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Samstag, 4. März 2017

Wie war's bei MA(I)NHATTA. STUMMFILM-MUSIK-VARIETÉ in der Frankfurter Oper?


(c) Barbara Aumüller

Am 24.02.2017 hatte der Opernbesucher in Frankfurt die einmalige Gelegenheit, einen Stummfilm-, Musik-, Variété- und Vaudeville-Abend zu erleben, der den Bogen ins alte Frankfurt zwischen 1900 und 1920 schlug und gleichzeitig auch die ästhetischen Konsumgewohnheiten der Fans des neuen Mediums Lichtbild- bzw. Kinematographentheater um diese Zeit beleuchtete. Was die Menschen vor 100 Jahren faszinierte sind uns heute fast witzige Bilder voller kitschiger Situationskomik und natürlich zu schnellen Bewegungen. Ganz in der Nähe, in der Kaiserstraße 74, eröffnete am 16.11.1907 ein "exklusivstes Theater für lebende-, wissenschaftliche- u. Tonbilder", das erste Kino in Frankfurt, zu dem sich bald Dutzende weitere im Bahnhofsviertel gesellten. Viele Prominente trafen sich in den Kinos zum Kaffee, Essen und Film schauen. Es war eine riesige Attraktion damals, eine "Sehenswürdigkeit ersten Ranges!" Natürlich wurde das Medium sofort für Propagandazwecke und Stadtmarketing entdeckt. Frankfurt der Armen und Frankfurt der Parkbesucher und Badenden im Main-Freibad gegenübergestellt.

Die musikalische Leitung Uwe Dierksen, die Choreografen, Paul Gerritsen, Irene Klein, Nathalie Heinz und die Dramaturgen Nina Goslar, Mareike Wind kreiierten in Kooperation mit dem ZDF und Arte einen sehr schönen Abend mit herrlicher hundertjähriger Nostalgie. Die 1910er-Jahre übten auf sie einen ganz eigenen Charme aus, das Jahrzehnt, in dem die moderne Technisierung rasant zunahm, eine Technikgläubigkeit entstand, die Omnipotenzgefühle aufkommen ließ, für die die Titanic dann Symbol wurde. Auch der spätere Erste Weltkrieg wurde mit dem ungebrochenen, in diesen Jahren geschmiedeten  Glauben begonnen, hoch technisiert ihn sofort gewinnen zu können. Und eben das Kino, das alles lebendig werden ließ. Noch einmal weiter in die 1890er zurückgegriffen und parallel zur thematisierten Entwicklung hätten wir den europäischen Kinopionier zu nennen: den Franzosen Georges Méliès, der hier nicht zur Sprache kam. 

THE IMMIGRANT   (c) Barbara Aumüller

Zu Beginn des Abends eine faszinierende Schattentanzchoreografie, Rollschuh fahrende Tänzer und ein lustiges Duett der Opernstimmen Elizabeth Reiter und Ludwig Mittelhammer. Mit dem Klassiker "The Immigrant" (1917) von und mit Charlie Chaplin kam das aktuelle Flüchtlingsproblem zur Sprache, die Einreise in die Staaten, gedreht in dem Jahr, in dem die Einreisesperre für den Nahen Osten und andere Orientländer ausgesprochen wurde, die man heute bei Donald Trump wieder zu entdecken glaubt. Ein Happy End für Charlie und die goldige Edna Purviance ...
"Manhatta" - eine Hymne auf das moderne New York und insbesondere Manhattan, das innovativ und avantgardistisch erlebt wurde. Seine Architektur schon vor 100 Jahren ein gigantisches Erlebnis. Im zweiten Teil des Abends der erste Gangsterfilm als Start eines eigenen Genres beim beginnenden Unternehmen 20th Century Fox Studio vom legendären Regisseur Raoul Walsh (1887-1980), der über 150 Filme drehte. 

THE IMMIGRANT  (vorm Standesamt)  (c) Barbara Aumüller

In "Regeneration", einem 2014 restaurierten Film aus dem Jahr 1915, wird der Werdegang des 1890 bis 1900 sehr berühmten Gangsterbosses Owen F. Kildare gezeigt. Ein Lehr- und Rührstück, Bekehrung des kriminellen Abtrünnigen, der gar nichts dafür konnte, seine Lebensumstände machten ihn dazu. Seine Sozialisation ein Albtraum, für uns heute fast zu harmlos, um wirksam zu werden, die Gangsterkarriere "vorprogrammiert", und wie es die Amerikaner so sehr lieben: mit Gottes Hilfe und einer christlichen Botin der Liebe wird der "schwere" Junge (er wirkt eher sanft) vom Saulus zum Paulus. Seine historische Retterin und Förderin Marie Deering starb auch in Wirklichkeit vor der geplanten Hochzeit. Im Film stirbt sie an einem Querschläger bei einer Schießerei mit Skinny, dem Gang-Nachfolger Owens, der Marie vergewaltigen wollte und seine gerechte Strafe findet.

Die Musik des Abend stammte von Peter Reiter-Schaub, der die typische Musik der 1910er und 1920er Jahre nachempfand, vom Klavierautomaten bis zum Ragtime-, Cakewalk- und Dixiejazz sowie Blues. Herrlich lebendig kommt kein bisschen Langeweile auf, obwohl es keine hörbaren Dialoge gibt, aber alle Stimmungen und Spannungsmomente werden eben musikalisch einprägsam vermittelt und transportiert. Alles in allem ein Abend, wie man ihn sich noch häufiger mit wechselnden Themen vorstellen kann.