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Dienstag, 18. August 2026

Was passiert gerade mit unserem Wetter und was kommt auf uns zu? Mit Quellen und Literaturangaben zum Weiterlesen

(c) Stefan Vieregg, mit KI generiert

Deutschland und Mitteleuropa bekommen zunehmend ein wärmeres, trockenheitsanfälligeres Sommerklima, während Starkregen, Gewitter und einzelne sehr nasse Perioden keineswegs verschwinden. Der entscheidende Wandel lautet daher nicht schlicht „weniger Regen“, sondern mehr Hitze + höhere Verdunstung + längere Trockenphasen + anschließend häufiger extreme Niederschläge.

Und gerade die neuesten Beobachtungen von 2026 machen diese Entwicklung ausgesprochen anschaulich.

1. Der wichtigste Irrtum: „Afrikaklima“ ist zu einfach

Deutschland wird nicht einfach zu einer europäischen Sahara. Dafür ist unsere geografische Lage zu nördlich, und die Westwindzone, der Atlantik, die Nordsee und die dynamische Wetterlage Europas bleiben wichtige Einflussfaktoren. Auch künftig kann es in Deutschland sehr nasse Sommer geben.

Aber: Die Ausgangstemperatur steigt. Dadurch verändert sich die Wasserbilanz.

Ein Sommer mit beispielsweise 600 mm Niederschlag ist bei 20 °C etwas völlig anderes als ein Sommer mit denselben 600 mm bei 23 °C. Die Atmosphäre kann mehr Wasserdampf aufnehmen, Böden trocknen schneller aus und Pflanzen verlieren mehr Wasser. Genau diese Kombination wird von den Klimaforschern als besonders gefährlich angesehen. Der IPCC stellt mit hoher Sicherheit fest, dass die atmosphärische Wasseraufnahme bzw. Verdunstungsnachfrage mit steigender Temperatur zunimmt und dadurch die Bodenfeuchte abnimmt. Für den Mittelmeerraum ist die Entwicklung besonders eindeutig; für West- und Mitteleuropa ist sie regional differenzierter. (IPCC)

2. Europa erwärmt sich besonders schnell

Europa ist kein durchschnittlicher Ausschnitt des Weltklimas. Der Kontinent erwärmt sich schneller als der globale Mittelwert. Und 2026 erleben wir gerade ein außergewöhnliches Beispiel dafür. Die Weltorganisation für Meteorologie beschreibt die europäischen Hitzewellen dieses Jahres als häufiger, intensiver und länger andauernd. Hoher Luftdruck, ungewöhnlich warme Meere und bereits ausgetrocknete Böden verstärken einander. (Reuters)

Besonders interessant ist dabei der sogenannte Bodenfeuchte-Rückkopplungseffekt:

trockener Boden → weniger Verdunstung → mehr Energie für die Erwärmung der Luft → höhere Temperaturen → noch stärkere Verdunstung.

Das ist eine Art meteorologischer Teufelskreis. Eine aktuelle Attributionsstudie zur europäischen Dürre 2026 kommt zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Die hitzebedingte Verdunstung, die die Dürre verschärft, ist heute in Westeuropa etwa 80-mal wahrscheinlicher und in Osteuropa etwa 40-mal wahrscheinlicher als unter vorindustriellen Bedingungen. Landwirtschaftliche Bodendürre sei durch den Klimawandel in Westeuropa etwa fünfmal und in Osteuropa etwa elfmal wahrscheinlicher geworden. (Reuters) Das ist wissenschaftlich wesentlich interessanter als die Aussage „es wird heißer“.

3. Was bedeutet das konkret für Deutschland?

Der Deutsche Wetterdienst arbeitet mit regionalen Klimamodellen und verschiedenen Emissionsszenarien. Die Spannbreite ist erheblich, aber die Richtung bei der Temperatur ist eindeutig.

Im hohen Emissionsszenario RCP8.5 wird für Deutschland für 2071–2100 gegenüber 1971–2000 eine Erwärmung von ungefähr 3,1 bis 4,7 °C projiziert. Beim Jahresniederschlag ist die Bandbreite dagegen viel unsicherer: Die Modelle reichen von etwa −1 bis +15 Prozent. (Deutscher Wetterdienst)

Das klingt zunächst widersprüchlich: +4 °C, aber möglicherweise nicht weniger Jahresniederschlag?

Genau hier liegt der Knackpunkt. Der Klimawandel verändert vor allem die Verteilung des Wassers über das Jahr. Tendenziell:

Winter:
mehr Niederschlag bzw. häufiger Regen statt Schnee

Frühjahr:
frühere Vegetationsperiode, höhere Verdunstung

Sommer:
höhere Temperaturen, höhere Verdunstung, zunehmendes Risiko längerer Trockenphasen

Gewitterlagen:
mehr Wasser kann in kurzer Zeit herunterkommen

Herbst/Winter:
höhere Wahrscheinlichkeit für sehr niederschlagsreiche Ereignisse

Das bedeutet:

Der Jahresniederschlag kann ähnlich bleiben, während die Landschaft trotzdem trockener wird.

Das ist einer der wichtigsten Punkte der gesamten Klimaforschung.

4. Und genau das erleben wir bereits

Der Sommer 2025 in Deutschland war dafür fast ein Lehrbuchbeispiel. Der DWD registrierte 18,3 °C im bundesweiten Sommermittel, 0,7 °C mehr als im Referenzzeitraum 1991–2020.

Aber noch interessanter: Der Sommer war gleichzeitig von langen Trockenphasen und einer ausgesprochen nassen Juli-Phase geprägt. Deutschland bekam also nicht einfach „keinen Regen“. Es bekam:

Hitze → Trockenheit → Starkregen/nasser Monat → erneut Trockenheit.

Der Juli verhinderte Schlimmeres. Insgesamt lagen die Niederschläge des Sommers nur etwa 6 Prozent unter dem Mittel 1991–2020. Trotzdem gab es regional erhebliche Trockenheit. (Deutscher Wetterdienst)

Das ist wahrscheinlich näher an unserer klimatischen Zukunft als die Vorstellung einer endlosen mediterranen Schönwetterperiode.

5. Die Hitze wird zum eigentlichen Problem

Besonders eindrucksvoll ist eine DWD-Attributionsstudie zum 2. Juli 2025. Damals erreichte das Deutschlandmittel der Höchsttemperatur 35,5 °C. An 435 von 453 Messstationen wurde mindestens ein „heißer Tag“ mit ≥30 °C registriert; an 285 Stationen wurden ≥35 °C erreicht. (Deutscher Wetterdienst)

Und jetzt kommt der entscheidende Punkt: Ein solches Ereignis hätte im heutigen Klima eine Wiederkehrzeit von etwa 3,9 Jahren. Vor dem stärkeren menschengemachten Erwärmungseinfluss wäre eine vergleichbare Hitze praktisch ein außergewöhnliches Ereignis gewesen. Der DWD kommt außerdem zu dem Ergebnis, dass die Wiederkehrzeit eines vergleichbaren oder stärkeren Ereignisses in Zukunft auf etwa 2,0 bis 3,2 Jahre sinken könnte. (Deutscher Wetterdienst)

Mit anderen Worten: Was früher ein Ausnahme-Sommer war, wird zunehmend Bestandteil des normalen statistischen Spektrums.

6. Werden die Sommer tatsächlich „afrikanischer“?

Wenn man unter „Afrikaklima“ versteht

  • dauerhaft 35–40 °C,
  • monatelang kein Regen,
  • Wüstenboden,
  • kaum Vegetation,

dann lautet die Antwort: Nein.

Wenn man darunter aber versteht:

  • deutlich höhere Sommertemperaturen,
  • häufigere Hitzewellen,
  • längere Vegetations- und Hitzeperioden,
  • stärkere Verdunstung,
  • häufiger ausgetrocknete Böden,
  • Waldbrandgefahr,
  • Wasserstress,
  • zunehmende Verschiebung der Vegetationszonen,

dann lautet die Antwort: Teilweise ja – und diese Entwicklung ist bereits sichtbar. Allerdings wird sie regional sehr unterschiedlich sein.

7. Süddeutschland wird nicht zur Sahara – aber der Mittelmeerraum kommt näher

Das IPCC erwartet für Europa eine deutliche Verschiebung der klimatischen Lebensbedingungen. Besonders stark betroffen ist der Mittelmeerraum. Dort nehmen Hitze, Trockenheit und Feuerwetter deutlich zu. Ab etwa 2 °C globaler Erwärmung werden zunehmende Aridität sowie landwirtschaftliche und hydrologische Dürren mit hoher Sicherheit erwartet. (IPCC)

Der südliche Teil Europas ist deshalb der eigentliche Vorläufer dessen, was weiter nördlich teilweise ankommt. Man könnte vereinfacht eine klimatische Wanderung nach Norden beschreiben:

Nordafrika → Südspanien → Mittelmeerraum → Südfrankreich/Norditalien → Süddeutschland → Mitteleuropa

Aber diese Verschiebung ist keine exakte Kopie der Klimazonen. Atlantische Einflüsse bleiben in Deutschland wesentlich.

8. Die Vegetation wird sich verändern

Hier wird es besonders interessant. Die Frage lautet nämlich nicht: „Wächst überhaupt noch etwas?“
Natürlich wächst weiterhin sehr viel. Die Frage lautet: Welche Pflanzen können mit dem neuen Klima noch dauerhaft zurechtkommen? Die Europäische Umweltagentur berichtet bereits über messbare Auswirkungen von Dürren auf die Vegetation.

2024 waren rund 600.000 km² EU-Fläche von unterdurchschnittlicher Bodenfeuchte betroffen. Auf fast 160.000 km² in Südosteuropa und dem Mittelmeerraum erholte sich die Vegetationsproduktivität nicht auf das Niveau des Referenzzeitraums 2000–2020. Auch Wälder und Graslandschaften waren betroffen. (Europäische Umweltagentur)

Das ist noch kein „Absterben Europas“. Aber es zeigt einen wichtigen Mechanismus: 
Dürre → geringere Photosynthese → geringeres Wachstum → weniger Kohlenstoffaufnahme → geschwächte Pflanzen → höhere Anfälligkeit für Hitze, Schädlinge und Feuer.
Und irgendwann verändert sich die Zusammensetzung des Ökosystems.

Der IPCC erwartet deshalb eine zunehmende Verschiebung der Lebensräume und eine Ausbreitung feuergefährdeter Gebiete in Europa. (IPCC)

9. Der deutsche Wald ist deshalb ein Frühwarnsystem

Die große Frage lautet nicht nur: „Wie heiß wird es?“, sondern: „Kann unser Wald das neue Klima verkraften?“ Die Fichte beispielsweise ist in vielen tieferen Lagen Deutschlands bereits unter erheblichen klimatischen Druck geraten. Das Problem ist nicht nur Hitze. Es ist:

Hitze + Trockenheit + Borkenkäfer + Stürme + Waldbrände.

Eine einzelne Belastung kann ein Waldökosystem verkraften. Mehrere gleichzeitig können einen Kipppunkt erzeugen. Deshalb wird Deutschland langfristig wahrscheinlich einen stärkeren Anteil trockenheits- und hitzetoleranter Baumarten benötigen.

10. Gleichzeitig wird es mehr Starkregen geben

Das ist die scheinbare Paradoxie des zukünftigen deutschen Klimas. Wir können gleichzeitig bekommen: mehr Dürre und mehr Überschwemmungen. Denn warme Luft kann mehr Wasserdampf aufnehmen. Wenn sich diese feuchte Luft anschließend in einer Gewitter- oder Starkregenlage entlädt, können innerhalb weniger Stunden enorme Wassermengen fallen. Das Wasser kommt dann nur leider nicht unbedingt dort und dann herunter, wo Landwirtschaft, Wälder und Grundwasser es benötigen. Der Klimawandel verändert deshalb zunehmend den Wasserhaushalt, nicht einfach nur die Regenmenge.

11. Die wirklich interessante Zukunft: „Grün und trocken“

Wahrscheinlich ist ein anderes Bild viel wahrscheinlicher als eine Wüste. Deutschland könnte teilweise zu einer Landschaft werden, die auf den ersten Blick weiterhin grün aussieht – aber wesentlich stärker unter Wasserstress steht. Das ist gefährlicher, weil man die Veränderung nicht sofort erkennt. Ein Rasen kann nach einem warmen Frühling saftig grün sein. Dann kommen:

30 Tage Hitze → Bodenfeuchte sinkt → Grundwasser wird weniger → Pflanzen schließen ihre Spaltöffnungen → Wachstum stoppt → Blätter vertrocknen.

Ein heftiges Gewitter bringt anschließend 50 mm Regen. Aber: Ein Teil läuft oberirdisch ab. Ein Teil verdunstet. Ein Teil erreicht wegen der trockenen bzw. hydrophoben Bodenschichten nicht die tieferen Bodenschichten. Und zwei Wochen später beginnt alles wieder von vorne.

12. Besonders interessant: 2026 ist möglicherweise ein Vorgeschmack

Das aktuelle Jahr 2026 sollte man allerdings nicht einfach als Beweis für die Zukunft nehmen. Einzelne Jahre bleiben Wetterereignisse. Aber die Kombination ist auffällig. Europa erlebt 2026 eine  außergewöhnliche Hitze, Trockenheit und Waldbrände. Die Reuters-Berichterstattung unter Berufung auf meteorologische Experten beschreibt bereits mehr als 576.000 Hektar verbrannte Fläche in Europa im laufenden Jahr und eine Serie extremer Hitzeperioden. (Reuters) Gleichzeitig sind wichtige Flüsse wie Rhein und Donau außergewöhnlich niedrig; die Folgen reichen von Landwirtschaft über Schifffahrt bis zur Energieversorgung. (Financial Times)  Das Interessante ist also nicht: „2026 ist heiß.“ Sondern: 

Hitze + Trockenheit + Waldbrand + Niedrigwasser + Landwirtschaft + Energie + Gesundheit treten gleichzeitig auf.

Das ist genau die Art von Kaskadenrisiko, vor der die europäische Klimarisikoforschung warnt. Die Europäische Umweltagentur identifiziert insgesamt 36 wesentliche Klimarisiken für Europa, unter anderem für Wasser, Ernährung, Gesundheit, Infrastruktur, Ökosysteme und Energie. (Europäische Umweltagentur)

13. Was passiert bis 2050?

Hier kann man drei Szenarien unterscheiden.

EntwicklungDeutschland um 2050
starker Klimaschutz                    deutlich wärmer, aber noch relativ gut beherrschbar
mittlere Entwicklung        häufigere Hitzewellen, zunehmender Wasserstress, größere Waldprobleme
hohe Emissionen       sehr heiße Sommer, erheblicher Wasserstress, massive Anpassungsprobleme

Der DWD stellt deshalb nicht nur eine einzige Zukunftsprognose bereit, sondern arbeitet mit Ensembles verschiedener Klimamodelle und Szenarien. Dadurch wird deutlich: Die genaue Temperatur können wir nicht auf das Zehntelgrad für einen bestimmten Landkreis vorhersagen – die Richtung und viele Veränderungen der Extremereignisse sind dagegen ausgesprochen robust. (Deutscher Wetterdienst)

14. Und bis 2100?

Hier wird es wirklich drastisch. Unter einem hohen Emissionspfad können die deutschen Jahresmitteltemperaturen nach DWD-Projektionen gegenüber 1971–2000 um ungefähr 3,1 bis 4,7 °C steigen. (Deutscher Wetterdienst) Das bedeutet nicht, dass jeder Sommer 4 °C heißer wird. Es bedeutet vielmehr: Die gesamte statistische Verteilung verschiebt sich. Sommer, die heute außergewöhnlich heiß sind, werden häufiger. Sommer, die heute extrem sind, können dann zur neuen oberen Normalität werden. Und völlig neue Extreme werden möglich.

Fazit

Die Vorstellung „Deutschland wird zur Wüste“ ist wissenschaftlich falsch. Die Vorstellung „Deutschland bekommt einfach etwas wärmere Sommer“ ist aber ebenso falsch.

Die wahrscheinlichere Zukunft lautet: Deutschland bekommt ein wärmeres, hydrologisch unberechenbareres Klima. Mit mehr Hitze, mehr Verdunstung, häufigeren und länger dauernden Trockenperioden, mehr Wasserstress, häufigerem Niedrigwasser, höherem Waldbrandrisiko, veränderten Vegetationszonen, mehr Hitzestress für Menschen und Tiere und gleichzeitig heftigeren Starkregenereignissen.

Der entscheidende Wandel könnte deshalb darin liegen, dass wir eine Art neues europäisches Übergangsklima bekommen: Der Süden Europas wird zunehmend mediterran bis semiarid, während Mitteleuropa Teile dieser Eigenschaften übernimmt – ohne seine atlantischen und nordeuropäischen Wettermechanismen zu verlieren.

Und das vielleicht Beunruhigendste ist: Wir müssen nicht auf 2050 oder 2100 warten. Die statistische Verschiebung ist bereits messbar. Der DWD zeigt beispielsweise, dass ein deutschlandweit außergewöhnliches Hitzeereignis von 35 °C im Mittel, das vor wenigen Jahrzehnten praktisch nicht vorkam, heute bereits ein Ereignis von ungefähr vierjähriger Wiederkehr ist. (Deutscher Wetterdienst)

Der Klimawandel kommt daher nicht als großer Schalter, der eines Tages auf „Afrika“ gestellt wird. Er kommt eher wie ein Thermostat, der jedes Jahrzehnt ein kleines Stück höher gedreht wird – während gleichzeitig die Wasserverteilung unzuverlässiger wird. Und genau diese Kombination dürfte für Deutschland die größere Herausforderung sein.



Literatur und Quellen zum Weiterlesen

Empfehlenswerte Reihenfolge: 1  Copernicus – European State of the Climate 2025 → Was passiert gerade?  2   DWD – Deutscher Klimaatlas → Was bedeutet das für Deutschland?  3   EEA – European Climate Risk Assessment → Welche Folgen ergeben sich daraus?   IPCC AR6 WG I  → Was sagt die physikalische Klimaforschung?  5   IPCC AR6 WG II – Europe  → Was bedeutet das für Gesellschaft und Ökosysteme? 6   EURO-CORDEX → Wie sehen die regionalen Modellierungen aus?

Damit kann man sich vom beobachteten Wetter → zum deutschen Klima → zu den europäischen Risiken → zur globalen Physik → zu den regionalen Zukunftsszenarien vorarbeiten.

Der DWD bietet dafür bereits regionale Modellensembles und Szenarien an. (Deutscher Wetterdienst)

1. Die wichtigste Grundlage: IPCC

IPCC (2021): Climate Change 2021: The Physical Science Basis.
Contribution of Working Group I to the Sixth Assessment Report of the IPCC. Cambridge University Press.

Das ist die wissenschaftliche Grundlage für nahezu alles, was heute über die physikalischen Grundlagen des Klimawandels gesagt werden kann. Besonders interessant sind:

  • Chapter 10: Linking Global to Regional Climate Change
  • Chapter 11: Weather and Climate Extreme Events
  • Chapter 12: Climate Change Information for Regional Impact and for Risk Assessment
  • Technical Summary

Für die Frage nach Europa besonders wichtig: Hitzeextreme, Bodenfeuchte, Dürren, Starkniederschläge und regionale Unterschiede.

IPCC – AR6 Working Group I


2. IPCC: Was bedeutet das für Europa und unsere Ökosysteme?

IPCC (2022): Climate Change 2022: Impacts, Adaptation and Vulnerability.
Working Group II.

Hier wird es für die von dir angesprochene Frage besonders spannend. Das Buch untersucht nicht mehr primär: „Wie verändert sich die Temperatur?“, sondern: „Was macht diese Veränderung mit Wäldern, Landwirtschaft, Wasser, Städten, Gesundheit und Ökosystemen?“

Besonders lesenswert ist Chapter 13: Europe.

IPCC – AR6 Working Group II


3. Der wichtigste Bericht speziell für Europa

European Environment Agency (EEA): European Climate Risk Assessment – EUCRA, EEA Report 01/2024.

Das ist für deine ursprüngliche Frage wahrscheinlich einer der interessantesten Berichte überhaupt. Die EEA identifiziert 36 wesentliche Klimarisiken für Europa – unter anderem für:

  • Wasser
  • Ernährung
  • Landwirtschaft
  • Wälder
  • Ökosysteme
  • Gesundheit
  • Energie
  • Infrastruktur
  • Finanzen

Die EEA kommt zu dem Schluss, dass zahlreiche Risiken bereits kritische Ausmaße erreicht haben und ohne Anpassung weiter zunehmen. (Europäische Umweltagentur)

European Climate Risk Assessment – vollständiger Bericht


4. Besonders aktuell: European State of the Climate 2025

Copernicus Climate Change Service & World Meteorological Organization (2026): European State of the Climate 2025.

Die Aussage ist ziemlich deutlich: Europa ist der sich am schnellsten erwärmende Kontinent. Für 2025 wurden europaweit außergewöhnliche Hitzewellen registriert; gleichzeitig nehmen die Tage mit Hitzestress zu und die Tage mit Kältestress ab. (Copernicus Climate Change Service)

European State of the Climate 2025 – Copernicus


5. Deutschland: Deutscher Klimaatlas des DWD

Deutscher Wetterdienst: Deutscher Klimaatlas

Der große Vorteil: Man kann nicht nur Deutschland insgesamt betrachten, sondern beispielsweise:

Baden-Württemberg → Sommer → Temperatur → 2050 oder Rheinland-Pfalz → Niederschlag → Sommer → 2100 oder  Deutschland → heiße Tage → verschiedene Szenarien.

Der DWD arbeitet dabei mit Ensembles von bis zu 21 regionalen Klimamodellen und zeigt nicht nur einen einzigen Modellwert, sondern Bandbreiten. (Deutscher Wetterdienst)  Deutscher Klimaatlas – DWD. Das ist wahrscheinlich die beste frei zugängliche Quelle für Deutschland.


6. DWD: Klimaprojektionen für Deutschland

Deutscher Wetterdienst: Klimaprojektionen für Deutschland.

Hier findet man die eigentlichen wissenschaftlichen Grundlagen hinter dem Klimaatlas.

Besonders interessant ist, dass der DWD verschiedene Szenarien und Modellgenerationen unterscheidet und ausdrücklich auf die Unsicherheiten hinweist. Die Projektionen werden unter anderem für Temperatur, Niederschlag, Wind, Feuchte und verschiedene abgeleitete Klimaindikatoren erstellt. (Deutscher Wetterdienst)

Klimaprojektionen für Deutschland – DWD


7. Besonders wichtig für die „Afrikaklima“-Frage: Dürre und Ökosysteme

European Environment Agency: Drought impact on ecosystems in Europe.

Hier geht es um einen Aspekt, der in der öffentlichen Diskussion häufig untergeht: Es reicht nicht, den Niederschlag zu betrachten. Man muss fragen: Wie viel Wasser bleibt nach Niederschlag und Verdunstung tatsächlich im Boden? Die EEA betrachtet deshalb Bodenfeuchte, Vegetationsproduktivität, Wälder und andere Ökosysteme.

EEA – Drought impact on ecosystems in Europe

Für deine ursprüngliche Frage nach einer möglichen „Versteppung“ Deutschlands ist das wesentlich aussagekräftiger als reine Temperaturdiagramme.


8. Für wissenschaftlich Interessierte: EURO-CORDEX

EURO-CORDEX – Coordinated Downscaling Experiment – European Domain

Wer richtig tief einsteigen möchte, kommt irgendwann an EURO-CORDEX nicht vorbei.  Hier werden globale Klimamodelle auf Europa regionalisiert. Das ist wichtig, weil ein globales Klimamodell beispielsweise nicht unmittelbar beantworten kann: Wie verändert sich die Zahl der Hitzetage im Oberrheingraben? Dafür braucht man regionale Klimamodelle.

EURO-CORDEX – Regional Climate Projections for Europe


9. Für die nächste Stufe: Klimaforschung und Extremereignisse

Seneviratne et al.: Weather and Climate Extreme Events in a Changing Climate. IPCC AR6 WG1, Chapter 11.

Das ist besonders für deine Frage nach den langen heißen Sommern interessant. Denn die entscheidende Entwicklung ist nicht nur: +1 °C → +2 °C → +3 °C, sondern: Wie verändern sich die Extreme?

Also:

  • maximale Temperaturen
  • Dauer von Hitzewellen
  • Häufigkeit von Hitzewellen
  • Tropennächte
  • Starkregen
  • Dürren
  • Feuerwetter

IPCC – Extremereignisse, Chapter 11


10. Ein sehr gutes deutschsprachiges Buch

Stefan Rahmstorf & Hans Joachim Schellnhuber:
Der Klimawandel – Diagnose, Prognose, Therapie.

Das Buch ist nicht ganz neu und sollte deshalb nicht als aktueller Forschungsbericht gelesen werden. Es eignet sich aber hervorragend, um die physikalischen Zusammenhänge zu verstehen. Für jemanden, der sich fragt: „Wie kann man überhaupt aus heutigen Messungen auf das Klima von 2050 oder 2100 schließen?“ ist es ein guter Einstieg.


11. Ein Klassiker zur Klimageschichte

Wolfgang Behringer: Kulturgeschichte des Klimas – Von der Eiszeit bis zur globalen Erwärmung.

Sehr interessant als Ergänzung, weil das Buch eine historische Perspektive eröffnet.

Es zeigt, dass Gesellschaften immer auf Klimaschwankungen reagieren mussten – allerdings mit einem entscheidenden Unterschied zu heute:

Die gegenwärtige Erwärmung erfolgt wesentlich schneller als viele natürliche Klimaveränderungen, die historische Gesellschaften erlebt haben.

Das hilft, die Diskussion über „früher war es auch schon warm“ historisch einzuordnen.


12. Ein hervorragender aktueller Überblick: WMO

World Meteorological Organization: State of the Global Climate.

Die WMO ist besonders interessant für die jährliche Aktualisierung. Sie verbindet:

  • Temperaturmessungen
  • Ozeanerwärmung
  • Gletscher
  • Meeresspiegel
  • Extremwetter
  • Treibhausgase
  • Klimafolgen.

World Meteorological Organization – State of the Global Climate