Vor dem Anschlag wichtig: Alles Schwarz-Weiss sehen. ©Foto: Dominic Reichenbach / Artwork: Claus Piffl
Anschlagsqualität
Diesmal möchte ich über ein heißes Thema schreiben.
Nein, nicht über die Hitze. Nicht schon wieder. Hab ich schon zweimal gemacht.
Und obendrein machen das gerade alle.
Alle, die in den letzten Jahrzehnten nur über so Zeug aus der Fantasy-Abteilung des Kapitalismus geschrieben haben, also „Wirtschaftswachstum“, „Umfragewerte“, „Zugfahrpläne“ oder gar „Ölpreis“, kurz gesagt lauter Dinge, die nicht wirklich greifbar sind, und dabei die herauf dräuende, ganz reale Klimakrise ignoriert haben, die schreiben jetzt über Hitze. Und was man jetzt dagegen tun könnte?
Spoiler: Jetzt? Gar nichts.
Vor zwanzig, dreißig Jahren hätte man.
Jetzt könnte man dagegen etwas gegen die Hungersnot in dreißig Jahren tun.
Aber dieses langfristige und kausale Denken… das liegt nicht jedem.
Schon gar nicht bei der Hitze.
Denn die ist sehr konkret.
Gut, Hitze kann man jetzt auch nicht konkret anfassen, aber sie ist unmittelbar absolut spürbar.
300 000 sind vor Waldbränden allein in Frankreich auf der Flucht. Zu Recht. Denn Hitze bringt Menschen um.
In Deutschland dieses Jahr bis jetzt mindestens 10 000 Leute.
Das ist etwa die Gesamtbevölkerung von Attnang-Puchheim. Oder alle Menschen, die in Miesbach in Oberbayern wohnen. Oder die gesamte Einwohnerschaft von Gernsheim am Rhein.
Gut, jetzt kann man natürlich sagen: „Was interessieren mich diese Attnangistischen Haimpuchner? Wen kümmert der miese Bach, der miese? Und die können mich gern haben mit ihrem Heim!“ Das können sich alle denken. Alle…bis auf die Leute, die da eben wohnen. Die nehmen nämlich so eine letale Auslöschung dann doch recht persönlich.
Überhaupt kann man davon ausgehen, dass Tote grundsätzlich doch lieber noch am Leben wären.
Was wiederum ein völlig neues Licht auf sämtliche Zombie-Filme der letzten 100 Jahre wirft. Vielleicht sind diese herum wackelnden, schlecht artikulierenden und stets in Gruppen auftretenden Wiedergänger einfach eine politische Bewegung? Tote, die gegen ihren leblosen Zustand protestieren? Ein radikaler Aufstand von - im Wortsinn - ganz unten?
Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ich hab keine Ahnung.
Aber mit Toten hat mein heißes Thema auch zu tun. Es lautet: Wie macht man eigentlich Anschläge?
Also nicht Anschläge auf der Tastatur.
Denn die heißen heute nicht mehr so. Man sagt jetzt dazu: Zeichen (mit Leerzeichen). Früher lautete die Frage: „Wie viele Anschläge?“. Kann man heute nicht mehr fragen, weil sonst alle glauben, man möchte im Namen der Redaktion terroristische Akte verüben.
Ach so… „Redaktion“ muss ich vielleicht für die jüngeren Leserinnen und Leser erklären. Das ist eine Gruppe von - hoffentlich kompetenten - Medienmenschen, die sich um Inhalt und Korrektheit des Publizierten kümmern.
Korrektheit? Das ist das Gegenteil von Fake News.
Und Inhalt? So hieß früher „Content“. Nur war er länger, interessanter, (manchmal) weniger Effekt haschend und - und das wird jetzt alle Leserinnen und Leser unter dreißig gleich die Tränen in die Augen treiben - er wurde auch bezahlt.
Ja! Wirklich! Es gab also Kohle dafür. Und zwar egal, ob der Inhalt gut war oder schlecht oder wie viele Leute drauf geschaut haben.
(Apropos dieser Newsletter kann von Dir unterstützt werden. Details siehe unten)
Es gab einfach Geld dafür, dass der „freie Mitarbeiter“ (heute: Content-Creator) gearbeitet hatte.
Was für eine verrückte Welt das war: Geld für Arbeit!
Wenn das die Halter der modernen digitalen Sklaven hören.
Oder gar die freiwilligen Selbstausbeuter auf den gar nicht sozialen Medien.
Die kennen sowas gar nicht, die müssen heute alles immer nur „monetarisieren“.
Und das heißt nicht, dass sie so malen können müssen wie ein französischer Impressionist.
Nein, denn das macht ja für sie die K.I..
Und K.I. wiederum steht nicht für „kreative Intuition“, sondern für „kaufmännische Invasion“. Also die digitalisierte Attacke des Kapitalismus auf alle Lebensbereiche.
Aber lassen wir das.
Wer will denn das auch lesen, dieses Geschwafel über „früher“ von einem alten, weißen Mann. „Langweilig!“, gähnen da die Jungen einem entgegen, „Opa, erzählt schon wieder vom Frieden!“ Sowas sagen sie. Zu Recht. Und ihre Klassenkameradinnen und -kameraden (und das ist hier nicht schulisch, sondern soziologisch gemeint) ergänzen: „Und von gesicherten Arbeitsverhältnissen! Echt boring!“
Deshalb zurück zu den thrilling Thoughts. Zurück zu dem, was uns wirklich kickt, das was Klicks bringt: Wie macht man Anschläge?
Sie häufen sich ja zur Zeit. So sehr, dass es gerade eine gute Gelegenheit ist, sie zu vergleichen.
Gut, natürlich könnte man sich vorher auch fragen, warum überhaupt welche begangen werden?
Aber das ist ja zur Zeit kein großes Problem. Denn so ein Anschlag ist ja eigentlich nur Gewalt. Und Gewaltausübung ist wie Alkoholkonsum: Dafür findet sich immer ein Grund.
Meistens sind es sogar dieselben Gründe: sexuelle Frustration, Probleme in der Familie, Spaß am eigenen Untergang, Langeweile oder weil die eigene Religionsgemeinschaft, die eigene Nation, in die man per Zufall hinein geboren wurde, der eigene Fussballklub oder eine Stimme in Deinem Kopf, Dir das befohlen hat. Dabei weiß man ja oft nicht, woher die kommen, diese Stimmen.
Manchmal schon. Da kommen die Stimmen aus Kopfhörern. Denn wie sagt der Schüttelreimer?
Ein jeder Kot passt/ heut’ in einen Podcast.
Schließlich wird der Ideologie-Markt gerade überschwemmt von Nobrain-Anbietern in Wort und Bild, die den ungefestigtsten Gemütern unter uns (meist männlich, jung, orientierungslos, intellektualitätsfeindlich, aber gewaltfreundlich) ein Angebot machen, das die zwar ablehnen könnten, es aber nicht so gerne tun.
Kurz gesagt: Also ein fadenscheiniges „Warum“ für einen Anschlag lässt sich so leicht finden, wie abends um halb acht ein Dosenbier besorgen.
Also wie macht man einen Anschlag? Ganz einfach: man fügt einfach irgendjemandem, den man nicht persönlich kennt, Schmerzen zu. Einfach so, tralalala, weil diesem Unbekannten sein oder ihr Tun oder Sein, nicht ins eigene Weltbild passt.
Denn da hinterfragt man nicht sein Weltbild, ob das vielleicht fehlerhaft ist, nein, man möchte jetzt mit Gewalt die Welt ans eigene Bild anpassen.
Das ist also ungefähr so, wie wenn man gerade „Titanic“ auf dem hauseigenen Flatscreen schaut (flat deshalb, weil das das Niveau des Gezeigten beschreibt), also man schaut gerade Leonardo die Caprio zu, wie er im Meer versinkt, und damit das Wohnzimmer dazu passt, setzt man es unter Wasser.
Der Vergleich hinkt natürlich. Nicht nur, weil das ein Anschlag auf die Bausubstanz wäre und bald den Menschen auf den Plan treten lassen würde, der unter einem wohnt, sondern weil es normalerweise schon länger dauert, als nur einen Wasserhahn aufzudrehen. Bis man sich selbst so radikalisiert hat. Da muss man sich vorbereiten. Man muss die eigene Mitmenschlichkeit sich erst einmal austreiben. Kognitiv und emotional verdorren wie eine Feuchtwiese nach sechs Monaten ohne Niederschlag.
Und wenn man innerlich mal so völlig entsaftet ist, dann schleppt man auch seinen von jeglicher Gehirnflüssigkeit befreiten, verschrumpelten Denkapparat hinterher. Und kündigt das mal an. Jahre und Jahrzehnte in Wort und Bild wird das ankündigt, dass man diese menschenfeindliche Scheiße durchführen möchte. Und wenn man dafür Probleme mit der Justiz oder dem Verfassungsschutz bekommt… was sagt man da? Genau, dann nennt man das einen „Anschlag auf die Meinungsfreiheit“.
Wie kann man auch dazu kommen, Menschen, die die Demokratie abschaffen wollen oder die gesellschaftliche Diversität oder schlicht die Meinungsfreiheit das Wort zu verbieten? Völlig verrückte Idee!
Anders gesagt: Mehr Rechte für Minderheiten heißt nicht, dass religiöse oder nationale Faschisten ungestraft auf marginalisierte Gruppen eindreschen können. Das geht nicht in einer wehrhaften Demokratie.
Apropos Demokratie: Man kann sich natürlich auch von Zeiten inspirieren lassen, wo es die noch gar nicht gab, diese Demokratie.
Dafür gab es damals die „Monetarisierung“ schon. Das war nämlich, wenn man die Bilder eines französischen Impressionisten vom jüdischen Nachbarn extrem günstig erwerben konnte. Da wurde der Monet arisiert, ist dann verschwunden und lange nicht mehr aufgetaucht.
Dafür taucht jetzt so manch altes Gerät aus dem letzten langjährigen Anschlagsaustauschprogramm (Fachleute sprechen dabei auch von einem sogenannten „Krieg“) wieder auf. In der Donau etwa erscheinen wegen Niedrigwasser Wracks von Kriegsschiffen.
Und im Nussensee im oberösterreichischen Salzkammergut musste man nicht nur Fische retten, weil der See am Austrocknen ist, sondern man darf sich dort auch über einen Sprengstofffund aus dem Krieg freuen.
Freuen nicht deshalb, weil das gefährliches Zeug ist, sondern weil „Sprengstofffund“ eines der wenigen Worte mit drei f ist. Und da gibt es gar nicht so viele. Vielleicht noch Pufffahrer, Tufffinder, Hafffische oder Kifffreunde.
Persönlich hab ich von den genannten nur mit einem dieser Begriffe bis jetzt direkte Erfahrungen machen dürfen.
Und, nein, der Fahrer war es nicht.
Wie auch immer, der Sprengstofffund ist eine gute Gelegenheit, das eigene, geistige Stopppotenzial (Ihr glaubt ja gar nicht wie lange ich nach einem anderen Wort mit drei Konsonanten gesucht habe! Das war echt ein quälendes Quelllektorat.) abzurufen - also mal inne zu halten - und dann zu überlegen, ob das mit den Anschlägen überhaupt eine gute Idee ist.
Weil auf jede gewaltsame Aktion ja immer eine Reaktion folgt, und darauf dann wieder eine Reaktionsreaktion. Und dann wieder eine. Und noch eine. Und dann hört es nicht mehr auf.
Weil keiner sich vorstellen kann, wie er da wieder rauskommt. Deshalb greift er einfach wieder zu Gewalt.
Denn Gewalt ist ja bekanntlich die Fantasie der Fantasielosen.
Aber halt: Vielleicht könnte man sich wieder auf die Anschläge auf der Tastatur beschränken? Auf den Austausch von Buchstaben? Worten. Wortgruppen. Vielleicht sogar ganzen Sätzen? Texten?
Die tun maximal im Hirn weh, haben aber noch nie jemanden umgebracht.
Maximal indirekt.
So wie die Hitze.
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groebner live:
Die heißen Neuigkeiten, hab ich letztes Mal schon verbreitet, aber ich wiederhole sie einfach nochmal, für alle, die sie überlesen haben:
Mein Programm „ICH BIN DAS VOLK!“ wird mit dem „Österreichischen Kabarettpreis 2026“ ausgezeichnet, was mich natürlich sehr freut.
Aber ich freu mich für alle anderen Ausgezeichneten ebenso.
Wann und wo man das im wahrsten Sinn des Wortes „ausgezeichnete“ Programm sehen kann, erfährt der interessierte Mitmensch hier.
Und was die Presse über das Programm „Ich bin das Volk!“ schreibt, kann man hier lesen.
groebner gesehen:
Über das demnächst ausgezeichnete Programm hat das Bayerische Fernsehen einen Bericht in der Abendschau gemacht.
Den kann man sich hier anschauen.
Das vorherige Programm (das auch sehr gut ist. Finde ich zumindest. Und ich bin da sehr objektiv mit mir) „ÜberHaltung“ kann man demnächst im ORF Sommerkabarett sehen. Und zwar am 25. August.
Dann, wann es hoffentlich nicht mehr so heiß ist.
groebner gehört:
Anläßlich des Kabarettpreises hat Ö1 den Beitrag über mich und mein Programm „Ich bin das Volk“ erneut in die Audiothek gestellt.
Kann man sich hier anhören.
Auch zu hören:
Meine neue Single: „Das Lied der neuen Zeit“ powered by monkey records. Die ist übrigens die Zugabe vom Programm.
Wem das gefällt, gefällt vielleicht auch mein Satire-Pop-Album „Nicht mein Problem“.
Zwischendurch arbeite ich aber auch weiter für das „Ende der Welt“ auf Bayern 2 und in der ARD-Audiothek gibt es das zum nachhören.
Dort denke ich immer wieder über Sachen nach, zum Beispiel:
was die Menschen für Ihre Haustiere tun, wo man echte Freunde finden kann, oder was auf das Bargeld eigentlich drauf sollte.
groebner gefolgt:
Videos und Fotos und Zeug gibt’s auf YouTube, auf Instagram oder auf Facebook zu sehen.
groebner gelesen:
Dem Falter hab ich übrigens ein großes Interview gegeben. Und das kann man immer noch Nachlesen.
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Der „Neue Glossenhauer“ ist ein Projekt der freiwilligen Selbstausbeutung.
Wer es dennoch materiell unterstützen will, hier wäre die Bankverbindung für Österreich:
Severin Groebner, Bawag, IBAN: AT39 6000 0000 7212 6709
Hier die jene für Deutschland:
Severin Groebner, Stadtsparkasse München, IBAN: DE51 7015 0000 0031 1293 64
