Die Neuinszenierung von Wolfgang Amadeus Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ an der Berliner Staatsoper Unter den Linden (Premiere am 27. Juni 2026) ist eines der am heißesten diskutierten Opernereignisse der jüngsten Zeit.
Die Regisseurin Andrea Moses bricht hierbei radikal mit klassischen Sehgewohnheiten und verwandelt das traditionelle Singspiel in eine moderne, hochpolitische Multimedia-Show. Ihr Inszenierungskonzept "Hochkultur trifft Comedy" sorgte für vielfältige Reaktionen.
Die wohl überraschendste Personalie der Produktion ist die Besetzung des Bassa Selim mit dem bekannten Comedian Bülent Ceylan. Da es sich bei dieser Rolle um eine reine Sprechrolle handelt, funktioniert dieser Kniff auf eine ganz eigene Art: Ceylan spielt nicht nur den Herrscher des Serails, sondern fungiert gleichzeitig als eine Art Kommentator der gesamten Aufführung. Er übernimmt große Teile der Sprechtexte – auch die der singenden Protagonisten, um sprachliche Hürden charmant zu überbrücken. Er bricht regelmäßig die „vierte Wand“, bindet das Publikum ein und fängt spontane Reaktionen ab. Sogar vermeintliche politische Korrektheiten im Libretto greift er humorvoll auf und hinterfragt sie direkt auf der Bühne.
Das Bühnenbild von Raimund Bauer teilt die Szenerie horizontal: Oben befindet sich ein edler Salon für Konstanze, unten die kargen Räume für das Personal (Blonde und Pedrillo). Flankiert wird die Bühne von zwei riesigen Großbildschirmen, auf denen während der Vorstellung Live-Kamerabilder und Videoprojektionen übertragen werden, was der Aufführung das Flair einer modernen TV- oder Sitcom-Show verleiht.
Während die szenische Umsetzung stark polarisiert, wird die musikalische Qualität der Aufführung von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeiert. Allen voran glänzt die Sopranistin Adela Zaharia als Konstanze. Sie meistert die mörderisch schweren Koloraturarien (wie „Martern aller Arten“) mit einer glasklaren, kraftvollen Stimme und emotionaler Tiefe. An ihrer Seite überzeugen Siyabonga Maqungo als Belmonte und David Steffens, der den Osmin mit allen Facetten eines machohaften, aber stimmgewaltigen Aufsehers ausfüllt. Der junge Dirigent Thomas Guggeis, vielen bekannt als Generalmusikdirektor der Oper Frankfurt a.M. leitet die Staatskapelle Berlin. Er wählt sehr rasche, dynamische Tempi, die wunderbar mit dem rasanten, showartigen Tempo auf der Bühne harmonieren, ohne dabei die filigrane Struktur von Mozarts Musik zu vernachlässigen.
Die Produktion zeigt exemplarisch, wie modernes Regietheater die Geister scheiden kann. Die Reaktionen könnten kaum gegensätzlicher sein. Puristen und traditionelle Operngänger zeigten sich teilweise tief enttäuscht. In Fachforen und Rezensionen war von „Sitcom-Niveau“ und einer „Klamotte“ die Rede, die den eigentlichen Geist Mozarts vermissen lasse. Auf der anderen Seite wird die Produktion dafür gelobt, dass sie frischen Wind in die Opernwelt bringt. Gerade Menschen, die sonst selten eine Oper besuchen, zeigten sich begeistert von der Leichtigkeit, dem Humor und der Zugänglichkeit der Inszenierung.
Fiktive KI-Szenen-Nachbildung zur Illustration:
Bassa Selim (Bülent Ceylan) greift ein
Szene: Belmonte hat sich gerade ins Serail geschlichen. Er singt voller Pathos seine Arie „O wie ängstlich, o wie feurig“. Auf den riesigen Bildschirmen links und rechts sieht man sein schweißnasses Gesicht in extremer Nahaufnahme. Als der letzte Ton verklingt, friert das Orchester mitten im Akkord ein. Das Licht auf Belmonte wird fahl. Ein Scheinwerfer geht im Zuschauerraum an.
Bülent Ceylan als Bassa Selim im modernen, eleganten Designer-Anzug – blickt von den Rängen oder dem Bühnenrand direkt ins Publikum.
Bassa Selim: (schüttelt schmunzelnd den Kopf, spricht mit leichtem Kurpfälzer Einschlag ins Headset-Mikrofon) „Hört ihr das? ‚O wie feurig, o wie ängstlich.‘ Der Bub zittert wie ein Espenlaub. Schatz, du willst deine Konstanze befreien, aber schleichst hier rum wie ein Einbrecher, der vergessen hat, wo er sein Auto geparkt hat!“
(Er geht ein paar Schritte auf die Bühne, klopft dem eingefrorenen Belmonte epische-theatralisch auf die Schulter)
„Weißt du, im Originaltext von 1782 müsste ich jetzt eigentlich der große, böse, mächtige Herrscher sein, der dich in Ketten legt und foltern lässt. Die Leute im Parkett...“ (zeigt in die ersten Reihen) „...die warten ja quasi drauf. ‚Wann wird er endlich grausam?‘ Aber ganz ehrlich: Guck dir den Jungen doch an. Der hat den ganzen Weg von Spanien hierher geschafft, schifft sich ein, singt sich die Seele aus dem Leib – und dann soll ich den Bösewicht spielen?“
(Er dreht sich zum Dirigenten Thomas Guggeis im Graben um)
„Thomas, sag mal, hast du das Libretto gelesen? Das ist doch heute kein Mensch mehr so! Wir sind hier in Berlin Unter den Linden, nicht im Märchenwald. Wenn ich den jetzt einsperre, krieg ich morgen auf Social Media einen Shitstorm, das glaubst du gar nicht. ‚Bassa Selim blockiert die wahre Liebe‘ – Hashtag #CancelSelim. Nee, das machen wir anders.“
(Ceylan wendet sich wieder an Belmonte, der langsam aus der Starre erwacht und ihn irritiert ansieht)
„Pass auf, Belmonte. Ich geb dir und deiner Konstanze eine Chance. Aber nicht, weil ich Angst vor deinem Papa habe. Sondern weil deine Koloraturen echt stabil waren. Respekt dafür. Aber jetzt setz dich erst mal hin, trink ’nen Tee und komm runter. Und ihr...“ (blickt ins Publikum) „...atmet mal tief durch. Gleich kommt der Osmin, und der hat heute richtig schlechte Laune. Thomas, spiel weiter, mach ein bisschen Dampf!“
Ceylan zwinkert dem Publikum zu, geht lässig ab. Das Orchester setzt mit einem Schlag wieder ein, das Bühnenlicht wechselt schlagartig zurück ins Serail-Szenario, und die Oper läuft in ihrem rasanten Tempo weiter.
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