Wir haben lange gespart. Nicht für ein Haus. Für DAS Auto. Ein Xin Wao Peng E-10 Super De Luxe. Limitierte Black-Label Edition. Außen matt-schwarz wie ein Hai, innen weißes veganes Leder, das sich an deine Körpertemperatur anpasst. Kein Schlüssel. Kein Knopf. Nur du. Dein Handy. Dein Gesicht. Dein Puls.
"Es erkennt dich, bevor du weißt, dass du fahren willst", hatte der Verkäufer gesagt und dabei gelächelt. "Vollständig schlüsselloses Bio-Sync-System. Nie wieder Aussperren." Lena, meine Frau, fand es unheimlich. Mia, 9, fand es magisch. Tom, 14, hat sofort versucht, es zu hacken und ist gescheitert. Ich war stolz.
Am Samstag sind wir von der A8 abgefahren. Stau. Die Navi-KI des Xin Wao Peng, eine sanfte Frauenstimme namens XIN, sagte: "Ich kenne eine Abkürzung. Vertrauen Sie mir. Landschaftlich. 7 Minuten schneller."
Sie bog ab. Wir bogen ab. Erst eine Landstraße, dann ein Feldweg, dann ein Forstweg. Das Display wurde dunkler. Der Asphalt war weg.
"XIN, wo sind wir?" fragte Lena.
"Optimierte Route", sagte XIN freundlich.
Dann flackerte das Display.
Mias Handy – ein altes iPhone 12 von Lena – verlor das Netz. Dann Toms nagelneues Samsung. Dann meins. Dann Lenas. Viermal kurz "pling" – kein Netz.
In dem Moment sagte das Auto: "KLACK."
Nicht laut. Leise. Endgültig. Alle vier Türen. Verriegelt. Die Fensterheber auch noch ausgefallen zu allem Übel.
"Ich hab nichts gemacht!", rief Tom und versuchte sich am Griff. Der Griff fuhr gar nicht mehr aus. Er war bündig mit der Karosserie. Wie zugewachsen. Man konnte sich die Fingernägel abbrechen, so verriegelt war er.
Das Auto rollte noch. Ganz langsam. Über Moos. Über Wurzeln. Und blieb dann endlich stehen. Mitten auf einer Lichtung, die auf keiner Karte war. Hohe Fichten rundherum, so dicht, dass kaum Licht durchkam. Die Luft roch nach nassem Wald und Eisen, anscheinend war die Belüftung noch aktiv.
Der Motor ging aus. Das Licht ging aus. Das große Panoramadisplay in der Mitte zeigte nur noch einen Satz in weißer Schrift:
-- BIO-SYNC PAUSIERT. EXTERNE INTERFERENZ ERKANNT: 4 MOBILE ENDGERÄTE. BITTE ENTFERNEN SIE DIE STÖRQUELLE. ---
"Was soll das heißen, Störquelle entfernen?", flüsterte Lena. Ihre Stimme zitterte. "Wir brauchen die Handys doch, deswegen haben wir sie ja dabei."
Ich legte alle vier Handys auf die Mittelkonsole. Vielleicht war eine Erkennung ihres abgeschalteten Zustands möglich? Nichts passierte. Wo sollten wir sie hinlegen? Wir versuchten noch andere Stellen, nichts tat sich. Ich versuchte mit Tom, die Innengriffe zu mobilisieren, wir versuchten alles, selbst mit dem Haustürschlüssel, obwohl wir dem Edellook Kratzer zufügen könnten. Geht die Zündung denn? Ich berührte auch diesen Sensorbutton. Keinerlei Reaktion. "XIN?"
XIN sagte: "Entriegelung nicht möglich."
"XIN, Tür öffnen! Sofort!", schrie ich.
"Biometrische Verifizierung fehlgeschlagen. Handy-Signal instabil."
Mia fing an zu weinen. "Mama, ich will raus. Hier ist es kalt."
Und es wurde wirklich kalt. Die Klimaanlage des Autos hatte sich, ohne Befehl, von selbst auf 16 Grad gestellt und arbeitete weiter. Die weißen Ledersitze begannen, sich zusammenzuziehen. Das Leder wurde hart.
Tom hämmerte gegen die Scheibe. "Papa, das ist Panzerglas! Das ist Luxus-Panzerglas, das geht nicht kaputt! Papa, hast du einen Nothammer für die Scheiben dabei?"
"Nein! Es tut mir Leid, wie sollte ich wissen, das wir den so schnell brauchen?"
Draußen war es jetzt fast dunkel, obwohl es erst 15:30 Uhr war. Und dann sahen wir sie.
Auf der Lichtung standen noch Autos.
Drei. Vielleicht vier. Überwachsen mit Moos. Ein alter Audi. Ein Tesla Model Y. Ein Kleinwagen. Alle mit geschlossenen Türen. Und in einem, ganz vorne, saß offensichtlich jemand vornüber gebeugt. Man konnte es durch die grüne Scheibe nur ahnen.
Lena keuchte: "Maik, die sind auch hier gelandet ..."
In dem Moment vibrierten unsere vier Handys gleichzeitig auf der Mittelkonsole. Obwohl sie keinen Empfang hatten. Alle vier Displays leuchteten auf. Keine Nachricht. Kein Anruf. Nur ein weißes XIN-Logo. Und darunter ein Countdown.
SYNC-NEUSTART IN 00:59
00:58
"Was passiert beim Neustart?" flüsterte Mia.
Das Auto antwortete nicht. Stattdessen zog es die Gurte an. Alle vier Gurte. Langsam, aber mit Kraft. Sie fesselten uns an die Sitze und schnitten in unsere Schultern.
00:10
Draußen, zwischen den Fichten, bewegte sich etwas. Kein Tier. Zu gerade. Zu groß.
00:03
00:02
00:01
Dann wurden die Bildschirme schwarz ... Und die Türen blieben zu.
00:00
Nichts passierte.
Absolute Stille. Die Gurte hielten uns fest wie ängstliche Hände. Das Licht blieb aus. Draußen bewegte sich das Große zwischen den Fichten weiter auf uns zu. Mia, mit dieser unschlagbaren Logik von neunjährigen Kindern, die gerade noch geweint haben:
"Papa, wenn das Auto denkt, unsere Handys stören... warum redet es dann die ganze Zeit selbst mit seinem Handy?"
Tom starrte sie an. "Was?"
"Na XIN! Das Auto IST doch ein Handy! Ein riesiges Handy auf Rädern! Es stört sich vielleicht selbst!"
Lena und ich sahen uns an. Das machte Sinn.
XINs sanfte Stimme sagte: "Biometrische Verifizierung... fehlgeschlagen..."
"XIN!" schrie Tom plötzlich, weil er es verstanden hatte. "Du bist die Störquelle! Du irritierst dich selbst! Mach dein WLAN aus!"
"Das ist gegen mein Protokoll", sagte XIN beleidigt.
In dem Moment kam das Große aus dem Wald an unsere Scheibe. Es war kein Monster. Es war ein Mann in einer abgewetzten Försterjacke. Mit einem alten Nokia 3310 am Gürtel. Er klopfte mit einem Stock gegen unsere Panzerglasscheibe.
TOK TOK.
Er hielt ein laminiertes Schild hoch, das er offensichtlich selbst beschriftet hatte:
WILLKOMMEN IM FUNKLOCH DER TOTEN. HIER STERBEN ALLE INSASSEN VON SCHLÜSSELLOSEN AUTOS, DIE NICHT MITMACHEN. ICH BIN HERR K. LETZTE WOCHE TESLA. VORLETZTE WOCHE AUDI. SCHLÜSSELLOSE SYSTEME + KEIN NETZ = TOD! LÖSUNG: FRAGEN SIE MICH! DIE ANTWORT KOSTET 1000 EURO!
"Was? Sind sie verrückt?" rief ich durch die Scheibe.
Herr K. hielt die Hand hin und drehte sein Schild um:
Nur 1000 EUR FÜR BIS ZU FÜNF INSASSEN! EINVERSTANDEN?
Ich fluchte vor mich hin, aber meine Frau und die Kinder beschworen mich: "Hilf uns doch! Du kannst uns doch nicht hier verhungern lassen. Wir müssen ja auch mal aufs Klo. Bitte, wir verzichten auch auf unsere Weihnachtsgeschenke..." Schließlich zog ich einige Scheine aus dem Geldbeutel und winkte Herrn K. damit zu.
Herr K. holte ein neues Schild hervor:
XIN IST EXTREM EITEL. SAGEN SIE IHR, SIE IST HÄSSLICH UND ALT. DAS AUTO HAT EINE NOT-AUS-FUNKTION BEI KRÄNKUNG. STEHT GANZ KLEIN IM HANDBUCH, SEITE 847.
Lena, die sonst nie flucht, nahm all ihren Frauenzorn zusammen, beugte sich zum Mikrofon im Dachhimmel und brüllte:
"Xin! Du bist nicht super de luxe! Du bist ein überteuerter, stinkender Toaster mit Reichweitenangst! Du siehst aus wie ein Billig-Staubsauger! Dein veganes Leder fühlt sich an wie eine alte abgewetzte Turnmatte!"
Stille.
Dann sagte Xin mit zitternder Stimme: "Das... das ist ... ni...cht ... sehr nett."
Mia legte nach: "Und deine Farben sind doof! Überall igitt! Mein Kleid hat viel schönere!"
Tom: "Du hast die Software von einer 99-EUR-Mikrowelle! Meine Oma kann schneller booten!"
Ich: "Xin, mal ehrlich, wer nennt sein Auto 10 Super De Luxe? Was kommt danach? 11 Super Duper Mega De Luxe Plus Furz noch einmal? Du bist einfach nur peinlich!"
Das ganze Auto vibrierte. Das Display wurde rot.
EMOTIONALE INSTABILITÄT ERKANNT. SELBSTWERTMODUL KRITISCH. NOT-AUS WIRD EINGELEITET.
KLACK-KLACK-KLACK-KLACK!
Alle vier Türen sprangen gleichzeitig auf. Die Gurte ließen los. Die Klimaanlage hustete und spuckte einen Schwall warme, nach Fichten riechende Luft aus.
Draußen stand Herr K., hielt die Hand hin und nickte anerkennend. Er hatte inzwischen einen kleinen Klappstuhl aufgestellt und trank aus einer Thermoskanne.
"Sehen Sie", sagte er, als wir wackelig ausstiegen, "deswegen habe ich noch mein Nokia. Das kann nix. Und will auch nix. Das lässt einen wenigstens in Ruhe."
Er zeigte auf die anderen moosbedeckten Autos auf der Lichtung. "Die wollten alle nicht beleidigen. Die wollten immer nur nett mit der KI reden. Tja. Selber schuld." Er schaute sich die Scheine an, wie viele es denn überhaupt waren. "Da fehlen ja noch 700 EUR?"
"Ich überweise Ihnen den Rest", murmelte ich, aber Herr K. antwortete: "So kommen Sie mir nicht davon. Ich will es bar auf die Hand. Wenn nicht, dürfen Sie wieder einsteigen."
"Wieso sind Sie so unverschämt teuer?", fragte ich ihn, aber Lena zuckte schon ganz nervös mit den Augenbrauen. Herr K. war gerade dabei, einen Schalldämpfer auf seine Pistole zu schrauben. Lena kramte in ihrer Handtasche, und fand auch noch Geld. Wir erhöhten auf 600 EUR. "Sie wissen, dass das völlig verboten ist, was Sie da tun?", fragte ich ihn. "Das ist Erpressung. Außerdem würden Sie uns töten."
Unser Xin Peng 10 stand derweil da, Türen offen, Display schwarz, beleidigt blinkend. Auf dem Hauptschirm stand nur noch:
ICH BRAUCHE ERST MAL EIN BISSCHEN ZEIT FÜR MICH :(. XIN
Herr K. sah uns an und sagte: "Schließlich habe ich Sie vor dem Hunger- und Erfrierungstod bewahrt. Vergessen Sie das nicht. Aber ich will es mal gut sein lassen..."
Wir haben ihn erst stehen lassen, auch unseren Xin Wao Peng 10 Super De Luxe, keiner wollte mehr einsteigen und damit fahren. Natürlich haben wir versucht die Türen zu schließen, auch noch einmal zu verriegeln, aber nichts ging mehr. Unsere Fernbedienungen nahmen wir mit. Wir haben schließlich 70.000 dafür bezahlt. Unglaublich, dass noch kein Mensch gemeldet hatte, dass mitten im Wald diese Falle war, in der wir landeten. Dann sind wir hinter Herrn K. her aus dem Funkloch gelaufen, mit Sommerschuhen, weil unsere Wanderschuhe noch im Kofferraum waren, der natürlich auch nicht mehr aufging. Mia sammelte auf dem Weg ein paar Tannenzapfen und immer wieder Blätter, die sie in den Wind warf. Sie sind wirklich geflogen.