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| Hyperion und die Maskenmenschen (AI) |
" Hyperion an Bellarmin.
So kam ich unter die Deutschen. Ich foderte nicht viel und war gefaßt, noch weniger zu finden. Demüthig kam ich, wie der heimathlose blinde Oedipus zum Thore von Athen, wo ihn der Götterhain empfieng; und schöne Seelen ihm begegneten –
Wie anders gieng es mir!
Barbaren von Alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glük der heiligen Grazien, in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit belaidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes – das, mein Bellarmin! waren meine Tröster.
Es ist ein hartes Wort und dennoch sag’ ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesezte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstükelt untereinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt?"
Kapitel LIX Erstausgabe Tübingen 1799,
J. G. Cotta. Seiten 112–113 der Erstausgabe.
Wie würden wir es heute formulieren?
Ich kam in dieses Land mit leisen Erwartungen. Ich dachte, ein wenig Menschlichkeit würde ich schon finden, ein bisschen Mut, ein bisschen Geist. Aber was ich sah, war ein Volk, das sich selbst verloren hat. Sie reden von Freiheit, doch sie fürchten alles, was lebendig ist. Sie reden von Ordnung, doch sie verwechseln sie mit Gehorsam. Sie reden von Sicherheit, doch sie meinen Kontrolle.
Die Mächtigen nennen es „Stabilität“, aber es ist nur die Kunst, Menschen klein zu halten. Sie nennen es „Realismus“, doch es ist nur die Angst vor dem Denken. Sie nennen es „Notwendigkeit“, doch es ist nur die Bequemlichkeit der Barbarei.
Und ich? Ich stehe dazwischen, mit einem Herzen, das nach Welt ruft, und einer Zeit, die sich einmauert. Ich wollte ein Zuhause finden, aber ich fand ein System, das seine eigenen Kinder nicht erkennt. Ich wollte Menschen finden, aber ich fand Funktionsträger. Ich wollte Leben finden, aber ich fand Verwaltung.
Und so frage ich mich, ob nicht wir die Barbaren sind – nicht weil wir wild wären, sondern weil wir verlernt haben, was uns menschlich macht: Mut, Geist, Schönheit, und die Fähigkeit, einander wahrzunehmen und zu erkennen.
