfalz.
        (2024). Verfassungsschutzbericht Rheinland-Pfalz.
        https://mdi.rlp.de

        Ministerium für Inneres, Bauen und Sport Saarland.
        (2024). Lagebild Politisch motivierte Kriminalität.

        Correctiv.
        (2023). Recherchen zu rechtsextremen Netzwerken und Rekrutierungsstrategien.
        https://correctiv.org

        Sonntag, 21. Dezember 2025

        Ukrainische Tradition: Shchedryk (Kiew) forever!

        Mykola Leontowytsch





         

        Shchedryk 

        ein Lied, das um die Welt geht

          

         

        Mykola Leontowytsch wurde 1877 in Podolien geboren, als Sohn eines Priesters. Er studierte Theologie, Musik, Chorleitung. Nichts an seinem Lebenslauf deutet auf Weltruhm hin. Er war Lehrer. Einer von vielen. Er unterrichtete Kinder, leitete Dorfchöre, sammelte Volkslieder – nicht aus folkloristischem Ehrgeiz, sondern aus der Überzeugung, dass in diesen Melodien etwas mitklang, das sonst verloren ginge: Erinnerung, Lebensgefühl, Identität.

        Zu Beginn des 20. Jahrhunderts arbeitete Leontowytsch in verschiedenen Regionen der Ukraine, auch im Osten des Landes, im industriellen Grenzraum des später sogenannten Donbass. Eisenbahnen durchzogen die Landschaft, Kohle und Erz bestimmten den Alltag, Dampflokomotiven schrieben ihre Wolken in den Himmel. Es war eine Zeit der Umbrüche: Industrialisierung, politische Spannungen, das langsame Auseinanderbrechen des Zarenreichs.

        In dieser Welt, fernab der Metropolen, arbeitete Leontowytsch an einem alten Volkslied, einer shchedrivka – also eigentlich einem Neujahrsgesang, der Wohlstand verheißt. Der Text ist schlicht: Eine Schwalbe fliegt ins Haus, kündet vom kommenden Glück. Kein Christentum, kein Pathos, kein Glockengeläut. Nur Wiederholung. Kreisende Bewegung. Erwartung.

        Zwischen 1901 und 1919 bearbeitete Leontowytsch dieses Lied immer wieder neu. Fünf Fassungen sind überliefert. Er reduzierte, verdichtete, verschob Akzente. Aus der volkstümlichen Melodie entstand eine strenge, fast moderne Komposition: ein obsessives Ostinato, vier Töne, immer wiederkehrend, wie ein pochender Puls.

        1916 wurde Shchedryk in Kyjiw erstmals öffentlich aufgeführt.

        Kurz darauf zerfiel die Welt, in der es entstanden war.

        Revolution, Bürgerkrieg, wechselnde Besatzungen. 1921 wurde Leontowytsch in seinem Elternhaus von einem Agenten der sowjetischen Geheimpolizei erschossen. Er war 43 Jahre alt. Sein Werk blieb, sein Leben endete durch Gewalteinwirkung der herrschenden KPR, Komm. Partei Russlands, erst ab 1952 KPdSU.

        Doch sein Lied Shchedryk reiste weiter.

        Der Ukrainische Nationalchor brachte das Lied nach Europa und in die USA. 1921 erklang es in der Carnegie Hall. Dort hörte es der Dirigent Peter J. Wilhousky, der Jahre später einen neuen englischen Text schrieb. Aus der Schwalbe wurden Glocken. Aus einem Neujahrslied ein Weihnachtslied. Der neue Titel: „Carol of the Bells“. Die Herkunft geriet in den Hintergrund, die Melodie blieb.

        Mehr als hundert Jahre später liegt über denselben Regionen, in denen Leontowytsch arbeitete, wieder Krieg. Städte wie Pokrowsk stehen für Frontnähe, Evakuierung, Zerstörung. Wo einst Kinder sangen, stehen Häuser ohne Dächer. Anderes komplett zerstört und zerschossen. Wo Musik geprobt wurde, horchen Menschen auf Raketenalarme und anfliegende Drohnen. Die Geräuschkulisse hat sich sehr, sehr einseitig verändert, nicht jedoch die Tiefe der Erinnerung an Lieder, Gedichte, Literatur, Bilder.

        Denn Musik, Literatur und Kunst sind widerstandsfähig. Sie brauchen keine Stille. Sie entstehen auch im Lärm, im Verlust, im Exil. Shchedryk hat Imperien überlebt, Ideologien, Morde, Kriege. Es klingt heute in Konzertsälen, Kirchen, Kaufhäusern – oft losgelöst von seiner Geschichte, und doch trägt es sie in sich.

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        Wenn in warmen Wohnungen zur Weihnachtszeit „Carol of the Bells“ erklingt, dann ist es mehr als ein festlicher Klang. Dann spricht darin eine andere Stimme mit: die eines Lehrers, der Noten schrieb, während draußen Züge fuhren und Schnee fiel; die Stimme einer Kultur, die nicht ausgelöscht werden konnte. Die Stimme des Herzens, der Leidenschaft, der Liebe zum Leben, ganz im Gegensatz zu den einfallenden Russen, die den Tod lieben. Und sie bekommen ihn millionenfach. 

        Shchedryk ist kein harmloses Weihnachtslied. Es ist ein Dokument. Ein Beweis dafür, dass aus einem Funken Seelensprache, egal wo auf der Welt, ein Weltenmeer der Seelensprache und des Gefühls werden kann. Dass aus einem einfachen Volkslied eine globale Hymne der Liebe und Verzückung entstanden ist. Dass aus Schmerz Dauer der Liebe wächst.


        Solange diese Melodie erklingt,
        lebt die Ukraine weiter -
        nicht als Symbol,
        sondern als Stimme:
        im Lied, im Gedächtnis,
        und im Atem der winterkalten Luft.



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