Im März erschien eine neue Aufnahme des Mark Turner Quartet. In seiner Besprechung von Mark Turners letztem Quartettalbum für ECM, Return From The Stars (2022), bezeichnete Peter Rüedi in der Weltwoche das Programm als „die denkbar schlankste, konzentrierteste und inspirierteste improvisierte Kammermusik.“ Eine treffende Beschreibung für die kraftvollen Quartettausarbeitungen des Tenorsaxophonisten, die auf Patternmaster ihre durchschlagskräftigste Form erreicht zu haben scheinen. Dabei funktioniert das neue Album in vielerlei Hinsicht zugleich wie Fortführung und Erweiterung des Vorgängers. Kompromisslose Improvisation ebenso wie kühle Kontrolle sind die antreibenden Motoren einer Gruppe, die ihr musikalisches Verständnis über Jahre hinweg auf Tour und im Studio weiterentwickelt hat. Turner und Jason Palmer entfalten Themen mit weitreichenden harmonischen Implikationen, getragen von Joe Martin am Kontrabass und Jonathan Pinson am Schlagzeug. Patternmaster, 2024 in Südfrankreich aufgenommen, wurde von Manfred Eicher produziert.
Es folgte in Form von Memento die erste gemeinsame Duoaufnahme von Marilyn Crispell und Anders Jormin. Bei ECM war die US-amerikanische Pianistin Crispell zuvor auf Jormins Zyklus geistlicher Lieder In Winds, In Light (2004) zu hören. Sie hat den schwedischen Bassisten als Einfluss auf ihr eigenes musikalisches Denken bezeichnet: „Als ich Anders spielen hörte, berührte es eine Saite in mir, die stark nachklang.“
Memento beginnt mit einer kraftvollen Folge auf den akustischen Raum bezogener Duo-Improvisationen, bevor es zu Kompositionen der beiden Musiker übergeht. „Three Shades of a House“ ist ein Stück, das Jormin bereits in seiner Arbeit mit Bobo Stenson vorgestellt hat (auf dessen Album Contra la indecisión), hier gespielt in den Varianten „Morning“ und „Evening“ – die erste eine Erkundung des Themas mit Crispell im Vordergrund, die zweite eine Meditation für dunkel timbrierten Bass. Crispells „The Beach at Newquay“ zeichnet die Küste Cornwalls nach, wobei Jormins hoch angesetzter Arco-Bass Möwenschreie evoziert. Das Album schließt mit „Dragonfly“, gewidmet dem Andenken an Gary Peacock. Durchgehend reagieren die Musiker auf die sensible, detailverstärkende Akustik des Auditorio Stelio Molo RSI in Lugano. Das Album wurde im Juli 2025 von Manfred Eicher produziert.
Außerdem erschien nach langen Jahren wieder ein Album von Miroslav Vitous bei ECM: Mountain Call präsentiert den Meisterbassisten in unterschiedlichen Ensemblekonstellationen, in denen unter anderem der französische Klarinettist Michel Portal und der amerikanische Schlagzeuger Jack DeJohnette, beide kürzlich verstorben, prominent vertreten sind. Das Album führt mehrere Tendenzen und Strömungen in Vitous’ Werk zusammen und legt Zeugnis ab von seinen vielfältigen Fähigkeiten als Improvisator, Jazzkomponist, Arrangeur und kreativer Pionier des Samplings. Der Mitbegründer von Weather Report kam Ende der 1970er-Jahre erstmals zu ECM, in einem Trio mit Terje Rypdal und Jack DeJohnette. Schon damals bildeten Miroslav und Jack eine eruptive Rhythmussektion, die später erfolgreich wieder zusammenkam – auf Vitous’ Album Universal Syncopations (2003) mit Jan Garbarek und Chick Corea. Auch auf Mountain Call kommt dieser Kombination eine zentrale Rolle zu: Bassist und Schlagzeuger interagieren dynamisch auf „Tribal Dance“ und „Epilog“, wobei ihr Spiel im letzteren Stück von Miroslavs großen Orchesterakkorden gerahmt wird. Zudem soliert Jack innerhalb von Vitous’ dreiteiligem Werk „Evolution“. In der Suite „Rhapsody“ tritt die Stimme der Bassistin Esperanza Spalding in den Vordergrund, die Vitous’ Texte singt. Mountain Call beginnt und endet jedoch mit einer Reihe funkelnd einfallsreicher Duette mit Michel Portal. Mountain Call wurde über einen Zeitraum von sieben Jahren in mehreren Sessions im Prager Studio von Vitous aufgenommen. Produziert wurde das Album von Miroslav Vitous und Manfred Eicher.