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Dichterhain, Bände 1 bis 4

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Dichterhain, Bände 5 bis 8

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Montag, 16. Juni 2014

Wie war es bei LEE / TOUZEAU / NAHARIN im Mainzer Staatstheater?

The Fade

Das ballettmainz ist heute ein stehender Begriff für Qualität. Seit Pascal Touzeau Direktor und Chefchoreograph des Ballets im Staatstheater Mainz wurde, hat sich viel getan. Mit seiner reichhaltigen Erfahrung In Bordeaux, Frankfurt /Main, Bonn, Wiesbaden, Madrid und nun Mainz in der Spielzeit 2013/2014 ein letztes Mal bürgt er für außergewöhnlich exponierte Produktionen. 2011 wurde Touzeau mit dem geschätzten Orden CHEF DES ARTS ET DES LETTRES vom französischen Kulturministerium geehrt. Sein Nachfolger wird Honne Dohrmann aus Norddeutschland.

Letzten Samstag, den 14.06.2014, schaute ich mir den Ballettabend mit drei ganz unterschiedlichen Tanzstücken an, die die Bandbreite von ballettmainz in gerade mal einer Stunde und 45 Minuten inklusive zwei Pausen unter Beweis stellte.

Gestartet wurde mit THE FADE, das ich leider nur nach Zuschauerinterview wiedergeben kann, denn ich hatte ein kleines Problem mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, das mich 10 Minuten zu spät ankommen ließ. Leider hat kein Mensch mehr die Türen geöffnet. Aber die Stimmen von zwei sehr netten und engagierten Ballettbesucherinnen vermittelten mir doch sofort in der Pause, was da passiert war. Das Stück von Douglas Lee bescherte den Zuschauern zur Musik von Aphex Twin fünf Tänzer, drei Männer und zwei Frauen, die auffällig in Roboterweise, dann aber auch wieder sehr geschmeidig tanzten, bestimmte Bewegungen in serieller Manier wiederholten und alle in denselben Unsisexkostümen steckten. Während die Männer miteinander tanzten und natürlich auch mit den Frauen, tanzten die Frauen nie miteinander. Das ganze Stück wurde als atmosphärisch sehr dicht wahrgenommen. Im Mittelpunkt standen die Begegnungen vergangener Zeiten, die teilweise erinnert oder neu geschaffen in die Gegenwart reinspielten. Manche Beziehungen dauern fort, es findet jedoch ein ständiger Rückzug in dunklere Gefilde, die Erinnerung statt, was man durch das Verschwinden der Figuren in einem dunklen Rückzugsraum erlebte. Aber wie es unser System Ubw (Unbewusstes) eingerichtet hat, fällt oft nur ein kurzes Licht auf die Vergangenheit, bevor die Szene ausgeblendet wird (to fade = ausblenden).

Touzeaus eigenes Stück CARPE DIEM eine Aufforderung zum Hin- und Zuhören und zum Hin-
Carpe Diem
und Anschauen des Lebens, der Menschen, daraus resultierend, den Tag zu nutzen: carpe diem. Entlang von Schriftbotschaften, am Ende auf die nackten Rücken der Tänzer projiziert, zuvor als zusätzliche strukturelle Maßnahme für etwa eine Minute auf die Kulissen, entwickelt sich das Tanzgeschehen in LISTEN aus einem sehr kraftvollen und exakten Pas de deux, Passanten, Figuren kommen aus unterschiedlichen Richtungen vorbei, treten in das Geschehen ein, schauen auffällig oft nach den Soli oder auch einem Männerpaar. Alle Tänzer in Paaren oder in der Gruppe werden wieder Zuschauer eines Solos, der exponiert im Geschehen besondere Beachtung verdient. Dazu zwei Fassungen von GAVIN BRYARS, THE NORTH SHORE, einmal Cello und Klavier, einmal Viola, Streicher, Klavier, Schlagzeug. Ganz dominant im gesamten Stück der ästhetische Ausdruck mit weit ausladenden Gesten, spannungs- und kraftgeladen in angemessenem Tempo. In LOOK eigenwillige Sitzgelegenheiten für eine Frau. Drei Männer legen sich übereinander, um ihr einen besonderen Blick auf die andere Frau zu geben. Danach tanzen sie mit ihr, sie wird getragen, geschleift, benutzt (?). Gegen Ende wird das Schauen verweigert. Acht bis zehn zumeist inaktive Tänzer sitzen wie Buddhas in einem 90-Grad-Winkel mit dem Rücken zum Geschehen, zeigen Desinteresse. Das Enthüllen der Rücken, auf denen das CARPE DIEM erscheint, wie ein stummes Aufbegehren, nutzt eure Zeit, schaut hin, schaut uns an!


Eine ungewöhnlich lebhafte Darbietung war MINUS 16 von Ohad Naharin, das mit einem Bewegungssturm inklusive Slapstick- und Comedyelementen über die Zuschauer fegte. Ein Vorgeschmack auf weitere israelische Tanzstücke, die in den kommenden Saisonen stärker zur Geltung kommen sollen. Naharin beginnt eher wie im Zirkus und holt seine Zuschauer mit der Figur eines ungeschickten und ungeduldigen Varieté-Pausenclowns ins Stück. Erst unterhält er die Zuschauer durch allerlei hektische und ungelenke Tanzschritte in ChaChaCha, will mal die Wände hoch und führt dann ins Geschehen. Eine zirkusmäßige kommentierende Stimme kündigt eine Geschehen an, dass die Koexistenz von Müdigkeit mit Eleganz zum Thema hat. Zu israelischen Klängen sitzen im ersten Bild dann 17 Tänzer im grauen Anzug mit Hut im 20er- bis 40er-Jahre-Stil auf Stühlen 
Minus 16 -- 01
im Halbkreis. Simultane Bewegungen in schneller Geschwindigkeit werden von Singen und einem Saxofon begleitet. Es entsteht eine Bewegungenwelle, die wie im Dominospiel die Tänzer von links nach rechts erfasst und wie von einem Schuss getroffen mit weit ausgestreckten Armen und Beinen auf den Stühlen nach hinten fliegen lässt, während der letzte Tänzer nach vorne in die Mitte fällt oder springt. Dies wiederholt sich einige Male, dann beginnen die Jacken und Schuhe, Hosen und Hemden in die Mitte zu fliegen, sodass sich eindeutig 16 Tänzer von dem letzten unterscheiden, der im Anzug bleibt. Damit stellt sich auch ein Sinn her: 17 MINUS 16. 
Minus 16 -- 02
Welche Konnotationen die Zuschauer hier anstellen wird jedem selbst überlassen. Es stellt sich sehr stark die Assoziation der Konzentrationslager und Kleiderberge her. Es können genausogut Befreiungsversuche von Konventionen sein. Diese MINUS 16 treten in einem weiteren Bild nach vorne und die Frauen daraus beginnen einen mechanischen Tanz. Es folgt als krasser Sprung zur heilen Welt ein Pas de deux zu Antonio Vivaldis: "Nisi Dominus" (Es sei denn, der Herr ... Psalm 126). Ein Mann bettelt um die Gunst einer Frau, die rückwärts davonläuft. Er läuft im Hockschritt ihr nach, zielt mit den Händen auf ihren Bauch ... Er wird erhört. Das letzte Bild wird mit Publikumsbeteiligung bestritten. Die Tänzer holen Frauen aus dem Publikum, tanzen mit ihnen hektisch nach Diskoklängen zum Popgesang einer Frau, später im ChaChaCh. Die Frauen verlassen nach und nach die Bühne, schlagartig fallen alle Männer um, eine Frau dominiert und bleibt stehen. Über einen hektischen Tanz geht es zu einem ruhigen Schlussbild zu Chopins Nocturne op. 9, Nr 2. In der laut und heftig verlangten Zugabe wieder wildes Tanzen mit abrupten Standbildern.

Minus 16 -- 03

Das Publikum war sehr begeistert über dieses spritzige Tanztheater, das jeden aus den Stühlen riss. Das Gesamt der drei Stücke ein wirklicher Genuss und nur noch zweimal in dieser Spielzeit zu sehen. 


17. Juni 2014

04. Juli 2014