Realistisch betrachtet ist es eher unwahrscheinlich, dass Deutschland das gesetzliche Renteneintrittsalter über die nächsten 50 Jahre dauerhaft klar unter 70 halten kann — zumindest dann, wenn das heutige Systemprinzip weitgehend erhalten bleibt. Eine sarkastische Überspitzung der Thematik betrachtet das Rentenalter 85 als Lösung aller Probleme, weil es ungemein viel Geld spart!
Das bedeutet nicht automatisch: Alle arbeiten bald bis 75 oder stark übertrieben bis 85 (das wäre wohl eher um 2160-2165 herum zu sehen).
Aber es bedeutet sehr wahrscheinlich höhere Regelaltersgrenzen, längere Lebensarbeitszeiten, stärkere Abschläge bei frühem Ausstieg und mehr Druck zur privaten Vorsorge.
Der Kern des Problems ist die Demografie. Deutschland bewegt sich in eine Struktur hinein, in der weniger Erwerbstätige, mehr Rentner und längere Rentenphasen gleichzeitig finanziert werden müssen. Die Bundesbank beschreibt diese Entwicklung inzwischen als grundlegende Belastung für Rentenversicherung und Staatshaushalt. (Bundesbank)
Viele Fachleute sehen deshalb eine Kopplung des Rentenalters an die Lebenserwartung als wahrscheinlichstes Szenario. Die Bundesbank simulierte bereits Modelle, bei denen das Eintrittsalter bis 2070 auf „gut 69 Jahre“ steigt. (Bundesbank)
Wenn man die Entwicklung nüchtern betrachtet, gibt es drei denkbare Wege:
Rentenalter deutlich erhöhen
Beitragssätze massiv erhöhen
Rentenniveau spürbar senken
Politisch versucht Deutschland bislang, keinen dieser Wege vollständig zu gehen. Genau deshalb stauen sich die Kosten immer weiter auf. Das Entscheidende ist, dass die Rente mit 67 früher ebenfalls politisch nahezu undenkbar ist. Heute gilt sie als normal. Dasselbe könnte in 20 bis 30 Jahren für 68 oder 69 Jahre gelten. Andere Länder zeigen bereits die Richtung: In Dänemark wird das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung gekoppelt und soll bis 2040 auf 70 steigen. (DIE WELT) Auch die Niederlande arbeiten mit solchen Mechanismen. (DIE WELT)
Deshalb lautet die realistische Einschätzung:
dauerhaft unter 67 ist praktisch ausgeschlossen,
dauerhaft exakt 67 eher unwahrscheinlich,
68–69 Jahre bis Ende des Jahrhunderts relativ plausibel. Nach bisheriger Rechnung wäre es mit 69 wohl erst um das Jahr 2090 herum soweit, die Bundesbank kommt auf 2070.
Daher ist die offizielle Rente mit 70 langfristig keineswegs unrealistisch (2100 wäre spätestens möglich).
Allerdings gibt es einen wichtigen Gegenfaktor, der da lautet: Wie sieht es mit der politischen und gesellschaftlichen Akzeptanz aus? Denn die Theorie kollidiert mit der wirtschaftlichen Realität vieler Berufe. Pflege, Bau, Handwerk, Industrie, Logistik, körperlich belastende Arbeit erlauben kaum Arbeiten bis 70, das gilt als unrealistisch. Genau deshalb wird vermutlich eher ein hybrides Modell entstehen, das sich aus offiziell höherem Rentenalter, Sonderregelungen für belastende Berufe, flexible Teilrenten, stärkere Betriebsrenten, und faktisch sehr unterschiedliche Ausstiegsalter je nach Einkommen und Gesundheit aufbauen lässt.
Das eigentliche Risiko liegt daher weniger in der nackten Zahl „70“. Das größere Risiko ist eine schleichende soziale Spaltung. Akademiker im Büro arbeiten bis 69 Jahre weiter, während körperlich Arbeitende früher aus dem Arbeitsmarkt gedrängt werden - oft mit Abschlägen, Krankheit oder Erwerbsminderung. Und genau an diesem Punkt wird die Rentenfrage nicht nur eine finanzielle, sondern eine gesellschaftliche Gerechtigkeitsfrage. Unser Rentensystem muss also ausgeglichener und gerechter werden, eventuell braucht es zwei verschiedene Modelle.
Siehe hierzu auch