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Dichterhain, Bände 1 bis 4

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Sonntag, 2. August 2026

STURM AUF CEUTA - ab Juli bis 2. August 2026

 

Ausreisewillige um den 31.07.2026 bei Fnideq, Marokko (KI)

Es begann nicht mit einem Knall. Es begann mit einem Urteil, das niemand im marokkanischen Fnideq gelesen hatte, aber jeder kannte.


8. Juli 2026. In Madrid diktierte der Tribunal Supremo eine Überschrift, die trocken klang: "Rechazo en frontera." Zurückweisung an der Grenze. Wer über den Doppelzaun klettert, kann sofort zurückgewiesen werden. Wer über den Wasserweg kommt, erhält ein ordentliches Verfahren. Juristen nannten es Klarstellung der Ley Orgánica 4/2000.


In den TikTok-Gruppen von Nador, Tétouan, Tanger wurde daraus ein anderer Satz. Drei Sekunden, weiße Schrift auf schwarzem Grund, marokkanische und spanische Flagge als Emoji, dazu ein Sound, der schon 2024 bei "Quedamos el 15-9" benutzt worden war:

"El Supremo dice no devolución si entras nadando. Ceuta abierta." 

  

"Der Oberste Gerichtshof sagt, keine Abweisung, wenn du schwimmend reinkommst. Ceuta ist offen."


Niemand hatte das Urteil geprüft. Aber jeder teilte es. Und die Algorithmen liebten es. Amine, der seit Monaten in einem Lager hinter dem Lidl in Ceuta lebte und jeden Tag die geschlossenen Rollläden der Calle Real vor Augen hatte - Läden, die nicht mehr für ihn aufmachten, Toiletten mit Codes, "solo clientes" - schickte das Video an seinen Cousin Youssef in Fnideq. Youssef schickte es weiter.


Ab dem 20. Juli kamen die ersten 300 am Tag. Nicht rennend. Schwimmend. Um die Mole von El Tarajal herum, bei ruhiger See. Die Guardia Civil zog sie raus, brachte sie zur Roten Kreuz Station. Kein "heißer Pushback" mehr. Sie bekamen eine Nummer, eine Decke. Das Video davon ging wieder zurück nach Fnideq. Beweis, dass es stimmte.


30. Juli, 14:00 Uhr. Fnideq kippte. Was vorher ein Tröpfeln war, wurde ein Markt. Verkäufer verkauften Schwimmflügel, leere Kanister, Neopren-Socken für die Felsen von Benzú. Familien aus Tanger kamen nicht zum Fliehen, sondern weil sie glaubten, was ein Beamter später im El País wiedergeben sollte: "Wir kommen aus Tanger. Wir haben Reisepass, aber kein Visum. Wir glauben, morgen wird die Grenze aufgemacht." Die Hoffnung war religiös geworden.


Auf der marokkanischen Seite passierte das Seltsame, das später in allen Berichten stehen wird.


Mitternacht, Donnerstag auf Freitag, 31. Juli. Ein El País-Reporter beschreibt es so: Eine, zwei, drei Ketten von Gendarmen mit Anti-Riot-Ausrüstung, Forces Auxiliaires, Grenzpolizei, Dutzende Polizeiwagen, Panzerwagen, ein Wasserwerfer. Perfekt aufgestellt, um die Stadt Ceuta abzuriegeln. Und während sie da standen, liefen nur wenige Meter entfernt, am Strand, im hüfthohen Wasser bei Flut, zehntausende Schatten vorbei.


"Sin que nadie interrumpiera su cortejo." Ohne dass jemand ihren Zug unterbrach.


Ein Suboffizier der Forces Auxiliaires sagte: "Wir warten auf Verstärkung, um die Flut zu stoppen." Ein anderer, Isaías, Beamter aus dem Viertel Cerámica direkt am Tarajal, schickte Frauen und Kinder zurück ins Dorf und sagte den Satz, der später um die Welt ging: 


"Por aquí arriba no va a poder pasar nadie sin papeles. Los que van allí abajo por la playa van a seguir pasando. Eso es un problema que tiene España. Son cosas de la diplomacia."
"Hier oben wird niemand ohne Papiere durchkommen. Die da unten, die am Strand entlanggehen, werden weiter durchgehen. Das ist ein Problem, das Spanien hat. Das sind Dinge der Diplomatie."


Es war wohl kein offizieller Aufruf im Internet. Aber es war die zigfach geteilte Naivität, mehr erwarten zu können, und die Passivität der spanischen Polizei, die wie ein Aufruf wirkte. 2021 war es genauso gewesen. Damals hatte die EU-Kommission von "inakzeptablen Bildern" gesprochen.


Youssef war Teil des Zuges der 60.000, die um 1:17 Uhr nach Ceuta schwammen, wateten, sich von Fels zu Fels hangelten. Er trug keine Schwimmweste, nur einen schwarzen Müllsack mit seinen Papieren, fest um den Bauch gewickelt. Neben ihm ein Junge aus Guinea, 16, der nicht schwimmen konnte und sich an einem leeren Ölkanister festhielt. Vor ihm eine Frau, die ihren zweijährigen Sohn auf den Schultern trug. Keiner schrie. Man hörte nur das Plätschern und das ferne Rufen der Gendarmen, die auf den Hügeln Steinewerfer mit Tränengas beschossen, aber den Strand ignorierten.


Um 3:00 Uhr erreichte Youssef den spanischen Wellenbrecher. Spanische Polizisten standen da, überfordert, filmten nur noch. Er war in Ceuta. 30.000 waren es in den ersten 24 Stunden, sagte später die marokkanische TV-Station. 60.000 insgesamt, sagte Stadtpräsident Juan Jesús Vivas - fast so viele, wie die Stadt Einwohner hat, nur etwa 30.000 mehr leben dort.


Youssef fand das wieder, was er kannte: Ceuta war voll, aber geschlossen. Die Calle Real - Rollläden unten. Kein Laden machte auf. Das McDonald's vergab keinen WC-Code mehr. In der Notunterkunft für unbegleitete Minderjährige schliefen 400 Kinder auf Matratzen für 80. Fouad traf er nicht mehr. Fouad war einer derer, die im Nebel ertrunken waren. Mindestens 34, später waren es 50, sagten die Behörden.


Um 16:00 Uhr am 31. Juli kam die Wende. Marokko setzte Wasserwerfer ein, Spanien verlegte Einheiten des Heeres aus der Kaserne in Ceuta an die Grenze, schloss die Grenze zu Melilla in Beni Enzar. Pedro Sánchez flog ein und sprach von "Verletzung der territorialen Integrität". Im Inneren des Landes aber sagten viele der Angekommenen den Satz, den Reuters am nächsten Tag zitierte:


"Ich weiß ehrlich nicht, warum ich hergekommen bin, ich bin wohl reingefallen, und jetzt gehe ich wieder zurück. Ich habe seit gestern Mittag nichts gegessen, obwohl ich Geld hatte."


Über 50.000 gingen ab diesem Freitag freiwillig zurück. Sie hatten verstanden, dass die Videos, Meldungen, Gerüchte, falsche Tatsachen vorspiegelten. Es gab keine Wohnungen, keine Papiere, keine offenen Läden. Keine Aufnahme. Keine offenen Grenzen. Nur eine Stadt, die buchstäblich keinen Platz mehr hatte, nicht einmal eine Toilette.


Youssef blieb auch nicht. Er ging am Abend mit dem Strom der Rückkehrer zurück über den Strand, wieder an den stillstehenden Polizeiketten vorbei. In seiner Tasche eine leere Wasserflasche.

Samstag, 15. April 2017

Frauen-Rallye Aisha des Gazelles: Zarte Hände, viel PS und hübsche Amazonen


Die Weltfrauenrallye in Marokko ist bereits eine volle Medienattraktion. Die Amazonen in Pickups, Gelände- und Lieferwagen zeigen mal richtig, was Frauen sich wagen. Mercedes beschloss letztes Jahr mit einem Handwerkerinnen-Team anzutreten und belegte mit der Goldschmiedemeisterin Viola Hermann und SKH-Meisterin Vanessa Wagner als Team von handwerk magazin und der Deutschen Handwerks Zeitung den ersten Platz bei der Rallye Aisha des Gazelles. Auch dieses Jahr lassen die Frauen ihr Können spielen, surfen mit ihren bullig ausgelegten Fahrzeugen über Sanddünen und trotzen Stürmen.


Montag, 9. März 2015

Null-Kerosin-Flieger: Schweizer Pioniere starteten heute ihre Weltreise mit einem solarbetriebenen Flugzeug



DUBAI, Vereinigte Arabische Emirate (AP) - Heute morgen kurz nach Tagesanbruch starteten Schweizer Pioniere weltweit den ersten Flug um die Welt mit einem solarbetriebenen Flugzeug.



Die beiden Solar Impulse-Gründer und Piloten Bertrand Piccard und André Borschberg sagten in einer Erklärung am Sonntag, dass sie hoffen, den Entwicklungsschritt von "veralteten schadstoffarmen Technologien zu sauberen und effizienten Technologien" zu schaffen. Der Flug beginnt und endet in Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Zurücklegen werden die beiden Abenteurer rund 35.000 km ohne einen 1 ml Kerosin. Bertrand Piccard ist nicht unerfahren, er hat 1999 die Erde schon einmal mit einem Heißluftballon innerhalb von 20 Tagen im Nonstopflug umrundet. Er schaffte damit einen Weltrekord, der beinahe mit einem Absturz geendet wäre. Er landete damals unversehrt in Ägypten und wusste, dass sein nächster Flug ohne Propangas oder Treibstoff stattfinden würde.

Die Flugzeuge von Solar Impulse waren als erste in der Lage, bei Tag und Nacht ohne Treibstoff zu fliegen, angetrieben allein durch die Energie der Sonne. Das Si2-Flugzeug, das bei diesem Einmal-um-die-Welt-Flug und Dauertest für die Solartechnik verwendet wird, ist ein Einsitzer aus Kohlefaser. Es hat 17.248 Solarzellen, die das Flugzeug mit erneuerbarer Energie versorgen. Die Solarzellen laden vier Lithium-Polymer-Batterien mit einem Gewicht von insgesamt 633 kg auf.
Das Flugzeug verfügt über 72 Meter Spannweite. Das ist mehr als die Boeing 747, wiegt aber nur 2300 kg, etwa so viel wie ein kleiner LKW-Transporter.

Einige Teilstrecken, wie beispielsweise über den Pazifik und Atlantik, bedeuten fünf oder sechs Tage Flug über Wasser. Das Duo steuert Streckenpunkte in Oman, Indien, Myanmar und China an, bevor sie über den Pazifik nach Hawaii fliegen. Nach Hawaii geht es nach Phoenix, Arizona und New York zum größten Flughafen der Staaten, dem John F. Kennedy International. Der Weg über den Atlantik wird vom Wetter abhängen und könnte einen Stopp in Südeuropa oder Marokko vor dem Ende der Reise in Abu Dhabi Ende Juli bringen.

Mittwoch, 13. März 2013

Heute Abend in Heidelberg: ZORNGEBETE von Saphia Azzeddine

Mittwoch, 13. März 2013 | 20:00
Deutsch Amerikanisches Institut Heidelberg
Sofienstraße 12, 69115 Heidelberg  

Zorngebete

Saphia Azzeddine
Lesung

Regulär 9.00 Euro
Ermäßigt 6.00 Euro
Mitglieder 5.00 Euro


Die auch als „moderne Scheherazade“ aus Agadir bezeichnete Autorin beschreibt in ihrem Romandebüt eine Kindheit im Ziegenlederzelt, umgeben von Bergen und Wüste. Jbara lebt mit ihren Eltern und Geschwistern in einem winzigen, ärmlichen Dorf und rechnet mit Allah, ihrem zugleich einzigen Vertrauten. Schafe sind ihre Gefährten und nicht hinterfragte Gesetze gelten als Norm. Die Freiheit fährt zweimal pro Woche im Bus vorbei, doch eines Tages fällt ein rosa Koffer vom Bus herunter. Dieser Koffer wird Jbaras Aussteuer für ein neues Leben, das sie sich unter vielen Opfern und mit Einsatz ihres Körpers erkämpfen wird. Sie verliert ihre Unschuld, ihre Heimat und zwei Zähne, doch nie ihren derben Humor und den Glauben an Gott. Inwieweit eine Nähe zu Charlotte Roches "Schoßgebete" besteht, konnte ich noch nicht klären.

Azzeddines Romandebüt ist ein tabuloser Monolog und ein außergewöhnlicher Bildungsroman.

Saphia Azzeddine, 1979 in Agadir/Marokko geboren und in Frankreich aufgewachsen studierte Soziologie und ist heute als Drehbuchautorin und Schriftstellerin bekannt. Zorngebete wurde bereits als Theaterstück inszeniert. Ebenso begeisterte Sie mit der Verfilmung ihres zweiten Romans Mein Vater ist Putzfrau.

Tickets online kaufen zzgl. VVK-Gebühr

Mittwoch, 18. Januar 2012

Buchbesprechung: Muslim Girls


Sineb El Masrar
Muslim Girls.
Wer wir sind, wie wir leben
Oktober 2010, 208 Seiten, Paperback
(D) 14,95 €, Eichborn Verlag

Muslimische Frauen sind unterdrückt, zwangsverheiratet und zwangsverhüllt. Diese Klischees begegnen uns ständig und prägen unser Bild von jungen Frauen aus muslimischen Kulturkreisen. In "Muslim Girls. Wer wir sind, wie wir leben" räumt die Autorin Sineb El Masrar gründlich auf mit allen gängigen Vorurteilen.
Sexy, selbstbewusst und selbstbestimmt. So anders als die deutsch-deutschen Girlies oder Fräuleinwunder sind die Musliminnen der ersten, zweiten und dritten Einwanderer-Generation gar nicht. Und auch ein verhülltes Haupt heißt nicht unbedingt, dass man es mit einem weniger eigenwilligen Kopf zu tun hat. Was die Leylas, Suheilas und Hatices allerdings wirklich auszeichnet, sind die erschwerten Ausgangsbedingungen, denen sie unterworfen waren und noch immer sind. Erfolgreiche Migrantentöchter in Kultur, Wissenschaft, Kunst und inzwischen auch in der Politik berichten nicht nur von mangelnder Unterstützung zu Hause, sondern auch von Lehrern, die sie chronisch unterschätzten und sich eher als Bildungsbremse entpuppten. Dass Muslimas dennoch wichtige Rollen in unserem gesellschaftlichen Leben spielen, ist ihrer Hartnäckigkeit und ihrem Durchhaltevermögen zu verdanken.
Anhand der eigenen Erinnerungen, im Austausch mit Gleichgesinnten und auf der Basis harter Studienergebnisse zeichnet Sineb El Masrar ein Bild der modernen deutschen Muslima, das viele überraschen wird. Gleichzeitig bricht sie ein Lanze für sinnvolle Integrationskonzepte und sagt der Stereotypisierung den Kampf an.

Sineb El Masrar, Herausgeberin des multikulturellen Frauenmagazins Gazelle und Teilnehmerin an der Deutschen Islam-Konferenz, gewährt mit ihrem Buch „Muslim Girls" Einblicke in die vielfältige Lebensrealität junger Frauen, die längst in Deutschland angekommen sind. Auch wenn die öffentliche Wahrnehmung - nicht zuletzt unterstützt durch die Medien - eine andere ist.

Die Autorin:
Sineb El Masrar, 1981 als Tochter marokkanischer Einwanderer (ihr Vater kam mit einem Wanderzirkus nach Deutschland) in Hannover geboren, ist in der niedersächsischen Provinz aufgewachsen. Sie gründete nach zwei Ausbildungen als Erzieherin und Kauffrau und einigen Stationen Marktforschung an VHS, Grundschulen und in der Filmbranche im Jahr 2006 das einzige multikulturelle Frauenmagazin Gazelle und saß in der Arbeitsgruppe Medien der Integrationskonferenz von Maria Böhmer im Kanzleramt. Heute ist sie Teilnehmerin der Deutschen Islam-Konferenz. Sie lebt und arbeitet in Berlin.