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Donnerstag, 23. Oktober 2025

Severin Groebners Neuer Glossenhauer #81 - Statt eines Titels: Oktober-Notizen

 


















So vielfarbige wie der graue Herbst © Foto: Dominic Reichenbach / Artwork: Claus Piffl


Statt eines Titels: Oktober-Notizen

Notiz 1

Ich lese: Geert Wilders sagt einen Wahlkampfauftritt wegen Gefährdung ab. Da dank ich mir:
„Na, endlich sieht das der Mann ein, dass seine Wahlkampfauftritte sowie eigentlich sein gesamtes politisches Wirken das friedliche Zusammenleben in den Niederlanden gefährdet! Das wurde aber auch Zeit!“
Es ist aber leider anders, als ich das verstanden habe.


Notiz 2

Putin gibt zu, dass die russische Luftabwehr vor ein paar Monaten ein aserbaidschanisches Flugzeug in Kasachstan abgeschossen hat.
Das ist sehr freundlich von ihm. Macht aber freilich keins der Todesopfer wieder lebendig.
Und doch lässt es hoffen:
Irgendwann - so in 20 oder 30 Jahren - wird Russland auch zugeben, dass es ohne Grund die Ukraine überfallen hat, Kriegsverbrechen begangen, Kinder verschleppt und ein Terrorregime in der Ostukraine errichtet hat.
Aber das dauert noch.
Der kleine Mann lernt ja gerade überhaupt erst, dass man Fehler auch eingestehen kann.


Notiz 3

Es gibt ein tolles neues Wort im politischen Diskurs: „Postkolonial“.
Der Begriff wabert ja schon seit einiger Zeit herum und wenn ich ihn richtig verstehe, ist „postkolonial“ ein Projekt der mehrheitlich weißen europäischen und US-amerikanischen Bildungselite, die dem Rest der Welt beibringen möchte, sich von der europäischen und US-amerikanischen Dominanz zu befreien.
Das ist gute Tradition.
Schon seit längerem finden weiße Menschen ihren Lebenszweck gerne darin vermeintlich „andersfarbige“ Bevölkerungen auf der Welt zu „befreien“. So wurde ja auch vor 300 Jahren der „zivilisatorische Auftrag“ begründet, in die Welt hinaus zu segeln, die Menschen woanders von ihrer Rückständigkeit zu befreien, um dort dann … naja… äh… Kolonien zu errichten.
Tja, die innere Dekolonisierung ist manchmal das allerschwierigste.

Ich aber wusste schon früh, dass an der Kolonisierung was faul ist.
Das liegt daran, dass ich in Wien im Gemeindebau aufgewachsen bin, und der Platz, wo alle Mülltonnen versammelt waren, hieß: Kolonia-Raum.
Das hatte damals schon einen… Geruch.


Notiz 4

Trump kriegt keinen Nobelpreis.
Das hat ihn angeblich sehr geärgert. Logisch, die Preisträgerin aus Venezuela, Maria Corina Machado, ist erstens eine Latina, zweitens eine Frau und drittens setzt sie sich für Demokratie ein.  Gleich drei Dinge, die Trump nicht mag.
Ich glaube, Trump kriegt aber doch einen Nobelpreis. Vielleicht nicht dieses Jahr, aber nächstes, spätestens übernächstes: Den Wirtschaftsnobelpreis.
Gut, der ist eigentlich kein Nobelpreis, aber das weiß doch der Trump nicht.

Aber der Mann verdient einen Preis: für seine Zollpolitik.
Denn wie der Mann den guten, alten Protektionismus wieder Salon… nein… saloonfähig gemacht hat. Das ist absolut preisverdächtig.
Auch weil die Verbraucherpreise in den USA deswegen ständig steigen.

Und ich persönlich verstehe auch seinen Gram über den nicht-bekommenen Friedensnobelpreis.
Das kenn ich. Ich hab auch dieses Jahr schon wieder nicht den Literaturnobelpreis bekommen.
Obwohl ich brav (naja… sagen wir: häufig) Newsletter schreibe.
Ich hab auch keinen Kleingärtnerpreis gekriegt. Obwohl ich Schnittlauch am Fensterbrett anbaue.
Oder den Milchpreis. Den krieg ich nicht nur nicht, nein, den zahl ich sogar.
(Apropos Geld: Man kann diesen Newsletter auch unterstützen, siehe unten)
Kriegen tun den immer nur die Milchbauern. Und auch die zu wenig davon, wenn man ihnen glauben darf.
Und ich glaub Ihnen, weil ich mein Joghurt mag.

Aber so ist das Leben.
Vielleicht hat aber Trump auch Glück und am Ende bekommt er die höchste Auszeichnung, die ein  Herrscher nur bekommen kann.
Er kriegt: ein Musical.
Nach „Elisabeth“, „König Ludwig“, „Evita“, „Jesus Christus Superstar“ und „König der Löwen“ fehlt eigentlich nur noch ein zweistündiges Herumgekreische mit Bodengymnastik rund um „Donald - Not the Duck“.

Dann kriegt er den Eintrittspreis. Und den Applaus.
Das müsste ihm doch gefallen.
Und es gefällt dann sogar auch allen, die Trump nicht so mögen.
Schließlich kriegt man so ein Musical immer erst nach dem Ableben.

——

groebner live:
Alle Termine gibt es hier.

groebner gehört:
Satire-Pop-Album 
„Nicht mein Problem“
„Ende der Welt“ auf Bayern 2 und in der ARD-Audiothek, wo ich über 
Kaffeesatz nachdenke, die richtigen Worte zum Abschied, über den Herbst und seine Superlative oder über das Verhältnis von Wahrheit & Wurst.

Einen ganz neuen Song (ist die Zugabe vom neuen Programm, aber psst!) kann man direkt 
auf der Homepage hören.

groebner gesehen:
Auftritt im 
Schlachthof (BR) und in der Anstalt (ZDF)

groebner gefolgt:
Videos auf 
YouTube, auf Instagram oder auf Facebook zu sehen.

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Der „Neue Glossenhauer“ ist ein Projekt der freiwilligen Selbstausbeutung, wer es dennoch materiell unterstützen will, hier wäre die Bankverbindung für Österreich:
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Dienstag, 21. Oktober 2025

Klassentreffen nach einem halben Jahrhundert

Der alte Teil des Gymnasiums, Richtung Stadt.
Auf der rückwärtigen Seite der Neubau.
© Ralph Hammann - Wikimedia Commons, Creative Commons


Fast fünfzig Jahre ist es her: das Abitur. Na gut, wollen wir genau bleiben, 47 Jahre.  Der Schulhof war voller Laub, die Fahrradständer voll, aufgestellt Pavillons sprich Baracken wegen der hohen Schülerzahl. Die Zukunft danach, der Rückblick heute, ein flimmernder Horizont. Wir treffen uns in einem Zentrum für Behindertenhilfe mit einem eigenen kleinen Gastraum – gealtert, ergraut, manche schon schneeweiß, teils gebeugt, teils gehandicapt, doch mit denselben Stimmen, nur reifer, manchmal leiser geworden.

Wir reden über Lehrer, Mitschüler, sechs von uns sind schon gestorben, ganz schlimm der eine, der sich vor den Zug warf, kurz nach dem Abitur, über Wege, die wir gegangen sind, und Orte, die wir in neun gemeinsamen Jahren (individuell auch weniger) besuchten. Aber was uns wirklich verbindet, sind die Nächte, in denen wir feierten, im Stiftskeller, einem Gewölberaum mit Disco fing alles an, direkt an der Queich, neben der Kirche, das Kino nicht weit.

Tanzabende im Kellergewölbe an der Stiftskirche, wo der DJ die Platten noch von Hand auflegte. Hit auf Hit, heißer und heißer: „Smoke on the Water“ von Deep Purple, Queens "Bohemian Rhapsody", ein Jahrhundertstück – theatralisch, wild, unvergänglich, Pink Floyd mit "Wish You Were Here", melancholisch, sphärisch – der Sound des Abschieds und der Erinnerung, Led Zeppelin mit "Stairway to heaven", monumental und hypnotisch – ein Rock-Mythos, Aerosmith mit "Sweet Emotion", dreckig, sexy, amerikanisch, Fleetwood Mac – "Rhiannon", magisch, flirrend – kurz vor dem großen Durchbruch der Band. David Bowie und noch viele, viele mehr - Schweiß, Wein, Bier, Cola-Rum, Limo, viel zu laute Boxen. Wie wir uns aneinander drängten, tastend, lachend, scheu und kühn zugleich unsere Mädchen eroberten. Wie jemand draußen auf dem Mofa saß, die ersten Zigaretten drehte, und der Mond schien, als würde er auch tanzen wollen. 

Und dann die Feten in den Partyräumen oder Zimmern in unseren Elternhäusern, wenn die Eltern mal weg waren, auf Kur, oder einfach zu gutgläubig. Matratzen auf dem Boden, Kerzen im Gurkenglas, Nudelsalate, Hähnchen im Backofen, roter Wein aus der Tüte. Wir liebten, wie nur Jugendliche lieben, die glauben, die Zeit sei endlos und ihre Körper unsterblich.

Manche Lieben brannten heiß und kurz, andere flackern noch heute in den Augen, wenn zwei sich wiedersehen, nach fünf Jahrzehnten – und plötzlich wissen: Das war ich, das warst du!

Draußen die Welt, wieder unruhig. Einer in Amerika verteilt Grenzen wie Spielkarten, die Ukraine wird erneut zur Wette der Geschichte. Wir hören es, wir nicken oder schütteln die Köpfe, aber für diesen Abend gehört uns die Zeit.

Ein religiöser Freund stellte eine Vergrößerung des gesamten Jahrgangs aus, mit Kerzen davor, wir sprachen ein Gebet für die alten Freunde. 

Und plötzlich werden sie alle wieder wach, diese ziemlich alten Körper, die mal jung waren und unbesiegbar. Heiße Diskussionen, Gelächter, Witze, Erinnerungen und Wiederbegegnungen ... und für einen Atemzug lang sind wir wieder sechzehn, siebzehn, achtzehn und älter – verliebt, verloren, Rivalen, Freunde, albern, voller Hoffnung und wild auf das Leben.

Die ganzen guten Erinnerungen, vielleicht ist das alles, was bleibt. Und vielleicht ist das genug. Aus diesem Grund wird auch das echte 50. Jubiläumsjahr heiß erwartet.



ECM: Sinopoulos / Keerim mit Topos, Meredith Monk mit Cellular Songs und Zehetmair Quartett mit Brahms

In diesen Tagen geht es hinsichtlich der Veröffentlichungsaktivitäten bei ECM und ECM New Series Schlag auf Schlag – heute erscheint eine Aufnahme mit transkultureller improvisierter Musik:


Das griechische Duo des Lyraspielers Sokratis Sinopoulos und Pianist Yann Keerim präsentiert 
mit seinem ersten gemeinsamen Studioalbum 

Topos einen Fundus an inspirierten musikalischen Dialogen, die nahtlos den idiomatischen Raum zwischen europäischer Volkstradition und Kammerjazz überbrücken. Neben Eigenkompositionen der Musiker erscheinen Bartóks sechs „Rumänische Volkstänze“ auf dem Album in neuem Gewand, wobei Sokratis' Lyraspiel einen gesanglichen Kontrapunkt zu Yannis' mal rhythmisch treibender, mal nachdenklich pulsierender Begleitung setzt. Es ist das erste Mal, dass das Duo aus Sokratis' gefeiertem Quartett (mit den Alben Eight Winds und Metamodal) abgekapselt zu hören ist. Das Album wurde im Februar 2024 in Athen aufgenommen und von Manfred Eicher produziert.

 

Gleichzeitig werden zwei Aufnahmen auf ECM New Series veröffentlicht:

„Zusammenarbeit, Verbundenheit und Mitmenschlichkeit“ – diese Qualitäten stellt Meredith Monk in Cellular Songs in den Mittelpunkt, „als Gegenkraft zu den Werten, die derzeit so lautstark vertreten werden.“ Zur Uraufführung schrieb die New York Times: „Frau Monk ließ sehr unterschiedliche Elemente so mühelos ineinanderfließen, dass daraus ein unverkennbarer Hoffnungsschimmer entstand. Wenn man eine solche Synthese erlebt, erscheint es plötzlich möglich, gesellschaftliche Gräben zu überbrücken – oder sogar in sich selbst eine Vielstimmigkeit zuzulassen.“ Cellular Songs bildet den zweiten Teil einer interdisziplinären Trilogie, die mit On Behalf of Nature begann. Diesmal richtet sich der Blick nach innen, auf die Strukturen des Lebens selbst. Inspiration schöpft Monk aus den Vorgängen der Zelle – Replikation, Mutation – und entwickelt daraus einige ihrer kühnsten vokalen Erkundungen. Mit Cellular Songs legt Meredith Monk ihr dreizehntes Album bei ECM New Series vor – entstanden 2022 und 2024 im New Yorker Power Station Studio.

Das Zehetmair Quartett wendet sich für den neuesten Eintrag in seinem New Series-Katalog den ersten beiden Streichquartetten von Johannes Brahms, Op. 51 Nr. 1 und 2, zu – Werke von reifer Reflexion und dramatischer Dringlichkeit, die Brahms' Meisterschaft der Form offenbaren. Schließlich hatte der Komponist, wie er einem engen Freund anvertraute, vor diesen beiden bereits über 20 Quartette geschrieben. Aber Brahms verbrannte die älteren allesamt und machte diese hier zu seinen ersten beiden von insgesamt drei veröffentlichten Quartetten. Aufgenommen mit der für das Zehetmair Quartett charakteristischen Intensität, zeigen die Darbietungen frische und tief empfundene Interpretationen dieser wegweisenden Kammermusikwerke. Bedauerlicherweise ist es die letzte Aufnahme des Quartetts mit dem Cellisten Christian Elliott (1984-2025).

 

Am 24. Oktober folgt noch ein Album mit improvisierter Musik von Steve Tibbetts:

 

Das eindrucksvolle Coverbild mit einer verlassenen, aber beleuchteten Schaukel vor einem funkelnden Sternhimmel, stellt eine fesselnde visuelle Metapher für die Musik auf Close dar. „Musik ist eine Sprache der Dämmerung“, bestätigt Steve Tibbetts. „Die Aufgabe besteht darin, Schatten in Klang zu übersetzen.“ Auf seinem elften ECM-Album setzt der Gitarrist aus Minnesota dieses Streben fort und entwickelt geduldig seine sehnsuchtsvollen improvisierten Melodien über vielschichtigen Loops und Drones und dunkel grollender Percussion. Auch wenn die verwendeten Klangfarben, darunter verzerrte E-Gitarre und glitzernde 12-saitige Akustikgitarre, diese Musik westlich klingen lassen, deutet ihre allmähliche, fast hypnotische Entfaltung weiterhin östliche Affinitäten an. „Ich strebe immer noch nach dem bewegenden Klang von Sultan Khan“, sagt Tibbetts und meint damit jenen verstorbenen indischen Sarangi-Meister, dessen Spiel seit langem zu seinen wichtigsten Einflüssen zählt. 

 

Zudem erschien am 10. Oktober das Album Changing Places des Tord Gustavsen Trios als Wiederveröffentlichung im Rahmen der Luminessence-Vinyl-Reihe.

Montag, 20. Oktober 2025

Severin Groebners Neuer Glossenhauer #80: Nononsens

 

























Ein Sakko wie Karamelpudding. So lila kann das Leben sein. © Foto: Dominic Reichenbach, Artwork: Claus Piffl



Nononsens!

Es gibt einen neuen Hype. Aus Karlsruhe. Hat aber nichts mit dem dortigen Verfassungsgericht zu tun. Schließlich ist das Gericht nicht für geistige Verfassungen zuständig.
Der Trend ist: Junge Menschen treffen sich - wie kürzlich in einem Park in Wien - um Pudding zu essen. Mit der Gabel.
Hoffentlich haben sie den Pudding selbst gekocht. Denn sonst gibt es sehr viel Puddingverpackung aka Plastikmüll. Aber wahrscheinlich nicht.
Trotzdem hat es etwas sehr Sympathisches: diese gemeinsame, absichtliche Sinnlosigkeit.

Das Rationale hat uns unter anderem die Atombombe und die Globale Erhitzung beschert, die Spiritualität endet regelmäßig in individueller Dummheit oder kollektiven Religionskriegen (oder beidem). Da ist es nur logisch, wenn die Sinnlosigkeit - vulgo Nonsens - als Ausweg erscheint.
Und wer weiß, ob die Sinnlosigkeit wirklich so sinnlos ist. Vielleicht sind auch nur unsere kleinen Gehirne überfordert, um die großen Zusammenhänge nachvollziehen zu können.

Wir wissen ja von der Chaos-Theorie, dass ein Flügelschlag eines Schmetterlings auf der einen Seite der Erde auf der anderen Seite - durch eine undurchschaubare Verkettung von Ereignissen - einen Orkan auslösen kann. Man bemerke die Möglichkeitsform: kann.

Es mögen jetzt bitte die Extremwetterereignisse auf der anderen Seite der Weltkugel nicht als Entschuldigung herhalten für den massiven Einsatz von Insektiziden in unseren Breiten.
Das Gegenteil scheint überdies der Fall zu sein: Je mehr Gift in der Landwirtschaft und im privaten Garten eingesetzt wird, desto mehr Überschwemmungen und Taifune gibt es.

Wahrscheinlich, weil dabei auch jede Menge Marienkäfer draufgehen, deren leises Brummen die Schwingungen der Schmetterlingsflügel neutralisieren.
Unsinn? Vielleicht. Aber man möge mir doch bitte das Gegenteil beweisen.
Die globalen Zusammenhänge sind nunmal extrem komplex und undurchschaubar.

Und - wer weiß - vielleicht könnte auch ein Puddingessen im Wiener Burggarten einen Aufstand von unterbezahlten Arbeitskräften in Südchina auslösen.
Allerdings nur, wenn der Pudding mit der Gabel gegessen wird.
Hätte man einen Löffel genommen, wäre die Folge womöglich ein Militär-Putsch in einem afrikanischen Land südlich der Sahelzone gewesen

Das wirft ein völlig neues Licht auf die Möglichkeiten des Individuums.
Wir sind anscheinend gar nicht zum Zuschauen verdammt, während alles langsam den Bach runter geht. Nein, wir sind möglicherweise genau jener Kiesel im Bachbett, der dem Wasser eine neue Richtung gibt… was wiederum Aktienkurse in Brasilien beeinflusst. (Man beachte, den sehr guten Wortwitz, der vom Bach zu beeinFLUSSt geronnen ist. Das ist real Trickle-Down-Humor!).

Die Chaos-Theorie gibt dem Individuum wieder Wirkungsmacht.
Vielleicht muss auch ich einfach mal nur nackt in der Nationalbibliothek tanzen, um die Gletscherschmelze in den Anden zu verlangsamen?
Oder es braucht drei Fahrräder, die auf dem Dach eines jeden Parkhauses tagelang im Kreis fahren, um die Korallenbleiche zu stoppen?
Womöglich ist auch die Rückkehr von Jimmy Kimmels Late-Night-Show nur der Tatsache zu verdanken, dass ziemlich viele Leute völlig sinnlos ihr Disney+Abo gekündigt haben.
Moment! Das war ja gar nicht sinnlos… da gibt’s ja einen Sachzusammenhang.

Aber… aber… das würde ja bedeuten, der Konsument vulgo User aka Endverbraucher wäre mehr als das. Sondern auch noch Staatsbürger!
So mit Individualität, Rechten und Wirkungsmacht?
Was für ein verrückter Gedanke!

Darauf einen Pudding im Park. Den man am Besten mit dem Strohalm zu sich nimmt.
Das verhindert nämlich vielleicht die Ausbreitung von K.I.-Bots.
Denn die K.I. hätte es ja nie gegeben, wenn 1987 Matthias Rust nicht mit seinem Kleinflugzeug auf dem roten Platz gelandet wäre. Da hat man nämlich gemerkt, wie schwach der Warschauer Pakt eigentlich ist und… hoppala!
Das klingt jetzt irgendwie sehr unangenehm nach Drohnenflügen über NATO-Staaten.

Aber kein Grund zur Beruhigung. Denn: „Geschichte wiederholt sich nicht, sie reimt sich.“
Dieses Zitat, das einem zur Zeit ständig um die Ohren gehauen wird, wollte ich auch mal anbringen. Nur, um es mit der Frage zu beantworten, die mir jedesmal durch die Synapsen saust, wenn ich es höre. Und die lautet: „Und welcher Arsch schreibt so ein Scheiß-Gedicht?“
Denn die Reime sind einfach wirklich schlecht:
Putin - Stalin, Trump - Dump, Söder - Köder, Hitler - Twitter, André Heller - Folterkeller, FPÖ - Häuslschmäh…. das holpert doch alles!

Ich bevorzuge dada. Das reimt sich zwar nicht, ist dafür aber schön sinnlos. In diesem Sinne:
„Schnoits Zubang loko loko - Bimmel Bammel kauft kein Plastik - Hindukusch und Hintermbusch
Alfred Nobel ist ein Zobel - Jesus hat ein Raumfahrtunternehmen - Komma Komma Eiernockerl“

Und wenn man dieses Gedicht jeden Tag um 12h mittags in den Himmel spricht, ändert sich…
… wahrscheinlich auch nichts.
Aber ganz sicher kann man sich eben nicht sein. Und es macht vielleicht wenigstens ein bißchen Spaß.
Das ist ja auch was wert in diesen Zeiten.




groebner live:

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„Nicht mein Problem“
„Ende der Welt“ auf Bayern 2 und in der ARD-Audiothek, wo ich über 
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Die Brandmauer zur AfD auflösen?

Bild von StockSnap auf Pixabay












Ist eine Schwächung der Abgrenzung gegenüber verfassungsfeindlichen Positionen empfehlenswert?

Die sogenannte Brandmauer zwischen den demokratischen Parteien und der AfD dient dazu, die parlamentarische und politische Zusammenarbeit mit einer Partei zu verhindern, die vom Verfassungsschutz teilweise als rechtsextremistischer Verdachtsfall bzw. in Teilen als gesichert rechtsextrem eingestuft wird. Eine Auflösung dieser Abgrenzung würde:

  • den Eindruck erwecken, dass verfassungsfeindliche oder demokratiegefährdende Positionen politisch akzeptabel werden,

  • und somit die normative Kraft der freiheitlich-demokratischen Grundordnung schwächen.


Sicherheitsrelevante Auswirkungen

Eine Normalisierung oder politische Kooperation mit einer Partei, in der rechtsextreme Strömungen Einfluss haben, könnte nicht nur die Radikalisierung und gesellschaftliche Polarisierung verstärken, sondern auch Sicherheitsbehörden schwächen, die auf die Abwehr extremistischer Bestrebungen ausgerichtet sind. Eine Zusammenarbeit würde langfristig das Vertrauen in staatliche Institutionen untergraben. Die innere Sicherheit in Deutschland wäre logischerweise insgesamt gefährdet. 


Geopolitische Risiken und Nähe zu Russland

Ein weiterer Aspekt betrifft die Außen- und Sicherheitspolitik. Die AfD wird in Teilen als „pro-russisch“ wahrgenommen. Sie äußert häufig verständnisvolle Positionen gegenüber der russischen Regierung und steht sanktionierenden oder unterstützenden Maßnahmen gegenüber der Ukraine skeptisch gegenüber. Eine politische Kooperation mit der AfD könnte daher als Annäherung an russische Interessen interpretiert werden – und würde damit strategisch die Position Deutschlands und Europas gegenüber Russland schwächen, ihre Ukrainepolitik untergraben. Insofern wäre eine solche Koalition indirekt eine politische Stärkung der „Arme Putins“ in Deutschland.


Die Auflösung der Brandmauer zur AfD wäre nicht nur innenpolitisch riskant, sondern auch geopolitisch problematisch. Die AFD-Versuche, Trump zu gewinnen, dass er ins Horn der Extremistischen bläst, werden wir in den nächsten Monaten verfolgen können. 


Samstag, 18. Oktober 2025

My daily teacher: Jeden Tag eine kleine Übung mit Saxophonistin Nicole Johänntgen

 


Nicole Johänntgen meldet sich mit frischen Klangfarben und kreativen Kalenderideen!

Die Jazzwelt darf sich freuen: Nicole hat vier brandneue Bigband-Kompositionen inklusive vollständiger Arrangements fertiggestellt. Nach intensiver Arbeit sind die Stücke nun bereit für die Bühne – und was für eine Bühne! Im April 2026 werden sie von der renommierten ASG-Bigband gemeinsam mit Tänzerinnen und Tänzern aus Belgien uraufgeführt – ein multikünstlerisches Highlight in Baden-Württemberg.

Bigband trifft Tanzkunst – Premiere im Frühling 2026

Die Uraufführung verspricht ein mitreißendes Zusammenspiel aus orchestraler Energie und tänzerischer Eleganz. Wer Nicole kennt, weiß: Hier wird nicht nur musiziert, sondern gefeiert – mit Groove, Geist und ganz viel Herz.

Jazz zum Üben – Nicole bringt Kalenderkunst ins Spiel

Während Lebkuchen und Weihnachtsdeko bereits die Regale füllen, hat Nicole zwei liebevoll gestaltete Übungskalender für Musikbegeisterte entwickelt:

  • Adventskalender 2025 – Für nur 5 Euro gibt’s 24 musikalische Türchen im Format 14,8 x 21,0 cm. Die Aufgaben sind in leichter englischer Sprache und eignen sich besonders für Saxophonist:innen – aber auch andere Instrumentalist:innen kommen auf ihre Kosten. Neuauflage mit frischen Übungen!

  • Monatskalender 2026 – Ebenfalls für 5 Euro erhältlich, im quadratischen Format 14,8 x 14,8 cm. Jeden Monat wartet eine neue Übung – ideal zum Aufhängen und Dranbleiben. Die Inhalte unterscheiden sich vom Adventskalender, sodass beide Produkte wunderbar kombinierbar sind.

  • Bestellung per E-Mail / info@nicolejohaenntgen.com – Die Auflage ist limitiert, also schnell zugreifen!


Aktueller Jazz-Tipp mit Bigband-Flair

Wer sich schon jetzt auf große Jazzmomente einstimmen möchte, kann sich Nikki Iles & die NDR Bigband im NICA Jazz Club vormerken – ein Konzert, das ebenfalls neue Kompositionen und Bigband-Magie verspricht.

Saxophon-Workshop Berner Oberland 2026
Alle drei Saxophon-Workshops im 2026 sind ausgebucht. Es gibt eine Warteliste. Einfach eine Mail an mich schreiben.

LIVE IN CONCERT

18. Oktober Jazz in Langen (D)
24. Oktober Fee Fi Fo Fum Festival Wädenswil (CH)
28. Oktober OFFBeat Festival Basel (CH)
04. November Blue Note Sao Paolo (BRA)
05. November Blue Note Rio de Janeiro (BRA)
06. November Instituto Ling Porto Alegre (BRA)
07. November Workshop Joinville (BRA)
08. November Harmonia Festival (BRA)
16. November Mahogony Bern (CH)
18. November  Solothurn (CH)

27. November Workshop Kusel (D)
29. November Stiftskirche Saarbrücken (D)
29. November Jazzclub Villingen (D)


Special: Saxophon-Solo live am Tag der Deutschen Einheit

"Jetzt möchte ich mit euch einen ganz besonderen Moment teilen. Ich habe am 3. Oktober für Deutschland am Tag der Deutschen Einheit beim Festakt live Saxophon spielen dürfen. Ich bin wahnsinnig gerührt, denn es war ein unglaubliches Erlebnis. Ich bin total gerührt, noch immer. Meine Aufgabe war es, die Brücke zwischen der Deutschen und der Europäischen Hymne zu sein mit Andeutung an die Marseillaise. Ich habe mich ein halbes Jahr darauf vorbereitet und dann kam der Tag des Auftritts (s.u.)." (N. Johänntgen)


3. Oktober 2025, Saarbrücken (01:59:00)



Donnerstag, 16. Oktober 2025

Friedman in der Oper Frankfurt spricht mit Sebastian Krumbiegel über das Thema LÜGE

Michel Friedman
Foto: Robert Schittko


Im Dialog mit renommierten Persönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wissenschaft befragt der Publizist Michel Friedman Opernstoffe auf ihren Bezug zu unserer Lebensrealität. Seit ihrem Bestehen 2023/24 stand bzw. steht die Reihe Friedman in der Oper auch in dieser Saison auf dem Programm und knüpft jeweils an ein Werk aus dem Spielplan der Oper Frankfurt an.

Die zweite Veranstaltung dieser Spielzeit am Dienstag, dem 21. Oktober 2025, um 19 Uhr im Opernhaus widmet sich anlässlich der Frankfurter Neuproduktion des Werkes Modest P. Mussorgskis Boris Godunow unter dem Motto LÜGE. Als Gesprächspartner Friedmans konnte der Sänger und Musiker Sebastian Krumbiegel – u.a. Die Prinzen – gewonnen werden.



    Sebastian Krumbiegel         Foto: Enrico Meyer      
 
            

Gibt es eine allgemeingültige Wahrheit? Welche Mechanismen begünstigen die Verdrehung von Tatsachen? Und wie können wir uns gegen „alternative Wahrheiten“ zur Wehr setzen? Solche und andere Fragen beleuchtet Michel Friedman mit Sebastian Krumbiegel, der in den 90er Jahren mit der Band Die Prinzen zu einem der ersten gesamtdeutschen Popstars avancierte. Ausgangspunkt des Gesprächs ist die Neuproduktion von Mussorgskis Oper Boris Godunow, die offenlegt, wie variabel menschliche Wahrheiten sind und wie leicht und folgenschwer sie in Lüge verkehrt werden können.



Karten zum Preis von € 20 / ermäßigt € 10 (12,5% Vorverkaufsgebühr nur im externen Vorverkauf) sind bei unseren üblichen Vorverkaufsstellen, online unter www.oper-frankfurt.de oder im telefonischen Vorverkauf 069 – 212 49 49 4 erhältlich.


Weitere Abende der Reihe in dieser Saison im Opernhaus:

Zu Gast sein werden neben weiteren Gästen Andreas Voßkuhle (19. Mai 2026), seit 1999 Professor und Direktor des Instituts für Staatswissenschaft und Rechtsphilosophie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und von 2008 bis 2020 Richter am Bundesverfassungsgericht sowie die Journalistin Melanie Amann (23. Juni 2026), von Oktober 2023 bis August 2025 stellvertretende Chefredakteurin des Nachrichtenmagazins Der Spiegel.

Dienstag, 14. Oktober 2025

Satire: Trump, Hamas & die Kunst des Selbstbetrugs

Trump hat’s wieder geschafft. Er hat Frieden erklärt. In der Region, wo selbst Google Maps sagt: „Route kann nicht berechnet werden.“ Er nennt es: „Mein Triumph!“ Die Welt nennt es: „An einem Dienstag ...“ Er steht da, mit diesem typischen Trump-Grinsen – so, als hätte er gerade Frieden in Nahost geschlossen und gleichzeitig eine neue Golfanlage eröffnet. Und diese Medaille aus Jerusalem ... „We did it! Tremendous peace!“ Ja, klar. Und wir haben letzte Woche den Regenbogen gefangen und in den Toaster gesteckt. Trump präsentiert also seinen „Plan“ – ein Plan, der so realistisch ist, dass selbst Disney gesagt hat: „Bruder, das ist zu viel Fantasie.“ Er sagt: „Hamas wird entwaffnet. Israel zieht sich zurück. Alle glücklich!“ Ja. Und Einhörner patrouillieren an der Grenze. Und Hamas? Die stehen da, sehen den Plan und sagen im Prinzip: „Lustig. Wir haben andere Hobbys. Explosionen, Hinrichtungen, Raketen zum Beispiel.“ Diese Vermummten geben nicht auf. Wenn du sagst „Frieden“, hören die „Feierabend“ – und das ist für sie das Unwort des Jahrhunderts. Trump glaubt wirklich, er kann jahrzehntelangen Hass lösen wie eine Reality-Show-Folge: „Zwei Völker, ein Deal – präsentiert von Fox News!“ Er unterschreibt das Dokument wie ein Promi das Autogramm auf einem Luftballon. Und alle: „Mr. President, das war ein Kindergeburtstag!“ Er: „It was beautiful. Great children. Great balloons.“ Er feiert sich, als wär’s die Wiederauferstehung der Diplomatie. Dabei ist es mehr ein Wiederverkauf der eigenen Einbildung. Und die Welt klatscht höflich. So wie man klatscht, wenn jemand auf der Party Karaoke singt – schief, aber mit Leidenschaft.

Kommentar: Der Triumph des Trugbilds — Trumps „Friedenssieg“ als Groteske

 

Der Triumph des Trugbilds — 

Trumps „Friedenssieg“ als Groteske

Ein Triumph, so wird erzählt. Der große Donald, Friedensbringer im Maßanzug, zieht den Nahostkonflikt aus dem Hut wie ein abgenutzter Zaubertrick: Abrakadabra, Frieden am Dienstag! Applaus aus dem eigenen Publikum, Konfettiregen aus Tweets. Nur dumm, dass hinter der Bühne das Feuer weiterlodert. In Washington verkauft man Illusionen auf Raten – "Made in America", diplomatisch verpackt, realpolitisch unhaltbar. In Gaza dagegen, wo Trumps Papierträume zu Staub zerfallen, nennt man das Ganze treffender: Farce. Denn der Plan, der angeblich Frieden bringen soll, verbietet der einen Seite das Atmen und der anderen das Nachdenken. Ein „Deal“, der auf der Annahme basiert, dass sich jahrzehntelanger Hass in eine PowerPoint-Präsentation pressen lässt. Der Triumph? Nur auf dem Papier – das schon beim ersten Windstoß reißt. Trump jubelt über die eigene Fata Morgana, während die Wüste weiter brennt. Der vermeintliche Sieg wirkt wie eine Reality-TV-Folge: laut, grell, und sobald die Kamera aus ist, fällt das Bühnenbild in sich zusammen. Der „große Deal“? Ein billiger Requisitentrick. So wird aus Politik eine Parodie, aus Diplomatie eine Dauerwerbesendung. Und aus der Tragödie eines Krieges – die Groteske eines Triumphs, der keiner ist. Ohne tatsächliche Entwaffnung der Hamas wird keine Lösung entstehen.

Montag, 13. Oktober 2025

Ukrainische Bibliothek bei Wallstein: Taras Schewtschenko und Lesja Ukraijnka machen den Anfang


Am 9. Oktober 2025 erschienen mit »Am Meer« von Lesja Ukrajinka und »Flieg mein Lied, meine wilde Qual« von Taras Schewtschenko die ersten beiden Bände der neuen Reihe »Ukrainische Bibliothek«.

Die »Ukrainische Bibliothek« stellt die berühmtesten Klassiker des ukrainischen literarischen Erbes des 19. und 20. Jahrhunderts vor und will sowohl im deutschsprachigen Raum als auch international Aufmerksamkeit auf das Land und seine Kultur lenken. In insgesamt acht Bänden erscheinen Texte, die fast ausschließlich zum ersten Mal auf Deutsch und in zeitgemäßer Übersetzung publiziert werden.

Die Reihe wird von 
Claudia Dathe und Tanja Maljartschuk herausgegeben, die einzelnen Bände von namhaften Autor:innen und anderen Intellektuellen, die die Texte durch erhellende Essays ergänzen und einordnen.

Der erste Band »Flieg mein Lied, meine wilde Qual« umfasst Gedichte und Selbstzeugnisse des Dichters und Malers Taras Schewtschenko. Er wurde als Leibeigener geboren und avancierte durch sein künstlerisches Schaffen zum Symbol des ukrainischen Widerstands gegen das russische Imperium im 19. Jahrhundert. »Flieg mein Lied, meine wilde Qual« lässt den Widerstand erfahrbar werden und offenbart die Freiheitssehnsucht nach der idealisierten geistigen Heimat, der Ukraine.

Herausgeber 
Juri Andruchowytsch, geboren 1960 in Iwano-Frankiwsk/Westukraine, dem früheren galizischen Stanislau, studierte Journalistik und begann als Lyriker. Außerdem veröffentlicht er Essays und Romane. Andruchowytsch ist einer der bekanntesten europäischen Autoren der Gegenwart, sein Werk erscheint in 20 Sprachen. 1985 war er Mitbegründer der legendären literarischen Performance-Gruppe Bu-Ba-Bu (Burlesk-Balagan-Buffonada). Mit seinen drei Romanen Rekreacij (1992; dt. Karpatenkarneval, 2019), Moscoviada (1993, dt. Ausgabe 2006), Perverzija (1999, dt. Perversion, 2011), die unter anderem ins Englische, Spanische, Französische und Italienische übersetzt wurden, ist er unfreiwillig zum Klassiker der ukrainischen Gegenwartsliteratur geworden.


Heine-Preis der Landeshauptstadt Düsseldorf 2022
Goethe-Medaille 2016
Hannah-Arendt-Preis 2014




Lesja Ukrajinka, Am Meer
Herausgegeben von Tanja Maljartschuk
Aus dem Ukrainischen von Maria Weissenböck
184 Seiten | ISBN 978-3-8353-5884-3 | € 22,00 (D) / € 22,70 (A)
Erscheint am 09. Oktober 2025

Mit dem zweiten Band »Am Meer« liegen erstmals die feinfühligen und intelligenten Prosatexte der ukrainischen Schriftstellerin Lesja Ukrajinka vor, die sich um 1900 für die Frauenbewegung und gegen soziale Ungerechtigkeit einsetzte. Zu ihrer Zeit unverstanden und ungesehen tragen Ukrajinkas Erzählungen heute zu einem feministischen Blick bei, der Rollenbilder hinterfragt und Konventionen durchbricht. 

Herausgeberin Tanja Maljartschuk, 1983 in Iwano-Frankiwsk, Ukraine geboren, studierte Philologie an der Universität Iwano-Frankiwsk und arbeitete nach dem Studium als Journalistin in Kiew. 2009 erschien auf Deutsch ihr Erzählband »Neunprozentiger Haushaltsessig«, 2013 ihr Roman »Biografie eines zufälligen Wunders«, 2014 »Von Hasen und anderen Europäern«, 2019 ihr Roman »Blauwal der Erinnerung«. 2018 erhielt Tanja Maljartschuk den Ingeborg-Bachmann-Preis. Die Autorin schreibt regelmäßig Kolumnen und lebt in Wien.

Freitag, 10. Oktober 2025

Klang der Einheit – Nicole Johänntgen am Tag der Deutschen Einheit

Photo by Daniel Bernet



Saarbrücken, 3. Oktober 2025

Ein Feiertag, der nachhallt

Während draußen die Fahnen wehten und die Sonne über der Saar schien, erklangen in der Congresshalle Töne, die den Geist des Feiertags vielleicht besser trafen als viele Worte: die Improvisation der Jazz-Saxophonistin Nicole Johänntgen.

Mit ihrem charakteristisch warmen Ton spannte sie beim offiziellen Festakt zum Tag der Deutschen Einheit einen musikalischen Bogen zwischen der deutschen Nationalhymne und der Europahymne – eine poetische Geste der Verbundenheit, getragen von Intuition und Freiheit. Begleitet wurde sie vom Saarländischen Staatsorchester, das unter der Leitung von Sébastien Rouland den feierlichen Rahmen bildete.

Der Moment, in dem Johänntgens Saxophon leise über die orchestralen Klänge glitt, war zugleich feierlich und intim: Jazz als Sprache der Verständigung. „Musik kann Grenzen öffnen, wenn Worte sie schließen“, sagte die Künstlerin später in einem kurzen Statement. Es war ein musikalischer Augenblick, der sich tief ins Gedächtnis dieses Feiertags einprägte.

Wer den Auftritt nicht live in der Congresshalle erlebte, konnte ihn über die ZDF-Übertragung oder an den LED-Wänden auf dem Saarbrücker Schlossplatz verfolgen. So erreichten ihre Klänge an diesem Tag viele, weit über die Stadt hinaus.

Tourstart nach dem Festtag

Kaum verklungen, setzt Johänntgen ihre Reise fort. Noch im Oktober führt sie ihre Tournee durch Deutschland und die Schweiz – mit Konzerten in Saarbrücken (10.10., Kulturzentrum Breite63), Waibstadt, Langen und Wädenswil. Im November folgt eine Brasilien-Tournee, bevor sie im Dezember mit ihrem neuen Soloprogramm Solo III nach Basel zurückkehrt.

Bekannt für ihre unerschrockene Spielfreude, verbindet Johänntgen in ihren Projekten Jazz mit Elementen aus Improvisation, Pop und Performancekunst. Ihre Musik ist oft spontan, doch immer durchdacht – wie ihr Auftritt zum Tag der Deutschen Einheit zeigte: kein Pathos, kein Pomp, sondern leise Intensität und offene Ohren für das Gemeinsame.

Der Auftritt in Saarbrücken war mehr als ein musikalischer Beitrag zum Festakt – er war ein Statement. In einer Zeit, in der Einheit oft in politischen Parolen gesucht wird, fand Johänntgen sie im Klang: zwischen Noten, im Atem, im Moment der Begegnung.

Nicole Johänntgen hat gezeigt, dass Jazz nicht nur Improvisation, sondern auch Haltung ist – eine Haltung der Offenheit. Und vielleicht war das der schönste Klang dieses Feiertags.


Mehr Informationen und Tourtermine:

www.nicolejohaenntgen.com 



Wladimir Putin – Psychogramm eines Herrschers

 

Psychogramm eines Herrschers – Wladimir Putin

Warum mögen so manche spezielle Charaktere Putin besonders? Weil er das hat, was sie auch haben, und damit viel geworden ist, obwohl er dieselben psychischen Auffälligkeiten hat.

Wladimir Putin, geboren 1952 in einer Stadt, die wenige Jahre zuvor zu Tode belagert worden war, trägt in sich ein Erbe der Kälte. Leningrad war verwundet, seine Eltern Überlebende – der Vater verstümmelt vom Krieg, die Mutter halb verhungert, einmal schon unter die Toten gelegt. In dieser Welt kam ein Kind zur Welt, das früh lernen musste, dass Schwäche tödlich sein kann. Die Wände der Kommunalka waren dünn, die Räume überfüllt, und draußen im Hof lauerten Prügeleien und Erniedrigungen.

In seinem autobiografischen Buch Aus erster Hand erinnert Putin an eine prägende Kindheitserfahrung: „Dort habe ich eine schnelle und nachhaltige Lektion über die Bedeutung des Wortes ‚in die Enge getrieben‘ gelernt.“ Es war die Episode mit der Ratte, die er in die Ecke drängte und die sich schließlich mit Zähnen und Sprung wehrte. Aus dieser Lektion machte er eine Lebensphilosophie.

Psychologen deuten diese Herkunft als Boden für eine „strategische Kälte“. Der amerikanische Neurowissenschaftler James Fallon kommt nach jahrelanger Beschäftigung zu einem klaren Urteil: „Die Punkte im Lehrbuch, die einen Psychopathen ausmachen, treffen auf Putin zu.“ Fallon beschreibt ihn als „kalt, emotionslos, aber extrem intelligent“, überzeugt, dass jede Tat, „selbst Mord, das Richtige“ sei, wenn sie im Dienst seiner Mission stehe.

Die deutsche Psychotherapeutin Stefanie Stahl wird noch deutlicher: „Da liegt eine manifeste Persönlichkeitsstörung vor.“ Sie verweist auf narzisstische und antisoziale Züge, die sich in Putins kompromissloser Machtpolitik zeigen. Der irische Neurowissenschaftler Ian Robertson beschreibt in Psychology Today eine tiefgreifende psychologische Verschmelzung von Selbstbild und Nation: „Er glaubt ernsthaft, dass Russland ohne ihn dem Untergang geweiht ist.“

Es gibt jedoch auch abweichende Stimmen. Der deutsche Psychiater Manfred Lütz hält Putin für „schrecklich normal“. Und der Politikwissenschaftler Sam Greene vom King’s College London warnt: „Wir dürfen nicht vorschnell westliche Kategorien auf Putin anwenden. Was uns irrational erscheint, kann in russischem Machtverständnis logisch wirken.“

Seine Kriegsführung in der Ukraine wird von westlichen Instituten nicht als Laune, sondern als langfristig methodische Strategie gelesen. Das Institute for the Study of War (ISW) betont: „Putins Vorgehen ist nicht impulsiv, sondern methodisch und territorial ausgerichtet.“ Genannt werden die geduldige Umzingelung ukrainischer Städte, hybride Kriegsführung mittels Cyberattacken und Desinformation sowie das Ziel, westliche Allianzen zu destabilisieren.

Der estnische Historiker Andrei Hvostov weist darauf hin, dass Putin nicht isoliert zu betrachten sei: „Die Gesellschaft ist auf Krieg eingestellt – ein neuer Fahrer würde denselben Kurs fahren.“ Der russische Militarismus sei längst eine kollektive Realität, die über die Person Putins hinausreiche.

Auch geopolitische Einschätzungen unterstreichen dieses Muster. Laut einer WELT-Analyse „will Putin einen Keil zwischen die USA und Europa treiben – für die Rückkehr Russlands zur Weltmacht.“ Der UN-Experte Alexander Dill hingegen mahnt, dass eine rein militärische Eskalation gefährlich sei: „Ein wirtschaftlich starkes Europa kann Russland davon überzeugen, dass sich ein Angriff nicht lohnt.“

So ergibt sich ein doppeltes Psychogramm: das des Mannes und das einer Nation. Der Mann, geprägt von Armut und Angst, trägt die Härte seiner Herkunft wie eine Rüstung, unfähig, Schwäche als etwas anderes als Gefahr zu erkennen. Die Nation, geformt von imperialer Sehnsucht und dem Erbe des Krieges, lässt ihn gewähren und stärkt seinen Kurs.

Putin ist deshalb kein Rätsel, sondern eine gefährliche Folgerichtigkeit: ein Herrscher, der sich selbst als Verkörperung Russlands versteht, ein Stratege der Geduld, ein Spieler der Macht, dessen Moral sich nicht in Kategorien von Gut und Böse bewegt, sondern allein in Kategorien des Überlebens und der Dominanz.




Quellen

• Wladimir Putin: *Aus erster Hand* (2000), Autobiografie.

• James Fallon, Neurowissenschaftler (University of California, Irvine): Interviews, Vorträge, Fachanalysen zu Psychopathie.

• Stefanie Stahl, Psychotherapeutin und Autorin, Interviews in deutschen Medien.

• Ian Robertson, Neurowissenschaftler, Artikel in *Psychology Today* (2022).

• Manfred Lütz, Psychiater, u. a. ZDF-Interview (2022).

• Sam Greene, Politikwissenschaftler (King’s College London), Analysen zu russischer Machtpolitik.

• Institute for the Study of War (ISW, USA): Lageberichte 2022–2023.

• Andrei Hvostov, estnischer Historiker, Kommentare zur russischen Gesellschaft.

• Alexander Dill, UN-Experte, Basel Institute of Commons and Economics.

• WELT-Analyse: Experteneinschätzung zur strategischen Zielsetzung Putins (2022).