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Freitag, 21. August 2026

Fantasien zur Nacht: Short 5

 

(c) Stefan Vieregg, KI-generiert



Niemand hatte sie kommen sehen. Einen Moment war der Strand noch leer gewesen – flirrende Hitze über dem Sand, die Luft stand. Im nächsten schnitt eine Silhouette die Horizontlinie. Ihr Blick war fest, nicht auf das Meer gerichtet, nicht auf die Liegen. Geradeaus. Als würde sie ein Ziel verfolgen, das nur sie sehen konnte. Ihr Badeanzug war kein Stoff. Er war Architektur.  Wie weiße, scharfkantige Platten, wie gefaltetes Papier, aber aus einem Material, das das Sonnenlicht nicht schluckte, sondern brach. Und um sie herum – dieser Mantel. Kein Mantel. Ein Käfig aus Glas. Durchsichtige Dreiecke, die bei jedem Schritt gegeneinander klirrten, ohne ein Geräusch zu machen.

Die Badegäste schworen später, dass die Luft um sie herum kühler wurde. Dort, wo sie vorbeiging, ließ die Hitze nach. Der Sand unter ihren nackten Füßen dampfte nicht mehr, er fror für einen Herzschlag.

Ein Kind rief: "Mama, warum schmilzt sie nicht?" Denn das war es. In einer Welt, die seit Wochen bei 38 Grad kochte, trug sie einen Eisanzug. Ihre geometrischen Textilelemente waren keine Mode. Es waren Kühlrippen. Jede Kante, jede Facette war ein Wärmetauscher. Sie sammelte die Hitze des Strandes, brach sie in ihrem transparenten Umhang und ließ nur noch kühle Luft zurück. Sie kühlte den Strand, indem sie ihn durchquerte.

Ein Rettungsschwimmer stellte sich ihr in den Weg. "Hey! Hier ist kein Catwalk!" Sie sah ihn nicht einmal an. Ihr Blick aus den hellblauen Visier-Gläsern ging durch ihn hindurch. Sie ging weiter. Er starrte ihr hinterher. Ein Schritt, und der Sand unter ihren Füßen wirbelte auf, als würde er leicht gefrieren und dann zerspringen.

Zwei Schritte. Drei. Der Mantel öffnete sich im Wind wie Flügel, fing das Licht, warf es in scharfen Mustern auf die Dünen. Am Ende des Strandes, wo die Gräser höher wurden und das Meer in einer Nebelbank verschwand, wurde sie langsamer. Nicht, weil sie müde war. Sondern weil die Luft dort selbst kälter wurde. Ihr Mantel begann stärker zu reflektieren, das Weiß ihres Anzugs leuchtete.

Dann, ohne sich umzudrehen, trat sie in den Nebel. Und war weg. Nur eine schmale Spur blieb im Sand – eine Linie aus kühlem, fast bereiftem Sand, die schnurgerade von einem Ende des Strandes zum anderen führte und erst nach einer Stunde wieder in der Hitze verschwand.

Die Leute am Strand suchten noch immer nach ihr. Manche sagen, sie sei ein Prototyp. Eine Klima-Skulptur. Eine wahnsinnig coole Abkühlung. Manche sagen, sie kommt wieder, wenn es zu heiß wird. Und manche schwören, wenn man an einem wirklich heißen Tag ganz fest auf das Meer schaut, sieht man in der Ferne ein kleines, weißes Blitzen. 

                                                                                                   (c) Stefan Vieregg