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| Richard 1, "Löwenherz" |
I. Der Löwe des Westens
Richard I., genannt Löwenherz, wurde 1157 als Sohn Heinrichs II. von England und der mächtigen Eleonore von Aquitanien geboren. Schon als junger Mann galt er als der beste Feldherr seiner Zeit – groß gewachsen, kampferprobt, unerschrocken. 1189 wurde er König von England, doch schon ein Jahr später zog es ihn fort von seinem Thron: Der Dritte Kreuzzug rief ihn ins Heilige Land.
Gemeinsam mit dem französischen König Philipp II. und – bis zu dessen Tod im Fluss Saleph in Kleinasien – mit Kaiser Friedrich Barbarossa sollte er Jerusalem aus der Hand Saladins zurückerobern. Richard eroberte Zypern, nahm die Festung Akkon ein und schlug Saladins Truppen bei Arsuf. Jerusalem selbst blieb ihm verwehrt, doch er erreichte einen Waffenstillstand, der Pilgern den Zugang zur Heiligen Stadt sicherte. Als Kriegsherr war er gefürchtet, als Verhandlungspartner respektiert – aber er hatte sich auf dem Weg dorthin auch mächtige Feinde gemacht.
II. Der Sturz eines Königs
Der Rückweg nach England im Herbst 1192 wurde ihm zum Verhängnis. Ein Sturm zwang sein Schiff zu einem Umweg über die Adria, und Richard musste sich, verkleidet als einfacher Pilger, durch feindliches Gebiet schlagen. Ausgerechnet in der Nähe von Wien wurde er erkannt – man erzählt, ein Ring an seiner Hand oder sein herrisches Auftreten hätten ihn verraten.
Der Mann, der ihn festnehmen ließ, war Herzog Leopold V. von Österreich. Richard hatte ihn während der Belagerung von Akkon schwer beleidigt: Er hatte Leopolds Banner von den eroberten Mauern reißen und in den Schmutz werfen lassen – eine unverzeihliche Demütigung für einen Fürsten. Nun, auf eigenem Boden, nahm Leopold Rache. Am 21. Dezember 1192 wurde Richard auf der Burg Dürnstein an der Donau gefangen gesetzt.
Doch Leopold allein wagte nicht, den mächtigsten Kreuzritter Europas dauerhaft festzuhalten – zu groß war das Risiko eines Kriegs mit England und dem Papst. So übergab er seinen Gefangenen im März 1193 an einen noch mächtigeren Herrn: Kaiser Heinrich VI., den Sohn Barbarossas und Herrscher über das Heilige Römische Reich.
III. In den Mauern des Trifels
Heinrich VI. hatte eigene Rechnungen mit Richard offen – politische Rivalitäten in Sizilien und im Reich. Ein englischer König in kaiserlicher Gewalt war ein Faustpfand von unschätzbarem Wert. Richard wurde durch mehrere Burgen des Reiches geschleust, unter anderem soll er zeitweise auf der Reichsfeste Trifels in der Pfalz gefangen gehalten worden sein – jener stolzen Burg hoch über dem Rebland, in der einst die Reichskleinodien verwahrt wurden.
Man male sich das Leben dort aus: kalte Steinmauern, der Blick durch schmale Fensterschlitze auf die Wälder der Pfalz, Wachen, die jeden seiner Schritte beobachteten. Doch Richard war kein gewöhnlicher Gefangener. Als gekrönter König wurde er standesgemäß behandelt – man hielt ihn nicht im Verlies, sondern in Kammern, die seinem Rang entsprachen. Er durfte Briefe schreiben, Besucher empfangen, sogar musizieren und dichten. Zur Untätigkeit verdammt, verfasste er in dieser Zeit ein Klagelied in altfranzösischer Sprache, in dem er seine Einsamkeit und die Treulosigkeit seiner Vasallen beklagte – dieses Lied ist tatsächlich überliefert.
Heinrich VI. stellte harte Forderungen: eine ungeheure Lösegeldsumme von 150.000 Mark Silber – das Mehrfache des jährlichen Staatseinkommens Englands – sowie politische Zugeständnisse. In England begann Eleonore von Aquitanien, Richards Mutter, verzweifelt Silber zusammenzutragen: Kirchenschätze wurden eingeschmolzen, Steuern erhoben, das ganze Land blutete für die Freiheit seines Königs.
IV. Die Legende von Blondel*
Hier beginnt jene Geschichte, die Dichter und Troubadoure Jahrhunderte später so sehr liebten: Man erzählt, sein treuer Spielmann Blondel de Nesle habe sich aufgemacht, um seinen verschollenen König zu finden. Burg für Burg soll er durchzogen sein und unter den Mauern ein Lied gesungen haben, das nur er und Richard kannten – eine gemeinsame Komposition aus glücklicheren Tagen. An einer Burg, so will es die Legende, habe eine Stimme von oben die zweite Strophe fortgesetzt. So habe Blondel endlich erfahren, wo sein König gefangen saß, und die Nachricht nach England getragen.
Es ist eine wunderschöne Geschichte von Treue und Musik – doch sie taucht in keiner zeitgenössischen Quelle auf. Erst rund hundert Jahre später erzählte ein französischer Chronist sie erstmals, und im 19. Jahrhundert machten Romantiker und Opernkomponisten sie endgültig populär. Einen Blondel, der Richard tatsächlich aus dem Kerker herausholte, kannte die Geschichte nie – seine wahre Rettung war nüchterner und dauerte viel länger.
V. Die wahre Befreiung – nicht Flucht, sondern Lösegeld
Es gab keinen kühnen Ausbruch, keine Nachtflucht über die Zugbrücke, keinen Kampf mit den Wachen. Richards Freiheit wurde erkauft, Silbermark für Silbermark. Über ein Jahr zog sich das zähe diplomatische Ringen hin, bis im Februar 1194 in Speyer und Mainz die letzten Bedingungen erfüllt waren. Am 4. Februar 1194 wurde Richard offiziell aus kaiserlicher Haft entlassen.
Sein Weg nach Hause führte über den Rhein, durch Köln – wo ihn die Bürger als Helden feierten – weiter nach Antwerpen, wo er sich einschiffte. Nach über einem Jahr in Gefangenschaft landete er im März 1194 endlich wieder auf englischem Boden, in Sandwich. Man empfing ihn mit Glockengeläut und Jubel; sein untreuer Bruder Johann, der die Abwesenheit des Königs für eigene Machtspiele genutzt hatte, musste sich nun fügen.
VI. Ein kurzer Frieden
Richard blieb nicht lange in England. Ihn zog es zurück auf den Kontinent, um seine Besitzungen in Frankreich zu verteidigen. Dort, bei der Belagerung einer kleinen Burg namens Châlus-Chabrol, traf ihn 1199 ein Armbrustbolzen an der Schulter. Die Wunde entzündete sich, und der Löwe, der Kerker und Schlachten überlebt hatte, starb wenige Tage später – nicht als Gefangener, sondern als freier König, mitten im Kampf, wie er gelebt hatte.
* Historische Einordnung: Die Gefangennahme, die Übergabe an Heinrich VI., ein Aufenthalt in Reichsburgen wie dem Trifels sowie die Lösegeldzahlung von 150.000 Mark Silber sind historisch belegt. Die Blondel-Episode ist eine spätere literarische Legende ohne zeitgenössischen Beleg.*
