Vielleicht liegt Chinas schulisches Geheimnis gar nicht darin, dass chinesische Kinder den ganzen Tag über Büchern sitzen. Vielleicht liegt es darin, dass dort eine ziemlich altmodische Vorstellung noch erstaunlich lebendig ist: Schule ist zum Lernen da. Der Lehrer soll unterrichten, der Schüler soll lernen, Grundlagen sollen sitzen und Fehler dürfen durch Übung verschwinden. China hat inzwischen sogar erkannt, dass man ein solches System überfordern kann, und versucht deshalb, Hausaufgaben- und Nachhilfedruck zurückzunehmen. Deutschland könnte von beidem lernen: von der Konsequenz – und von der Erkenntnis, dass Konsequenz nicht dasselbe ist wie Drill.
Der entscheidende Unterschied liegt in einer anderen Prioritätensetzung:
| Chinesischer Ansatz | Deutsches Problem |
|---|---|
| klare Lernziele | teilweise sehr viele pädagogische Ziele gleichzeitig |
| hohe Bedeutung von Grundwissen | Kompetenzdiskussion teilweise ohne ausreichende Grundlagen |
| Lehrer als Autorität und Fachperson | Lehrer zunehmend auch Sozialarbeiter, Verwaltungsfachkraft und Krisenmanager |
| viel systematisches Üben | Angst vor „Drill“ und mechanischem Lernen |
| hohe Leistungserwartungen | stärkere Diskussion über Motivation und individuelle Bedürfnisse |
| zentrale Steuerung | föderale Zersplitterung |
| Schule als zentraler Lernort | viele Aufgaben werden zwischen Schule, Familie und außerschulischen Angeboten verteilt |
| starke Prüfungskultur | stärkere Zurückhaltung gegenüber Leistungsdruck |
| hohe gesellschaftliche Bildungsorientierung | Bildungserwartungen stärker vom sozialen Milieu abhängig |
Schule hat einen klaren Bildungsauftrag
Das chinesische System ist wesentlich stärker darauf ausgerichtet, dass Schüler konkretes Wissen und grundlegende Kompetenzen tatsächlich beherrschen. Lesen, Schreiben, Mathematik und Naturwissenschaften haben einen hohen Stellenwert. Der Unterricht ist stärker lehrergesteuert und systematisch aufgebaut als in vielen westlichen Reformmodellen.
Das sieht man auch an den PISA-Ergebnissen: In den vier chinesischen Regionen erreichten 2018 98 % mindestens Kompetenzstufe 2 in Mathematik; im OECD-Durchschnitt waren es 76 %. 44 % erreichten sogar mindestens Stufe 5, gegenüber 11 % im OECD-Durchschnitt.
Der Lehrer ist tatsächlich Lehrer
Das ist für den Vergleich mit Deutschland besonders interessant.
Der Lehrer hat im chinesischen Modell eine relativ klare Autorität: Er vermittelt Stoff, erklärt, übt, kontrolliert und korrigiert. Unterrichtszeit soll möglichst tatsächlich Lernzeit sein.
Das bedeutet nicht, dass chinesische Lehrer weniger belastet wären. Im Gegenteil. Der Leistungsdruck auf Lehrer und Schüler kann erheblich sein. Aber die institutionelle Erwartung ist klarer:
Der Lehrer soll unterrichten - und die Schüler sollen lernen.
Das ist ein ziemlich altmodisches Konzept. Und vielleicht gerade deshalb erstaunlich wirksam.
Üben, wiederholen, beherrschen
Ein wesentlicher Bestandteil ist die hohe Bedeutung von Übung und Wiederholung. Ein mathematisches Verfahren wird nicht einmal erklärt und dann als „Kompetenz“ verbucht. Es wird so lange angewendet, bis es sitzt.
Das chinesische Modell setzt traditionell stärker auf:
Erklärung → Beispiel → Übung → Fehleranalyse → Wiederholung → Beherrschung.
Das ist weniger spektakulär als manche modernen pädagogischen Konzepte, aber bei elementaren Fähigkeiten ziemlich vernünftig.
Hohe Erwartungen
Ein weiterer Faktor ist die Erwartungshaltung.
Von Schülern wird grundsätzlich erwartet, dass sie lernen können und sollen. Von Lehrern wird erwartet, dass sie unterrichten. Von Eltern wird erwartet, dass Bildung wichtig ist.
Das erzeugt Leistungsdruck – und dieser Druck ist eine der problematischen Seiten des Systems. Aber er erzeugt gleichzeitig eine gesellschaftliche Botschaft, die Deutschland gelegentlich etwas abhandengekommen ist:
Bildung ist nicht nur ein Angebot. Sie ist eine Anstrengung.
Der Wettbewerb ist brutal – insbesondere über Prüfungen
Hier liegt wahrscheinlich der bekannteste Bestandteil des chinesischen Modells: das Gaokao, die nationale Hochschulaufnahmeprüfung.
Der Zugang zu angesehenen Universitäten hängt stark von Prüfungsergebnissen ab. Dadurch bekommt schulische Leistung eine enorme Bedeutung. Das hat zwei Seiten. Einerseits schafft es ein relativ klares Leistungsprinzip: Wer etwas leistet, kann aufsteigen.
Andererseits erzeugt es enormen Konkurrenz- und Prüfungsdruck. Familien investieren teilweise sehr viel Zeit und Geld in die Bildung ihrer Kinder. Das chinesische System ist deshalb keineswegs einfach ein Modell, das man nach Deutschland kopieren könnte.
Interessant: China versucht inzwischen selbst, den Druck zu reduzieren
Und genau hier wird es für unsere PISA-Glosse besonders interessant. China hat 2021 mit der sogenannten „Double Reduction“-Politik versucht, den exzessiven Hausaufgaben- und Nachhilfedruck zu reduzieren. Die Regierung beschränkte unter anderem akademische außerschulische Nachhilfe und stärkte die Schule als zentralen Lernort.
Die Reform zielte gleichzeitig darauf, die Qualität des Unterrichts zu verbessern. Nach Angaben des chinesischen Bildungsministeriums stieg der Anteil der Schüler, die ihre schriftlichen Aufgaben innerhalb der vorgesehenen Zeit erledigen konnten, von 46 % auf über 90 %. Gleichzeitig wurde die schulische Nachmittagsbetreuung massiv ausgebaut.
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