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Montag, 3. November 2014

Wie war's beim Schinderhannes im Staatstheater Mainz?



In dieser Spielzeit führt das Mainzer Staatstheater den Schinderhannes auf. So auch am 31.10.2014. Für Einheimische, Hunsrücker, Rheinhessen, Hessen und Pfälzer ein Begriff, aber auch für Nord- und Südlichter. Je nach Vorbildung kennen die Leute die Story um Johann Bückler alias Schinderhannes zumindest aus dem Fernsehen. Die Verfilmung des Volksstücks Schinderhannes von Carl Zuckmayer mit Curd Jürgens ging den Bürgern des Nachkriegsdeutschland ordentlich unter die Haut, so wie das Theaterstück von Zuckmayer 1927. Schinderhannes war im Film von Helmut Käutner 1958 ein Sympathieträger, mit ihm seine Geliebte Julchen (Maria Schell). Diese Interpretation, wie auch das Theaterstück Zuckmayers ist das Resultat eines Mythos, der um den jungen Banditen gerankt wurde.
Man sah in ihm einen Robin Hood, Rinaldo Rinaldini, einen gerechten Räuber, einen Volksheld, der sogar den Franzosen trotzte. Jedenfalls wurde es so überliefert, bis die Forschung dann dem echten Schinderhannes auf die Spur kam. Sein positiver Ruf hing streng mit seinem Antisemitismus zusammen.

Schinderhannes

Johannes Bückler alias Schinderhannes wurde 1778 als Sohn eines "Schinders", d. h. Abdeckers, Schlachters in Miehlen im Taunus geboren. Der Vater verdingte sich beim preußischen Militär zog mit Frau und Sohn in den Krieg, bis er dann desertierte und sich in Miehlen versteckte. Der Junior begann seine Karriere als Hammeldieb, raubte des öfteren Lager aus und verkaufte die Beute dann an den Eigentümer zurück. Er konnte immer fliehen und suchte die Gebiete um Rhein, Main, Neckar, Lahn heim. Dennoch wurde er auch mal in Simmern (Hunsrück) 1799 eingebuchtet, entkam wieder, heiratete Julia Bläsius, lebte mit ihr ohne kirchlichen Segen zusammen. Er sammelte Kumpanen um sich, errichtete in Kellenfels, Hahnenbach und Birkenfels bewachte Lager zum Verarbeiten der gestohlenen Waren und zum Aufenthalt. Auf Anzeige von Dorfbewohnern überfiel die Bande angebliche (zumeist jüdische) Wucherer, Geldverleiher und Händler und konnte sich so wohl auch teilweise die Beliebtheit der Bevölkerung sichern. Einbruch, Raub, Diebstahl und Erpressung war das Tagesgeschäft, angeblich schonte er Verarmte. Heimgesucht von Schinderhannes gaben hier viele Menschen (meist jüdischen Glaubens) ihre Heimat auf und zogen in die Neue Welt. Er übte eine beachtliche Macht auf die Bevölkerung aus. Julchen, seine Frau, begleitete ihn in Männertracht, wenn sie nicht gerade woanders Kurzwaren oder Beute verkaufte.
Ab 1801 fing die Bevölkerung an, Widerstand zu leisten. Wüste Schießereien und nächtliche Straßenkämpfe sind überliefert. Im Frühling 1802 gab Schinderhannes auf. In Frankfurt wurde er 9 Monate vor seinem Tod verhaftet und an die französischen Behörden in Mainz ausgeliefert. Schinderhannes wollte seinen Kopf aus der Schlinge ziehen und sagte gegen eine große Zahl von Helfern aus. Allein es half nichts...
Am 24. Oktober 1803 eröffnete ein Spezialgericht im damals französischen Mainz die Hauptverhandlung gegen 68 Angeklagte. 173 Zeugen lud die Staatsanwaltschaft, 260 Zeugen die neun Verteidiger. 53 Verbrechen wurden Schinderhannes persönlich zur Last gelegt. Gäste aus ganz Europa sollen in Mainz geweilt haben und sich täglich um die 500 Eintrittskarten gestritten, deren Preise ständig stiegen und deren Erlös der Armenkasse zufloss. Ganze zwei Tage dauerte allein die Verlesung der Anklageschrift.
Am Nachmittag des 19. November zog das Gericht seine Mitglieder zur Beratung zurück, am 20. November verkündete das Tribunal das Urteil gegen 42 Angeklagte, überwies einen zuständigkeitshalber den Gerichten zu Saarbrücken und sprach 20 Personen frei. Schinderhannes und 19 Komplizen wurden mit der Todesstrafe bedacht. Kerkerketten und Zuchthaus erwarteten die anderen, Schinderhannes' Vater erhielt eine 22-jährige Kettenstrafe. Seine Frau Julchen Bläsius (die später einen Gendarmen heiratete und als Bürgersfrau starb) musste nur für zwei Jahre ins Zuchthaus.


Jan-Christoph Gockel hat in einem sehr lebhaften, eigenwilligen und absolut kurzweiligen Theaterabend mit insgesamt 3 Stunden eine sehr sehenswerte Interpretation des neuesten Erkenntnisstandes um Schinderhannes mit reichlich Dialekt, Mainzerisch, Rheinhessisch/Hessisch, wo er eben überall wirkte, inszeniert. Mit modernen Verfremdungsmitteln, stark an Brecht orientiert, aber auch weit bis ins Comichafte, mit Slapstick- und Comedyelementen, Zeitlupentrance und Comicpsychodelik wird die Geschichte des brutalen Räubers, der mit 25 unter der französischen Guillotine in Mainz endete, erzählt, gespielt und kommentiert.
Ein sehr beeindruckendes Team mit Sebastian Brandes an der Spitze als Schinderhannes, als Widersacher privat und offiziell Adam (Johannes Schmidt), ein lockender, angeberischer und staatsergebener Polizisten-Sheriff, Ulrike Beerbaum als schlankes, reizvolles Julchen mit amerikanischen Obermaßen als Geliebte und Animiermädchen, daneben Gretchen / Leoni Schulz, als nicht minder animierend figurbetonte, zurückhaltende, verängstigte Schwester in den Krallen der Räuber Zughetto (Lorenz Klee), Iltis Jacob (Daniel Friedl), der vom Schinderhannes entmannt wurde, weil er sich an der Schwester Julchens vergriff, der Jude Benzel (Michael Pietsch), der ein Auge vom Chef im Sumpf ausgestochen bekam, weil er ebenfalls Gretchen als Freiwild sah, und Henner Momann als ausgestopfter Hünenräuber Benedum. Den Wirt/Johann Bückler sen. spielte treffend Armin Dillenberger, die Wirtin/Zoppi Monika Dortschy. Seibert (Anton Berman) war als Musiker zwischen Akkordeon, Klavier und Synthesizer immer zugegen, hüllte alles in eine lustige, gespenstige oder unwirkliche Musik, verfremdete die Stimmen elektronisch.

Schinderhannes war wohl auch ein Schalk, er verkleidete sich, gab sich als Kaufmann, Jäger oder Baron aus, dominierte in Wirtshäusern. Gockel lässt die erste Hälfte des Abends das Theaterparkett zu einem Wirtshaus umbauen, in dem Krämer Ofenloch alias Schinderhannes in einem Volksfest, einer Art Spelunkenrevue, samt seinen Gesellen inmitten der Zuschauer anwesend ist, von Gästen und seinen Gefolgsleuten kontrovers diskutiert wird. Seine Moritaten werden von verschiedenen Personen besungen, das schreckliche Ende wie in einem Mittelalterspiel angekündigt: Die Schwestern Jule und Gretchen saufen das Blut des Schinderhannes. Ofenloch erklärt unterdessen die Arbeit zur Wurzel allen Übels ... Die Kopfmasken der Räuber auf der Bühne, schön auf den Stühlen drapiert, künden bereits vom Ende. Die Masken haben ein wichtige Umschaltfunktion für die Betrachtung der Figuren: Mit Masken auf sind sie die Grausamen, die Räuber, wie sie ihre Feinde sehen, ohne Masken die Menschen in ihrer jeweiligen sozialen und psychischen Ausprägung. Ein wilder Tanz (Boogie-Woogie) beginnt, eine Slapstick-Schlägerei folgt, die Polizei im Anmarsch und Schinderhannes als John Wayne bzw. Tarzan am Kronleuchter vertreibt die Polizei durch wuchtige Tritte. Einer schießt ins Keyboard, die Bande flüchtet durchs Fenster.
Die Schauspieler fallen ständig aus der Rolle, lösen die Illusion ein Stück weit auf, erzählen die Geschichte vom Held des Abends. Seine Grausamkeit den eigenen Leuten gegenüber, dennoch folgten sie ihm. War er weg, brach die Anarchie aus, Suff, Vergewaltigung, Brutalität. Seine Biographie wird vermittelt, seine frühe komplett schulferne Verrohung, seine Liebe zu einem Fuchs an der Leine, der Noch-nicht-Jugendliche schon für Alkohol und Essen den schwulen französischen Soldaten zu Diensten.
Im zweiten Teil mit Video und Softrap schlägt Gockel die Brücke zum WK I und II. In einer Verquickung der Kriegserklärung von Kaiser Wilhelm II., dem Imperator Rex, was sich dieses Jahr zum hunderten Mal jährt, und der Bekämpfung/Hinrichtung des Schinderhannes vor 211 Jahren durch die Franzosen werden Obrigkeit, Staatsgewalt dem Anarchismus des Schinderhannes theatralisch in Form eines deutschen Panzers der Anfänge mit Soldaten in SS-Uniformen des nächsten Weltkrieges, die für Freiheit, gegen bürgerliche Enge antreten, gegenübergestellt. So auch der Jude Benzel, der für Deutschland, wie viele Juden im WK I, kämpft, die Sache des Schinderhannes in dessen Augen verrät, fast schon die Strafe der späteren Judenverfolgung auf sich zieht. Hier am Ende kommt dann eine wilde Solidarität mit der Schinderhannesbande auf, die so fast nicht nachzuvollziehen ist, es sei denn in der Anerkennung des Bandenvollzugs der Judenverfolgung lange zuvor. Heroischer Räuberanarchismus gegen  wilhelminische Truppen im Zeichen der späteren Judenverfolgung? Haben die Deutschen 14-18, 39-45 nichts anderes als Schinderhannes betrieben? Es passt nicht zusammen, Satire und Ironie, Comedy und Ulk dominieren, hier bricht das politische Erklärungskonstrukt ein. Man hört nichts darüber, dass der 50er-Jahre-Film, noch einmal das nachraunt, was man als historische Erklärungsversuche sehen muss, der Schinderhannes war gar nicht so schlecht, es waren ja nur Juden ... Dennoch ein fulminantes Feuerwerk an Ideen rund um den ersten deutschen Panzer. "Ich bin nicht der aus den Romanen, und der von Zuckmayer, ich bin das alles nicht!", ruft Schinderhannes Napoleon zu, einem Kinderschauspieler. "Es war die Bande!" Bonaparte rasiert allen fein den Nacken sauber, die Guillotine saust herunter. Theatralisch beeindruckend fällt der Hanneskopf ins Körbchen, das Blut schießt. Die Glorifizierung des Schinderhannes bekommt einen Höhepunkt. Das arme Opfer der Geschichte darf als Bluttrunk in der heiligen Messe gereicht werden. Der Spott könnte in der Annahme gipfeln, dass Bückler vielleicht noch heilig gesprochen werde. Hier wie in dem unklaren Assoziationsgetümmel zuvor hätte man in der Inszenierung deutlicher werden müssen. Dennoch eine einmalige Gelegenheit, die Schinderhannesstory in einer aufwändigen und publikumsnahen Inszenierung zu sehen.


Montag, 8. September 2014

Mainzer Staatstheater: Hören erleben! für alle


Hören erleben!
Musikalisch-szenisches Hörerlebnis im Theater

Theater Mainz“Hörtheater” heißt ein neues Projekt, mit dem das Staatstheater Mainz in der Spielzeit 2014/2015 beginnt. In den 3 Stationen “Sternenhimmel”, “Aus der Tiefe” und “Sounds for a while” können interessierte Theaterbesucher mit Mitgliedern des Staatsorchesters, mit Solisten des Ensembles und mit Gästen unter Leitung des Regisseurs Anselm Dalferth neue Klangwelten entdecken. Eine abenteuerliche Reise in Raumklänge und Klangräume erwartet alle interessierten Theaterbesucher.

Am 18. September 2014 um 19.30 Uhr steht im Glashaus eine Einführungsveranstaltung (Kick-Off) an. Das Theater fordert alle auf, im Geräuschensemble mitzuspielen. Mitbringen muss jeder die Lust auf ein musika­lisch-szenisches Abenteuer. In Workshops wird über einen Zeitraum von mehreren Wochen in die Geheimnisse der Klangerfindung eingeführt. Das Theater verspricht: “Danach werden Sie anders hören!” Erstes Ziel ist die Mitwirkung in der ersten Produktion der Hörtheaterproduktion “Sternenhimmel” am 16.11.2014 im Glashaus, in der mit einer aufregenden Wind- und Wettermusik der Himmel zum Klingen gebracht werden soll.

Wegen der begrenzten Teilnehmerzahl ist eine Anmeldung bis zum 12.9.2014 beim Regisseur Anselm Dalferth erforderlich.


ANMELDUNG

Mittwoch, 23. Juli 2014

Was kommt in Mainz in der neuen Spielzeit ohne Fontheim und Touzeau (inkl. Team) auf uns zu?

„Es geht mir nicht darum, ein Haus zu leiten um jeden Preis. In manchen Gesprächen, die ich geführt habe, ging es um genau dieselben Dinge wie hier. Da muss ich dann gar nicht anfangen.“ Das sagte Matthias Fontheim FAZ-Redakteurin Eva-Maria Magel.
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Matthias Fontheim, Foto: Heinrich Völkel
Kurz vor dem Ende seiner Intendanz am Staatstheater Mainz hatMatthias Fontheim ein Buch mit dem Titel "Staatstheater Mainz - Die Intendanz Matthias Fontheim 2006 - 2014" vorgestellt. Den Einband ziert ein Foto mit Buttons "NOCH HAT MAINZ EINS", mit denen Theatermitarbeiter und Theaterfreunde Seite an Seite im Jahr 2011 den Theaterkampf mit Mainzer Kommunalpolitikern um Etatkürzungen am Theaterhaushalt bestritten haben.
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Der Intendantenwechsel von Matthias Fontheim zu Markus Müller hat die tiefsten Einschnitte beim Tanztheater zur Folge. Mit dem bisherigen Ballettchef Pascal Touzeau verlassen fast alle Tänzerinnen und Tänzer das Staatstheater.

Montag, 16. Juni 2014

Wie war es bei LEE / TOUZEAU / NAHARIN im Mainzer Staatstheater?

The Fade

Das ballettmainz ist heute ein stehender Begriff für Qualität. Seit Pascal Touzeau Direktor und Chefchoreograph des Ballets im Staatstheater Mainz wurde, hat sich viel getan. Mit seiner reichhaltigen Erfahrung In Bordeaux, Frankfurt /Main, Bonn, Wiesbaden, Madrid und nun Mainz in der Spielzeit 2013/2014 ein letztes Mal bürgt er für außergewöhnlich exponierte Produktionen. 2011 wurde Touzeau mit dem geschätzten Orden CHEF DES ARTS ET DES LETTRES vom französischen Kulturministerium geehrt. Sein Nachfolger wird Honne Dohrmann aus Norddeutschland.

Letzten Samstag, den 14.06.2014, schaute ich mir den Ballettabend mit drei ganz unterschiedlichen Tanzstücken an, die die Bandbreite von ballettmainz in gerade mal einer Stunde und 45 Minuten inklusive zwei Pausen unter Beweis stellte.

Gestartet wurde mit THE FADE, das ich leider nur nach Zuschauerinterview wiedergeben kann, denn ich hatte ein kleines Problem mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, das mich 10 Minuten zu spät ankommen ließ. Leider hat kein Mensch mehr die Türen geöffnet. Aber die Stimmen von zwei sehr netten und engagierten Ballettbesucherinnen vermittelten mir doch sofort in der Pause, was da passiert war. Das Stück von Douglas Lee bescherte den Zuschauern zur Musik von Aphex Twin fünf Tänzer, drei Männer und zwei Frauen, die auffällig in Roboterweise, dann aber auch wieder sehr geschmeidig tanzten, bestimmte Bewegungen in serieller Manier wiederholten und alle in denselben Unsisexkostümen steckten. Während die Männer miteinander tanzten und natürlich auch mit den Frauen, tanzten die Frauen nie miteinander. Das ganze Stück wurde als atmosphärisch sehr dicht wahrgenommen. Im Mittelpunkt standen die Begegnungen vergangener Zeiten, die teilweise erinnert oder neu geschaffen in die Gegenwart reinspielten. Manche Beziehungen dauern fort, es findet jedoch ein ständiger Rückzug in dunklere Gefilde, die Erinnerung statt, was man durch das Verschwinden der Figuren in einem dunklen Rückzugsraum erlebte. Aber wie es unser System Ubw (Unbewusstes) eingerichtet hat, fällt oft nur ein kurzes Licht auf die Vergangenheit, bevor die Szene ausgeblendet wird (to fade = ausblenden).

Touzeaus eigenes Stück CARPE DIEM eine Aufforderung zum Hin- und Zuhören und zum Hin-
Carpe Diem
und Anschauen des Lebens, der Menschen, daraus resultierend, den Tag zu nutzen: carpe diem. Entlang von Schriftbotschaften, am Ende auf die nackten Rücken der Tänzer projiziert, zuvor als zusätzliche strukturelle Maßnahme für etwa eine Minute auf die Kulissen, entwickelt sich das Tanzgeschehen in LISTEN aus einem sehr kraftvollen und exakten Pas de deux, Passanten, Figuren kommen aus unterschiedlichen Richtungen vorbei, treten in das Geschehen ein, schauen auffällig oft nach den Soli oder auch einem Männerpaar. Alle Tänzer in Paaren oder in der Gruppe werden wieder Zuschauer eines Solos, der exponiert im Geschehen besondere Beachtung verdient. Dazu zwei Fassungen von GAVIN BRYARS, THE NORTH SHORE, einmal Cello und Klavier, einmal Viola, Streicher, Klavier, Schlagzeug. Ganz dominant im gesamten Stück der ästhetische Ausdruck mit weit ausladenden Gesten, spannungs- und kraftgeladen in angemessenem Tempo. In LOOK eigenwillige Sitzgelegenheiten für eine Frau. Drei Männer legen sich übereinander, um ihr einen besonderen Blick auf die andere Frau zu geben. Danach tanzen sie mit ihr, sie wird getragen, geschleift, benutzt (?). Gegen Ende wird das Schauen verweigert. Acht bis zehn zumeist inaktive Tänzer sitzen wie Buddhas in einem 90-Grad-Winkel mit dem Rücken zum Geschehen, zeigen Desinteresse. Das Enthüllen der Rücken, auf denen das CARPE DIEM erscheint, wie ein stummes Aufbegehren, nutzt eure Zeit, schaut hin, schaut uns an!


Eine ungewöhnlich lebhafte Darbietung war MINUS 16 von Ohad Naharin, das mit einem Bewegungssturm inklusive Slapstick- und Comedyelementen über die Zuschauer fegte. Ein Vorgeschmack auf weitere israelische Tanzstücke, die in den kommenden Saisonen stärker zur Geltung kommen sollen. Naharin beginnt eher wie im Zirkus und holt seine Zuschauer mit der Figur eines ungeschickten und ungeduldigen Varieté-Pausenclowns ins Stück. Erst unterhält er die Zuschauer durch allerlei hektische und ungelenke Tanzschritte in ChaChaCha, will mal die Wände hoch und führt dann ins Geschehen. Eine zirkusmäßige kommentierende Stimme kündigt eine Geschehen an, dass die Koexistenz von Müdigkeit mit Eleganz zum Thema hat. Zu israelischen Klängen sitzen im ersten Bild dann 17 Tänzer im grauen Anzug mit Hut im 20er- bis 40er-Jahre-Stil auf Stühlen 
Minus 16 -- 01
im Halbkreis. Simultane Bewegungen in schneller Geschwindigkeit werden von Singen und einem Saxofon begleitet. Es entsteht eine Bewegungenwelle, die wie im Dominospiel die Tänzer von links nach rechts erfasst und wie von einem Schuss getroffen mit weit ausgestreckten Armen und Beinen auf den Stühlen nach hinten fliegen lässt, während der letzte Tänzer nach vorne in die Mitte fällt oder springt. Dies wiederholt sich einige Male, dann beginnen die Jacken und Schuhe, Hosen und Hemden in die Mitte zu fliegen, sodass sich eindeutig 16 Tänzer von dem letzten unterscheiden, der im Anzug bleibt. Damit stellt sich auch ein Sinn her: 17 MINUS 16. 
Minus 16 -- 02
Welche Konnotationen die Zuschauer hier anstellen wird jedem selbst überlassen. Es stellt sich sehr stark die Assoziation der Konzentrationslager und Kleiderberge her. Es können genausogut Befreiungsversuche von Konventionen sein. Diese MINUS 16 treten in einem weiteren Bild nach vorne und die Frauen daraus beginnen einen mechanischen Tanz. Es folgt als krasser Sprung zur heilen Welt ein Pas de deux zu Antonio Vivaldis: "Nisi Dominus" (Es sei denn, der Herr ... Psalm 126). Ein Mann bettelt um die Gunst einer Frau, die rückwärts davonläuft. Er läuft im Hockschritt ihr nach, zielt mit den Händen auf ihren Bauch ... Er wird erhört. Das letzte Bild wird mit Publikumsbeteiligung bestritten. Die Tänzer holen Frauen aus dem Publikum, tanzen mit ihnen hektisch nach Diskoklängen zum Popgesang einer Frau, später im ChaChaCh. Die Frauen verlassen nach und nach die Bühne, schlagartig fallen alle Männer um, eine Frau dominiert und bleibt stehen. Über einen hektischen Tanz geht es zu einem ruhigen Schlussbild zu Chopins Nocturne op. 9, Nr 2. In der laut und heftig verlangten Zugabe wieder wildes Tanzen mit abrupten Standbildern.

Minus 16 -- 03

Das Publikum war sehr begeistert über dieses spritzige Tanztheater, das jeden aus den Stühlen riss. Das Gesamt der drei Stücke ein wirklicher Genuss und nur noch zweimal in dieser Spielzeit zu sehen. 


17. Juni 2014

04. Juli 2014