vieregg text redaktion lektorat + SV Verlag
Mein Blog informiert Sie über Termine, Neuigkeiten, Wissenswertes, Skurriles und Bewundernswertes aus dem Bereich der Künste, Kino, Fotografie, Bücherwelt und vieles mehr. Die Welt ist bunt! Auch in meinem Blog. Geben Sie ihr im PC 30 Sekunden Zeit zu starten oder 5 Sekunden im Handy! Welcome to my blog and feel free to leave a comment in English or French! World is colorful! Also in my blog. Give it 30 seconds to start in your PC and 5 in your phone.
TEUFELSKINDER von Jules Amedée Barbey D'Aurevilly
- Seite 1
- Regionale Events
- Noch mehr Musik (mit Konzertdaten)
- Noch mehr Kunst, Kultur, Buchmarkt & Co
- Noch mehr Kabarett und Comedy
- Noch mehr Film
- Noch mehr Gesundheit, Wellness und Spiritualität
- Noch mehr Klatsch und Tratsch
- SUPERCHANCEN FÜR KÜNSTLER - KUNST & KULTUR-PREISE, -AUSSCHREIBUNGEN, -FORTBILDUNGEN
- Frankfurter Buchmesse
- Leipziger Buchmesse
- GALLERIA ARTISTICA quattro: free for booking
- GALLERIA ARTISTICA due: free for booking
- GALLERIA ARTISTICA flashlight: free for booking
- GALLERIA ARTISTICA - Gegenwartskünstler in Dauerausstellung
- KÜNSTLERPORTRÄTS
- AUTORENPORTRÄTS
- GALLERIA ARTISTICA otto: Sonderangebot 12 Wochen für den Preis von 8!
- Schmökerecke: TEUFELSKINDER von Jules Amedée Barbey d'Aurevilly
- SV VERLAG - Das aktuelle Programm und LESEPROBEN
- (Hobby-)Literarisches Treiben in der Pfalz und Umland - III. Quartal 2023
- Events und Veröffentlichungen bislang unbekannter Autoren
SV Verlag
SV Verlag mit Handy oder Tablet entdecken! Übersetze/Translate/Traduis/Tradurre/Traducir/переводить/çevirmek
Donnerstag, 26. März 2026
Bei Berührung der Liebe wird jeder zum Dichter. — Platon
Mittwoch, 25. März 2026
Severin Groebners Neuer Glossenhauer #100 (!) - Da Hundatste - Zahl und Fatal
Zur runden Zahl in Flieder © Foto: Dominic Reichenbach / Artwork: Claus Piffl
Zahl und Fatal
Zuerst mal zur Zahl:
Jetzt hab ich es doch geschafft. Zweidreiviertel Jahre nach der Einstellung der Wiener Zeitung und damit der ältesten gedruckten Tageszeitung der Welt (noch im Nachhinein ein herzliches „Wo seids Ihr eigentlich angrennt?“ an die damaligen Regierungsverantwortlichen in Österreich) und damit meiner Entscheidung die Kolumne, die ich in der Zeitung gehabt hatte, online weiter zuführen, sind wir in der 100. Ausgabe des „Neuen Glossenhauers“ angekommen.
100. vulgo: Da Hundatste.
Man kann mir nicht mangelnde Beharrlichkeit vorwerfen.
Mangelnde Pünktlichkeit schon.
Denn jeder, der weiß, wie viele Wochen so ein Jahr hat und rechnen kann, weiß jetzt natürlich auch, dass es mit der Wöchentlichkeit hier nicht immer so ernst genommen wird, aber … ganz ehrlich: Was soll’s.
Ich tu mein Bestes und das so regelmäßig, wie ich kann. Und manchmal kann ich halt nicht. Aber die Glosse ist immer noch da und die Anzahl der Abonnentinnen und Abonnenten hat sich in den letzten 27 Monaten mehr als verdreifacht.
Und manche zahlen auch was!
Sei auch Du eine/r von denen!
(Infos siehe unten)
Apropos Zahlen.
Könnt Ihr Euch noch erinnern, wie damals vor zweidreiviertel Jahren der Heizungsfachmann Aigruber und die Fussmatten-Influencerin Gruber im oberbayerischen Erding gegen die Wärmepumpe und das Heizungsgesetz gehetzt haben?
Und gegen ein paar andere Sachen auch noch. Gegen das Gendern. Und den Klimawandel. Und die Grünen. Und ich glaube auch gegen das schlechte Wetter, gegen die Erdrotation, die Massenanziehung und dass man im Supermarkt immer an der Kasse ansteht, wo es am langsamsten vorwärts geht.
Und was war deren Lieblingsargument?
Genau, das was alle kurzsichtigen Pfennigfuchser, die nicht langfristig rechnen können, sagen:
„Was das wieder kostet!“
Und jetzt?
Jetzt wo ein anderer Freund des erfundenen Arguments und der Gefühlspolitik einen Krieg vom Zaun bricht, der die Preise der fossilen Rohstoffe durch die Decke gehen lässt, was sagt jetzt der Aiwanger und die Gruberin?
Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht.
Und ich will das auch so genau wissen, wie ich eine Mitschrift des letzten Andreas Gabalier- Konzerts lesen möchte.
Und wer diesen geistig Herausgeforderten jemals geglaubt hat, hat jetzt hoffentlich dazu gelernt. Und damit hebt er sich schon von ihnen ab.
Weil eins haben die sicher nicht gesagt: „Oh, da hab ich mich wohl geirrt.“
Schließlich kommt es nicht überraschend, dass die fossilen Energieträger extremen Preisschwankungen unterliegen. Das war nämlich schon immer so.
Dazu braucht es keinen Krieg, der von religiösen Faschisten gegen religiöse Faschisten geführt wird. Aber es hilft natürlich.
Anders gesagt:
Wer heute sein E-Bike, sein E-Moped oder sein E-Auto mit Solarstrom lädt, freut sich, wenn er in sein mit Wärmepumpe beheiztes Zuhause kommt. Weil er recht viel Geld spart. Bares Geld, das er oder sie oder es dann in die steigenden Lebensmittelpreise stecken kann.
Aber das ist natürlich dem Hubsi (Ministergehalt, bezahlt von Dir und Dir und mir) und der Moni (reich verheiratet) wahrscheinlich relativ egal. Die werden schon einen anderen Grund finden, warum man mit einer Technologie, die vor hundert Jahren die Pferdekutsche ersetzt hat, heute auch noch herumfahren und heizen soll. Wobei natürlich niemand - auch vor hundert Jahren nicht - seine Pferde verheizt hat. Hoffe ich zumindest. Aber vielleicht Pferdeäpfel?
Naja, das weiß ich auch nicht. Zumindest weiß ich, was ich alles nicht weiß.
Anders als die Moni und der Hubsi… und der Donald.
Der weiß nicht einmal, wie er aus einem Krieg, den er zusammen mit seinem Kumpel Bibi aus der Neigungsgruppe „Staatschefs, gegen die eigentlich strafrechtlich ermittelt werden sollte“ begonnen hat, wieder raus kommt.
Aber er hat eine super Idee: Einfach noch mehr Bomben!
Oder noch mehr bomben. Das Substantiv in der Mehrzahl und das Verb gleichen sich ja so schön. Die Strategie lässt sich also so zusammen fassen: „Wenn Bomben hinter Bomben bomben, bomben Bomben hinterher.“
Und das attackierte Regime aus der Neigungsgruppe „Arschgeigen, von denen man sich gar nichts sagen lassen will.“ hat eine mindestens genauso geniale Idee: Es macht es genau so.
Es ist fatal.
Und jetzt sterben Zivilisten, liegen Häuser und Städte in Schutt und Asche, steigen Preise und brennt eine ganze Region. Und brennt. Und brennt.
Heißt deshalb eine Mineralölsorte so? Brent?
Oder ist das der eigentliche „Verbrennungsmotor“?
Ich weiß es schon wieder nicht.
Schlusspointe? Hab ich nicht.
Außer - vielleicht - mit einem Blick auf die Preise diverser Luftangriffswaffen: Was das wieder kostet!
______________
groebner live:
Freitag 10.4. Erlangen, Fifty-Fifty
Samstag 11.4. Nabburg, Schmidt-Haus
Samstag 18.4. Hartheim/Rhein, Salmen in Hartheim
Freitag 8.5. München, Schlachthof
Donnerstag 14.5. Wien, Kabarett Niedermair
Dienstag 19. und Mittwoch 20.5. Graz, Theatercafé
Donnerstag 21. - Samstag 23.5. Regensburg, Statt-Theater
Freitag 29.5. Frankfurt, die KÄS
Und, und, und…alle Termine gibt es hier.
Und was die Presse über das Programm „Ich bin das Volk!“ schreibt, kann man hier lesen.
Und meinen Vierteljahresrückblick „Quartalsweise“ in der Frankfurter Buchhandlung „Buch&Wein“ gibt es auch wieder
Am Donnerstag 12.3.!
groebner gesehen:
In der wunderbaren Sendung „Schlachthof“ im Bayerischen Fernsehen war ich zu Gast.
Und durfte dort eine Kostprobe meines Regierungsprogramms „Ich bin das Volk!“ geben.
In der Abendschau im BR gab es sogar einen eigenen Premierenbericht.
Den kann man sich hier anschauen.
Der freundliche Sender 3Sat hat übrigens mein voriges Programm „ÜberHaltung“ ausgestrahlt.
Für alle, die es noch nicht gesehen haben, die haben jetzt in der Mediathek (Achtung Wortwitz) das Nachsehen.
groebner gehört:
Ganz frisch heraussen!!!! Meine neue Single: „Das Lied der neuen Zeit“ powered by monkey records
Kennt Ihr schon mein Satire-Pop-Album „Nicht mein Problem“?
Es ist sehr gut.
In der wunderbaren Sendung „Satire Deluxe“ war ich zu Gast und habe - live ! - ein Liedchen zum Besten gegeben.
Hört mich schwitzen.
Zusammen mit den sehr geschätzten Kolleginnen und Kollegen Fine Degen, Ella Carina Werner, Jess Jochimsen und Sascha Bendiks (ich schätze alle… mindestens drei Jahre jünger, als sie eigentlich sind) war ich auf Schloß Kapfenburg und habe dort bei für SWR Kultur die „Nacht der Poet:Innen“ mit lustigen Texten bestritten.
Teil eins könnt Ihr Euch hier anhören.
Teil zwei auch, aber hier.
Das „Ende der Welt“ gibt es auf Bayern 2 und in der ARD-Audiothek zu hören.
Dort denke ich darüber nach, was der Unterschied zwischen Krapfen und Berliner ist. Oder isst.
Und warum es den Wiener Opernball wirklich gibt, erfährt man auch. Und zwar hier.
groebner gefolgt:
Videos und Fotos und Zeug gibt’s auf YouTube, auf Instagram oder auf Facebook zu sehen.
groebner gelesen:
Dem Falter hab ich übrigens ein großes Interview gegeben. Und das kann man immer noch Nachlesen.
——-
Der „Neue Glossenhauer“ ist ein Projekt der freiwilligen Selbstausbeutung.
Wer es dennoch materiell unterstützen will, hier wäre die Bankverbindung für Österreich:
Severin Groebner, Bawag, IBAN: AT39 6000 0000 7212 6709
Hier die jene für Deutschland:
Severin Groebner, Stadtsparkasse München, IBAN: DE51 7015 0000 0031 1293 64
Dienstag, 24. März 2026
Orbáns Doppelspiel – Vom Störfaktor zum Sicherheitsproblem Europas
![]() |
| Orban schaufelt Informationen nach Moskau (AI, gemeinfrei) |
Es gibt politische Verschiebungen, die sich lange ankündigen, ohne ernst genommen zu werden – und es gibt Momente, in denen sie kippen. Die aktuellen Enthüllungen über die Weitergabe vertraulicher EU-Informationen an Russland markieren einen solchen Wendepunkt. Was lange als strategisches Lavieren des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán zwischen Ost und West interpretiert wurde, erscheint nun in einem anderen Licht: nicht mehr als politische Balance, sondern als strukturelle Illoyalität im Inneren eines Bündnisses.
Der Begriff des „Sicherheitsrisikos“ ist dabei nicht bloß rhetorisch. Denn ein politisches System wie die Europäische Union basiert nicht allein auf Verträgen, sondern auf Vertrauen. Wird dieses Vertrauen systematisch unterlaufen, verwandelt sich Politik in ein Sicherheitsproblem.
Die qualitative Verschiebung: Vom Balancer zum Einfallstor
Orbáns Ungarn hat sich über Jahre hinweg als eigenwilliger Akteur positioniert – gegen Sanktionen, gegen migrationspolitische Mehrheiten, gegen vertiefte Integration. Diese Konflikte blieben lange im Rahmen klassischer europäischer Auseinandersetzungen.
Doch mit den bestätigten Informationsweitergaben verschiebt sich die Lage grundlegend:
- Aus Dissens wird operative Einflussnahme
- Aus politischer Abweichung wird systemische Unsicherheit
- Aus einem schwierigen Partner wird ein möglicher Transporteur fremder Interessen
Ungarn erscheint nun nicht mehr als Randfigur, sondern als Einfallstor in die Entscheidungsstrukturen des Westens.
Die Vertrauenskrise im Inneren: EU und NATO unter Druck
Die Reaktionen innerhalb Europas sind entsprechend scharf. Aussagen wie jene des polnischen Regierungschefs Donald Tusk, der von einem „Spion in der ersten Reihe“ spricht, markieren eine neue Qualität politischer Eskalation.
Doch entscheidender als Worte sind die stillen Anpassungen der Machtarchitektur:
- Einschränkung sensibler Informationen gegenüber Ungarn
- Verlagerung zentraler Abstimmungen in kleinere, vertrauensbasierte Formate
- Informelle Isolation bei sicherheitsrelevanten Themen
Ungarn bleibt formal Mitglied – wird aber funktional zunehmend wie ein externer Faktor behandelt. Die EU beginnt, sich gegen ein eigenes Mitglied zu schützen.
Der Dauerstreit um die Ukraine: Blockade als Strategie
Besonders sichtbar wird Orbáns Sonderkurs im Umgang mit dem Krieg in der Ukraine. Hier verdichtet sich seine Politik zu einem Muster aus Blockade, Verzögerung und Gegen-Narrativ.
Seit Beginn des Krieges nach der russischen Invasion in die Ukraine verfolgt Budapest eine Linie, die sich in mehreren Punkten von der EU-Mehrheit absetzt:
- Sanktionspolitik: Ungarn stimmt Maßnahmen oft nur nach erheblichen Abschwächungen zu oder blockiert sie zeitweise.
- Militärhilfe: Budapest lehnt Waffenlieferungen ab und verweigert teilweise deren Transit über ungarisches Gebiet.
- Finanzhilfen: EU-Hilfspakete für die Ukraine werden wiederholt verzögert oder an Bedingungen geknüpft.
- Rhetorik: Orbán spricht von „Friedenspolitik“, die faktisch eine Einfrierung des Konflikts nahelegt – ein Szenario, das Russland strukturell begünstigt.
Diese Haltung ist nicht bloß innenpolitisch motiviert, sondern fügt sich in eine größere Strategie:
Ungarn positioniert sich als Stimme der Abweichung innerhalb des Westens – und schafft damit Druckpunkte, die Moskau indirekt nutzen kann.
Parallelkommunikation mit Moskau: Struktur statt Einzelfall
Die zentrale operative Dimension dieser Politik zeigt sich in den Berichten über Ungarns Außenminister Péter Szijjártó und seine Kontakte zu Sergey Lavrov.
Die Brisanz liegt nicht in einzelnen Gesprächen, sondern in ihrem Muster:
- Kommunikation während laufender EU-Verhandlungen
- Weitergabe von Verhandlungsständen
- mögliche Rückkopplung russischer Interessen in europäische Prozesse
So entsteht ein doppelter Kanal:
offiziell Brüssel – inoffiziell Moskau.
Gerade im Kontext der Ukrainepolitik wird dies besonders kritisch:
Wer Verhandlungspositionen kennt, kann Blockaden gezielt verstärken oder abschwächen. Ungarn wird damit zu einem strategischen Knotenpunkt im Informationsfluss des Konflikts.
Die größere Strategie: Orbáns geopolitische Logik
Orbáns Politik folgt dabei einer klaren inneren Logik:
1. Multipolarität
Ungarn soll sich nicht fest an den Westen binden, sondern zwischen Machtzentren wie Russland, China und regionalen Bündnissen manövrieren.
2. Souveränität
Brüssel wird als Machtzentrum dargestellt, das nationale Handlungsspielräume beschneidet. Russland erscheint als Partner ohne ideologische Auflagen.
3. Instrumentalisierung von Abhängigkeiten
- Energiebeziehungen zu Russland
- wirtschaftliche Öffnung nach China
- taktischer Umgang mit EU-Finanzmitteln
Die Ukrainepolitik fungiert dabei als Hebel:
Sie erlaubt es Orbán, gleichzeitig innenpolitisch Stärke zu demonstrieren und außenpolitisch Druck auf die EU auszuüben.
Neu ist jedoch die mögliche operative Ergänzung:
die Weitergabe vertraulicher Informationen als strategisches Werkzeug.
Europa reagiert – aber ohne Blaupause
Die EU steht vor einer strukturellen Herausforderung, für die es keine fertigen Mechanismen gibt. Klassische Instrumente wie Vertragsverletzungsverfahren greifen nur begrenzt.
Stattdessen entstehen neue Muster:- Sicherheitsbasierte Differenzierung innerhalb der EU
- Diskussionen über Reformen zur Eindämmung „illoyaler Mitglieder“
- verstärkte Kooperation in kleineren, verlässlichen Gruppen
Ungarn wird damit zum ersten echten Testfall für die Frage:
Wie reagiert ein Bündnis, wenn ein Mitglied nicht nur ausschert, sondern systematisch gegen seine Funktionslogik arbeitet?
Fazit: Die Ukraine als Brennglas des Konflikts
Der Streit um die Ukraine ist kein Nebenschauplatz, sondern das Brennglas, in dem Orbáns gesamte Strategie sichtbar wird. Fällt zu viel Sonnenlicht auf die Dinge, fangen sie an zu brennen.
Hier verdichten sich alle Linien:
- geopolitische Abweichung
- operative Nähe zu Russland
- strategische Nutzung von Blockademacht innerhalb der EU
Der Bruch ist damit nicht mehr hypothetisch, sondern real.
Ungarn steht nicht am Rand des westlichen Bündnisses – es verschiebt aktiv dessen innere Statik.
Die entscheidende Frage lautet nun:
Darf die Europäische Union weiterhin ein Mitglied integrieren, das ihre zentrale außenpolitische Linie im entscheidenden Konflikt unserer Zeit systematisch unterläuft – und möglicherweise weitergibt?
Die Antwort darauf wird nicht nur über Ungarn entscheiden, sondern über die Zukunft der EU als geopolitischer Akteur insgesamt.
Freitag, 20. März 2026
Das heutige rechtsextreme Milieu: Struktur, Erscheinung, Denkweisen
Das heutige rechtsextreme Milieu: Struktur, Erscheinung, Denkweisen
Das heutige rechtsextreme Spektrum ist kein einseitiger Block mehr, sondern ein vielschichtiges, adaptives Geflecht aus Milieus, Subkulturen und ideologischen Strömungen. Es bewegt sich zwischen offenem Radikalismus und strategisch getarnter Anschlussfähigkeit an bürgerliche Diskurse. Wer es verstehen will, muss es in seiner sozialen, intellektuellen und ästhetischen Differenziertheit betrachten – nicht als Randphänomen, sondern als Spiegel gesellschaftlicher Spannungen, die es aufgreift, verzerrt und radikalisiert.
Rechtsextremismus operiert heute auf mehreren Ebenen gleichzeitig:
Explizit radikal (klassische Neonazi-Szene, Gewaltbereitschaft, Vernichtungsfantasien)
Metapolitisch-intellektuell (Neue Rechte, Diskursverschiebung, „kulturelle Hegemonie“)
Populistisch anschlussfähig (Verwendung demokratischer Begriffe bei gleichzeitiger Aushöhlung und Umdeutung)
Der entscheidende Wandel liegt darin, dass offen biologistische Argumentationen zunehmend durch kulturell codierte AUSSCHLUSS-LOGIKEN ersetzt werden („nicht unsere Identität“, „nicht unsere Tradition“, „Überfremdung“).
Ostdeutsches Milieu
Historischer Hintergrund: Transformationsausfall, der radikale Bruch, schwache unmündig gehaltene Zivilgesellschaft, geringere Diversitätserfahrung (wenig Unterschiede wahrnehmbar)
Soziale Struktur: häufiger proletarisch oder prekarisiert (prekäre Beschäftigungen), aber auch lokale Kleinunternehmer
Habitus: direkter, weniger codiert, oft aggressiver Ausdruck
Erscheinung:
klassische Szenecodes (Springerstiefel, Thor Steinar, martialische Tattoos)
zugleich Übergang zu einheitlichen, „normalisierten“ Outfits (Jeans, Funktionsjacke)
Denken: stärker emotionalisiert, identitätsbezogen („Heimatverlust“, „Fremdheit im Eigenen“)
Westdeutsches Milieu
Historischer Hintergrund: längere pluralistische Erfahrung, stärker institutionalisierte Gegenkultur
Soziale Struktur: breiter gefächert – von Arbeiter über Mittelschicht, Akademiker zum Unternehmer
Habitus: strategischer, rhetorisch geschulter, ironisch gebrochen
Erscheinung:
bewusste „Unsichtbarkeit“: gepflegt, urban, intellektuell wirkend
modische Codes, die Zugehörigkeit signalisieren, ohne offen zu markieren
Denken: stärker ideologisch rationalisiert („Ethnopluralismus“, „Souveränitätsdiskurse“)
Typen
1. Der impulsive Radikale
Merkmale: geringe Reflexion, hohe Affektsteuerung
Sprache: direkt, beleidigend, gewaltbereit
Weltbild: stark vereinfacht („wir gegen sie“)
Auftreten: demonstrativ aggressiv oder provokativ
Gefahr: unmittelbare Gewaltbereitschaft
2. Der identitäre Aktivist
Merkmale: mittlere Reflexion, starke Gruppenzugehörigkeit
Sprache: Schlagworte, Meme-Kultur, ironische Brechung
Weltbild: kulturelle Bedrohungsszenarien
Auftreten: bewusst stilisiert (Clean Look, Symbolik, Social Media Präsenz)
Gefahr: Mobilisierung, Radikalisierung anderer
3. Der strategische Intellektuelle
Merkmale: hohe sprachliche Kontrolle, theoretische Bezüge
Sprache: elaboriert, scheinbar differenziert
Weltbild: pseudowissenschaftlich legitimiert
Auftreten: bürgerlich, akademisch, souverän
Gefahr: Diskursverschiebung, Normalisierung extremer Positionen
Verzerrte Themenfelder
1. Staatsmacht und Geopolitik
Rechtsextreme Narrative schwanken zwischen:
Autoritarismusbewunderung (starke Führer, „Ordnung“)
Verschwörungstheorien (globale Eliten, „System“)
Russland wird oft als Gegenmodell zum „dekadenten Westen“ stilisiert, während die USA je nach Strömung entweder als Feindbild („imperial“) oder als Vorbild (starker Nationalstaat) erscheinen.
2. Religion: Islam und Judentum
Islam: als monolithische Bedrohung konstruiert („Invasion“, „Unvereinbarkeit“, "Verhüllte Frauen", "Kämpfer, Straftäter")
Judentum: klassische antisemitische Muster transformieren sich in:
Verschwörungserzählungen
„Globalismus“-Rhetorik (Weltjudentum)
sekundären Antisemitismus („Erinnerungskultur als Last“)
Beide Religionen werden nicht differenziert betrachtet, sondern funktionalisiert.
3. „Rasse“, Hautfarbe und Minderheiten
Offener Rassismus wird oft ersetzt durch:
„kulturelle Inkompatibilität“
„ethnische Selbstbehauptung“
Ziel bleibt Exklusion:
Migranten als Bedrohung
Schwarze Menschen als „Fremdkörper“
Roma und Sinti als Projektionsfläche alter Feindbilder
4. Sexualität und Geschlechterrollen
Ablehnung von LGBTQ+-Rechten als „Verfall“
Rückgriff auf traditionelle Rollenbilder:
Mann: Kämpfer, Beschützer
Frau: Mutter, Reproduktionsfunktion
Frauen im Milieu selbst übernehmen oft paradox:
nach außen traditionelle Rollen
intern organisatorische Schlüsselpositionen
5. Politik, Militär und Gewalt
Politik: Demokratie wird formal akzeptiert, inhaltlich untergraben
Militär: Faszination für Stärke, Ordnung, Hierarchie
Gewalt:
offen im radikalen Spektrum
latent oder rhetorisch verschleiert im intellektuellen Bereich
Zentral ist die Vorstellung eines kommenden Konflikts („Tag X“), der die eigene Ideologie rechtfertigen soll.
Selbstinszenierung
Das äußere Erscheinungsbild ist heute strategisch gewählt:
Alte Codes: Glatze, Bomberjacke – zunehmend marginalisiert
Neue Codes:
sportlich, gepflegt, „bürgerlich normal“
subtile Symbole (Runen, Zahlen, Farbcodes)
Digitale Ästhetik:
Meme, kurze Clips, ironische Brechung
bewusste Grenzüberschreitung zur Provokation
Die zentrale Strategie: Erkennbarkeit für Eingeweihte, Unauffälligkeit für Außenstehende.
Denkstruktur
Rechtsextremes Denken folgt meist einer festen Logik:
Krisendiagnose: „Alles zerfällt“
Schuldzuweisung: Minderheiten, Eliten, „Fremde“
Opferinszenierung: „Wir werden verdrängt“
Radikale Lösung: Ausschluss, Autorität, „Reinigung“
Diese Struktur erlaubt es, komplexe Realitäten auf einfache, emotional wirksame Narrative zu reduzieren.
Fazit: Der moderne Rechtsextreme
Der heutige Rechtsextreme ist kein einheitlicher Typ mehr. Er kann sein
der aggressive Straßenakteur
der digital vernetzte Aktivist
der intellektuelle Ideologe
Was sie verbindet, ist nicht das äußere Erscheinungsbild, sondern
die Exklusion als Prinzip
die Sehnsucht nach homogener Ordnung
die Ablehnung pluralistischer Gesellschaften
Die größte Herausforderung besteht darin, dass diese Strömungen zunehmend anschlussfähig wirken, ohne ihre destruktiven Kerne aufzugeben. Gerade darin liegt ihre gegenwärtige Wirkmacht: nicht im offenen Bruch, sondern in der schleichenden Verschiebung dessen, was sagbar und denkbar erscheint.
Montag, 16. März 2026
Papiertheater Kitzingen: JORINDE UND JORINGEL - Acht Aufführungen bis Ende April 2026
Jorinde und Joringel
Geschrieben, gezeichnet und gemalt
von Gabriele Brunsch
Das recht kurze Grimm'sche Märchen wird von Gabriele Brunsch ganz neu und wundersam erzählt.
Hineingesetzt in eine fränkische Fantasielandschaft mit Laubwald und weichen Farben, wird man verführt zu glauben,
dass die Welt gut und schön sei. Doch gleich wird man gewahr, dass hier in diesem Gebiet die Menschen
seit Hunderten von Jahren immer wieder von dunklen Schatten heimgesucht werden und man ahnt,
dass es etwas mit dem hoch oben im Wald stehenden Schloss zu tun haben könnte.
Dort wohnt eine Zauberin, die über unendlich böse Kräfte verfügt.
Sie verzaubert alle Jungfrauen, die auf hundert Schritt nahe ans Schloss kommen, in einen Vogel.
Diesen sperrt sie in einen Käfig.
Niemand war je ihrem Machtbereich entkommen.
Ob es Joringel gelingt seine Jorinde aus den Fängen der Zauberin zu befreien?
Die großartige musikalische Umrahmung der Handlung wurde von
Harfenistin Julia Rosenberger
mit eigenen Kompositionen und Klangeffekten gestaltet.
12 Akte – mit über 50 Akteuren - 45 min - ab 8 Jahren
Termine:
März 2026
Samstag, 21. März,
Sonntag, 22. März,
Samstag, 28. März,
Sonntag, 29. März,
April 2026
Samstag, 11. April,
Sonntag, 12. April,
Samstag, 25. April,
Sonntag, 26. April,
Immer um 17 Uhr
Gabriele Brunsch
97342 Obernbreit
Tel.: 09332-8692
gabriele.brunsch@t-online.de
www.papiertheater-kitzingen.de
Papiertheater Kitzingen
Grabkirchgasse 4
97318 Kitzingen am Main
Sonntag, 15. März 2026
1817-1820: Die Draissche Laufmaschine als Vorbote des Fahrrads - eine Geschichte
![]() |
| Baron Karl von Drais Laufmaschine vor dem Mannheimer Schloss |
Der Nachmittag lag warm und golden über der Chaussee zwischen Schwetzingen und Mannheim, als Karl von Drais mit seiner Laufmaschine durch die Kurpfalz dahinglitt. Der Fahrtwind brachte ihm jene Klarheit, die er nur beim Fahren empfand – eine Klarheit, die ihn von der Welt entfernte und zugleich näher zu sich selbst führte.
Doch diesmal war er nicht allein. Eine Kutsche stand am Wegesrand, die Pferde unruhig, der Kutscher ratlos. Und neben dem Wagen – die Hände in die Hüften gestemmt, als wolle sie dem Universum persönlich die Meinung sagen – stand eine Frau, deren Präsenz die Atmosphäre veränderte.
Antoinette Girard
Keine Adlige, kein Komet aus höfischen Sphären – sondern eine junge Straßburger Händlerin, unterwegs nach Heidelberg, mit einer Stimme wie frisch geschliffenes Glas und einem Blick, der alles erfasste, was sich lohnte. Nicht klassisch schön, aber anziehend auf jene Art, die aus Lebenserfahrung, Witz und einer gewissen Furchtlosigkeit entsteht.
Sie musterte die Laufmaschine mit einem Ausdruck, der zugleich neugierig, belustigt und herausfordernd war. „Sie müssen der Herr sein, der mit diesem Ding schneller ist als ein Postreiter“, sagte sie, ohne jede Förmlichkeit.
„Karl von Drais“, erwiderte er und verneigte sich leicht.
„Antoinette Girard“, stellte sie sich vor. „Ich bin mit Waren unterwegs nach Heidelberg, aber unser Rad hat beschlossen, sich in zwei Teile zu verabschieden.“ Sie deutete auf die Kutsche. „Und da dachte ich mir: Wenn Sie schon so ein Wunderwerk fahren, vielleicht können Sie auch ein Kutschenrad beurteilen.“
Drais lächelte. „Ich kann es versuchen.“
Doch bevor er sich der Kutsche zuwandte, umrundete sie die Laufmaschine – langsam, prüfend, mit dem Blick einer Frau, die gewohnt war, Dinge anzufassen, zu reparieren, zu verhandeln. „Also das hier“, sagte sie und tippte mit zwei Fingern gegen den Lenker, „ist eine feine Sache. Aber zu niedrig.“
„Zu niedrig?“
„Für Frauen.“ Sie sah ihn an, als sei das die offensichtlichste Erkenntnis der Welt. „Wenn Sie wollen, dass Ihre Erfindung sich durchsetzt, müssen Sie die andere Hälfte der Menschheit auch mitdenken.“
Drais blinzelte. Nicht wegen der Idee – sondern wegen der Selbstverständlichkeit, mit der sie sie aussprach. „Eine Frau auf einer Laufmaschine?“, fragte er.
„Warum denn nicht?“ Sie trat näher, und er roch den Duft von Leder, Seife und einem Hauch Lavendel. „Ich trage Säcke, ich handle mit Männern, die doppelt so groß sind wie ich, und ich fahre Kutschen, wenn’s sein muss. Glauben Sie wirklich, ich könnte nicht laufen und gleiten zugleich?“
Er musste lachen. „Ich glaube, Madame, Sie könnten alles.“
„Dann bauen Sie eine, die auch für uns taugt“, sagte sie. „Eine, die nicht nur für Herren mit zu viel Zeit und zu wenig Fantasie gemacht ist.“
Etwas in ihm vibrierte – nicht romantisch, nicht sehnsüchtig, sondern geistig. Sie sprach nicht wie eine Dame aus einem Salon. Sie sprach wie jemand, der wusste, was möglich ist, wenn man es einfach tut.
Die Kutsche wurde wieder flottgemacht. Antoinette stieg ein, doch bevor sie die Tür schließen ließ, beugte sie sich noch einmal vor. „Wenn Sie nach Heidelberg kommen – suchen Sie mich. Ich will sehen, ob Sie’s ernst meinen.“ Die Tür fiel zu. Die Pferde setzten sich in Bewegung. Die Kutsche wurde kleiner, der Staub legte sich. Und sie war fort.
Nicht wie ein Komet – aber wie ein Funke, der ins Stroh fällt und etwas entzündet, das man nicht mehr löschen kann. Drais blieb stehen, die Hände am Lenker. Er wusste: Vielleicht würde er sie nie wiedersehen. Aber das spielte keine Rolle. Denn sie hatte etwas in ihm ausgelöst, das niemand zuvor berührt hatte: den Gedanken, dass seine Erfindung nicht nur nützlich sein konnte – sondern bedeutend.
Noch am selben Abend stand er in seiner Werkstatt. Die Luft roch nach Holz, Leim und Eisen. Doch diesmal sah er seine Laufmaschine anders. Nicht als technische Herausforderung, sondern als Möglichkeit. Er begann zu skizzieren. Ein höherer Lenker. Ein leichterer Rahmen. Eine Maschine, die nicht nur gefahren, sondern auch geführt wird.
Und während er arbeitete, hörte er ihre Stimme:
„Warum denn nicht?“
„Sie unterschätzen uns.“
„Bauen Sie eine, die auch für uns taugt.“
Er arbeitete nicht für eine Gräfin. Nicht für die Gesellschaft. Sondern für eine Idee, die Antoinette Girard, eine Händlerin, in ihm entzündet hatte. Eine Idee, die ihn nicht mehr losließ.
Die Tage nach der Begegnung mit Antoinette Girard vergingen wie im Rausch. Drais arbeitete, als hätte jemand eine unsichtbare Feder in ihm gespannt. Er schlief wenig, aß kaum, und wenn er sprach, dann nur mit sich selbst oder mit den Linien seiner Skizzen.
Doch etwas war anders als zuvor. Er arbeitete nicht mehr nur an einer Maschine. Er arbeitete an einer Idee. Und diese Idee hatte eine Stimme. Eine Stimme mit Straßburger Klang, warm und direkt: „Wenn Sie wollen, dass Ihre Erfindung sich durchsetzt, müssen Sie uns mitdenken.“
1818 – Die ersten Verbesserungen
Im Frühjahr 1818 stand die erste überarbeitete Laufmaschine vor ihm. Sie war leichter, eleganter, mit einem etwas höheren Lenker, ausreichend Sattel, besser ausbalanciert und – ohne dass er es laut aussprach – für kleinere Körper geeignet.
Er wusste, dass er damit etwas tat, was noch niemand bedacht hatte: Er baute eine Maschine, die nicht nur für Männer gemacht war. Als er sie zum ersten Mal auf die Straße schob, spürte er eine seltsame Mischung aus Stolz und Nervosität.
Er dachte an Antoinette. Ob sie wohl lachen würde? Oder staunen? Oder beides?
Die ersten neugierigen Blicke
In Mannheim blieb er nicht unbemerkt. Die Menschen kannten ihn inzwischen – den „Laufmaschinen‑Baron“, wie manche spöttisch sagten. Doch diesmal war etwas anders. Eine Gruppe junger Frauen, die vom Markt kamen, blieb stehen.
„Ist das die Maschine, von der man spricht?“, fragte eine. „Die, die schneller ist als ein Pferd?“, fragte eine andere.
Drais nickte – und zum ersten Mal in seinem Leben fragte er nicht, ob sie zusehen wollten. Er fragte: „Möchten Sie es ausprobieren?“ Die Frauen sahen sich an, überrascht, verlegen, dann wieder neugierig.
Schließlich trat eine vor – eine Schneiderstochter, kaum zwanzig. „Ich kann’s ja mal versuchen“, sagte sie und lachte. Sie setzte sich auf den Sattel, unsicher, aber entschlossen. Drais hielt die Maschine, erklärte kurz die Balance – und dann lief sie los.
Unsicher zuerst. Dann schneller. Dann mit einem Lachen, das über die Straße hallte. Die anderen Frauen klatschten. Ein paar Männer schüttelten die Köpfe. Ein alter Herr murmelte etwas von „Unsinn“ und „Weiberkram“. Doch Drais sah nur eines: Es funktionierte. Die Maschine trug sie. Und sie trug sie gut.
Noch am selben Abend erzählte die Schneiderstochter im Gasthaus davon. Am nächsten Tag probierte eine Bäckerin die Maschine aus. Dann eine Kaufmannsfrau. Dann eine junge Witwe. Nicht viele. Nicht öffentlich. Aber genug, dass Drais begriff: Die Zukunft seiner Erfindung lag nicht nur in den Händen der Männer.
Die Reise nach Heidelberg
Einige Wochen später machte er sich auf den Weg nach Heidelberg – mit der verbesserten Maschine und einem Gedanken, der ihn nicht losließ. Vielleicht würde er Antoinette wiedersehen. Vielleicht würde sie die Maschine ausprobieren. Vielleicht würde sie ihm sagen, ob er auf dem richtigen Weg war. Doch selbst wenn nicht – sie hatte etwas in ihm ausgelöst, das größer war als eine Begegnung.
Sie hatte ihm gezeigt, dass eine Erfindung erst dann Bedeutung hat, wenn sie Menschen erreicht, die bisher übersehen wurden.
In Frankreich – das wusste er inzwischen – hatten Mechaniker bereits begonnen, leichtere Damenmodelle zu bauen. In England erschienen Karikaturen von Frauen auf "Draisinen". Und in Mannheim, Heidelberg und Karlsruhe flüsterte man bereits: „Habt ihr gehört? Eine Frau ist damit gefahren.“
Es waren nur wenige. Es war nur ein Anfang. Aber es war ein Anfang. Und Drais wusste, die Idee, die Antoinette in ihm entzündet hatte, könnte Erfolg haben.
Wiedersehen auf dem Markt
Der Weg nach Heidelberg führte Drais durch Dörfer und Felder, bis er schließlich den Marktplatz erreichte. Es war einer dieser lebendigen Vormittage, an denen Händler riefen, Kinder lachten und der Duft von frischem Brot und Pferden in der Luft lag. Zwischen den Ständen drängten sich Menschen, Körbe, Karren – und irgendwo in diesem Gewirr hoffte er, eine Stimme wiederzuerkennen.
Er schob seine verbesserte Laufmaschine vorsichtig durch die Menge. Und dann hörte er sie.
„Nein, das ist zu teuer, und das wissen Sie ganz genau! Ich kaufe Ihnen doch nicht den halben Rhein ab!“ Er musste lächeln. Antoinette Girard. Sie stand an einem Stand mit Stoffballen, die Hände in die Hüften gestemmt, den Händler mit einer Mischung aus Spott und Verhandlungskunst in die Knie zwingend. Als sie sich umdrehte, sah sie ihn – und ihr Gesicht veränderte sich sofort.
„Baron von Drais!“, rief sie, als hätte sie einen alten Freund entdeckt. „Oder soll ich sagen: der Mann, der mir eine bessere Maschine versprochen hat?“ Er verneigte sich leicht. „Ich habe Wort gehalten.“
Er schob die Laufmaschine ein Stück vor. Antoinettes Augen weiteten sich – nicht überrascht, sondern erfreut, fast stolz, als hätte sie selbst daran mitgearbeitet. „Sie haben den Lenker erhöht“, stellte sie fest. „Und den Rahmen erleichtert. Und die Balance verbessert.“
Sie ging um die Maschine herum, prüfend, wie damals an der Chaussee. „Sie haben tatsächlich zugehört.“
„Ich habe gelernt“, sagte Drais.
Sie lachte – ein warmes, freies Lachen, das einige Marktbesucher neugierig werden ließ. „Dann lassen Sie mich sehen, ob sie hält, was Sie versprechen.“
Bevor er etwas sagen konnte, hatte sie schon den Rock leicht gerafft, den Fuß auf den Boden gesetzt und sich mit einer Selbstverständlichkeit auf den Sattel geschwungen, die einige Frauen erschrocken und einige Männer empört dreinblicken ließ.
„Halten Sie kurz fest“, sagte sie. Er tat es – doch kaum hatte sie die Balance gefunden, stieß sie sich ab. Sie fuhr. Unsicher für einige Herzschläge. Dann sicherer. Dann mit einer Geschwindigkeit, die den Markt kurz verstummen ließ. Ihr Lachen hallte über den Platz, hell und ungebändigt. „Das ist ja wunderbar!“, rief sie, während sie eine Runde um die Brunnenkante zog. „Leicht wie ein Tanz!“ Kinder liefen hinter ihr her. Frauen sahen ihr nach – einige mit Neugier, andere mit einem Funken Mut. Ein alter Mann murmelte etwas von „neuer Zeit“, aber ohne Groll.
Antoinette bremste, stieg ab und stellte die Maschine vor Drais ab, als wäre sie ein Pferd, das sie gerade eingeritten hatte. „Sie haben es geschafft“, sagte sie. „Das ist nicht nur eine Maschine. Das ist Freiheit.“ Drais spürte, wie sich etwas in ihm löste – ein Knoten, den er nicht bemerkt hatte. „Sie waren der Grund, warum ich weitergedacht habe.“
„Dann denken Sie weiter“, sagte sie und legte ihm kurz die Hand auf den Arm. „Denn wenn Frauen das fahren können – dann kann es jeder.“ Sie sah sich um, als würde sie den Markt mit neuen Augen betrachten. „Und glauben Sie mir: Die Welt ist bereit dafür. Auch wenn sie es noch nicht weiß.“
Drais nickte. Er wusste, dass sie recht hatte.
Antoinette und Drais fahren gemeinsam
Der Markt hatte sich wieder beruhigt, doch die Menschen warfen noch immer verstohlene Blicke auf Antoinette – die Frau, die gerade auf einer Laufmaschine gefahren war, als sei es das Natürlichste der Welt. Antoinette selbst stand da, die Hände auf den Hüften, die Wangen gerötet, die Augen glänzend. „Also, Baron“, sagte sie, „wenn das kein Fortschritt ist, dann weiß ich auch nicht.“
Drais lächelte. „Es freut mich, dass sie Ihnen gefällt.“
„Gefallen?“ Sie schnaubte belustigt. „Ich will noch eine Runde.“ „Dann fahren wir zusammen“, sagte er, ohne lange nachzudenken. Sie hob eine Augenbraue. „Zusammen?“
„Warum nicht?“, erwiderte er – und merkte, dass er ihre eigenen Worte benutzte. Antoinette lachte. „Na schön. Aber wenn ich zu dicht aufrücke, erzählen Sie’s niemandem.“ „Ich werde schweigen wie ein Grab.“
Sie stellte sich neben ihn, und gemeinsam schoben sie die Laufmaschine an den Rand des Marktes, wo der Weg breiter wurde und die Menge sich lichtete. Ein paar Kinder folgten ihnen, neugierig wie Spatzen. „Bereit?“, fragte Drais und schwang sich auf die Maschine. „Ich bin immer bereit“, sagte Antoinette und schwang sich hinten auf den Sattel.
Zuerst rollten sie langsam, um die Balance zu halten. Antoinette war konzentriert, aber nicht ängstlich – der Platz auf dem Sattel war nicht gerade groß. Sie hielt sie sich einfach an seinen Hüften fest, mit diesem natürlichen Gefühl für Bewegung, das man nicht lernen konnte. Drais lief ein Prickeln den Rücken hinunter, er kam sich geradezu revolutionär vor. Nach ein paar Metern wurde ihr Haltung besser, ihr Rücken aufrechter, ihr Lächeln breiter. „Das ist ja herrlich!“, rief sie.
„Sie machen das ausgezeichnet“, sagte Drais. „Ich mache alles ausgezeichnet, wenn man mich lässt.“ Sie half ein wenig mit den Füßen, und er passte sich an. Die beiden glitten über den Weg, im Gleichschritt sozusagen, vorbei an Ständen, an erstaunten Gesichtern, an einem Hund, der bellend hinterherlief. Die Sonne lag warm auf ihren Schultern, und für einen Moment schien die Welt stillzustehen – nur das rhythmische Stoßen ihrer Schritte und das sanfte Rollen der Räder war zu hören.
„Sehen Sie?“, rief Antoinette. „Das ist Freiheit!“ „Ja“, sagte Drais. „Das ist sie.“
Sie fuhren eine kleine Schleife um den Brunnen, und als sie zum Stehen kamen, atmete Antoinette tief ein, als hätte sie gerade etwas Großes begriffen. „Baron“, sagte sie, „wenn Frauen das fahren können – dann wird die Welt sich ändern.“ „Ich hoffe es“, antwortete er. „Nicht hoffen“, sagte sie und tippte ihm gegen die Schulter. „Bauen. Weiterbauen.“
Er nickte. „Das werde ich machen.“ Sie stieg mit einem Aufsehen erregenden Schwung ab, stellt sich an sein Seite und sah ihn an – nicht bewundernd, nicht schmeichelnd, sondern mit diesem klaren, direkten Blick, der ihn schon an der Chaussee getroffen hatte. „Und wenn Sie wieder in Straßburg sind“, sagte sie, „bringen Sie mir eine eigene Laufmaschine mit.“ „Das verspreche ich.“
Sie grinste. „Gut. Denn ich habe vor, die Erste zu sein, die damit durch die Altstadt fährt.“
Drais lachte – und wusste, dass sie es ernst meinte. Und während sie gemeinsam die Maschine zurück zum Markt und Brunnen schoben, spürte er, dass dies nicht nur eine Probefahrt gewesen war. Es war ein Vorgeschmack auf etwas Größeres. Etwas, das er selbst noch nicht ganz greifen konnte. Aber Antoinette konnte es. Sie sah die Welt, wie sie sein könnte – und er begann, sie mit ihren Augen zu sehen.
Der Geschmack von Freiheit
Die Sonne stand hoch, der Platz war voller Stimmen, Menschen schauten zu ihnen herüber, und zwischen ihnen entstand eine kleine Insel der Ruhe.
Antoinette strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Wissen Sie, Baron… ich glaube, Sie haben etwas geschaffen, das größer ist als Sie selbst.“ „Das hoffe ich“, sagte Drais. „Aber ich fürchte, nicht jeder sieht das so.“ Sie lachte trocken. „Oh, das sehe ich. Die Blicke eben? Die Hälfte der Leute war empört, dass ich selbst und mit Ihnen gefahren bin. Die andere Hälfte war empört, dass Sie mich fahren ließen.“ „Einige Adlige halten die Laufmaschine für eine Gefahr“, sagte Drais. „Nicht wegen der Geschwindigkeit. Sondern wegen der Idee dahinter.“ „Weil sie Menschen unabhängig macht“, ergänzte Antoinette.
Er nickte. „Ein Mensch, der sich selbst fortbewegen kann, ohne Pferd, ohne Kutsche, ohne Diener…, das ist ein freier Mensch.“ „Und freie Menschen sind schwerer zu regieren“, sagte sie mit einem spitzbübischen Funkeln. Drais sah sie an. „Sie sprechen von Demokratie.“ „Ich spreche von Gleichberechtigung“, erwiderte sie. „Demokratie ist nur ein anderes Wort dafür, dass niemand über anderen steht, nur weil er in einem besseren Bett geboren wurde.“ Er schwieg einen Moment. „Sie wissen, dass solche Gedanken gefährlich sein können.“ „Nur für die, die Angst vor ihnen haben.“
Sie setzte sich auf den Brunnenrand, die Hände locker im Schoß. „Ich komme aus Straßburg. Wir haben Revolutionen gesehen, Barrikaden, Hunger, Hoffnung. Wir haben erlebt, wie Menschen aufstanden – und wie andere sie wieder niederdrückten. Aber eines habe ich gelernt: Freiheit ist wie Wasser. Man kann sie stauen, aber nicht für immer.“
Drais setzte sich neben sie. „Ich habe nie über Politik nachgedacht. Ich wollte nur etwas bauen, das funktioniert.“
„Und jetzt bauen Sie etwas, das verändert.“
Er sah auf seine Hände, die noch leicht vom Fahren zitterten. „Ich wollte nie ein Revolutionär sein.“
„Das müssen Sie auch nicht“, sagte Antoinette. „Manchmal reicht es, eine Idee zu haben, die andere weiterträgt.“ Sie deutete auf die Laufmaschine. „Das hier ist mehr als Holz und Eisen. Es ist ein Werkzeug. Für Bewegung. Für Freiheit. Für Menschen, die bisher nur laufen konnten, wohin andere sie ließen.“
Drais sah sie an. „Sie meinen Frauen.“
„Frauen. Kinder. Alte Menschen. Händlerinnen wie ich. Leute ohne Pferd, ohne Geld, ohne Namen.“ Sie lächelte schief. „Ja, vor allem Frauen. Wir sind die Hälfte der Welt, Baron. Aber man behandelt uns, als wären wir ein lästiger Anhang.“
„Ich habe nie darüber nachgedacht“, sagte er leise.
„Dann fangen Sie an.“ Sie stand auf, ging zu der Laufmaschine und legte die Hand auf den Lenker. „Wenn Sie wollen, dass Ihre Erfindung Zukunft hat, dann muss sie für alle sein. Nicht nur für Männer mit Titeln.“
„Sie sprechen mutig.“
„Ich spreche wahr.“
Er trat zu ihr. „Und wenn die Adligen sich empören? Wenn die Bürger protestieren? Wenn man mich einen Narren nennt?“
Antoinette zuckte mit den Schultern. „Dann wissen Sie, dass Sie auf dem richtigen Weg sind.“
Er musste lachen. „Sie machen es mir leicht.“
„Nein“, sagte sie. „Ich mache es Ihnen klar.“ Sie sah ihn an, ernst und warm zugleich. „Die Zukunft gehört nicht denen, die sie fürchten. Sondern denen, die sie bauen.“
Drais spürte, wie sich etwas in ihm festigte – ein Gedanke, der vorher nur ein Gefühl gewesen war.„Dann werde ich weiterbauen.“
„Gut“, sagte Antoinette. „Denn ich habe vor, eines Tages nicht nur über Märkte zu laufen, sondern auch über Grenzen.“
„Mit einer Laufmaschine?“
„Mit der Freiheit...“ Sie lächelte – und in diesem Lächeln lag die ganze Zukunft, die sie meinte.
Antoinette stellte sich noch eine Weile zu der Laufmaschine, als müsse sie sich vergewissern, dass das, was sie gerade erlebt hatte, wirklich geschehen war. Drais sah, wie sie mit den Fingern über den Lenker strich – nicht zärtlich, sondern prüfend, wie jemand, der ein Werkzeug beurteilt, das er bald selbst benutzen will.
„Baron“, sagte sie schließlich, „Sie müssen mir versprechen, dass das nicht das letzte Mal war.“
„Das verspreche ich“, antwortete er. Sie nickte zufrieden. „Gut. Dann sehen wir uns in Straßburg wieder.“
„In Straßburg?“
„Natürlich. Ich bin in zwei Wochen wieder dort. Und wenn Sie mir wirklich eine eigene Maschine bauen wollen – dann bringen Sie sie dorthin.“ Sie sagte es mit einer Selbstverständlichkeit, die keinen Widerspruch zuließ.
Und Drais merkte, dass er gar keinen einlegen wollte. „Wo finde ich Sie?“, fragte er.
„Auf dem Kléberplatz“, sagte sie. „Jeden Markttag. Und wenn Sie mich nicht sehen – fragen Sie nach mir. In Straßburg kennt man mich.“ Sie grinste, schwang ihren Korb über die Schulter und verschwand in der Menge, als hätte sie den Wind im Rücken. Drais blieb zurück – mit einer Idee, die größer war als er selbst, und einem Ziel, das plötzlich klar vor ihm lag.
Der Auftritt in Straßburg
Drais hielt sein Versprechen. Zwei Wochen nach ihrer Begegnung in Heidelberg stand er vor seiner Werkstatt, während zwei Knechte die neue Laufmaschine und seine eigene vorsichtig in eine Reisekutsche hoben. Das Modell war leichter, eleganter und stabiler als alle vorherigen – und es war unübersehbar für Antoinette gebaut.
Die Reise nach Straßburg dauerte zwei Tage. Die Kutsche holperte über Landstraßen, durch Wälder und über Brücken, während Drais immer wieder prüfte, ob die Maschinen sicher verzurrt waren. Er wollte nicht riskieren, dass auch nur ein Kratzer die erste Fahrt trübte.
Als er schließlich die Stadt erreichte, war alles voller Menschen. Er kam in die Nähe des Kléberplatzes, aber nicht weiter und fand sie auch nicht leicht. Händler riefen, Kinder liefen, und mitten im Gewimmel stand plötzlich Antoinette – die Hände in die Hüften gestemmt, als hätte sie gewusst, dass er genau in diesem Moment eintreffen würde.
„Baron!“, rief sie und kam ihm entgegen. „Sie sind endlich da!“
Als Drais die Plane der Kutsche zurückschlug und die neue Laufmaschine sichtbar wurde, blieb Antoinette wie angewurzelt stehen. Einen Moment lang sagte sie nichts. Ihre Augen wanderten über den Rahmen, den höheren Lenker, die glatten Linien – und dann wieder zu ihm.
„Baron…“, begann sie, doch ihre Stimme versagte kurz. Sie trat einen Schritt näher. Dann noch einen.
Ihre Hand glitt über das Holz, prüfend, fast ehrfürchtig. „Sie haben sie wirklich gebaut“, sagte sie leise. „Für mich.“
Drais nickte. „Ich habe mein Wort gehalten.“
In diesem Augenblick brach etwas in ihr auf – eine Mischung aus Überraschung, Stolz und einer Freude, die sie nicht zurückhalten konnte. Sie lachte, hell und frei, und bevor Drais überhaupt reagieren konnte, war sie schon bei ihm. Sie warf die Arme um ihn. Nicht zaghaft. Nicht zögerlich. Sondern mit der ganzen Kraft eines Menschen, der selten etwas geschenkt bekommt – und es umso mehr zu schätzen weiß. Drais erstarrte einen Herzschlag lang, überrascht von der Unmittelbarkeit dieser Geste, die er beim gemeinsamen Verwenden des Laufrades in Heidelberg schon spürte. Dann entspannte er sich, legte vorsichtig eine Hand an ihren Rücken, unsicher, aber bewegt.
„Danke“, sagte sie in seine Schulter. „Wirklich… danke.“
Als sie sich löste, war ihr Blick warm und lebendig, ihre Wangen gerötet, ihr Lächeln so strahlend, dass es den ganzen Kleberplatz bei Nacht hätte erhellen können. „Baron von Drais“, sagte sie, „Sie haben mir ein Stück Freiheit gebracht. Und ich werde Ihre Maschine fahren, bis ganz Straßburg es gesehen hat.“
Sie griff nach dem Lenker ihrer neuen Laufmaschine – und diesmal war es nicht nur ein prüfender Blick. Es war der Blick einer Frau, die wusste, dass ihr Leben gerade tiefer und weiter geworden war.
Zum Klang der Glocken vom Straßburger Münster, dem Duft von frischem Brot und dem Stimmengewirr eines Marktes, der größer war als jeder, den Drais bisher gesehen hatte, führte Antoinette ihn durch die engen Gassen, vorbei an Händlern, die sie mit einem Nicken begrüßten, und Kindern, die ihr nachliefen wie einer älteren Schwester.
„Hier“, sagte sie schließlich und blieb auf dem großen Platz vor dem Münster stehen. „Wenn wir die Leute überzeugen wollen – dann hier.“
Drais sah sich um. Der Platz war voll Händler, Bürger, Studenten, Reisende. Ein idealer Ort für eine Vorführung. Ein gefährlicher Ort auch. „Sind Sie sicher?“, fragte er.
„Baron“, sagte Antoinette und klopfte ihm auf die Schulter, „wenn wir es hier schaffen, schaffen wir es überall.“ Sie stellte ihre Laufmaschine in die Mitte des Platzes. Ein paar Köpfe drehten sich. Ein paar Stimmen wurden leiser. Dann trat Antoinette vor.
„Mesdames et Messieurs!“, rief sie mit einer Stimme, die selbst die Tauben auf dem Münsterdach aufhorchen ließ. „Heute sehen Sie etwas völlig Neues. Etwas, das die Welt verändern wird.“
Drais spürte, wie sich die Menschen versammelten. Neugier. Skepsis. Spannung. Antoinette setzte sich auf die Laufmaschine – mit derselben Selbstverständlichkeit wie damals auf dem Markt in Heidelberg.
Ein Raunen ging durch die Menge. „Eine Frau?“, murmelte jemand. „Das ist doch Unsinn“, sagte ein anderer. „Das ist gefährlich!“, rief eine ältere Dame. Doch Antoinette lächelte nur. „Gefährlich ist nur die Angst vor dem Neuen.“ Sie stieß sich ab.
Und der Platz hielt den Atem an. Sie fuhr eine Runde um den Brunnen, dann eine zweite, schneller, sicherer. Ihr Rock wehte, ihr Lachen hallte über den Platz. Kinder jubelten. Frauen klatschten. Männer riefen erstaunt. Drais sah, wie sich die Stimmung veränderte – von Skepsis zu Staunen, von Staunen zu Begeisterung. Doch nicht bei allen. Eine Gruppe von Männern in dunklen Mänteln, Bürger, Kaufleute, zwei Adlige rumorten. Ihre Gesichter waren hart, ihre Augen schmal.
„Das ist ein Skandal“, sagte einer.
„Eine Frau auf so einem Gerät – das ist gegen die Ordnung.“
„Das ist Revolution“, knurrte ein anderer. „Und Revolution beginnt immer mit solchen Kleinigkeiten.“
Sie traten vor. „Hören Sie sofort auf!“, rief einer der Adligen. „Das ist unanständig!“
Antoinette bremste, stieg ab – und sah ihnen entgegen wie jemand, der sich nicht einschüchtern lässt. „Unanständig?“, fragte sie. „Weil ich fahre? Oder weil ich etwas kann, das Sie nicht können?“
Ein empörter Aufschrei ging durch die Gruppe.
„Sie gefährden die öffentliche Ordnung!“, rief ein Bürger.
„Sie verführen die Jugend!“, rief ein anderer.
„Sie untergraben die natürliche Ordnung zwischen Mann und Frau!“, rief der Adlige.
Antoinette verschränkte die Arme. „Die natürliche Ordnung? Ich sehe hier nur Männer, die Angst haben.“
Die Menge begann zu murmeln – einige zustimmend, andere nervös.
Der Adlige wurde rot. „Ich werde die Polizei holen!“
„Tun Sie das“, sagte Antoinette ruhig. „Ich habe nichts getan außer fahren.“
Die Männer stoben auseinander, um die Wache zu holen.
Drais trat zu ihr. „Antoinette… vielleicht sollten wir—“
„Nein“, sagte sie. „Jetzt nicht zurückweichen. Nicht heute.“
Sie stellte sich neben die Laufmaschine, als wäre sie ein Banner.
Die Menge wuchs. Einige klatschten. Einige riefen „Encore!“
Einige schüttelten die Köpfe.
Dann kamen die Polizisten. Zwei Gendarmen bahnten sich einen Weg durch die Menge. Der Adlige folgte ihnen triumphierend.
„Diese Frau“, sagte er laut, „hat die öffentliche Ordnung gestört und sich eines unweiblichen Verhaltens schuldig gemacht.“
Der Hauptmann sah Antoinette an.
Dann sah er die Laufmaschine.
Dann sah er die Menge.
„Madame“, sagte er schließlich, „haben Sie jemanden verletzt?“
„Nein.“
„Haben Sie Eigentum beschädigt?“
„Nein.“
„Haben Sie gegen ein Gesetz verstoßen?“
Antoinette lächelte. „Nicht dass ich wüsste.“
Der Hauptmann wandte sich an den Adligen. „Monsieur, es gibt kein Gesetz gegen das Fahren einer… wie nennen Sie das?“
„Laufmaschine“, sagte Drais.
„Einer Laufmaschine“, wiederholte der Hauptmann. „Und es gibt kein Gesetz, das Frauen verbietet, sich fortzubewegen.“
Die Menge lachte.
Der Adlige wurde noch röter. „Aber das ist…, das ist…“, stammelte er.
„Neu“, sagte der Hauptmann. „Und das ist nicht verboten.“
Er wandte sich an Antoinette. „Madame, fahren Sie vorsichtig.“
„Immer“, sagte sie und verneigte sich leicht.
Die Gendarmen gingen.
Der Adlige blieb zurück, besiegt, aber nicht überzeugt.
Doch die Menge – die Menge war gewonnen. Jemand begann zu klatschen. Dann noch jemand. Dann der ganze Platz.
Antoinette stand da, die Hände an der Laufmaschine, und nahm den Applaus entgegen wie jemand, der wusste, dass er gerade etwas Bedeutendes getan hatte.
Drais trat neben sie. „Sie haben Geschichte geschrieben“, sagte er leise. „Nein“, sagte Antoinette. „Wir haben Geschichte geschrieben.“ Und sie nahm ihn einfach an der Hand.
Und in diesem Moment glaubte Drais, dass seine Erfindung nicht mehr aufzuhalten war.
Nicht wegen ihm. Sondern wegen Menschen wie ihr. Aber leider irrte er. Die Gegner nahmen zu, und ab 1920 verschwand die Laufmaschine/Draisine weitgehend aus dem öffentlichen Straßenbild. Sie wurde vielerorts verboten wegen Unfällen, Spott, politischen Unruhen, galt als Modeerscheinung der Jahre 1817–1820. Sie war zu schwer, unbequem und ohne Pedale – ein Spielzeug der frühen Mobilitätsgeschichte. Ab den 1830ern kamen neue technische Entwicklungen auf, z. B. Tretkurbel‑Experimente, Hochräder, und um 1850 war diese Draisine (nicht zu verwechseln mit den vierrädrigen Schienenfahrzeugen, die mit Muskelkraft oder Motor angetrieben werden) ein äußerst seltenes Verkehrsmittel. Aber Karl von Drais hatte das Zweirad verwirklicht und den Grundstein für die heutigen Fahrräder gelegt.
(Copyright Text: Stefan Vieregg M.A.)





In der platonischen Tradition ist die Seele dreigeteilt: Logos (Vernunft), Epithymie (Verlangen) und Thymos (Geist). Innerhalb dieser Struktur dient der Thymos als belebender Strom; die Lebenswelle, die Mut, Würde und Stolz entfacht. Es repräsentiert diesen unmittelbaren Moment, in dem wir (bewusst oder unbewusst) entscheiden, dass wir nicht gemindert werden.
In ihrem höchsten Ausdruck führt diese Kraft zu edlem Handeln und Selbstachtung, indem sie sich der Ungerechtigkeit entgegenstellt, um den angeborenen Wert der Seele zu behaupten. Doch wie jedes Feuer erfordert es eine ruhige Hand. Unbeaufsichtigt verzerrt sich Thymos in zerstörerische Wut oder bricht in einen Sinnverlust zusammen, wobei ein hohles Selbstbewusstsein zurückbleibt.
In diesem Geist ist eine tiefere Sehnsucht eingebettet: das Verlangen nach Anerkennung.
Philosophen haben diesen Impuls lange in zwei Hauptformen eingeteilt: Megalothymie, den Drang, größer als andere zu sein, und Isothymie, das Verlangen, ihnen gleichgestellt zu sein. Obwohl sie gegensätzlich wirken, sind beide im gleichen grundlegenden Bedürfnis verwurzelt, gesehen und anerkannt zu werden.
Doch unter dem Verlangen nach Sichtbarkeit verbirgt sich etwas Dringendes, das wir oft übersehen. Das Verlangen, gesehen zu werden, ist tatsächlich das Verlangen, geliebt zu werden.
Irgendwann haben wir gelernt, Liebe mit Aufmerksamkeit zu verwechseln. Wir begannen, unsere Existenz durch die Augen anderer zu bestätigen, indem wir Wahrnehmung mit Verehrung gleichsetzten. Wir streben nach Bestätigung, in der Hoffnung, dass sie die Sehnsucht in uns zum Schweigen bringt, doch die Leere bleibt. Das liegt daran, dass die Lücke, die wir zu füllen versuchen, kein Mangel an Anerkennung ist... Es ist ein Mangel an Liebe.
Ich spreche nicht von der flüchtigen, oft launischen Liebe der Welt, sondern von einer beständigeren Hingabe, die im Herzen entspringt und uns mit dem Bedingungslosen verbindet.
Ohne diese innere Verbindung wird Thymos unruhig. Es verlangt, nicht aus Eitelkeit gesehen zu werden, sondern als verzweifelter Versuch, sich an seine eigene Natur zu erinnern.
Die Frage ist also nicht nur, warum wir gesehen werden wollen, sondern wem wir glauben, dass es uns sehen muss.
Vielleicht ist das Verlangen, das wir suchen, nicht für die Augen anderer. Vielleicht war es immer für den Blick des Göttlichen. Und vielleicht, lange bevor die Frage je gestellt wurde, war diese Anerkennung bereits gewährt worden, nur nicht realisiert.
Was bleibt, ist nicht das Streben nach Bemerkung, sondern der mutige Akt, sich selbst so zu sehen, wie man es bereits ist. Wenn diese Erkenntnis erkannt wird, stabilisiert sich die Flamme zu einer urtümlichen Hitze, die nicht ausbrennt, um sich zu beweisen, sondern einfach brennt, um zu leuchten.
Bleib strahlend ⭐
©Angélique Letizia
http://www.angeliqueletizia.com/
https://www.facebook.com/angelique.letizia
https://www.facebook.com/photo/?fbid=10161716512336511&set=pb.734121510.-2207520000