![]() |
| Marlen an der Bar (generiert mit KI) |
Was ist los mit dieser Frau? Marlen steht jeden Abend an der Beach Bar, und jeder liest erst ihr Top, dann ihren Rock. Er ist raffiniert transparent und zeigt sehr attraktive Beine. Die Aufnäher und das Design insgesamt sind knallbunt, ein bisschen Comic, ein bisschen Pop-Art, Sprechblasen, Sterne. Es sieht aus wie ein Protest. Ist aber eigentlich eine Einladung.
Marlen hat Bühnenbild in Leipzig studiert. Im zweiten Semester hatten sie Dada. Der Professor stand vorne und sagte diesen einen Satz, den alle Kunst-Professoren sagen: "Wenn alles Kunst sein kann, weil nichts mehr Kunst sein muss, wozu dann noch Kunst?" Und alle nickten, obwohl verheerend für die Kunst. Wir haben ja auch noch viel, viel echte Kunst!
Marlen fand es faul. Sie saß in der letzten Reihe und dachte: Wenn ihr alles Kunst nennt, müsst ihr euch ja nie mehr anstrengen. Irgend etwas hinklatschen, drapieren, Slogan, fertig. Nein, sie hat das Outfit deshalb selbst genäht. Aus Theaterfundus, Karnevalsresten, billigem Tüll. Überall drauf: ANTI ART - DADA IS DEAD. Nicht weil sie Kunst hasst - sie liebt Kunst. Sondern weil sie es leid war, dass Kunst oft nicht im Alltag benutzt wird.
An diesem Abend ist sie allein hier. Sie wollte eigentlich nur zwei Wochen weg, nachdem in ihrem Atelier das Licht ausgefallen war. Sie wollte jemanden kennenlernen, aber nicht über eine App, wo man nur wischt - kann weg oder Herz. Sie wollte, dass jemand stehen bleibt und liest. Sie durch die Transparenz betrachtet bis hoch zu ihren Augen. Ein magischer Tiefenblick.
Elias bleibt stehen. Er ist der Barkeeper, tagsüber baut er die Bühne für das kleine Festival am Strand. Er stellt ihr einen Eistee mit Limette hin und sagt nicht "Geiles Outfit", sondern: "Starkes Statement. Aber stimmt nicht."
Marlen zieht interessiert die Augenbrauen hoch. "Was stimmt nicht?"
"Dass Dada tot ist", sagt er. "Dada scheint nur in Urlaub gefahren zu sein." Damit hat er sie.
Sie setzen sich an die Seite der Bar, wo die Lichterkette summt. Und Elias erzählt ihr das, was ihr Professor gar nicht erwähnt hatte, weil er voraussetzte, dass Studenten das nachlesen würden.
"Dada war 1916 in Zürich. Erster Weltkrieg. Eine Handvoll Künstler saßen im Cabaret Voltaire, hatten die Nase voll von Logik und Vernunft, weil genau diese Vernunft sie in den Krieg geführt hatte. Also machten sie das Gegenteil. Sie machten Unsinn. Mit Absicht. Sie klebten eine Gabel an eine Muschel, sie schrieben Gedichte aus zufälligen Zeitungsschnipseln, bastelten sich Hüte und Kostüme. Sie sagten: 'Wenn die Welt keinen Sinn mehr macht, dann machen wir eben Kunst, die auch keinen Sinn macht.' Nicht weil sie dumm warn. Sondern als Protest. Als Überlebensstrategie."
Marlen hört zu. Das Wort Überlebensstrategie bleibt hängen.
"Siehst du", sagt Elias und deutet auf ihren Rock, "dein Rock ist totaler Dada. Du nimmst ein ernstes Statement - 'Kunst ist tot' - und machst es bunt, durchsichtig, tragbar und ziehst es an einen Ort an, wo niemand über Kunst nachdenken will, sondern nur einen Drink will. Das ist absurd. Das genau ist Dada. Du hast Dada nicht getötet, Marlen. Du hast ihn an den Strand gebracht."
Unten in der Ecke ihres Rocks, in einer kleinen Sprechblase, steht ganz klein, fast wie ein Hilferuf, den sie selbst reingenäht hat, ohne es zu merken: DADA DADA DADA DADA. Marlen lacht. Zum ersten Mal an diesem Abend nicht höflich, sondern richtig. Häufiger konnte man es gar nicht sagen.
"Weißt du, was ich eigentlich will?", sagt sie dann. "Ich will nicht immer die sein, die alles selbst näht, selbst baut, selbst erklärt. Ich will mal die sein, die jemand anderem beim Bauen zuschaut. Ich möchte ihn betrachten, und er soll mich betrachten... Ich will jemanden kennenlernen, ohne gleich einen Lebensplan mitzubringen."
Elias schmunzelt und nickt übertrieben. "Ich sammle morgen um sechs bei Ebbe Treibholz. Für eine Bank. Keine Kunst. Nur eine Bank. Zwei Plätze. Willst du mit? Kein Date. Nur Holz."
Marlen sagt ja.
Am nächsten Morgen ist der Strand leer. Marlen trägt ein einfaches Kleid, das Pop-Art-Kleid hängt im Bungalow. Sie hat es nicht mehr angezogen - es hat seinen Job getan und vielleicht noch mehrere Male.
Sie sammeln Holz. Er zeigt ihr, welches trägt und welches nur schön aussieht. Sie zeigt ihm einen Knoten, der auch nass hält. Da staunt Elias. Sie reden nicht viel. Elias betrachtet sie, schaut ihr auf die Beine, ihre Formen und in die Augen. Marlen lässt erst ihre Augen über seinen entblößten Oberkörper gleiten, dann über seine Muskeln und Beine und die engen Hosen. Und genau deshalb funktioniert es.
Mittags sitzen sie auf dem Sand, vor sich einen Haufen Holz, der vielleicht mal eine Bank wird.
Marlen hat nichts gegen Dada. Sie hatte nur lange niemanden getroffen, der verstehen wollte, dass ihr ANTI ART - DADA IS DEAD in Wirklichkeit heißt: "Frag mich, was danach kommt."

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen