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Montag, 16. November 2015

Wie war's bei AM I von Shaun Parker (AUS) in Ludwigshafen a.RH.?

(c) Prudence Upton

Shaun Parkers Tanzstück AM I in Ludwigshafen am Rhein im Pfalzbau zeigte eine überraschende und sehr überzeugende Neuinterpretation von Tanztheater. Ingredienzen, die eigentlich mehr beim Musical oder Theater auftreten, aber dennoch nicht vergleichbar sind, vereinten hervorragendes Tanztheater mit einer Moderations- bzw. Kommentatorebene. Damit wurde zum Tänzerischen noch ein sprachlicher Überbau in Form einer Intentionsvermittlung hinzugefügt.

Die vorgetragene philosophische und inhaltliche Position fand wiederum ihre Darstellung im Tanz. Es war nicht nur die vermutete Vermittlung des archetypischen Geschehens von Geburt, Leben, Krieg und Tod, sondern viel mehr. Eine kritische Beleuchtung unserer Ich-Definitionen, unser Vorbestimmtsein durch Macht und herrschende Anschauung, unser Verlust von Leben durch wissenschaftliche Dominanz. Unser Festgelegtsein durch starre Deutungsmuster. Sind wir das Produkt der Evolution und logische Folge aus Widerstreit zwischen dem Hirnstamm und Neocortex? Ist die DNA der prägende Code, der kein Entkommen zulässt? Oder ist alles das Resultat einer göttlichen Fügung? Sind wir etwas ganz anderes?

Shaun Parker lässt dies offen und beantwortet es doch mit seinem Schlusssatz: "Wenn ich genau hinhöre, besteht alles nur aus einem einzigen Ton." Das ist wie vieles andere bei ihm doppeldeutig. Einerseits eine Erklärung von Welt, alles ist ein gemeinsamer Ton, und andererseits ist es auch die Einseitigkeit der Sicht, nicht multiple Töne, sondern ein einziger wird uns suggeriert. Und diese Ironie ist bei allem zu spüren, das Infragestellen der "Heilslehren" und Deutungsmuster scheint sein eigentlicher Beweggrund. Die Dekonstruktion der Mythen schimmert durch ... Es bleibt alles eine Frage der individuellen Wahrnehmung und der sich anbietenden Deutungswege, daher wird sich das Ich auch milliardenfach verschieden bilden, wenn auch kulturelle Muster es prägen und festlegen wollen.


(c) Prudence Upton
Der Beginn bereits kraftvoll durch eine Urknalltheorie, das gleißende Licht blendet alle. Die reizende Erzählerin und grazile Tänzerin Shantala Shivalingappa, die eine eigene Company hat und Stücke aufführt und tatsächlich alles in Deutsch erzählen konnte, beginnt mit einer mythischen Stimmung: "Es gab einmal eine Zeit, in der alles nichts war. [...] Und das Nichts begann sich zu verwandeln in etwas." Dieser Wechsel von einem blendenden blitzartigen Licht aus einer Scheinwerferwand hinter den Tänzern begleitet und von den Tänzern mit modelierenden und gestaltenden Bewegungen getanzt. In der Folge erklärt uns Shantala mit komplexen Erklärungen das Gehirn, vom Hirnstamm bis zum Neocortex, und warum es festlegt. Die Parallelentwicklung von Erde und Lebewesen, die Evolution wird greifbar.

Die einen sagen: Den größten Einfluss auf unser Überleben hätten die primitiven Strukturen, die uns zu Tierhaftigkeit, Kampf und Aggression trieben. Shantala beginnt die Struktur des Gehirns zu tanzen, die anderen kommen nach und nach dazu, Lichtblitzeffekte signalisieren eine Art Energietransfer zu anderen Tänzern. Mit asiatischem Stockkampftanz zu afrikanischem Gesang, indianischer Percussion wird die Weltumspanntheit dieser Entwicklung deutlich. Die Vocals und Musiker im hinteren Teil der Bühne hoch positioniert werden als eigene künstlerische Instanz präsentiert. Eine sehr, sehr interessante, vielseitige Musik, mit Zitaten aus allen Kontinenten und einer eindringlichen Getragenheit durch den Gesang.


(c) Prudence Upton
Die anderen sagen vielleicht: Es wäre  mehr die Sexualität, die Fortpflanzung erlaubte, das Olidxin, der Neurostoff, der Liebe ermöglicht, unterdrückt, die Amygdala, als Teil des limbischen Systems, die für affekt- und lustbetonte Empfindungen wie auch Angst zuständig sein soll. Die Tänzer tanzen die fortlaufenden Kopulationen, den Sex zur Schwangerschaft, das Geborenwerden eines Kindes. Das Phänomen, dass das Sehen des Kindes Olidoxin freisetzt, Liebe entstehen lässt und weitere Schwangerschaften ermöglicht. Fehlt es, kommt es zu Aggressionen, im Tanz das Kreuzen der Metallstäbe, die bei Parker eine große Bedeutung haben, auch in anderen Stücken. Einmal Waffen, ein anderes Mal Buchstaben, Bildgestalter. Und es kommt ein Fächer ins Spiel, der ebenfalls große Bedeutung hat, wird erst zum Metermaß/Maßstab, dann zum Manipulationsinstrument. Er wird mit lautem Knallen von einem Mann geöffnet, der erniedrigt, die anderen unterwirft, scheint für Machtstrukturen zu stehen.
Was ganz deutlich wird in Parkers Evolution ist die Bedeutung der sozialen Probleme beim Umgang der Menschen miteinander. Und nicht nur für diese Probleme, sondern auch zum esoterischen Abheben der Individuen bietet sich an: "Immer wenn ich das Gefühl habe, im Universum zu schweben, dann ist da noch Gott ..." Es folgt eine endlose Aufzählung aller Gottheiten, die es international durch die Jahrhunderte/Jahrtausende jemals gab und immer noch gibt, bis hin zum neuen Gott GPS, das uns leitet und dirigiert. Fehlt nur noch die Produktwerbung für Google. Zum Gottesproblem ein Solotanz mit orientalischen Klängen.
Übrig bleibt der Sinn des Lebens: "das unendliche Streben". Das ist es, was uns antreiben und uns glauben machen soll, dass dann noch etwas Besseres kommt. Und es funktioniert. Ohne Leistungsdenken wäre weder die westliche noch die östliche Welt so weit gekommen. Auch im Wettrüsten nicht.
Und die Grundformel für alles, so Parker spöttelnd, sei die unendliche Zahl und mathematische Konstante Pi = 3.14159265359, die als das Alpha und Omega der Wissenschaft in Text umgewandelt die DNA aller Menschen, aller Botschaften und Bestimmungen ergäbe. Auch das Geheimnis der Unsterblichkeit sei damit geklärt, so hätten wir Ewigkeit/Immergleichheit und endlose Monogamie erlangt, auch wenn wir nicht monogam sein wollen, wie uns der Tanz dann humorvoll zeigt.


(c) Michele Aboud
Mit einer hervorragenden Company und dem Musiker Nick Wales zusammen wurde dieses Stück 2014 in Sydney welturaufgeführt und tourt nun durch die Welt. Nach Ludwigshafen ist es noch einmal am 24. und 25.11.2015 in Luxemburg zu sehen.

Tänzer: Josh Mu, Sophia Ndaba, Jessie Oshodi, Marnie Palomares, Melanie Palomares, Shantala Shivalingappa, Julian Wong

Musiker und Vocals: Tunji Beier, Alyx Dennison, Jess Green, Jason Noble, Jessica O’Donoghue, Bree Van Reyk, Nick Wales

Ersatztänzer: Manuel Dado, Carl Tolentino, Robert Tinnings, Samuel Beazley, Thomas E. S. Kelly, Jess Wong, Yilin Kong, Ashley McLellan, Claire Leske, Sarah Mealor

Choreografie: Shaun Parker
Komponist: Nick Wales

info@shaunparkercompany.com
+61 2 9351 1941
C/O Seymour Centre, PO Box 553 Broadway NSW 2007

shantalashivalingappa.com/en/shantala-shivalingappa/



Die deutsche Fassung in Wolfsburg


Die englische Fassung mit Erläuterungen von Shaun Parker