TEUFELSKINDER von Jules Amedée Barbey D'Aurevilly

Freitag, 3. April 2026

Gibt es ein historisches Ostertrauma? - Teil 2

AI, gemeinfrei


Ostern ist im europäischen Kulturraum eines der emotional aufgeladensten Feste: Passion, Leid, Tod und Auferstehung stehen als Parallele zu Fastenzeit und Entbehrung, abgelöst durch die Osterzeit mit kommendem Überfluss und Neubeginn. Viele Konflikte, Pogrome und politische Umbrüche ereigneten sich rund um Ostern, weil dieser Zeitraum die Spannungshöhepunkte mit viel Volksbeteiligung stellte. Machtwechsel fanden oft symbolisch an Feiertagen statt, Spannungen zwischen Konfessionen entzündeten sich an den gegensätzlichen Ritualen, so die Osterpogrome im Mittelalter, politische Umstürze, die bewusst auf Ostern gelegt wurden, militärische Offensiven, die Fastenzeit oder Osterwoche nutzten - nichts anderes als ein kollektives Gedächtnis an Gewalt, die sich an einem eigentlich friedlichen Fest entzündete (siehe Teil 3). 

Ostern markierte in agrarischen Gesellschaften auch das Ende der kargen Winterzeit und den Beginn der arbeitsintensiven Saison. Natürlich auch die Phase, in der Vorräte knapp wurden. Die Angst vor dem Übergang: Wird die Ernte gelingen? Reichen die Vorräte? Übersteht die Gemeinschaft den Frühling? Und dann der Mord am christlichen Erlöser, wieder und wieder erlebt, aufgefangen durch Auferstehung ... Unendliche Gnade des Weltherrschers ...

An dieser Schnittstelle zweier mächtiger kultureller Rhythmen trifft christliche Passion mit Leid, Tod, Schuld, Erlösung auf vorchristliche Frühlingszyklen. Wiedergeburt der Natur, Fruchtbarkeit, Aufbruch in ein neues Leben. In vielen Regionen Europas wurde diese Ambivalenz ritualisiert – etwa durch Fasten, Prozessionen, Passionsspiele oder strenge soziale Normen in der Karwoche.

Das „Trauma“ liegt hier in der emotionalen Überforderung der Gläubigen: ein Fest, das gleichzeitig Entbehrung und Überfluss, Tod und Neubeginn in wenigen Tagen inszeniert. Für junge und alte Christen ein wahnsinniger Stress, der mit der Kreuzigung nach einem entbehrungsreichen Winter beginnt und einem Gefühlsmarathon zur unkörperlichen Auferstehung führt. Jesus lebt! Er wirkt weiter durch Gott! Warum wurde das getan, wer waren die Täter? Hier haben die Machthaber politische Ziele eingesetzt und die Menge konnte sich abreagieren. Massenpsychologie vom Feinsten ...

  

Warum antijüdischer Hass von jeher unbegründet und verkehrt ist

Antijüdischer Hass ist eines der langlebigsten und folgenreichsten Fehlkonstrukte einiger Verblender der europäischen Geschichte. Er ist unbegründet, weil er auf falschen Zuschreibungen, Mythen und Projektionen beruht. Und er ist verkehrt, weil er moralisch, historisch und rational jeder Grundlage entbehrt. Er ist unversöhnlich und begeht die schlimmsten Verbrechen ohne Skrupel.

Über Jahrhunderte wurden Juden mit Rollen belastet, die nicht aus ihrem tatsächlichen Handeln, sondern aus den Ängsten und Bedürfnissen der Mehrheitsgesellschaft entstanden:

  • Sündenbock in Krisenzeiten
  • Projektionsfläche für religiöse Schuldzuschreibungen
  • Erklärungsmuster für ökonomische Spannungen
  • Zielscheibe für politische Ablenkungsstrategien

Diese Zuschreibungen sagen nichts über jüdische Menschen, aber sehr viel über die Gesellschaften, die sie erfanden. Viele der historischen Anklagen gegen Juden – etwa „Gottesmord“-Vorwürfe, Hostienfrevellegenden oder Ritualbeschuldigungen – sind theologisch falsch, historisch unhaltbar und kulturell konstruiert.

  • Die Passionserzählung ist kein historischer Gerichtsakt, sondern ein religiöser Text mit spiritueller Bedeutung. Die Zuschreibung kollektiver Schuld widerspricht jeder Logik und jeder Ethik. Ritualmord- und Brunnenvergiftungslegenden sind nachweislich Erfindungen, die in Krisenzeiten instrumentalisiert wurden.

Diese Mythen dienten der Legitimation von Gewalt, nicht der Wahrheit. Ein verbreitetes Missverständnis der Geschichte ist die Vorstellung, Juden seien „mächtig“ oder „einflussreich“ gewesen. Tatsächlich waren sie viel häufiger und in der Mehrzahl rechtlich eingeschränkt, ökonomisch abhängig, politisch schutzlos, sozial marginalisiert. Berufe, die Juden ausübten (z. B. Geldverleih), waren ihnen oft aufgezwungen, weil andere Tätigkeiten verboten waren. Die daraus resultierenden Spannungen wurden dann wiederum gegen sie gewendet. Antijüdischer Hass ist also nicht nur unbegründet, sondern er bestraft die Schwachen für die Zwänge, die ihnen auferlegt wurden. Und zwar bestraft er die Gruppe der Andersdenkenden und nicht die Individuen. 

Über Jahrtausende haben jüdische Gemeinden Wissenschaft, Medizin und Philosophie geprägt, Handel, Städtewesen und Bildung gefördert, Kunst, Musik und Literatur bereichert und kulturelle Vielfalt gestärkt.

Antijüdischer Hass ist daher nicht nur falsch, sondern immer selbst- und fremdzerstörerisch:
Er richtet sich gegen einen Teil der eigenen kulturellen Wurzeln. Sämtliche Pogrome, Vertreibungen, Enteignungen, soziale Verwüstungen, kulturelle Verluste und menschliches Leid in unermesslichem Ausmaß brachten einer Gesellschaft weder Stabilität, Wohlstand noch moralische Integrität, sondern immer SCHADEN – an den Opfern und ihrer Welt und den Tätern in ihrer konstruierten Wirklichkeit, die eine verkehrte und erlogene ist. Die NS-Vergangenheit Deutschlands führte über gewaltige Tötungsexzesse zu einer Apokalypse des Bösen und Niederträchtigen, zu einem implodierenden Vakuum der Hasslüge. Es offenbarte sich nichts als gottlose Erbärmlichkeit und Spitze der Selbstleugnung ... Kinder, Frauen, Männer, Alte, Gelehrte, Kreative und Gläubige wurden entmenschlicht.


TEIL 3

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