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Sonntag, 15. März 2026

1817-1820: Die Draissche Laufmaschine als Vorbote des Fahrrads - eine Geschichte

Baron Karl von Drais Laufmaschine vor dem Mannheimer Schloss


Der Nachmittag lag warm und golden über der Chaussee zwischen Schwetzingen und Mannheim, als Karl von Drais mit seiner Laufmaschine durch die Kurpfalz dahinglitt. Der Fahrtwind brachte ihm jene Klarheit, die er nur beim Fahren empfand – eine Klarheit, die ihn von der Welt entfernte und zugleich näher zu sich selbst führte.

Doch diesmal war er nicht allein. Eine Kutsche stand am Wegesrand, die Pferde unruhig, der Kutscher ratlos. Und neben dem Wagen – die Hände in die Hüften gestemmt, als wolle sie dem Universum persönlich die Meinung sagen – stand eine Frau, deren Präsenz die Atmosphäre veränderte.


Antoinette Girard

Keine Adlige, kein Komet aus höfischen Sphären – sondern eine junge Straßburger Händlerin, unterwegs nach Heidelberg, mit einer Stimme wie frisch geschliffenes Glas und einem Blick, der alles erfasste, was sich lohnte. Nicht klassisch schön, aber anziehend auf jene Art, die aus Lebenserfahrung, Witz und einer gewissen Furchtlosigkeit entsteht.

Sie musterte die Laufmaschine mit einem Ausdruck, der zugleich neugierig, belustigt und herausfordernd war. „Sie müssen der Herr sein, der mit diesem Ding schneller ist als ein Postreiter“, sagte sie, ohne jede Förmlichkeit.

„Karl von Drais“, erwiderte er und verneigte sich leicht.

„Antoinette Girard“, stellte sie sich vor. „Ich bin mit Waren unterwegs nach Heidelberg, aber unser Rad hat beschlossen, sich in zwei Teile zu verabschieden.“ Sie deutete auf die Kutsche. „Und da dachte ich mir: Wenn Sie schon so ein Wunderwerk fahren, vielleicht können Sie auch ein Kutschenrad beurteilen.“

Drais lächelte. „Ich kann es versuchen.“

Doch bevor er sich der Kutsche zuwandte, umrundete sie die Laufmaschine – langsam, prüfend, mit dem Blick einer Frau, die gewohnt war, Dinge anzufassen, zu reparieren, zu verhandeln. „Also das hier“, sagte sie und tippte mit zwei Fingern gegen den Lenker, „ist eine feine Sache. Aber zu niedrig.“

„Zu niedrig?“

„Für Frauen.“ Sie sah ihn an, als sei das die offensichtlichste Erkenntnis der Welt. „Wenn Sie wollen, dass Ihre Erfindung sich durchsetzt, müssen Sie die andere Hälfte der Menschheit auch mitdenken.“

Drais blinzelte. Nicht wegen der Idee – sondern wegen der Selbstverständlichkeit, mit der sie sie aussprach. „Eine Frau auf einer Laufmaschine?“, fragte er.

„Warum denn nicht?“ Sie trat näher, und er roch den Duft von Leder, Seife und einem Hauch Lavendel. „Ich trage Säcke, ich handle mit Männern, die doppelt so groß sind wie ich, und ich fahre Kutschen, wenn’s sein muss. Glauben Sie wirklich, ich könnte nicht laufen und gleiten zugleich?“

Er musste lachen. „Ich glaube, Madame, Sie könnten alles.“

„Dann bauen Sie eine, die auch für uns taugt“, sagte sie. „Eine, die nicht nur für Herren mit zu viel Zeit und zu wenig Fantasie gemacht ist.“

Etwas in ihm vibrierte – nicht romantisch, nicht sehnsüchtig, sondern geistig. Sie sprach nicht wie eine Dame aus einem Salon. Sie sprach wie jemand, der wusste, was möglich ist, wenn man es einfach tut.

Die Kutsche wurde wieder flottgemacht. Antoinette stieg ein, doch bevor sie die Tür schließen ließ, beugte sie sich noch einmal vor. „Wenn Sie nach Heidelberg kommen – suchen Sie mich. Ich will sehen, ob Sie’s ernst meinen.“ Die Tür fiel zu. Die Pferde setzten sich in Bewegung. Die Kutsche wurde kleiner, der Staub legte sich. Und sie war fort.

Nicht wie ein Komet – aber wie ein Funke, der ins Stroh fällt und etwas entzündet, das man nicht mehr löschen kann. Drais blieb stehen, die Hände am Lenker. Er wusste: Vielleicht würde er sie nie wiedersehen. Aber das spielte keine Rolle. Denn sie hatte etwas in ihm ausgelöst, das niemand zuvor berührt hatte: den Gedanken, dass seine Erfindung nicht nur nützlich sein konnte – sondern bedeutend.

Noch am selben Abend stand er in seiner Werkstatt. Die Luft roch nach Holz, Leim und Eisen. Doch diesmal sah er seine Laufmaschine anders. Nicht als technische Herausforderung, sondern als Möglichkeit. Er begann zu skizzieren. Ein höherer Lenker. Ein leichterer Rahmen. Eine Maschine, die nicht nur gefahren, sondern auch geführt wird.

Und während er arbeitete, hörte er ihre Stimme:
„Warum denn nicht?“
„Sie unterschätzen uns.“
„Bauen Sie eine, die auch für uns taugt.“

Er arbeitete nicht für eine Gräfin. Nicht für die Gesellschaft. Sondern für eine Idee, die Antoinette Girard, eine Händlerin, in ihm entzündet hatte. Eine Idee, die ihn nicht mehr losließ.

Die Tage nach der Begegnung mit Antoinette Girard vergingen wie im Rausch. Drais arbeitete, als hätte jemand eine unsichtbare Feder in ihm gespannt. Er schlief wenig, aß kaum, und wenn er sprach, dann nur mit sich selbst oder mit den Linien seiner Skizzen.

Doch etwas war anders als zuvor. Er arbeitete nicht mehr nur an einer Maschine. Er arbeitete an einer Idee. Und diese Idee hatte eine Stimme. Eine Stimme mit Straßburger Klang, warm und direkt: „Wenn Sie wollen, dass Ihre Erfindung sich durchsetzt, müssen Sie uns mitdenken.“


1818 – Die ersten Verbesserungen

Im Frühjahr 1818 stand die erste überarbeitete Laufmaschine vor ihm. Sie war leichter, eleganter, mit einem etwas höheren Lenker, ausreichend Sattel, besser ausbalanciert und – ohne dass er es laut aussprach – für kleinere Körper geeignet.

Er wusste, dass er damit etwas tat, was noch niemand bedacht hatte: Er baute eine Maschine, die nicht nur für Männer gemacht war. Als er sie zum ersten Mal auf die Straße schob, spürte er eine seltsame Mischung aus Stolz und Nervosität.

Er dachte an Antoinette. Ob sie wohl lachen würde? Oder staunen? Oder beides?


Die ersten neugierigen Blicke

In Mannheim blieb er nicht unbemerkt. Die Menschen kannten ihn inzwischen – den „Laufmaschinen‑Baron“, wie manche spöttisch sagten. Doch diesmal war etwas anders. Eine Gruppe junger Frauen, die vom Markt kamen, blieb stehen.

„Ist das die Maschine, von der man spricht?“, fragte eine. „Die, die schneller ist als ein Pferd?“, fragte eine andere.

Drais nickte – und zum ersten Mal in seinem Leben fragte er nicht, ob sie zusehen wollten. Er fragte: „Möchten Sie es ausprobieren?“ Die Frauen sahen sich an, überrascht, verlegen, dann wieder neugierig.

Schließlich trat eine vor – eine Schneiderstochter, kaum zwanzig. „Ich kann’s ja mal versuchen“, sagte sie und lachte. Sie setzte sich auf den Sattel, unsicher, aber entschlossen. Drais hielt die Maschine, erklärte kurz die Balance – und dann lief sie los.

Unsicher zuerst. Dann schneller. Dann mit einem Lachen, das über die Straße hallte. Die anderen Frauen klatschten. Ein paar Männer schüttelten die Köpfe. Ein alter Herr murmelte etwas von „Unsinn“ und „Weiberkram“. Doch Drais sah nur eines: Es funktionierte. Die Maschine trug sie. Und sie trug sie gut.

Noch am selben Abend erzählte die Schneiderstochter im Gasthaus davon. Am nächsten Tag probierte eine Bäckerin die Maschine aus. Dann eine Kaufmannsfrau. Dann eine junge Witwe. Nicht viele. Nicht öffentlich. Aber genug, dass Drais begriff: Die Zukunft seiner Erfindung lag nicht nur in den Händen der Männer.


Die Reise nach Heidelberg

Einige Wochen später machte er sich auf den Weg nach Heidelberg – mit der verbesserten Maschine und einem Gedanken, der ihn nicht losließ. Vielleicht würde er Antoinette wiedersehen. Vielleicht würde sie die Maschine ausprobieren. Vielleicht würde sie ihm sagen, ob er auf dem richtigen Weg war. Doch selbst wenn nicht – sie hatte etwas in ihm ausgelöst, das größer war als eine Begegnung.

Sie hatte ihm gezeigt, dass eine Erfindung erst dann Bedeutung hat, wenn sie Menschen erreicht, die bisher übersehen wurden.

In Frankreich – das wusste er inzwischen – hatten Mechaniker bereits begonnen, leichtere Damenmodelle zu bauen. In England erschienen Karikaturen von Frauen auf "Draisinen". Und in Mannheim, Heidelberg und Karlsruhe flüsterte man bereits: „Habt ihr gehört? Eine Frau ist damit gefahren.“

Es waren nur wenige. Es war nur ein Anfang. Aber es war ein Anfang. Und Drais wusste, die Idee, die Antoinette in ihm entzündet hatte, könnte Erfolg haben.


Wiedersehen auf dem Markt

Der Weg nach Heidelberg führte Drais durch Dörfer und Felder, bis er schließlich den Marktplatz erreichte. Es war einer dieser lebendigen Vormittage, an denen Händler riefen, Kinder lachten und der Duft von frischem Brot und Pferden in der Luft lag. Zwischen den Ständen drängten sich Menschen, Körbe, Karren – und irgendwo in diesem Gewirr hoffte er, eine Stimme wiederzuerkennen.

Er schob seine verbesserte Laufmaschine vorsichtig durch die Menge. Und dann hörte er sie.
„Nein, das ist zu teuer, und das wissen Sie ganz genau! Ich kaufe Ihnen doch nicht den halben Rhein ab!“ Er musste lächeln. Antoinette Girard. Sie stand an einem Stand mit Stoffballen, die Hände in die Hüften gestemmt, den Händler mit einer Mischung aus Spott und Verhandlungskunst in die Knie zwingend. Als sie sich umdrehte, sah sie ihn – und ihr Gesicht veränderte sich sofort.

„Baron von Drais!“, rief sie, als hätte sie einen alten Freund entdeckt. „Oder soll ich sagen: der Mann, der mir eine bessere Maschine versprochen hat?“ Er verneigte sich leicht. „Ich habe Wort gehalten.“

Er schob die Laufmaschine ein Stück vor. Antoinettes Augen weiteten sich – nicht überrascht, sondern erfreut, fast stolz, als hätte sie selbst daran mitgearbeitet. „Sie haben den Lenker erhöht“, stellte sie fest. „Und den Rahmen erleichtert. Und die Balance verbessert.“

Sie ging um die Maschine herum, prüfend, wie damals an der Chaussee. „Sie haben tatsächlich zugehört.“
„Ich habe gelernt“, sagte Drais.
Sie lachte – ein warmes, freies Lachen, das einige Marktbesucher neugierig werden ließ. „Dann lassen Sie mich sehen, ob sie hält, was Sie versprechen.“

Bevor er etwas sagen konnte, hatte sie schon den Rock leicht gerafft, den Fuß auf den Boden gesetzt und sich mit einer Selbstverständlichkeit auf den Sattel geschwungen, die einige Frauen erschrocken und einige Männer empört dreinblicken ließ.

„Halten Sie kurz fest“, sagte sie. Er tat es – doch kaum hatte sie die Balance gefunden, stieß sie sich ab. Sie fuhr. Unsicher für einige Herzschläge. Dann sicherer. Dann mit einer Geschwindigkeit, die den Markt kurz verstummen ließ. Ihr Lachen hallte über den Platz, hell und ungebändigt. „Das ist ja wunderbar!“, rief sie, während sie eine Runde um die Brunnenkante zog. „Leicht wie ein Tanz!“ Kinder liefen hinter ihr her. Frauen sahen ihr nach – einige mit Neugier, andere mit einem Funken Mut. Ein alter Mann murmelte etwas von „neuer Zeit“, aber ohne Groll.

Antoinette bremste, stieg ab und stellte die Maschine vor Drais ab, als wäre sie ein Pferd, das sie gerade eingeritten hatte. „Sie haben es geschafft“, sagte sie. „Das ist nicht nur eine Maschine. Das ist Freiheit.“ Drais spürte, wie sich etwas in ihm löste – ein Knoten, den er nicht bemerkt hatte. „Sie waren der Grund, warum ich weitergedacht habe.“

„Dann denken Sie weiter“, sagte sie und legte ihm kurz die Hand auf den Arm. „Denn wenn Frauen das fahren können – dann kann es jeder.“ Sie sah sich um, als würde sie den Markt mit neuen Augen betrachten. „Und glauben Sie mir: Die Welt ist bereit dafür. Auch wenn sie es noch nicht weiß.“

Drais nickte. Er wusste, dass sie recht hatte.  


Antoinette und Drais fahren gemeinsam

Der Markt hatte sich wieder beruhigt, doch die Menschen warfen noch immer verstohlene Blicke auf Antoinette – die Frau, die gerade auf einer Laufmaschine gefahren war, als sei es das Natürlichste der Welt. Antoinette selbst stand da, die Hände auf den Hüften, die Wangen gerötet, die Augen glänzend. „Also, Baron“, sagte sie, „wenn das kein Fortschritt ist, dann weiß ich auch nicht.“

Drais lächelte. „Es freut mich, dass sie Ihnen gefällt.“

„Gefallen?“ Sie schnaubte belustigt. „Ich will noch eine Runde.“ „Dann fahren wir zusammen“, sagte er, ohne lange nachzudenken. Sie hob eine Augenbraue. „Zusammen?“
„Warum nicht?“, erwiderte er – und merkte, dass er ihre eigenen Worte benutzte. Antoinette lachte. „Na schön. Aber wenn ich zu dicht aufrücke, erzählen Sie’s niemandem.“ „Ich werde schweigen wie ein Grab.“
Sie stellte sich neben ihn, und gemeinsam schoben sie die Laufmaschine an den Rand des Marktes, wo der Weg breiter wurde und die Menge sich lichtete. Ein paar Kinder folgten ihnen, neugierig wie Spatzen. „Bereit?“, fragte Drais und schwang sich auf die Maschine. „Ich bin immer bereit“, sagte Antoinette und schwang sich hinten auf den Sattel.
Zuerst rollten sie langsam, um die Balance zu halten. Antoinette war konzentriert, aber nicht ängstlich –  der Platz auf dem Sattel war nicht gerade groß. Sie hielt sie sich einfach an seinen Hüften fest, mit diesem natürlichen Gefühl für Bewegung, das man nicht lernen konnte. Drais lief ein Prickeln den Rücken hinunter, er kam sich geradezu revolutionär vor. Nach ein paar Metern wurde ihr Haltung besser, ihr Rücken aufrechter, ihr Lächeln breiter. „Das ist ja herrlich!“, rief sie.

„Sie machen das ausgezeichnet“, sagte Drais. „Ich mache alles ausgezeichnet, wenn man mich lässt.“ Sie half ein wenig mit den Füßen, und er passte sich an. Die beiden glitten über den Weg, im Gleichschritt sozusagen, vorbei an Ständen, an erstaunten Gesichtern, an einem Hund, der bellend hinterherlief. Die Sonne lag warm auf ihren Schultern, und für einen Moment schien die Welt stillzustehen – nur das rhythmische Stoßen ihrer Schritte und das sanfte Rollen der Räder war zu hören.

„Sehen Sie?“, rief Antoinette. „Das ist Freiheit!“ „Ja“, sagte Drais. „Das ist sie.“

Sie fuhren eine kleine Schleife um den Brunnen, und als sie zum Stehen kamen, atmete Antoinette tief ein, als hätte sie gerade etwas Großes begriffen. „Baron“, sagte sie, „wenn Frauen das fahren können – dann wird die Welt sich ändern.“ „Ich hoffe es“, antwortete er. „Nicht hoffen“, sagte sie und tippte ihm gegen die Schulter. „Bauen. Weiterbauen.“ 

Er nickte. „Das werde ich machen.“ Sie stieg mit einem Aufsehen erregenden Schwung ab, stellt sich an sein Seite und sah ihn an – nicht bewundernd, nicht schmeichelnd, sondern mit diesem klaren, direkten Blick, der ihn schon an der Chaussee getroffen hatte. „Und wenn Sie wieder in Straßburg sind“, sagte sie, „bringen Sie mir eine eigene Laufmaschine mit.“ „Das verspreche ich.“
Sie grinste. „Gut. Denn ich habe vor, die Erste zu sein, die damit durch die Altstadt fährt.“

Drais lachte – und wusste, dass sie es ernst meinte. Und während sie gemeinsam die Maschine zurück zum Markt und Brunnen schoben, spürte er, dass dies nicht nur eine Probefahrt gewesen war. Es war ein Vorgeschmack auf etwas Größeres. Etwas, das er selbst noch nicht ganz greifen konnte. Aber Antoinette konnte es. Sie sah die Welt, wie sie sein könnte – und er begann, sie mit ihren Augen zu sehen.


Der Geschmack von Freiheit

Die Sonne stand hoch, der Platz war voller Stimmen, Menschen schauten zu ihnen herüber, und zwischen ihnen entstand eine kleine Insel der Ruhe.

Antoinette strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Wissen Sie, Baron… ich glaube, Sie haben etwas geschaffen, das größer ist als Sie selbst.“ „Das hoffe ich“, sagte Drais. „Aber ich fürchte, nicht jeder sieht das so.“ Sie lachte trocken. „Oh, das sehe ich. Die Blicke eben? Die Hälfte der Leute war empört, dass ich selbst und mit Ihnen gefahren bin. Die andere Hälfte war empört, dass Sie mich fahren ließen.“ „Einige Adlige halten die Laufmaschine für eine Gefahr“, sagte Drais. „Nicht wegen der Geschwindigkeit. Sondern wegen der Idee dahinter.“ „Weil sie Menschen unabhängig macht“, ergänzte Antoinette.

Er nickte. „Ein Mensch, der sich selbst fortbewegen kann, ohne Pferd, ohne Kutsche, ohne Diener…, das ist ein freier Mensch.“ „Und freie Menschen sind schwerer zu regieren“, sagte sie mit einem spitzbübischen Funkeln. Drais sah sie an. „Sie sprechen von Demokratie.“ „Ich spreche von Gleichberechtigung“, erwiderte sie. „Demokratie ist nur ein anderes Wort dafür, dass niemand über anderen steht, nur weil er in einem besseren Bett geboren wurde.“ Er schwieg einen Moment. „Sie wissen, dass solche Gedanken gefährlich sein können.“ „Nur für die, die Angst vor ihnen haben.“

Sie setzte sich auf den Brunnenrand, die Hände locker im Schoß. „Ich komme aus Straßburg. Wir haben Revolutionen gesehen, Barrikaden, Hunger, Hoffnung. Wir haben erlebt, wie Menschen aufstanden – und wie andere sie wieder niederdrückten. Aber eines habe ich gelernt: Freiheit ist wie Wasser. Man kann sie stauen, aber nicht für immer.“

Drais setzte sich neben sie. „Ich habe nie über Politik nachgedacht. Ich wollte nur etwas bauen, das funktioniert.“
„Und jetzt bauen Sie etwas, das verändert.“
Er sah auf seine Hände, die noch leicht vom Fahren zitterten. „Ich wollte nie ein Revolutionär sein.“
„Das müssen Sie auch nicht“, sagte Antoinette. „Manchmal reicht es, eine Idee zu haben, die andere weiterträgt.“ Sie deutete auf die Laufmaschine. „Das hier ist mehr als Holz und Eisen. Es ist ein Werkzeug. Für Bewegung. Für Freiheit. Für Menschen, die bisher nur laufen konnten, wohin andere sie ließen.“
Drais sah sie an. „Sie meinen Frauen.“
„Frauen. Kinder. Alte Menschen. Händlerinnen wie ich. Leute ohne Pferd, ohne Geld, ohne Namen.“ Sie lächelte schief. „Ja, vor allem Frauen. Wir sind die Hälfte der Welt, Baron. Aber man behandelt uns, als wären wir ein lästiger Anhang.“
„Ich habe nie darüber nachgedacht“, sagte er leise.
„Dann fangen Sie an.“ Sie stand auf, ging zu der Laufmaschine und legte die Hand auf den Lenker. „Wenn Sie wollen, dass Ihre Erfindung Zukunft hat, dann muss sie für alle sein. Nicht nur für Männer mit Titeln.“
„Sie sprechen mutig.“
„Ich spreche wahr.“
Er trat zu ihr. „Und wenn die Adligen sich empören? Wenn die Bürger protestieren? Wenn man mich einen Narren nennt?“
Antoinette zuckte mit den Schultern. „Dann wissen Sie, dass Sie auf dem richtigen Weg sind.“
Er musste lachen. „Sie machen es mir leicht.“
„Nein“, sagte sie. „Ich mache es Ihnen klar.“ Sie sah ihn an, ernst und warm zugleich. „Die Zukunft gehört nicht denen, die sie fürchten. Sondern denen, die sie bauen.“
Drais spürte, wie sich etwas in ihm festigte – ein Gedanke, der vorher nur ein Gefühl gewesen war.„Dann werde ich weiterbauen.“
„Gut“, sagte Antoinette. „Denn ich habe vor, eines Tages nicht nur über Märkte zu laufen, sondern auch über Grenzen.“
„Mit einer Laufmaschine?“
„Mit der Freiheit...“ Sie lächelte – und in diesem Lächeln lag die ganze Zukunft, die sie meinte.

Antoinette stellte sich noch eine Weile zu der Laufmaschine, als müsse sie sich vergewissern, dass das, was sie gerade erlebt hatte, wirklich geschehen war. Drais sah, wie sie mit den Fingern über den Lenker strich – nicht zärtlich, sondern prüfend, wie jemand, der ein Werkzeug beurteilt, das er bald selbst benutzen will.
„Baron“, sagte sie schließlich, „Sie müssen mir versprechen, dass das nicht das letzte Mal war.“
„Das verspreche ich“, antwortete er. Sie nickte zufrieden. „Gut. Dann sehen wir uns in Straßburg wieder.“
„In Straßburg?“
„Natürlich. Ich bin in zwei Wochen wieder dort. Und wenn Sie mir wirklich eine eigene Maschine bauen wollen – dann bringen Sie sie dorthin.“ Sie sagte es mit einer Selbstverständlichkeit, die keinen Widerspruch zuließ.
Und Drais merkte, dass er gar keinen einlegen wollte. „Wo finde ich Sie?“, fragte er.
„Auf dem Kléberplatz“, sagte sie. „Jeden Markttag. Und wenn Sie mich nicht sehen – fragen Sie nach mir. In Straßburg kennt man mich.“ Sie grinste, schwang ihren Korb über die Schulter und verschwand in der Menge, als hätte sie den Wind im Rücken. Drais blieb zurück – mit einer Idee, die größer war als er selbst, und einem Ziel, das plötzlich klar vor ihm lag.


Der Auftritt in Straßburg

Drais hielt sein Versprechen. Zwei Wochen nach ihrer Begegnung in Heidelberg stand er vor seiner Werkstatt, während zwei Knechte die neue Laufmaschine und seine eigene vorsichtig in eine Reisekutsche hoben. Das Modell war leichter, eleganter und stabiler als alle vorherigen – und es war unübersehbar für Antoinette gebaut.

Die Reise nach Straßburg dauerte zwei Tage. Die Kutsche holperte über Landstraßen, durch Wälder und über Brücken, während Drais immer wieder prüfte, ob die Maschinen sicher verzurrt waren. Er wollte nicht riskieren, dass auch nur ein Kratzer die erste Fahrt trübte.

Als er schließlich die Stadt erreichte, war alles voller Menschen. Er kam in die Nähe des Kléberplatzes, aber nicht weiter und fand sie auch nicht leicht. Händler riefen, Kinder liefen, und mitten im Gewimmel stand plötzlich Antoinette – die Hände in die Hüften gestemmt, als hätte sie gewusst, dass er genau in diesem Moment eintreffen würde.

„Baron!“, rief sie und kam ihm entgegen. „Sie sind endlich da!“

Als Drais die Plane der Kutsche zurückschlug und die neue Laufmaschine sichtbar wurde, blieb Antoinette wie angewurzelt stehen. Einen Moment lang sagte sie nichts. Ihre Augen wanderten über den Rahmen, den höheren Lenker, die glatten Linien – und dann wieder zu ihm.

„Baron…“, begann sie, doch ihre Stimme versagte kurz. Sie trat einen Schritt näher. Dann noch einen.
Ihre Hand glitt über das Holz, prüfend, fast ehrfürchtig. „Sie haben sie wirklich gebaut“, sagte sie leise. „Für mich.“

Drais nickte. „Ich habe mein Wort gehalten.“

In diesem Augenblick brach etwas in ihr auf – eine Mischung aus Überraschung, Stolz und einer Freude, die sie nicht zurückhalten konnte. Sie lachte, hell und frei, und bevor Drais überhaupt reagieren konnte, war sie schon bei ihm. Sie warf die Arme um ihn. Nicht zaghaft. Nicht zögerlich. Sondern mit der ganzen Kraft eines Menschen, der selten etwas geschenkt bekommt – und es umso mehr zu schätzen weiß. Drais erstarrte einen Herzschlag lang, überrascht von der Unmittelbarkeit dieser Geste, die er beim gemeinsamen Verwenden des Laufrades in Heidelberg schon spürte. Dann entspannte er sich, legte vorsichtig eine Hand an ihren Rücken, unsicher, aber bewegt.

„Danke“, sagte sie in seine Schulter. „Wirklich… danke.“

Als sie sich löste, war ihr Blick warm und lebendig, ihre Wangen gerötet, ihr Lächeln so strahlend, dass es den ganzen Kleberplatz bei Nacht hätte erhellen können. „Baron von Drais“, sagte sie, „Sie haben mir ein Stück Freiheit gebracht. Und ich werde Ihre Maschine fahren, bis ganz Straßburg es gesehen hat.“

Sie griff nach dem Lenker ihrer neuen Laufmaschine – und diesmal war es nicht nur ein prüfender Blick. Es war der Blick einer Frau, die wusste, dass ihr Leben gerade tiefer und weiter geworden war.  

Zum Klang der Glocken vom Straßburger Münster, dem Duft von frischem Brot und dem Stimmengewirr eines Marktes, der größer war als jeder, den Drais bisher gesehen hatte, führte Antoinette ihn durch die engen Gassen, vorbei an Händlern, die sie mit einem Nicken begrüßten, und Kindern, die ihr nachliefen wie einer älteren Schwester.

„Hier“, sagte sie schließlich und blieb auf dem großen Platz vor dem Münster stehen. „Wenn wir die Leute überzeugen wollen – dann hier.“

Drais sah sich um. Der Platz war voll Händler, Bürger, Studenten, Reisende. Ein idealer Ort für eine Vorführung. Ein gefährlicher Ort auch. „Sind Sie sicher?“, fragte er.

„Baron“, sagte Antoinette und klopfte ihm auf die Schulter, „wenn wir es hier schaffen, schaffen wir es überall.“ Sie stellte ihre Laufmaschine in die Mitte des Platzes. Ein paar Köpfe drehten sich. Ein paar Stimmen wurden leiser. Dann trat Antoinette vor. 

„Mesdames et Messieurs!“, rief sie mit einer Stimme, die selbst die Tauben auf dem Münsterdach aufhorchen ließ. „Heute sehen Sie etwas völlig Neues. Etwas, das die Welt verändern wird.“

Drais spürte, wie sich die Menschen versammelten. Neugier. Skepsis. Spannung. Antoinette setzte sich auf die Laufmaschine – mit derselben Selbstverständlichkeit wie damals auf dem Markt in Heidelberg.

Ein Raunen ging durch die Menge. „Eine Frau?“, murmelte jemand. „Das ist doch Unsinn“, sagte ein anderer. „Das ist gefährlich!“, rief eine ältere Dame. Doch Antoinette lächelte nur. „Gefährlich ist nur die Angst vor dem Neuen.“ Sie stieß sich ab.

Und der Platz hielt den Atem an. Sie fuhr eine Runde um den Brunnen, dann eine zweite, schneller, sicherer. Ihr Rock wehte, ihr Lachen hallte über den Platz. Kinder jubelten. Frauen klatschten. Männer riefen erstaunt. Drais sah, wie sich die Stimmung veränderte – von Skepsis zu Staunen, von Staunen zu Begeisterung. Doch nicht bei allen. Eine Gruppe von Männern in dunklen Mänteln, Bürger, Kaufleute, zwei Adlige rumorten. Ihre Gesichter waren hart, ihre Augen schmal.

„Das ist ein Skandal“, sagte einer.
„Eine Frau auf so einem Gerät – das ist gegen die Ordnung.“
„Das ist Revolution“, knurrte ein anderer. „Und Revolution beginnt immer mit solchen Kleinigkeiten.“
Sie traten vor. „Hören Sie sofort auf!“, rief einer der Adligen. „Das ist unanständig!“

Antoinette bremste, stieg ab – und sah ihnen entgegen wie jemand, der sich nicht einschüchtern lässt. „Unanständig?“, fragte sie. „Weil ich fahre? Oder weil ich etwas kann, das Sie nicht können?“
Ein empörter Aufschrei ging durch die Gruppe.
„Sie gefährden die öffentliche Ordnung!“, rief ein Bürger.
„Sie verführen die Jugend!“, rief ein anderer.
„Sie untergraben die natürliche Ordnung zwischen Mann und Frau!“, rief der Adlige.
Antoinette verschränkte die Arme. „Die natürliche Ordnung? Ich sehe hier nur Männer, die Angst haben.“
Die Menge begann zu murmeln – einige zustimmend, andere nervös.
Der Adlige wurde rot. „Ich werde die Polizei holen!“
„Tun Sie das“, sagte Antoinette ruhig. „Ich habe nichts getan außer fahren.“
Die Männer stoben auseinander, um die Wache zu holen.

Drais trat zu ihr. „Antoinette… vielleicht sollten wir—“
„Nein“, sagte sie. „Jetzt nicht zurückweichen. Nicht heute.“
Sie stellte sich neben die Laufmaschine, als wäre sie ein Banner.

Die Menge wuchs. Einige klatschten. Einige riefen „Encore!“
Einige schüttelten die Köpfe.

Dann kamen die Polizisten. Zwei Gendarmen bahnten sich einen Weg durch die Menge. Der Adlige folgte ihnen triumphierend.
„Diese Frau“, sagte er laut, „hat die öffentliche Ordnung gestört und sich eines unweiblichen Verhaltens schuldig gemacht.“
Der Hauptmann sah Antoinette an.
Dann sah er die Laufmaschine.
Dann sah er die Menge.

„Madame“, sagte er schließlich, „haben Sie jemanden verletzt?“
„Nein.“
„Haben Sie Eigentum beschädigt?“
„Nein.“
„Haben Sie gegen ein Gesetz verstoßen?“
Antoinette lächelte. „Nicht dass ich wüsste.“
Der Hauptmann wandte sich an den Adligen. „Monsieur, es gibt kein Gesetz gegen das Fahren einer… wie nennen Sie das?“
„Laufmaschine“, sagte Drais.
„Einer Laufmaschine“, wiederholte der Hauptmann. „Und es gibt kein Gesetz, das Frauen verbietet, sich fortzubewegen.“

Die Menge lachte.
Der Adlige wurde noch röter. „Aber das ist…, das ist…“, stammelte er.
„Neu“, sagte der Hauptmann. „Und das ist nicht verboten.“

Er wandte sich an Antoinette. „Madame, fahren Sie vorsichtig.“
„Immer“, sagte sie und verneigte sich leicht.
Die Gendarmen gingen.
Der Adlige blieb zurück, besiegt, aber nicht überzeugt.

Doch die Menge – die Menge war gewonnen. Jemand begann zu klatschen. Dann noch jemand. Dann der ganze Platz.

Antoinette stand da, die Hände an der Laufmaschine, und nahm den Applaus entgegen wie jemand, der wusste, dass er gerade etwas Bedeutendes getan hatte.

Drais trat neben sie. „Sie haben Geschichte geschrieben“, sagte er leise. „Nein“, sagte Antoinette. „Wir haben Geschichte geschrieben.“ Und sie nahm ihn einfach an der Hand.

Und in diesem Moment glaubte Drais, dass seine Erfindung nicht mehr aufzuhalten war.
Nicht wegen ihm. Sondern wegen Menschen wie ihr. Aber leider irrte er. Die Gegner nahmen zu, und ab 1920 verschwand die Laufmaschine/Draisine weitgehend aus dem öffentlichen Straßenbild. Sie wurde vielerorts verboten wegen Unfällen, Spott, politischen Unruhen, galt als Modeerscheinung der Jahre 1817–1820. Sie war zu schwer, unbequem und ohne Pedale – ein Spielzeug der frühen  Mobilitätsgeschichte. Ab den 1830ern kamen neue technische Entwicklungen auf, z. B. Tretkurbel‑Experimente, Hochräder, und um 1850 war diese Draisine (nicht zu verwechseln mit den vierrädrigen Schienenfahrzeugen, die mit Muskelkraft oder Motor angetrieben werden) ein äußerst seltenes Verkehrsmittel. Aber Karl von Drais hatte das Zweirad verwirklicht und den Grundstein für die heutigen Fahrräder gelegt.

(Copyright Text: Stefan Vieregg M.A.)



Donnerstag, 9. Juni 2022

Heidelberg: Wir warten auf die Schlossbeleuchtung am 04.06.2022

 

Tausende versammeln sich Stunden vorher
auf den Neckarwiesen und in Lokalen 
zur nächtlichen Schlossbeleuchtung
in Heidelberg am Neckar

                                                                          Fotos/Collage: Stefan Vieregg
                                                                                                    (Blaufilter Fuji)

Mittwoch, 8. Juni 2022

Heidelberg: Real Jazz Trio feat. Carl Clements im DAI - Deutsch Amerikanisches Institut

Eine sehr überzeugende Auswahl an Stücken bot das Heidelberger Real Jazz Trio mit Gast Carl Clements am Saxophon und Bansuri (Querflötenart) am 04.06.2022. Vom klassischen Jazz zu sanften und melodischen Klängen, in zwei Sets wurde astreine Musik und Unterhaltung geboten. Die Kompositionen von Carl Clements (Boston, Jazz- und Weltmusik) sehr sensibel und fernöstlich unterlegt. Jazzliebhabern war es eine absolute Bestätigung des guten Geschmacks. CDs gibt es ab 15 EUR.  

Johannes Schädlich - Bass
Jean-Yves Jung - Piano
Jens Biehl - Schlagzeug
Carl Clements - Saxophon, Bansuri




                                                                      Fotos/Collage: Stefan Vieregg








Donnerstag, 15. November 2018

Heidelberg: Mashrou' Leila bei enjoy jazz 2018

MASHROU' LEILA 

Stadthalle Heidelberg

VVK: 36 / 20 € zzgl. Geb
AK: 42 / 25 €
Beginn: 20:00
Einlass: 19:00

Eine hierzulande fast unbekannte Indie-Rock-Band aus dem Libanon – Mashrou' Leila hatten 2016 keine Handvoll Konzerte in Deutschland gespielt! – ein Festival für Jazz und Anderes zu eröffnen. Die erste Einladung von Mashrou' Leila war damals für enjoy jazz ein Statement und eine Zumutung, weil der charismatische Sänger Hamed Sinno seine mal poetischen, mal kritischen Texte gegen Nationalismus, Korruption, Krieg, Gewalt gegen Frauen und Homosexuelle und für religiöse Freiheit und Toleranz gegenüber queerer Sexualität auf Arabisch singt. Die Band ist im ganzen arabischen Raum bekannt und beliebt, in syrischen Clubs viel gehört, weil auch diese entsetzliche Situation in den Texten erkannt werden kann. Die Poetik ein offenes Spiegelkabinett der Gedanken und Träume. Mashrou' Leila ist kein eskapistisches Entertainment, aber der übersetzte Name der Band lautet eben auch „Nächtliches Projekt“. Die Band ist gegenüber interkulturellen Projektionen und politischen Vereinnahmungen durchaus sensibel und will sich nicht als Band des Arabischen Frühlings verstanden wissen, dafür ist sie viel zu weit weg von Gleiches mit Gleichem vertreiben, strengen Islam mit strengem Islam etwa. Mashrou' Leila sieht sich als Band mit unmissverständlichen Haltungen. Aber es ist ein Aufbruch in den Köpfen für viele, die sich endlich ein freies selbstbestimmtes Leben wünschen. Ein ganz anderes Beirut, Libanon, Arabien, eine ganz andere Welt ...

Das Konzert lässt enjoy jazz 2018 ausklingen.




ﺇﻧﻨﻲ ﻣﻠﻴﺢ ﻗﻮﻡ ﻧﺤﺮﻕ ﻫﺎﻟﻤﺪﻳﻨﺔ ﻭﻧﻌﻤﺮ ﻭﺍﺣﺪﺓ ﺃﺷﺮﻑ ﻗﻮﻡ ﻧﻨﺴﻰ ﻫﺎﻟﺰﻣﺎﻥ ﻭﻧﺤﻠﻢ ﺯﻣﻦ ﺃﻟﻄﻒ ﻣﺎ ﺯﺍﻟﻚ ﺑﻼ شي ﻣﺎ ﻓﻴﻚ ﺗﺨﺴﺮ شي ﻭﺃﻧﺎ ﻣﻠﻴﺖ ﻣﻦ ﻋﺸﺮﺓ ﻧﻔﺴﻲ ﻛﺎﻥ ﺑﺪﻱ ﻏﻴﺮ ﺍﻟﻌﺎﻟﻢ ﻣﺶ ﻋﺎﺭﻑ ﻛﻴﻒ ﺍﻟﻌﺎﻟﻢ ﻏﻴﺮﻧﻲ ﻛﺎﻥ ﺑﺪﻱ ﺇﺣﻤﻞ ﺍﻟﺴﻤﺎﺀ ﻭﻫﻸ ﺃﻧﺠﻖ ﺣﺎﻣﻞ ﻧﻔﺴﻲ ﻗﻮﻝ ﺇﻧﻨﻲ ﻣﻠﻴﺢ ﻗﻮﻝ ﺇﻧﻨﻲ ﻣﻠﻴﺢ Lets burn this city And build a better one Lets forget the time we're in And dream of a better one The fact you have nothing Means you can't lose anything And I'm sick of living with myself I wanted to change the world However the world changed me I wanted to hold up the sky Now I can barely hold myself Say that I'm Good Say that I'm Good






Freitag, 21. Oktober 2016

Wie war's bei Malakoff Kowalski in Heidelberg? (EnjoyJazz 2016)


Malakoff Kowalski                                      (c) Stefan Vieregg


Malakoff Kowalski ist gewöhnungsbedürftig. Eine Herausforderung für die Zuhörer, denn manchmal kann er einfach schwierig sein. Der schlaksige multinationale Musiker hat sich am Samstag, den 15.10. aufgerappelt, endlich nach längerer Zeit seine Wohnung wieder zu verlassen, um ein Konzert zu geben. Dabei hat es ihn nach Heidelberg in die Providenzkirche zu EnjoyJazz und dem "Heidelberger Frühling" verschlagen.

Irgendwie noch in der Einsamkeit seiner Bude verhangen, wollte keine richtige Fahrt zu Beginn des Konzerts aufkommen. Es schien, als ob Kowalski sich noch an die Zuschauer gewöhnen müsste. Merkwürdig, war doch eine locker-leichte Musik angekündigt, die zum Flirten anregen könnte - und ereignet hat sich eine Reihe von extrem kurzen Stücken, ganz schön verträumt, interessant, allerdings mit hohem Wiedererkennungswert auf Strecke, weit weg von einem Flirtversprechen. Grundstimmung war eine gedämpfte, wie im Zeitlupentempo, zumindest mal halbe Geschwindigkeit, eine melancholisch-depressive Schwere, paradoxe Euphorie, wenig Leichtigkeit des Seins, irrealer Geschmack und kräftig dimensionenverzerrt.

Der Musiker, Komponist, Filmproduzent, Theaterregisseur und mehr, aktuell seit 2007 Berlin, wurde 1979 in Boston/USA als Aram Pirmoradi, Kind exiliranischer Eltern geboren, wuchs in Hamburg auf, bis ihn - wie er selbst es nannte - "verschiedene Katastrophen, die das Leben bietet", nach Berlin trieben. Er produzierte 2006 mit Jansen & Kowalski sein erstes Album, 2009 sein erstes Soloalbum NEUE DEUTSCHE REISELIEDER und hatte mit der Single und dem Musikvideo ANDERE LEUTE starken Erfolg. Kowalski veröffentlichte zuletzt das Solo-Album KILL YOUR BABIES – FILMSCORE FOR AN UNKNOWN PICTURE mit Filmmusik zu einem nicht existierenden Film in Zusammenarbeit mit dem Maler Daniel Richter, dem Schriftsteller Maxim Biller und dem Regisseur Klaus Lemke. Auch in Heidelberg gab es einen Happen davon zu hören. Am Schauspiel Köln hat er als Komponist und Musiker in Angela Richters Inszenierungen BRAIN AND BEAUTY und SUPERNERDS mitgewirkt. Darüber hinaus komponierte und produzierte Kowalski die Musik für Stefan Bachmanns Inszenierung von PARZIVAL. Neben der neuesten Albumveröffentlichung I LOVE YOU ist aktuell die Produktion WIR WOLLEN PLANKTON SEIN in Vorbereitung. Mit dem deutschen Elektro-Pop-Duo 2raumwohnung tourte er 2010 einige Wochen lang durch Deutschland, Schweiz und Österreich. Er tritt auf als sozusagen ein Pole in Russland oder umgekehrt.

Was der Besucher allem bis 21 Uhr abgewinnen konnte war eine Stimmung wie bei Regen, die Ausgestaltung einer Kunstidee, die mit unvollendeten, quasi verkürzten Liedern auf somnambuler Basis mit Irrlichtern hantierte. Etliche ratlose Zuschauer entschlossen sich den Abend mit ihm zu verkürzen, andere blieben begeistert. Am Piano, Keyboard und zwei Gitarren verwirklichte Malakoff Kowalski ein Antikonzept, er stellte sich eine Stunde in einer künstlerischen Attitüde im Gewand eines unvollendeten Genies gegen die Erwartungen. Seine Erläuterungen nach seinem großen Hit HOW I THINK OF YOU, der die Erwartungen an den Abend erst richtig erfüllte, zeigten ihn als Regisseur seines Auftritts und wohl Liebhaber von Samuel Beckett.

Der Musiker erklärte, er hätte Gefallen daran, dass die Stücke kürzer würden, wie alles einfach kürzer werden sollte, wahrscheinlich auch das Leben. Warum? Sie sollen einfacher werden, die Mittel immer weniger, am Ende steht hier wohl die bereinigte 1.30-Minuten-Performance als minimalistischer Spitzenakt. Ein Jim Jarmusch der Musik oder ein Schnellkonsumierer?

Und so gab es noch ein wunderschönes BE MY BABY als Zugabe und der nur (allerdings gut) gesungene Titel CHRYSTAL SHIP von den Doors. Ein merkwürdiger, ganz anderer Abend. Und weil jetzt etwas gefehlt hat, will man noch einmal reinhören später, ob noch und was noch passieren wird. Der Gute hat sein Ziel erreicht ...

Montag, 17. Oktober 2016

Morgen bei Enjoy Jazz 16 in Heidelberg: MELT YOURSELF DOWN

Melt Yourself Down                     (c)  Johanna Reubel
Di 18.10.2016
Melt Yourself Down
Großbritannien

Karlstorbahnhof
Beginn: 21:00
Einlass: 20:00
VVK: 17 € zzgl. Geb.
AK: 21 €
Tickets kaufen

Besetzung:
Kushal Gaya: voc
Pete Wareham: sax
Shabaka Hutchings: sax
Satin Singh: b
Adam Betts: dr

Man könnte meinen, mit Pete Warehams Projekt Melt Yourself Down melde sich die legendäre Pop Group der frühen 80er Jahre zurück, weil sich ja prinzipiell nichts Grundlegendes geändert hat: „For how much longer do we tolerate mass murder?“ Auch im Falle von Melt Yourself Down schmiedet die Energie von Wut, Zorn und Trauer einen wild-leidenschaftlichen Polit-Dancefloor-Hybrid aus Bebop, Afrikanischem, No Wave, Post-Punk, Hardcore, Noise, Dubstep und schrägen Metren für avancierte Körperfreuden. Immer vorneweg Sänger/Shouter Kushal Gaya, der seine apokalyptischen Statements in high energy transformiert und in diversen Sprachen direkt exorziert. Anders gesagt: wenn überall nur Krankheit, Krieg, Terror und Tod, dann sollte man seine „Last Evenings on Earth“ (Albumtitel) vielleicht nicht vor der Glotze mit Quizshows und Bundesliga vertrödeln, sondern sich vielleicht draußen auf der Straße um die Revolution kümmern. Oder um die angemessene Party? Musikalisch laufen bei Melt Yourself Down gleich mehrere Fäden zusammen: die Musiker waren oder auch sind bei Polar Bear, Acoustic Ladyland, Three Trapped Tigers, Sons of Kemet, The Comet Is Coming und Zun Zun Egui aktiv. Klingt schwer nach Brit-Jazz-Supergroup, oder?

Samstag, 15. Oktober 2016

Heute bei Enjoy Jazz 16 in Heidelberg: MALAKOFF KOWALSKI

Malakoff Kowalski           (c) Pepper Levain 2015
Sa, 15.10.2016
Solokonzert
Malakoff Kowalski
Deutschland

Providenzkirche Heidelberg
Beginn: 20:00 Uhr
Einlass: 19:00 Uhr

Besetzung:
Malakoff Kowalski: voc, g, keys, p

VVK: 16 € zzgl. Gebühr
AK: 20 €

Tickets

Das aktuelle Album von Malakoff Kowalski, das den punktgenauen Titel „I Love You“ trägt, konfrontiert uns mit Namen wie Klaus Lemke, Maxim Biller oder Helene Hegemann. Hört man dann die einfachen, verspielten, sehnsüchtigen und immer leicht müden, dabei aber sehr klaren Songs und Instrumentals, die auf „I Love You“ zu hören sind, dann fügt sich eins zum anderen, aber ganz anders als erwartet.

Es ist diese leicht melancholische Musik, die man am Abend eines unerträglich schwülen Sommertags in der Großstadt hören möchte, wenn die Dämmerung hereinbricht, die eine nicht weniger tropische Nacht erwarten lässt. Malakoff nimmt die angestrebte Leichtigkeit übrigens ernst. Er fordert bei seinen seltenen Konzerten konzentrierte Aufmerksamkeit, um seine Songs von robuster Zärtlichkeit mit dem Publikum zu teilen. Der F.A.S. schwant: „Die Sehnsucht, die diese Musik beschwört, ist nicht die nach der Vergangenheit. Sondern die nach einer anderen Gegenwart.“

Der Heidelberger Frühling ist mit diesem Konzert erstmalig bei Enjoy Jazz zu Gast. Ein wunderbarer Austausch zwischen Partnern, die nicht nur die Liebe zur Musik teilen, sondern auch deren Kraft gerade in ihrer Wandelbarkeit schätzen und fördern. 2017 wird auch das Enjoy Jazz Festival mit einem Konzert beim Heidelberger Frühling vertreten sein.

Dienstag, 4. Oktober 2016

Wie war's bei MASHROU' LEILA, Eröffnungsband von Enjoy Jazz 2016?


(c) Stefan Vieregg


Das Opening Concert von Enjoy Jazz 2016 brachte uns ganz aktuell am Weltgeschehen orientiert eine Band aus der arabischen Welt, geboren dort, wo radikale Strömungen des Islams, erzkonservative Werte von Vertretern und Gefolgsleuten arabischer Regierungen gepflegt werden, rigide Rollenverteilung bei den Geschlechtern gefordert werden, Ablehnung der westlichen Werte und jeglicher freiheitlichen Lebensgestaltung herrscht. "Mashrou' Leila" - so viel wie "Nachtprojekt"/"nächtliches Projekt" - ist eine Kultband aus dem Libanon. Das riesige religiöse Spektakel und Morden in Arabien wird paradoxerweise von korrupten Eliten, orientalischen Kapitalisten mitinszeniert und benutzt. Begehrt sind das lebenswichtige Know-how und Gelder aus dem Westen für die Eliten. Der Rest soll bleiben, wo er ist. Unten. Über allem der Imam, Muezzin und das Minarett.
(c) Stefan Vieregg

Die einleitenden Worte von Michael Sieber, langjähriger Landtagsabgeordneter und Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, heute Mitglied in den Kuratorien der Schwetzinger Festspiele (Vorsitzender), ZKM Karlsruhe, Kunststiftung Baden Württemberg und Kulturstiftung Rhein-Neckar, der neuen Kulturministerin Baden-Württembergs Susanne Eisenmann, vormals Bürgermeisterin in Stuttgart, dem Oberbürgermeister von Heidelberg, Dr. Eckart Würzner und Rainer Kern, Mitgeschäftsführer der Enjoy Jazz GmbH und Festivalplaner, setzten unisono auf die Besonderheit des Festivals, das den gesamten Rhein-Neckar-Raum stark aufwertet, in Deutschland und international einen hohen Stellenwert erreicht hat und in heutiger Zeit der Flüchtlingsproblematik eine Einheit in der Kunst und Musik, dem toleranten Geist, dem Vertrauen und der Zukunftsgestaltung symbolisiert.
(c) Stefan Vieregg

Als Support spielte das Mannheimer Mehmet Ungan Trio, mit Ungan  (Türkei) an der Ud (Laute) und der Nay (Flöte), Ashok Nair an Sitar und Surbahar (beides indische Saiteninstrumente), Johnathan Sell am Kontrabass.

Die American University Beirut war denn auch im Fachbereich Architektur und Design in nächtlichen Sessions Geburtsort der Band und ihrer speziellen Richtung. Eine Enklave der Kreativität und Freiheit in der sich seit Jahren zusehends verdunkelnden, westliche Werte verteufelnden und extrem autoritär werdenden islamischen Welt (nicht nur) Arabiens. Mashrou' Leila ist ein Star bei den arabischen Indie-Fans, ein Idol bei den jungen Erwachsenen, die frei leben wollen und den Religionspranger der Bärtigen in ihrer Heimat freiwillig anziehen sollen. Ein schillerndes Juwel der Vielfalt, Toleranz aus dem Peitschentollhaus. Die gut tanzbare Mischung aus arabischem Pop, Indie-Rock, Elektro- und Jazzelementen wird von poetischen Texten getragen, die die arabische Vorliebe für die sinnlich-feinen lyrischen Stimmungen u.a. mit gewalttätigen, unterwürfigen oder Leidensbildern mischt. In "Alu Babu" das homosexuelle Szenario und Ringen um die Rollenverteilung (natürlich wird hier auch genderisiert), schon wieder global sexuell gültig das Erobern verbotener Gebiete auf der Landkarte des anderen, die Annäherung zum Herzen des anderen, Widerstände, Gewalt und Unterwerfung, Flehen im Lichte der Liebe.

"... Warum knie ich vor dir nieder, warum komme ich zu dir zurück, nur damit du mich erwürgen kannst?
Warum flehe ich dich an, warum gehorche ich dir, nur damit du mich verbrennen kannst?
Sag mir, dass ich dich befriedige, wie er dich befriedigte,
Und Küsse, wohin er dich küsste, die dich dazu bringen, über mich zu phantasieren. ..."

Leadsänger Hamed Sinno bekennt sich zum Schwulsein, singt darüber, die Unmöglichkeiten der Liebe, das Scheitern, das Verfolgtwerden. In islamischen Ländern nicht überall verboten, teils toleriert und eigentlich eine erzwungene Orientierung hin zum eigenen Geschlecht in jungen Jahren, da die Geschlechtsgrenze nur unter Erwartung von Sanktionen überschritten werden darf. In Afghanistan zum Beispiel können Schwule sich ausleben, auch in pädophiler Hinsicht, in afrikanischen Staaten oder im von wenigen gewünschten Kalifat mit dem Tod bedroht. Sinno singt über all das, was auch Liebespaare anspricht, die nachempfinden können, wie es ist, wenn die Liebste eingesperrt wird, damit kein Freund an sie rankommt, Sex vor der Ehe nicht entdeckt werden darf, selbst einfache Treffen schon verboten sind und Heiraten ohne Jungfernhäutchen ausgeschlossen ist. Die Welt ist extrem schwarzweiß in diesen Gefilden, jede Identitätsentwicklung nach freiheitlichen Kriterien wird verhindert durch starre Genderisierung, Religionsgruppen-, politische und soziale Schichtzugehörigkeit. Wer so gefesselt und geknebelt durchs Leben soll muss einfallsreich werden, sich unterwürfig zeigen und leiden. Die Zensurstellen im Libanon, Jordanien und anderen islamischen Ländern verhindern Auftritte, CD-Produktionen.

"Fasateen":
"... Remember when you told me
That you would marry me
Without money or a house
Remember when you loved me
Even though I wasn't of your religion
Remember how we were
Remember when your mother
Caught me sleeping in your bed


(c) Stefan Vieregg
And told me to forget about you
So we agreed to stay like that
Without roles or talks
Without neckties or morning chats ..."

"Bahr":
"... My brother is with the mermaid, return him to me
The wave took my brother from me, return him to me ..."

My brother went with the dawn, return him to me
My brother is at the bottom of the sea, he still hasn't returned to me..."

"My Tetrikini Heik":
"... I'm searching for you at the bottom of every glass...between people's bedsheets.
I picture your face and call out your name
as if it were tattooed on my lips with toxins
blended by a demon with deadly ink
that has no remedy with passion's demise. ..."

Mashrou' Leila singt und spielt gegen all diese Unterjochung, Genussunterdrückung, fantasiert von freien Welten der Begegnung, des Rausches, der Sexualität. Bejubelt von Schwulen- und Lesbengruppen, jungen Arabern und zunehmend auch im Westen, nicht nur in den USA. Den Straßenverkäufern im Libanon und in Syrien mit ihren hölzernen Trolleys und Thekenwagen hat Sinno in "Abdullah" ein Denkmal gesetzt.

Musik und Gesang der Gruppe wirken streckenweise fast wie rückwärts gespielt bzw. gesungen, unseren Tonerwartungen dezent entgegen, mit fast simplen Basicrhythmen, darüber, kunstvoll verspielte Gitarren, Keyboard, Violine und Sinnos Gesang, der immer kraftvoll, hochkonzentriert, nachdrücklich, aber auch herausgepresst wie unter innerweltlichem Druck wirkt, nicht direkt arabisch klingt, auf den Zehenspitzen das Mikrofon fest in der Hand, als ob er es überzeugen wollte von all dem, was ihm durch den Kopf geht, was er mitteilen muss. Daneben lockere Tanzbewegungen, ein Muskelpaket mit einen schmalen Unterbau.

Kunstvolle Videos als Hintergrund zeigen geheimnisvolle Augenpartien oder Gesichter, Körperausschnitte von zumeist Frauen, Ausschnitte aus der Wirklichkeit, manchmal nur Lichteffekte in Schwarzweiß, einen witzigen Fezträger, der mit den Augen spielt u.v.m. Schweifendes und suchendes Licht fesseln das auch recht junge Publikum, dessen zumindest orientalischer Teil gegen Ende nicht mehr zu halten war und vor der Bühne tanzen wollte. Ein seltenes Erlebnis, das uns ganz anders mit der arabischen Kriegsaktualität in Syrien und den Auseinandersetzungen in anderen Ländern konfrontierte. Ein Brückenschlag zwischen den Kulturen über anspruchsvolle Lyrik, exotisch verfremdete Musik und Thematisierung von Inhalten, die alle verstehen oder hinterfragen. Fern vom Pop-Kitsch, der sonst in diesen Ländern zu hören ist. Als Special-Guest am Saxophon, Ilhan Ersahin, ein aktiver Förderer des Jazz türkischer Abstammung, der heute Jazzfestivals in New York, Sao Paulo und Istanbul ausrichtet und einen New Yorker Club sowie ein eigenes Plattenlabel betreibt.

Sonntag, 2. Oktober 2016

Morgen bei Enjoy Jazz 2016 in Heidelberg: Zsófia Boros solo (Ungarn)

Mo 03.10.2016

Zsófia Boros solo

Ungarn
Peterskirche Heidelberg, Heidelberg 
Einlass 19 Uhr / Beginn 20 Uhr
VVK 20 € zzgl. Geb. / AK 25 €
» Tickets online kaufen
» Termin merken: .ical | .vcs

Zsófia Boros: Guitar
„Meine Herangehensweise an Musik“, sagte die Gitarristin Zsófia Boros vor drei Jahren bei Erscheinen ihres ECM-Debüts, „ist immer sehr von Intuition geprägt. Wenn ein Musikstück mich ergreift oder berührt, möchte ich es reflektieren – möchte ich zum Spiegel werden.“ 
„En otra parte“, so der Titel dieses auf beeindruckende Weise reifen und vielschichtigen Albums, enthielt Lieder des kubanischen Komponisten Leo Brouwer, aber auch von Ralph Towner, Vicente Amigo oder Dilermando Reis. Man erkennt daran die Spannweite der 36-jährigen Ungarin, die in Bratislava, Budapest und Wien Gitarre studierte und mit etlichen Preisen ausgezeichnet wurde. 2013 konnte man sie bereits bei Enjoy Jazz erleben. Nun kehrt sie mit einem neuen Album zurück, das pünktlich zum Festival im Oktober erscheinen wird: „Works for Solo Guitar“, wiederum produziert von Manfred Eicher, präsentiert ein stilistisch vielfältiges Programm aus Werken unterschiedlichster Komponisten des 20. Jahrhunderts, darunter Jorge Cardoso, Garoto, Franghiz Ali-Zadeh und Egberto Gismonti. 
Zsófia Boros versteht es in ihren Soloarbeiten auf faszinierende Weise, die verschiedensten Traditionen in ihrem Spiel aufscheinen zu lassen, zwischen Klassik und Jazz, zwischen verschiedenen Regionen der Welt Bögen zu schlagen, dabei zugleich jedem Stück so nahe zu kommen, dass es zum eigenen wird, dass ihre beseelten, feinsinnigen Interpretationen innere Notwendigkeit und Relevanz beanspruchen dürfen. Jeder Komponist habe seine eigene Sprache, sagte sie einmal. „Ich versuche, sie zu lernen.“



Donnerstag, 12. November 2015

6. Fotofestival Mannheim, Ludwigshafen, Heidelberg: Noch bis 15.11.2015 [7] Orte [7] Prekäre Felder

"Better call it a Photography Documenta" – Ilit Azoulay

[7] Orte [7] Prekäre Felder zeigt Arbeiten von 50 Künstlern aus 18 Ländern - internationale Stars der künstlerischen Fotografie und Videokunst sowie weitgehend unbekannte und junge Positionen - die sich mit kontroversen Themen der gesellschaftlichen Verhältnisse in der heutigen Welt auseinandersetzen.

Um Ihnen einen Überblick über die letzte Festivalwoche zu geben, möchten wir Sie auf einige Highlights unseres Rahmenprogramms, unsere Kooperation mit dem Musikfestival Enjoy Jazz sowie auf ein besonderes Angebot für Studierende aller Fächer hinweisen:

HIGHLIGHTS DES RAHMENPROGRAMMS KURATORENFÜHRUNGEN MIT URS STAHEL

Samstag, 7.11.15, 11.00 Uhr, Port25 - Raum für Gegenwartskunst, Mannheim
Samstag, 7.11.15, 15.30 - 18.00 Uhr, Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen und Kunstverein Ludwigshafen // Start: Wilhelm-Hack-Museum
Freitag, 13.11.15, 16.00 Uhr, Kunsthalle Mannheim
Freitag, 13.11.15, 17.30 Uhr, Zephyr - Raum für Fotografie, Mannheim
Samstag, 14.11.15, 15.30 - 18.00 Uhr, Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen und Kunstverein Ludwigshafen // Start: Wilhelm-Hack-Museum


SONDERFÜHRUNGEN

Sonntag, 8.11.15, 16.00 Uhr, Zephyr - Raum für Fotografie, Mannheim
Dialogische Führung mit Prof. Michael Braum, geschäftsführender Direktor, IBA Heidelberg GmbH
Sonntag 15.11.15, 14.00 Uhr Grand Tour - Führungen durch alle Ausstellungen in Ludwigshafen mit Annika Wind (Kulturjournalistin)
Wilhelm-Hack-Museum, Kunstverein Ludwigshafen // Start: Wilhelm-Hack-Museum


FOTO VOICES - WIR SPRECHEN FOTOGRAFIE

Samstag, 7.11.15, 17.00 bis 20.00 Uhr, Port25 - Raum für Gegenwartskunst, Mannheim
Die Veranstaltung stellt fünf individuelle Positionen vor, die von den internationalen FotografieexpertInnen unseres Portfolio Review-Formats ausgewählt wurden. Dem Publikum wird die Möglichkeit geboten, in Austausch mit den KünstlerInnen und ExpertInnen zu treten und gemeinsam Hintergründe und künstlerische Prozesse zu diskutieren.
Die präsentierenden FotografInnen und ihre Themen sind:
LAIA ABRIL, Asexualtität und Gender // ANDREAS STALDER, Kindheitserinnerungen im unkonventionellen Familienkontext // INGO STURM, Verhältnis von Natur, Stadt und Mobilität // MARVIN HÜTTERMANN, Tod und Sterben // SABINE LEWANDOWSKI, Trisomie 21
Die Kulturjournalistin ANNIKA WIND moderiert die Vorträge und führt die Diskussion. Folgende ExpertInnen der Fotografie sind anwesend: ARIANE BRAUN, stellvertretende Verlagsleiterin des Kehrer-Verlags // SOLVEJ H. OVESEN, Kuratorin des 4. Fotofestivals // MARKUS WECKESSER, The PhotoBookMuseum Köln und freier Kulturjournalist mit Schwerpunkt Fotografie.
Die Veranstaltung ist kostenlos.

Freitag, 6. November 2015

Enjoy Jazz 2015: Morgen in Heidelberg - Nik Bärtsch's MOBILE EXTENDED SPIRAL SPACE II - acoustic luminescence


Sa 07.11.2015
Nik Bärtsch's MOBILE EXTENDED
SPIRAL SPACE II - acoustic luminescence
Schweiz

EMBL, Heidelberg
Beginn Sonnenuntergang 16.54 Uhr / Einlass 16 Uhr / Ende Sonnenaufgang So 08.11.15, 7.25 Uhr
VVK 32 € zzgl. Geb. /
AK 36 €
» Tickets online kaufen
» Termin merken: .ical | .vcs


Nik Bärtsch : p, arr
Sha : bcl, as
Kaspar Rast : dr
Nicolas Stocker : perc
Simon Heggendorn, Ola Sendecki : vl
David Schnee : vla
Solme Hong, Ambrosius Huber : vc
Daniel Eaton : lights & visuals
Christian Reiner : voc

Time Shadows: Lisa Ramstein, Bettina Zumstein, Kostüme by Christa De Carouge

Letztes Jahr war nur der Anfang. Mit seiner Band Mobile Extended zelebrierte der Schweizer Komponist und Pianist Nik Bärtsch im European Molecular Biology Laboratory (EMBL) in Heidelberg vier Stunden lang seine rituellen, eigentümlich funkigen Grooves, dabei Soundskulpturen entwerfend, die auf abstrakte Weise mit der einer Doppelhelix nachgebildeten Architektur des Hauses zu korrespondieren schienen. Das Experiment – spirituelle Klangwelten im wissenschaftlichen Raum zu präsentieren – gelang auf spektakuläre Weise. In diesem Jahr wird das Projekt nun weiter entwickelt: „Spiral Space II – acoustic luminescence“ ist eine eigens entwickelte Nacht-Komposition, die am 7. November zu Sonnenuntergang (um 16.54 Uhr) beginnt und am 8. November bei Sonnenaufgang (um 7.25 Uhr) endet. Musik, Licht, Visuals und Texte entfalten sich im Raum zu einem poetisch-musikalischen Geflecht. Als Gast liest der Sprechkünstler Christian Reiner, dessen suggestive Rezitation von Hölderlins „Turmgedichten“ bei ECM erschienen ist, kurze lyrische, wissenschaftliche und wissenschaftsphilosophische Texte. Während der Performance kann man sich übrigens frei im Haus bewegen. Das Konzert endet mit einem gemeinsamen Frühstück im obersten Stockwerk des Gebäudes. Und wer nach dieser Nacht noch nicht genug hat, sollte am Morgen einfach zu Nik Bärtschs Matinee bei SAS im Haarlass weiterziehen.


Das wichtigste zusammengefasst:

• Beginn 16:54 Uhr / Ende 7:25 Uhr
• Getränke und Essen können die ganze Nacht über erworben werden.
• Ab 5:30 Uhr gibt es Frühstück.
• Der Wiedereinlass ist die ganze Nacht möglich.
• Es stehen Ausruhmöglichkeiten zur Verfügung, ein kleines Kissen und eine Fleecedecke können für 3€ erworben werden.
• Es wird einen Shuttlebus geben, der jede voll Stunde vom EMBL und jede halbe Stunde vom Crowne Plaza Hotel abfährt (reservieren unter anmeldung@enjoyjazz.de).

Sonntag, 2. November 2014

Am Donnerstag in Heidelberg: Eröffnung des 63. Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg

Das 63. Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg eröffnet mit der Deutschlandpremiere "Alle Katzen sind Grau" - "Tous les chats sont gris" von Savina Dellicour

In Anwesenheit der Regisseurin Savina Dellicour aus Belgien wird mit der Deutschlandpremiere von "Alle Katzen sind grau“ / "Tous les chats sont gris“ am Donnerstag, den 6. November 2014 um 20.00 Uhr, die Eröffnung des 63. Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg in Heidelberg gefeiert.


Der Film über die Suche nach dem leiblichen Vater der pubertierenden Dorothy zusammen mit dem Privatdetektiv Paul läuft im Wettbewerb des Festivals.

"Regisseurin Savina Dellicour ist mit diesem Film eine cineastische Seltenheit gelungen“, sagt Festivaldirektor Dr. Michael Kötz. "Dieser Film erzählt seine Geschichte gleichzeitig aus der Perspektive des jungen Mädchens Dorothy und aus der Perspektive des Mittvierzigers Paul. Diese zwei Blickwinkel des Autorenkinos treffen auf ein beliebtes Format des Genrekinos, dem Kriminalfilm.“

Über den Film

Paul, Mitte 40, ist Privatdetektiv - Dorothy, fast 16, mitten in einer jugendlichen Lebenskrise. Was die beiden verbindet? Paul ist Dorothys Vater. Mit diesem Geheimnis kehrt Paul zurück nach Brüssel, wo er seine Tochter beschattet. Und wahrscheinlich würden die beiden nie aufeinander treffen, wenn nicht Dorothy Paul damit beauftragen würde, sich mit ihr auf die Suche nach ihrem biologischen Vater zu machen.


Die Eröffnung ist am 6.November um 20.00Uhr in Heidelberg im Schlossgarten I

“Alle Katzen sind grau” wird am 6. November 2014 um 20.00 Uhr in Heidelberg im Schlossgarten I aufgeführt. Filmemacherin Dellicour, die Hauptdarstellerin Anne Coesens und Manon Capelle sowie weitere Mitglieder des Filmteams werden anwesend sein.  

Sonntag, 5. Oktober 2014

Heute Abend bei Enjoy Jazz 2014: ATOMIC



Atomic

Karlstorbahnhof, Heidelberg
Beginn 21 Uhr / Einlass 20 Uhr
AK 19 €



Fredrik Ljungkvist: sax, cl
Magnus Broo: tp
Håvard Wiik: p
Ingebrigt Håker Flaten: b
Hans Hulbækmo: dr

Seit der Jahrtausendwende ist das schwedisch-norwegische Quintett Atomic Teil einer Bewegung, die den skandinavischen Jazz von der klischeehaften „Sound-Idee des Nordens“ zu befreien sucht. Statt auf den üblichen „Mountain Sound“ setzten Atomic, Fans von Charles Mingus, George Russell und Ornette Coleman, auf eine explosive Mischung aus afro-amerikanischer „Fire Music“ und europäischen Free Jazz-Traditionen.

Freitag, 3. Oktober 2014

Wie war's bei LISA SIMONE und der Eröffnung des 16. Enjoy-Jazz-Festivals in Heidelberg?

Lisa Simone in concert 

Eine der großen Full-Power-(Jazz-)Sängerinnen, lebendigsten, energiegeladensten und dynamischsten Frauenfiguren auf den (Jazz-)Bühnen der Welt mit starkem Sex-Appeal und herrlichem Entertainercharisma außerhalb der festgefahrenen Pfade ist Lisa Simone (*1962), die Tochter der legendären Nina Simone, die spätestens mit ihrem "I Put A Spell On You" oder "Don't Let Me Be Misunderstood" die große Masse der deutschen Hörer erreichte.

Ihr Vater ist Andrew Stroud, der als Soldat in Deutschland war. Die Eltern trennten sich zehn Jahre nach ihrer Geburt. Auch Lisa war bei der Army, sie arbeitete als Technischer Assistent bei der Air Force. Danach sang sie als Backgroundvocal, bevor sie 1992 in Andrew Lloyd Webbers JESU CHRIST SUPERSTAR ihr Debut als Soul Sister und Doppelbesetzung von Mary gab und ihr grandioses Talent unter Beweis stellte. 1996 ging es zunächst weiter als Swingsängerin und weibliche Doppelbesetzung, danach als Mimi Marquez in der Broadwaymusical-Produktion RENT. Diese Produktion wurde gleichzeitig auch ihre erste nationale Tour vom November 1996 bis April 1998. Im Jahr 2000 wurde sie mit ihrer Band für den Grammy nominiert und 2002/2003 war sie die Aida in der Disney-Broadwayproduktion AIDA. 2006 spielte sie die Rolle der Fantine in Claude-Michel Schönbergs Musical LES MISÉRABLES nach Victor Hugo (auf Französisch) im Muny-Theater St. Louis. 2009 brachte sie ihr erstes großes Album heraus. "SIMONE ON SIMONE" ist ganz klar eine Liebeserklärung an ihre Mutter, mit der sie das erste Lied des Albums "Music for Lovers" gemeinsam in Irland auf der Bühne gesungen hatte.

Das 16. Enjoy-Jazz-Festival Heidelberg, Mannheim, Ludwigshafen wurde gestern, 02. Oktober 2014, mit ihr in der wilhelminischen Stadthalle am Neckarufer von Heidelberg künstlerisch eröffnet. Dort, wo sich dem Besucher ein reizvolles Miteinander von Gründerzeit, Jugendstil und Renaissanceelementen bietet, verliert sich alles im Hintergrund, wenn die Sängerin mit ihren energetischen Urgewalten und zärtlichen Botschaften in der Stimme ins Licht tritt. Mit der geschickten Entscheidung, sie für den Auftaktabend zu engagieren, eröffneten Schirmherr Michael Sieber, Staatssekretät a.D., und Festivalleiter Rainer Kern das Festival im offiziellen Bereich. Statt Wiederholung und Immergleich steht Wagemut im Vordergrund, das Motto heißt für den Festivalleiter dieses Jahr klar: "Listen with your heart!". Das Festival verdankt seinen Status und erreichte Größe dem guten Zusammenspiel der Entscheidergremien in den beiden beteiligten Bundesländern, der Metropolregion Rhein-Neckar, und ganz wichtig den starken Sponsoren und Unternehmen SAS als Hauptförderer und BASF als Premiumförderer sowie weiteren Firmen.

Gleich mit ihrem ersten Lied "When I Was Young" führte uns Lisa zu den Wurzeln ihrer Musikalität zurück, ihre herausragende Mutter und vor ihr die westafrikanischen Vorfahren, die Griots waren, Lehrer, Dichter, Sänger und Geschichtenerzähler. Ein Lied voller Melancholie, Trauer und Sehnsucht: "... I was crying for you ...". Wie Lisa schon in Interviews erzählte, musste ihre Mutter hart arbeiten für ihren Erfolg, nahm sie ihre Tochter mit bei Tourneen, war autoritär, sie hatte das Sagen und verlangte von Lisa schon früh Erwachsenenfähigkeiten und -einsichten. Aber weil Lisa alles von ihr gelernt hatte, sie ihre Mutter sehr schätzte, muss sie auch heute immer wieder sagen, wie sehr sie sie liebte. Nina starb im April 2003. Lisa sang an diesem Abend Lieder von sich und ihrer Mutter.

Lisas Band bestehend aus dem virtuosen Gitarrist Hervé Samb aus Ghana, dem einfallsreich kontrastierenden Reggie Washington am Bass und einem extrem kunst- und kraftvoll African Beat mit Modern Drum und Klang- wie Beat-Zäsuren operierenden Sonny Troupé begleitet sie hervorragend durch alle Höhen und Tiefen ihrer gesungenen Emotionen, den Botschaften aus einer zärtlich-liebevollen, aber auch fauchend-vitalen Kehle und Seele mit funkigem Jazz und etlichen Anleihen, unter anderem Alphonse Mouson.

Ein zu Barrikadenstärke erblühendes "Revolution", gefolgt vom getragenen Klassiker "Autumn Leaves", hin zu einem herrlichen Song ihrer Mutter ("Ain't got no, I got life") zur Stärkung des individuellen und ethnischen Selbstbewusstseins, "I ain't got no water, I ain't got no food, I ain't got no job, I ain't got no country, I ain't got no face, I ain't got nothing ... but I've got my mouth, eyes, ears, fingers, nails ... I've got life!" führte uns mitten hinein in einen wunderbaren zweistündigen Abend voller Stimmung, mit hochaktivem und stark inspiriertem Publikum. Wir bekamen ein Lied von Lisas Tochter ReAnna zu hören, "No More Tears For You", das diese mit zwölf Jahren schrieb. Interpretiert mit leichten Gypsyzitaten in der Gitarre. Im sechsten Lied beschrieb sie die extreme Leistungsfähigkeiten ghanischer Frauen, die nicht nur hart arbeiten, sondern auch wie nebenbei im Stehen Kinder gebären können, danach überspitzt formuliert nur unter die Dusche gehen und dem Alltag wieder zur Verfügung stehen. Lisa erlebte das mit 8 Jahren. In "No World Coming" mit Begleitung von Hervé Samb führt sie uns zur Vision "new world coming in love". Mit einer extrem spritzigen Leonard-Cohen-Interpretation von "Suzanne", einem fulminanten "Big Spender" und wieder extrem beweglicher, körperbeherrschender und reizvoller Bühnenpräsenz, dem Eintauchen im Zuschauersaal und "Take It To The Father" and "Finally Free" verabschiedete sich eine sehr jung gebliebene begehrenswerte Interpretin mit einer ungeheuren Stimme von uns und ging ein lang nachhallender Abend zu Ende, der das 16. Enjoy Jazz-Festival mit 80 Auftritten gebührlich einleitete.