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Dienstag, 8. September 2026

PISA 2026: Deutschland konstant um die 490 Punkte


Es war ein Schock. Im Jahr 2000 stellte sich heraus, dass deutsche Schüler nicht ganz so viel konnten, wie Deutschland geglaubt hatte. Lesen? Nun ja. Rechnen? Verbesserungsfähig. Texte verstehen? Kommt darauf an, wie kompliziert der Text ist. Bildungsgerechtigkeit? Lieber nicht so genau hinschauen.

Deutschland reagierte sofort. Es wurde analysiert. Dann wurde evaluiert. Dann wurde reformiert. Dann wurde die Reform evaluiert. Dann wurde die Evaluation reformiert. Und heute, 26 Jahre später, können wir mit Fug und Recht behaupten: Wir haben uns keinen Zentimeter bewegt, obwohl unsere Lehrer ackern wie verrückt.

PISA ist inzwischen weniger eine Bildungsstudie als ein wiederkehrendes Naturereignis. Alle paar Jahre kommt sie über Deutschland wie ein Hochwasser. Die Experten schlagen Alarm, die Minister versprechen Maßnahmen, die Kultusministerkonferenz schaut ernst und anschließend beginnt die große Suche nach dem Schuldigen. Es war schon die Gesellschaft. Dann die Eltern. Dann die Lehrer. Dann Corona. Dann die Digitalisierung. Dann die soziale Ungleichheit. Dann die Migration. Dann der Fachkräftemangel. 

Dabei ist die deutsche Schule längst ein faszinierendes Großlabor. Es soll Wissen vermitteln, Kinder erziehen, soziale Unterschiede ausgleichen, Integration leisten, psychische Probleme erkennen, Medienkompetenz herstellen, Demokratie erklären, Gewalt verhindern, Inklusion organisieren, Digitalisierung betreiben und Eltern beraten. Und irgendwo dazwischen soll ein Lehrer noch Unterricht machen.

Der deutsche Lehrer ist deshalb kein Lehrer mehr. Er ist ein multifunktionaler Trainer. Er unterrichtet morgens Mathematik, löst danach einen sozialen Konflikt, schleppt Material und Tablets, repariert das WLAN, schreibt einen Förderplan, telefoniert mit Eltern, dokumentiert einen Vorfall und geht anschließend nach Hause, um sich dort zu fragen, ob er eigentlich noch weiß, warum er diesen Beruf einmal gewählt hat. Vielleicht wegen der Sommerferien. Die werden allerdings inzwischen dringend benötigt, um die Schuljahresberichte fertigzustellen.

Dabei ist das eigentliche Problem erstaunlich banal. Kinder müssen lesen können. Sie müssen schreiben können. Sie müssen rechnen können. Sie sollten einen längeren Text verstehen, ohne danach zu fragen, ob es davon auch eine TikTok-Version gibt. Und sie sollten lernen, dass eine schlechte Note keine Menschenrechtsverletzung ist. Das wäre schon einmal ein Anfang. 

Natürlich beginnt Bildung nicht erst an der Schultür. Ein Kind, das zu Hause Ruhe, Bücher, Unterstützung und jemanden hat, der fragt: „Hast du deine Hausaufgaben gemacht?“, startet anders als eines, dessen Familie selbst jeden Monat darum kämpft, irgendwie über die Runden zu kommen. Das ist keine Schuldfrage. Es ist eine Tatsache. Und genau deshalb ist Bildungspolitik immer auch Sozialpolitik.

Wer Kindern Bildungschancen verspricht, muss ihnen irgendwann auch die Voraussetzungen dafür geben. Ein ruhiger Arbeitsplatz wäre beispielsweise hilfreich. Zeit. Sprache. Struktur. Und gelegentlich ein Elternteil, das nicht gerade drei Schichten, zwei Behördenbriefe und einen Mietrückstand gleichzeitig bewältigen muss und auch Deutsch kann. Aber Deutschland hat eine andere Spezialität entwickelt: Wir kompensieren strukturelle Probleme mit pädagogischen Konzepten.

Wenn Kinder nicht lesen können, schreiben wir ein Leseförderprogramm. Wenn sie nicht rechnen können, starten wir eine Mathematikoffensive. Wenn sie keine Motivation haben, entwickeln wir ein Motivationskonzept. Wenn Lehrer fehlen, schreiben wir einen Maßnahmenplan zur Lehrkräftegewinnung. So bleibt alles am Laufen. Aber kommen wir weiter? Offensichtlich nicht. Wir verharren in der Mitte.

Deutschland wollte die Schulen digitalisieren. Das klang zunächst sehr modern. Dann stellte sich heraus, dass manche Schulen kein vernünftiges WLAN hatten. Also wurden Tablets angeschafft. Die Tablets kamen. Das WLAN kam später. Die Passwörter waren nicht verfügbar. Der Datenschutz hatte Bedenken. Die Lehrer brauchten Fortbildungen. Die Server waren überlastet. Und irgendwo lag noch ein Overheadprojektor. Er funktionierte. Natürlich.

Und währenddessen verändert sich die Gesellschaft. Kinder und Jugendliche leben in einer hochentwickelten Multimedia-Welt, in der Informationen jederzeit verfügbar sind. Sie können innerhalb von Sekunden erfahren, was irgendein Influencer auf Bali zum Frühstück gegessen hat. Aber bei der Frage, wie man einen Absatz zusammenfasst, beginnt das große Schweigen. Es sei denn, wir liefern ihnen die passenden KI-Programme, die über Handy sehr viel erklären. Das können die Kinder überall lesen, wenn sie Zeit haben.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Herausforderung der kommenden Jahre: Wir müssen Kindern wieder beibringen, zwischen Information und Wissen zu unterscheiden. Und zwischen Meinung und Tatsache. Zwischen einem Video mit sieben Millionen Aufrufen und einem Beleg. Zwischen „Ich habe das irgendwo gesehen“ und „Ich kann erklären, warum das stimmt“. Das wäre übrigens auch Demokratiebildung.

Denn wer Zusammenhänge nicht versteht, ist leichter für einfache Erklärungen zu gewinnen. Wenn die eigene Lebenssituation kompliziert ist, klingt die Botschaft „Die und die sind schuld“ ausgesprochen angenehm. Bildungsfrust, soziale Unsicherheit, Perspektivlosigkeit und Misstrauen gegenüber Institutionen können einen gefährlichen Nährboden bilden. Am Ende ist die Regierungspartei schuld und extreme Parteien der Heilsbringer. Offene Gespräche müssen stattfinden.

Deshalb sehen moderne Lernräume und Schulen konzeptionell so aus:

  • bewegliche Tische und Stühle, die schnell von Reihen- auf Gruppenarbeit umgestellt werden können
  • kleinere Rückzugs- und Differenzierungsräume
  • Räume für Kleingruppen
  • offene Lernbereiche
  • flexible Trennwände
  • Präsentationsflächen
  • digitale Displays
  • zuverlässiges WLAN
  • Arbeitsplätze für individuelles Lernen
  • Bereiche für Kommunikation und Zusammenarbeit
  • akustisch abgeschirmte Zonen
  • teilweise eigene Teamräume für Lehrer
  • Fachräume bzw. Werkstätten und Labore
  • barrierefreie Zugänge und Nutzungsmöglichkeiten
  • mehr Personal für die Zwischenräume

Das nennt man beispielsweise Klassenraum-Plus, Lerncluster oder Lernlandschaft. Beim Cluster-Modell teilen sich mehrere Klassen einen räumlichen Bereich mit unterschiedlichen Lern- und Arbeitsmöglichkeiten. Welche Schule hat das denn und genug davon? Täglich einsetzbar für Anfänger und Fortgeschrittene?

Oder ausreichend Wandkarten, historische Karten, Modelle, naturwissenschaftliche Anschauungsobjekte, Sammlungen, Experimentiermaterial, Werkzeuge, Musikinstrumente usw.?

Und so stehen wir 2026 wieder vor der deutschen Bildungsbaustelle. Die Gerüste stehen. Die Baupläne liegen bereit. Die Experten sind bestellt. Die Evaluation läuft. Die nächste Reform befindet sich in Vorbereitung. Nur der Unterricht findet weiterhin unverändert statt. Morgens um 7.45 oder um 8 Uhr. Mit 28 Kindern, mal mehr, mal weniger. Einem Lehrer. Einem kaputten Beamer. Ausfallende PCs, Drucker, Kopierer, technische Probleme, zu wenig Lernmaterial und einem Unterrichtskonzept, das die Kinder nur gelegentlich ganzheitlich einbinden kann. Es fehlen noch Dutzende Milliarden Euro, bis alles so ist, wie es sein sollte, und wir uns entwickelt haben. Die 100 Punkte Unterschied auf beispielsweise chinesischen Stand sind zurzeit mehr als festgeschrieben. Es scheint so, dass die Volatilität der Werte sowieso gering ausfällt. Was über 26 Jahre annähernd gleich bleibt, wird sich auch nicht schlagartig erhöhen. Eventuell bei einer Systemumstellung mit mehr Effizienz oder bei sprunghaftem Anstieg der Intelligenz. 

Dienstag, 5. Juni 2012

Buchbesprechung: HEILEN DURCH ERKENNTNIS von Andreas Winter

Ein neunjähriges Mädchen liest seiner Mutter ein paar Fragen vom Blatt vor; wenig später verschwinden deren chronische Fußschmerzen.
Ein Student unterhält sich in einer Kneipe mit seinem Freund über dessen Migräne; die Kopfschmerzen bleiben daraufhin aus.
Ein Blumenhändler schreibt eine kurze E-Mail an eine ihm fremde Frau; schlagartig ist diese von ihrer Eiweißallergie geheilt.
Offenbar haben bestimmte Fragen und Aussagen das Potenzial, langjährige Blockaden und Symptome im Nu aufzulösen.
Wunderheilung? „Nein, angewandte moderne Tiefenpsychologie“, sagt Diplom-Pädagoge Andreas Winter. „Psychologie ist kein Elfenbeinturm und Psychotherapie ist kein heiliger Gral. Wir alle haben eine Psyche, wir alle können mit dem richtigen Grundverständnis hilfreich psychologisch arbeiten“, davon ist der Autor überzeugt. Und der Erfolg gibt ihm Recht: Hunderte von Winter geschulte, psychologisch interessierte Laien und natürlich auch Profis bekämpfen Symptome wie Übergewicht, Allergien, Neurodermitis, Phobien und sogar Borderline-Störungen in Rekordzeit. Durch das bloße Bewusstmachen frühkindlicher Ursachen und das Vermitteln der intelligenten Logik eines Symptoms verändern sich plötzlich Empfindungs- und Verhaltensmuster der Klienten – und somit deren Beschwerden.


Interview mit dem Autor:
Am Anfang Ihres Buches sprechen Sie von der verblüffenden Erfahrung, die Sie bereits als Pädagogik-Student machten: Chronische Krankheiten lassen sich demnach durch eine Erkenntnis heilen. Was brachte Sie zu dieser Erkenntnis? 


Winter: Mit großer Spannung las ich Bücher über die machbaren Erfolge durch Suggestionen in Hypnose. Die Beschleunigung von Wundheilung, Beseitigung von Schmerzen, Hautproblemen und Übergewicht, einfach alles schien möglich. Ermutigt durch die bestehende Literatur begann ich meine eigenen Erfahrungen zu sammeln und siehe da – es stimmte. Zunächst arbeitete ich viel mit Menschen, die Phobien, Übergewicht oder das Rauchen loswerden wollten. Später kamen Menschen zu mir, die durch chronischen Stress organische Krankheiten bekommen hatten. Die Heilung geschieht dabei selbstverständlich nicht durch mich, sondern ganz allein dadurch, dass der Stressauslöser als unschädlich wahrgenommen wird. 

In „Heilen durch Erkenntnis“ beschreiben Sie unter anderem Ihren beruflichen Werdegang und die Einflüsse, die auf die Entwicklung Ihres Ansatzes einwirkten. Welche psychologischen, philosophischen oder therapeutischen Ideen haben Sie besonders geprägt?
 
Winter: Die Ansätze von Alfred Adler, eines Pioniers der Individualpsychologie, haben mich besonders beeindruckt. Adler beschreibt als erster, welche Folgen frühkindliche Traumatisierungen auf das Verhaltensmuster von Erwachsenen haben. Das leuchtete mir damals sehr ein. Auch Milton Erickson, der amerikanische Reformator der Hypnosetherapie, inspirierte mich sehr, weil er nicht mit direkten hypnotischen Befehlen und Suggestionen arbeitet, sondern mehr mit Überzeugung, Erkenntnissen und Schlussfolgerungen.

Ihr methodischer Ansatz ist äußerst erfolgreich, aber ungewohnt einfach. Geraten Sie da nicht auch in Konflikt mit Fachkollegen oder Schulmedizinern?

Winter: Nein, ganz im Gegenteil! Meine Ausbildungen werden besucht von Heilpraktikern, Allgemeinmedizinern, Psychotherapeuten und sogar Angehörigen der Pharmaindustrie! Ich ernte sehr viel Zuspruch bei all denen, die mit meinem Ansatz gute Erfahrungen machen konnten. Allerdings gehört schon eine Portion ideologische Offenheit dazu zu begreifen, dass unsere Symptome meist stressbedingt sind. Stress ist hier zu verstehen als erhöhter Anpassungsdruck, und der einzige Stressauslöser ist Unfreiwilligkeit: Alles, was Sie unfreiwillig tun oder womit Sie in Dissonanz, in Widerstand treten, sorgt für Stress. Dieses Ungleichgewicht zwischen Wollen und Sollen lässt chemische Botenstoffe, die Stresshormone, im Körper ausschütten und das wiederum kann auf lange Sicht den Körper schädigen. Die Erkenntnis der eigentlichen Stressursachen aber führt zu einer emotionalen Neubewertung der wahrgenommenen Reize und baut den Stress ab – die Symptome verschwinden, Krankheiten heilen.

Im allgemeinen Verständnis von Medizin herrscht die Annahme, dass eine wirkliche Heilung unwahrscheinlich, wenn nicht sogar unerwünscht ist. Wie kam es zu dieser pessimistischen Grundhaltung der heutigen Hippokrates-Nachfolger und was sind die Konsequenzen dieser Auffassung?

Winter: Das ist eine gute Frage. Meiner Meinung nach begann es in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, einhergehend mit der europäischen Industrialisierung, dass die bis dato recht vielversprechende, aber noch komplizierte und langwierige Psychotherapie plötzlich durch schnelle Medikamentengabe verdrängt wurde. Es war der Druck der Leistungsgesellschaft, der eine rasche Symptomunterdrückung dem Lösen der Krankheitsursachen vorzog, damit Arbeiter schnell wieder einsatzklar waren. Hieraus entwickelte sich eine bedingungslose Medizingläubigkeit, die von der Medizinindustrie, speziell der Pharmaindustrie, leicht auszunutzen war und auch ausgenutzt wurde: Man suggeriere den Menschen, sie seien ursachenlos krank, und verschreibe ihnen das Gegenmittel, ohne tatsächlich zu heilen. Dieses Gegenmittel wird so gestaltet, dass es Nebenwirkungen hat, gegen die man ebenfalls Medikamente verschreiben kann. In diesem Sinne werden an den Universitäten weltweit Mediziner ausgebildet, die einer echten Krankheitsursache machtlos gegenüberstehen und somit Heilen für unmöglich halten. Das dauerhafte Verschieben  von Symptomen ist zu einem lukrativen Perpetuum Mobile geworden. Die Leidtragenden sind jedoch nicht nur die Patienten, die sich in lebenslanger medizinischer Abhängigkeit befinden, sondern auch all unsere moralisch integren Ärzte, denen der therapeutische Erfolg verwehrt wird und deren einstige Berufsmotivation, Menschen zu heilen, ad absurdum geführt wird. Es wird also höchste Zeit, dass ein Arzt wieder wirklich heilt, schnell und dauerhaft, damit etwas zurechtgerückt wird, das vor etwa 100 Jahren aus industriellen Interessen heraus ver-rückt wurde.

Regelmäßig wird vor epidemieähnlichen Erkrankungen oder krebserregenden Nahrungsmittelzusätzen gewarnt und zu Impfungen oder Vorsorgeuntersuchungen aufgerufen. Woran liegt es, dass der Mensch trotz dieser vermeintlichen Gefahren noch nicht ausgestorben ist, und was macht uns wirklich krank?

Winter: Wir werden nicht einfach krank, nur weil irgendwo ein Bakterium herumschwirrt. Das kann jeder Mensch an sich selbst beweisen, denn unsere Umgebung ist stets voller Bakterien. Jede Banknote trägt Millionen von Keimen, doch erzeugen diese beim Geldzählen keine Infektionen! In grauer Vorzeit war unser Lebensraum sicherlich ebenfalls keineswegs steril. Wir müssen also schauen: Warum werden einige Menschen krank, während andere gesund bleiben? Stresshormone schwächen aufgrund ihrer blockierenden Eigenschaft den Körper. Ist der Körper abwehrschwach, kann er selbst die geringsten Belastungen nicht verkraften. Fühlt sich ein Mensch jedoch abwehrstark, so können ihm Bakterien und Viren nicht ohne Weiteres schaden. Der Unterschied zwischen dem Gesunden und dem Kranken liegt in der Fähigkeit, mit „Feinden“, also Erregern, Giften usw., gut umgehen zu können. Stress macht den Unterschied, sage ich – und Stress lässt sich durch bestimmte Techniken dauerhaft auflösen. Eine dieser Techniken beschreibe ich in meinem Buch.

Vielen Betroffenen konnte „Erkenntnis“ zur „Heilung“ verhelfen. Woran erkennt ein Arzt oder Therapeut, wann dieser Ansatz noch greift und wann schulmedizinische Unterstützung notwendig ist?

Winter: Wenn eine organische Funktionsstörung ganz klar somatischen Ursprungs ist, etwa der Körper durch Gifte, Strahlung, Druck, Verletzung oder Ähnliches geschädigt ist bzw. sich bereits durch seine Symptome in akuter Gefahr befindet, dann brauchen wir kurative Maßnahmen eines Arztes. Wir brauchen Blutkonserven, Knochenschienen, Gegengifte, Elektrolyte oder Chirurgie, damit der Mensch wieder gesunden kann. Wenn aber ein Symptom ohne somatische Ursache entsteht und zudem dauerhaft auftaucht, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass nicht der Körper die Problemstelle ist, sondern zugrundeliegende Ängste, also Gedankenmuster, welche die Ausschüttung von Stresshormonen begünstigen. In solchen Fällen brauchen wir nur zu schauen: Was hat den Menschen krank gemacht und was braucht er, damit er wieder gesund wird? Ich halte es für völlig in Ordnung, wenn Akutmedizin angewendet wird, um einem Menschen zu helfen, wieder aufnahmefähig zu sein. Ob Kopfschmerztablette oder Hustenlöser, Beruhigungsmittel oder Vitamine – alles ist in Ordnung, solange man damit nicht dauerhaft arbeitet und auch niemandem einredet, von der Einnahme hänge seine Gesundheit ab. Wenn der Krankheitsverlauf nicht linear ist, sondern Ausnahmen zeigt, ist das meist ein Hinweis auf eine psychosomatische Angelegenheit. Ein gebrochenes Bein ist nicht zwischendurch für einen Tag heil, am nächsten wieder verletzt. Bei Asthma oder Allergien dagegen treten durchaus solche Unregelmäßigkeiten auf – ein klares Anzeichen für Psychosomatik: Hier ist das Symptom nur eine Folge von bestimmten angstmotivierten und stressbedingten Stoffwechselvorgängen.

Viele der in Ihren Büchern vorgestellten Fallbeispiele beruhen auf traumatischen Erfahrungen in der frühen Kindheit, die zu einem unbewussten Fehlverhalten führen. Wie kann man diese angstbasierten Verhaltensmuster vermeiden und damit spätere Erkrankungen verhindern?

Winter: Die kurze Antwort lautet: Bevormunden und ängstigen wir unsere Kinder nicht! Kinder brauchen das Gefühl, dass sie ein emotionales Zuhause haben, in welchem sie sicher sind. Jedes Problem sollte eine Lösung haben und vor allem: Nicht die Eltern dürfen der Problemlieferant sein. Erwartungsdruck und Überforderung viel zu unreifer Eltern sind die eigentliche Gefahr in unserer Gesellschaft. Die ausführliche Antwort finden Sie in meinem letzten Buch „Zu viel Erziehung schadet!“. Mein neues Buch zeigt, wie man diese Schäden wieder repariert.  

Das Coaching nach Ihrem tiefenpsychologischen Ansatz beruht auf der Entkopplung von unterbewussten Symptomauslösern. Kann jeder diese Technik erlernen und was muss man mitbringen, um als Coach oder Gesundheitsberater erfolgreich zu sein?

Winter: Diesen Ansatz kann jeder begreifen, der Lösungen für Probleme sucht und bereit ist, seine bisherige medizinische Ideologie in Frage zu stellen. Die Technik lässt sich ebenso leicht erlernen, jedoch braucht man, um erfolgreich damit zu arbeiten, entweder einen wirklich reflektierten Patienten, der mitdenkt, versteht und umsetzt, was man ihm darlegt, oder eine Menge didaktisches Geschick und Überzeugungskraft. Das nötige psychologische Grundwissen und die Analysetechnik lassen sich schnell vermitteln.