SV Verlag

SV Verlag mit Handy oder Tablet entdecken!
Die neue Generation der platzsparenden Bücher - klein, stark, leicht und fast unsichtbar! E-Books bei viereggtext! Wollen Sie Anspruchsvolles veröffentlichen oder suchen Sie Lesegenuss für zu Hause oder unterwegs? Verfolgen Sie mein Programm im SV Verlag, Sie werden immer etwas Passendes entdecken ... Weitere Informationen

.

.
Dichterhain, Bände 1 bis 4

.

.
Dichterhain, Bände 5 bis 8

Übersetze/Translate/Traduis/Tradurre/Traducir/переводить/çevirmek

Posts mit dem Label unverändert werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label unverändert werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 8. September 2026

PISA 2026: Deutschland konstant in der Mitte


Es war ein Schock. Im Jahr 2000 stellte sich heraus, dass deutsche Schüler nicht ganz so viel konnten, wie Deutschland geglaubt hatte. Lesen? Nun ja. Rechnen? Verbesserungsfähig. Texte verstehen? Kommt darauf an, wie kompliziert der Text ist. Bildungsgerechtigkeit? Lieber nicht so genau hinschauen.

Deutschland reagierte sofort. Es wurde analysiert. Dann wurde evaluiert. Dann wurde reformiert. Dann wurde die Reform evaluiert. Dann wurde die Evaluation reformiert. Und heute, 26 Jahre später, können wir mit Fug und Recht behaupten: Wir haben uns keinen Zentimeter bewegt, obwohl unsere Lehrer ackern wie verrückt.

PISA ist inzwischen weniger eine Bildungsstudie als ein wiederkehrendes Naturereignis. Alle paar Jahre kommt sie über Deutschland wie ein Hochwasser. Die Experten schlagen Alarm, die Minister versprechen Maßnahmen, die Kultusministerkonferenz schaut ernst und anschließend beginnt die große Suche nach dem Schuldigen. Es war schon die Gesellschaft. Dann die Eltern. Dann die Lehrer. Dann Corona. Dann die Digitalisierung. Dann die soziale Ungleichheit. Dann die Migration. Dann der Fachkräftemangel. 

Dabei ist die deutsche Schule längst ein faszinierendes Großlabor. Es soll Wissen vermitteln, Kinder erziehen, soziale Unterschiede ausgleichen, Integration leisten, psychische Probleme erkennen, Medienkompetenz herstellen, Demokratie erklären, Gewalt verhindern, Inklusion organisieren, Digitalisierung betreiben und Eltern beraten. Und irgendwo dazwischen soll ein Lehrer noch Unterricht machen.

Der deutsche Lehrer ist deshalb kein Lehrer mehr. Er ist ein multifunktionaler Trainer. Er unterrichtet morgens Mathematik, löst danach einen sozialen Konflikt, schleppt Material und Tablets, repariert das WLAN, schreibt einen Förderplan, telefoniert mit Eltern, dokumentiert einen Vorfall und geht anschließend nach Hause, um sich dort zu fragen, ob er eigentlich noch weiß, warum er diesen Beruf einmal gewählt hat. Vielleicht wegen der Sommerferien. Die werden allerdings inzwischen dringend benötigt, um die Schuljahresberichte fertigzustellen.

Dabei ist das eigentliche Problem erstaunlich banal. Kinder müssen lesen können. Sie müssen schreiben können. Sie müssen rechnen können. Sie sollten einen längeren Text verstehen, ohne danach zu fragen, ob es davon auch eine TikTok-Version gibt. Und sie sollten lernen, dass eine schlechte Note keine Menschenrechtsverletzung ist. Das wäre schon einmal ein Anfang. 

Natürlich beginnt Bildung nicht erst an der Schultür. Ein Kind, das zu Hause Ruhe, Bücher, Unterstützung und jemanden hat, der fragt: „Hast du deine Hausaufgaben gemacht?“, startet anders als eines, dessen Familie selbst jeden Monat darum kämpft, irgendwie über die Runden zu kommen. Das ist keine Schuldfrage. Es ist eine Tatsache. Und genau deshalb ist Bildungspolitik immer auch Sozialpolitik.

Wer Kindern Bildungschancen verspricht, muss ihnen irgendwann auch die Voraussetzungen dafür geben. Ein ruhiger Arbeitsplatz wäre beispielsweise hilfreich. Zeit. Sprache. Struktur. Und gelegentlich ein Elternteil, das nicht gerade drei Schichten, zwei Behördenbriefe und einen Mietrückstand gleichzeitig bewältigen muss und auch Deutsch kann. Aber Deutschland hat eine andere Spezialität entwickelt: Wir kompensieren strukturelle Probleme mit pädagogischen Konzepten.

Wenn Kinder nicht lesen können, schreiben wir ein Leseförderprogramm. Wenn sie nicht rechnen können, starten wir eine Mathematikoffensive. Wenn sie keine Motivation haben, entwickeln wir ein Motivationskonzept. Wenn Lehrer fehlen, schreiben wir einen Maßnahmenplan zur Lehrkräftegewinnung. So bleibt alles am Laufen. Aber kommen wir weiter? Offensichtlich nicht. Wir verharren in der Mitte.

Deutschland wollte die Schulen digitalisieren. Das klang zunächst sehr modern. Dann stellte sich heraus, dass manche Schulen kein vernünftiges WLAN hatten. Also wurden Tablets angeschafft. Die Tablets kamen. Das WLAN kam später. Die Passwörter waren nicht verfügbar. Der Datenschutz hatte Bedenken. Die Lehrer brauchten Fortbildungen. Die Server waren überlastet. Und irgendwo lag noch ein Overheadprojektor. Er funktionierte. Natürlich.

Und währenddessen verändert sich die Gesellschaft. Kinder und Jugendliche leben in einer hochentwickelten Multimedia-Welt, in der Informationen jederzeit verfügbar sind. Sie können innerhalb von Sekunden erfahren, was irgendein Influencer auf Bali zum Frühstück gegessen hat. Aber bei der Frage, wie man einen Absatz zusammenfasst, beginnt das große Schweigen. Es sei denn, wir liefern ihnen die passenden KI-Programme, die über Handy sehr viel erklären. Das können die Kinder überall lesen, wenn sie Zeit haben.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Herausforderung der kommenden Jahre: Wir müssen Kindern wieder beibringen, zwischen Information und Wissen zu unterscheiden. Und zwischen Meinung und Tatsache. Zwischen einem Video mit sieben Millionen Aufrufen und einem Beleg. Zwischen „Ich habe das irgendwo gesehen“ und „Ich kann erklären, warum das stimmt“. Das wäre übrigens auch Demokratiebildung.

Denn wer Zusammenhänge nicht versteht, ist leichter für einfache Erklärungen zu gewinnen. Wenn die eigene Lebenssituation kompliziert ist, klingt die Botschaft „Die und die sind schuld“ ausgesprochen angenehm. Bildungsfrust, soziale Unsicherheit, Perspektivlosigkeit und Misstrauen gegenüber Institutionen können einen gefährlichen Nährboden bilden. Am Ende ist die Regierungspartei schuld und extreme Parteien der Heilsbringer. Offene Gespräche müssen stattfinden.

Deshalb sehen moderne Lernräume und Schulen konzeptionell so aus:

  • bewegliche Tische und Stühle, die schnell von Reihen- auf Gruppenarbeit umgestellt werden können
  • kleinere Rückzugs- und Differenzierungsräume
  • Räume für Kleingruppen
  • offene Lernbereiche
  • flexible Trennwände
  • Präsentationsflächen
  • digitale Displays
  • zuverlässiges WLAN
  • Arbeitsplätze für individuelles Lernen
  • Bereiche für Kommunikation und Zusammenarbeit
  • akustisch abgeschirmte Zonen
  • teilweise eigene Teamräume für Lehrer
  • Fachräume bzw. Werkstätten und Labore
  • barrierefreie Zugänge und Nutzungsmöglichkeiten
  • mehr Personal für die Zwischenräume

Das nennt man beispielsweise Klassenraum-Plus, Lerncluster oder Lernlandschaft. Beim Cluster-Modell teilen sich mehrere Klassen einen räumlichen Bereich mit unterschiedlichen Lern- und Arbeitsmöglichkeiten. Welche Schule hat das denn und genug davon? Täglich einsetzbar für Anfänger und Fortgeschrittene?

Oder ausreichend Wandkarten, historische Karten, Modelle, naturwissenschaftliche Anschauungsobjekte, Sammlungen, Experimentiermaterial, Werkzeuge, Musikinstrumente usw.?

Und so stehen wir 2026 wieder vor der deutschen Bildungsbaustelle. Die Gerüste stehen. Die Baupläne liegen bereit. Die Experten sind bestellt. Die Evaluation läuft. Die nächste Reform befindet sich in Vorbereitung. Nur der Unterricht findet weiterhin unverändert statt. Morgens um 7.45 oder um 8 Uhr. Mit 28 Kindern, mal mehr, mal weniger. Einem Lehrer. Einem kaputten Beamer. Ausfallende PCs, Drucker, Kopierer, technische Probleme, zu wenig Lernmaterial und einem Unterrichtskonzept, das die Kinder nur gelegentlich ganzheitlich einbinden kann. Es fehlen noch Dutzende Milliarden Euro, bis alles so ist, wie es sein sollte, und wir uns entwickelt haben.