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Dichterhain, Bände 1 bis 4

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Dichterhain, Bände 5 bis 8

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Montag, 1. November 2010

Musik: Mari Boine - STERNA PARADISEA (Die Paradiesvogelfrau) - Samischer Ethnojazz

Foto: Armin Ferger

"Music is my life, the song is my breathing."


       Seit Anfang der 80er-Jahre steht Mari Boine auf der Bühne. Ihr Engagement für die Sache der Sámi, der Lappen, wie wir sie noch veraltet nennen, begann. Anfangs lachte sie noch über die ulkige Sprache der Samen, wie sie in einem Interview äußerte, aber dann begriff sie, dass diese vokalreiche Sprache eine unglaubliche Ausdrucksintensität bietet. Sie sang nicht mehr nur norwegisch oder englisch, sondern auch zunehmend in der Sprache der Sámi. Mari Boine wurde zur Stimme der Sámi, kämpfte für ihre Rechte, machte auf ihr Leben, ihr schützenswertes Dasein aufmerksam. Sie wurde zusehends politischer und kämpferischer. "In meinen Liedern kann ich den Schmerz der Beklemmung, des Kampfes ausdrücken, um Selbstachtung, aber auch die Heiterkeit wiederzugewinnen, in einer Kultur aufzuwachsen, die eine ganz große Nähe zur Natur hat." Diese Naturverbundenheit wird schon seit langer Zeit, ähnlich wie bei den nordamerikanischen Indianern, bekämpft, ihre Integration um den Preis des Identitätsverlustes schon lange betrieben, wobei die Sámi heute jedoch von den Regierungen sorgsam behandelt und von privaten Hilfen unterstützt werden. Die über 100.000 Samen (Sámi) leben im Norden von Norwegen, Schweden, Finnland, Russland sowie vereinzelt in der Ukraine. "Das Siedlungsgebiet der Samen wird oft vereinfachend mit Lappland gleichgesetzt, geht aber über die Gebiete der gleichnamigen Provinzen Lappland in Schweden und Lapin Lääni in Finnland weit hinaus. Die Samen selbst nennen ihr Siedlungsgebiet 'Sápmi' oder 'Same Ätnam'." (wikipedia)

Sámi-Familie um 1900
Foto: wikipedia
       Den Einstieg in ihr Abendprogramm gestaltete Mari Boine im Kammgarn Kaiserslautern über traditionellen Sámi-Gesang, da die Technik scheinbar kurz den Dienst versagte. Sie scherzte noch, dass der ganze Abend eine folkloristische Veranstaltung werden würde. Danach ging es jedoch mit der bekannten Power und Präsenz los.
       Mari Boine und Band ist in der Lage, aus und mit archaischen Rhythmen und Lauten eine konzertante Ekstase mit Percussion, traditioneller ovaler Sámi-Handtrommel, die an das keltische Bóron erinnert, Jazztrompete, Bassguitar und traditioneller samischer Laute zu generieren, die die Leute fast magisch auf die Beine stellt. Und wie die Paradiesvogelfrau sagte: "Normalerweise wird in Jazzclubs nicht getanzt, bei mir jedoch immer. Deswegen fühlen Sie sich frei zu tanzen, wenn Ihnen danach ist." Und sie bot mit ihrer Repertoirebreite von 1986 bis zum allerneuesten Song genug Gelegenheit dazu.
Fotos: Armin Ferger
       Bei jedem Song lauern die Zuschauer darauf, dass sich wieder einer dieser orgiastischen Schamanenhöhenflüge ereignet, der jeden in den Bann zieht, der einem ein massives und fundamentales Erdungsgefühl verschafft, obwohl sehr viele Lieder sich mit des Vogels Flug beschäftigen. Phänomenal ihr Stück über die Adler, die sich kraftvoll und immer weiter steigernd in die Höhe schwingen, ein Traum ihr Lied über den Paradiesvogel, als dessen Frau sie sich sieht, Mari, die Paradiesvogelfrau, alljährlich im Mai auf dem Weg von den Küsten Südafrikas in die dreimonatige Mittsommernacht des hohen Nordens, um für Nachwuchs zu sorgen, und wieder zurück. Schlafend im Flug, fast getragen von unsichtbaren Händen der Götter fliegen die Paradiesvögel die Tausenden von Kilometern, um den grandiosen Reiz des Nordens einmal im Jahr zu erleben, sich zu paaren. Den Flug des Vogels tanzend tritt Mari Boine demonstrativ vor die Techniklinie und suggeriert den endlosen Flug, die Kraft und Anstrengung. Der Vogel, der trotz seiner majestätischen Gelassenheit sehr verärgert reagiert, wenn man seine Kinder angreift...
       Das fulminante und gewaltige Adlerlied von 1986 muss wohl auch im Kontext der Atomkatastrophe von Tschnerobyl gesehen werden, bei der über 70.000 Rentiere südlich des Polarkreises radioaktiv verseucht wurden. Die Regierungen versprachen Entschädigungen, die jedoch weit niedriger ausfielen als benötigt. Eine weitere riesige und äußerst gefährliche Bedrohung des samischen Lebensraumes.
       Musik kann uns verwirren. Aber sie kann uns auch glücklich machen, emporheben oder bereichern. Und vielleicht sogar mehr als das. Das fast schon religiöse Urritual, das Mari Boine mit ihrer Musik zelebriert - sie nennt ihre Religion eine holistische - spricht viele Menschen an, jenseits der Kirchen, aber tief und gesund, sehr wahrscheinlich viel gesünder empfindend. Im strengen christlichen Scheuklappenmilieu Norwegens wurde sie in den 80er-Jahren als eine Ketzerin betrachtet, die ihr häretisches Teufelsmusikwerk betrieb. Und tatsächlich assoziiert man bei ihren Tänzen zur einprägsamen Musik den klassischen Tanz einer Hexenpriesterin, wie man ihn aus Klischeedarstellungen des Mittelalters kennt. "In meinen Gebeten achte ich auf die Kräfte in der Natur, zum Beispiel den Sonnengott Beaivi, den Donnergott, Windgott und die Sámi-Göttinnen."
       Konzerte von und mit Mari Boine zählen zu den seltenen und einzigartigen Begegnungen mit dem pulsierenden Herz der Natur. 


        LIVE-Termine 2010:

        22. Sept - Kirkelandet kirke, Kristiansund
        23. Sept - Sunndal kulturhus, Sunndal
        24. Sept - Surnadal kulturhus, Surnadal
        15. Okt - Festival against censorship, Bilbao
        17. Okt - Kanonhallen, Oslo
        29. Okt - Posthof, Linz
        30. Okt - Oval, Salzburg
        31. Okt - Kammgarn, Kaiserslautern
        01. Nov - Jazzhaus, Freiburg
        03. Nov - Kulturzentrum KFZ, Marburg
        04. Nov - Bahnhof Langendreer, Bochum
        05. Nov - Pavillon, Hannover
        06. Nov - Fabrik, Hamburg
        08. Nov - Schlachthof, Bremen
Flagge der Sámi, Foto: wikipedia
        09. Nov - Passionskirche, Berlin
        10. Nov - Malzhaus, Plauen
        11. Nov - E-Werk, Erlangen




Mari Boine über Sterna Paradisea
Webpräsenz von Mari Boine
Hörproben aus dem Album Idjagiedas (2006)


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