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Dichterhain, Bände 1 bis 4

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Dichterhain, Bände 5 bis 8

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Sonntag, 8. April 2012

Dichterhain: Einmal noch von Siglinde Goertz



Einmal noch – wie früher mit dir lachen! 
Einmal noch – dich trösten, wenn dein Glück zerbricht!
Einmal noch – mir Sorgen um dich machen! 
Einmal noch – ein Blick in dein Gesicht! 

Einmal noch – möcht ich mich mit dir streiten! 
Einmal noch – in deine Augen sehn! 
Einmal noch – zur Schule dich begleiten! 
Einmal noch – mit dir spazieren gehn! 

Einmal noch – auf dich warten bis zum Morgen! 
Einmal noch – vor Angst beinah vergehn! 
Einmal noch – dir Geld für Kippen borgen! 
Einmal noch – es niemals wiedersehn! 

Einmal noch – dein erstes Lächeln sehen! 
Einmal noch – deinen allerersten Schritt! 
Einmal noch – dir zur Seite stehen! 
Einmal noch – hören: „Mama, gehst du mit?“ 

Einmal noch – ein Bierchen mit dir trinken! 
Einmal noch – mit dir ins Kabarett! 
Eimnal noch – dir zum Abschied winken! 
Einmal noch – sagen: „Marsch, ins Bett“! 

Einmal noch – über's Haar dir streichen! 
Einmal noch – verpflastern deine Knie! 
Einmal noch – telefonisch dich erreichen! 
Einmal noch – lästern: „Schau mal die“! 

Einmal noch – dir ein Schlaflied singen! 
Einmal noch – stinkwütend auf dich sein! 
Einmal noch – Kaffee ans Bett dir bringen! 
Einmal noch – mich an deiner Schönheit freu’n! 

Einmal noch – in meinem Arm dich spüren! 
Einmal noch – will ich dich wiedersehn! 
Einmal noch – deine warme Haut berühren! 
Nur einmal noch! - Und dann lass ich dich gehn!


© Siglinde Goertz, Uedem

Ostermeditation von Harma-Regina Rieth: Auferstehung


(c) Harma-Regina Rieth

Und meine Gedanken sind bei dir ... jeden Morgen - jeden Tag - jeden Abend

Jeder Morgen ist voller Geräusche und Klänge der Natur
Jeder Morgen ist voller bauschiger Wolken am Horizont
Jeder Morgen ist voller Sonnenschein, wenn sich der Morgen mit dem Tag vereint



Jeder Tag ist Anfang und Ende einer Lebenszeit
Jeder Tag zieht einen Kreis im Zeitfluss Leben
Jeder Tag ist ein Zurückkehren in das Zeitgefühl, ohne sich darin zu verlieren


Jeder Abend ist voller Rhythmus im Intervall der Zeit durch den Körper
Jeder Abend ist voller aufgewühltem Knistern in der kommenden Schwärze der Nacht
Jeder Abend ist voller Nachdenklichkeit im Zeitgefühl des Seins


Und wenn dann der Löwenzahn seine Fallschirme durch den Tag und die Nacht schickt
Die aufgewühlten Tag- und Nachtseelen friedlich durch die Landschaft fliegen
Breitet sich das Gefühl der Zufriedenheit aus

Die Gedanken ruhen in der Nacht 
Wie eine schläfrige Katze am Tage im warmen Sande


Nichts MÜSSEN, nur DÜRFEN und KÖNNEN - in GEDANKEN bei dir ...


(c) Harma-Regina Rieth

Samstag, 7. April 2012

Künstlerischer Protest gegen die HEILIG-ROCK-WALLFAHRT: Die HEILIGE UNTERHOSE VON KARL MARX

Die „Heilige Unterhose" von Karl Marx. foto: schwickerath

Der Trierer Künstler Helmut Schwickerath sieht im Beinkleid unseres berühmten Rheinland-Pfälzers Karl Marx ein provozierendes Gegenstück zum Heiligen Rock. Der Heilige Rock Christi - das angebliche Gewand von Jesus Christus - ist eine Reliquie, die ab dem 13. April im Trierer Dom öffentlich ausgestellt wird. Rund 500 000 Pilger aus aller Welt werden erwartet. Weil dem Künstler diese Verehrung zuwider ist und er die Reliquienverehrung als unmündige Aktion von Gläubigen, die sich plump irreführen lassen, ablehnt, hat er eine Gegenrelique entwickelt: die Unterhose von Karl Marx.
Diese „Reliquie" war erstmals bei der Heilig-Rock-Wallfahrt 1996 in einer Kunst-Ausstellung auf einem „Altar" postiert worden. Ab dem 14. April 2012 wird sie erneut in der Nähe des Muse­ums Karl-Marx-Haus ausgestellt - als Herzstück eines Triptychons, im Schaufenster eines Sportgeschäftes. Die Unterhose prangt auf ultramarinblauem Grund, auf den Seitenflügeln sind Gemälde von Helena Demuth und der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht, Freundin von Os­kar Lafontaine, zu sehen. Letztere „in demütiger Haltung mit zarter Kopfneigung, über ihr ein Adler mit einem Buch", sagte Schwicke­rath, der in Trier zwei Semester katholische Theologie studierte.
Kein Wunder, das die Wogen der Katholiken hochschlugen, das sei Blasphemie ... andere lachen sich einen Ast. Der Künstler hat sich für die Marx-Unterhose eine Story zusammengedichtet: Die Haushälterin Lenchen Demuth hat das gute Stück auf einer Reise von London in ihre saarländische Heimat mitgenommen, um es zu stopfen. Die Hose gelangte in die Hände ihres Schwagers und blieb lange verschollen - bis ein Forscher sie Ende des 20. Jahr­hunderts bei dem letzten Überle­benden der Familie auf dem Spei­cher fand. Na? Ist das nicht schön? Schwickerath hält Pilgerzüge nach Berlin für besser, um dort öffentlich gegen den Afghanistankrieg oder Sozialabbau zu beten.

Besuch in der Hamburger Kunsthalle, Simon Fujiwara II


In seinen Texten, Installationen und Performances verknüpft Simon Fujiwara die eigene Biographie mit fiktiven Erzählungen. Als Künstler, Schriftsteller und Architekt inszeniert er in seinen Installationen die historischen, politischen und soziologischen Hintergründe der Vergangenheit. 2010 gewann Simon Fujiwara den Baloise Kunst-Preis der 41. Art Basel. Dank der Baloise Group und der Stiftung für die Hamburger Kunstsammlungen konnten zwei Werke des jungen britischen Künstlers für die Hamburger Kunsthalle erworben werden, die in der Galerie der Gegenwart zu sehen sind.

II.
In The Personal Effects of Theo Grünberg, 2010 spürt Fujiwara dem Leben Theo Grünbergs nach. 2008 erwarb der Künstler die Bibliothek Grünbergs, bestehend aus fast 1.000 Büchern sowie Tagebüchern, Schallplatten, Zeitungsausschnitten und Postkarten. Bei dem Versuch, aus den vorgefundenen Bruchstücken die Lebensgeschichte des Mannes zu rekonstruieren, entdeckt Fujiwara drei verschiedene Theo Grünbergs, den um die Jahrhundertwende lebenden Anthropologen und Amazonas-Forscher, einen jüdischen Professor für Sexualkunde, der 1960 starb, und einen Professor für Logik von der Universität Ankara. Obwohl alle drei nicht die Besitzer der Bibliothek waren, scheinen die Bücher und Gegenstände jeweils Teile ihrer Biographie widerzuspiegeln. Fujiwara präsentiert seine Suche, die ihn von Berlin bis zum Amazonas führte, als Performance vor der Kulisse der Bibliothek Grünbergs. Dabei verselbstständigen sich die drei Biographien und geraten zu einem Bild deutscher Zeitgeschichte.

Simon Fujiwara (*1982 London, lebt und arbeitet in Berlin und Mexiko City) studierte Architektur in Cambridge sowie bildende Kunst an der Städelschule in Frankfurt am Main. Teilnehmer der 53. Biennale von Venedig (2009), der Manifesta 8 (2010), Preisträger des Cartier Award der Frieze Art Fair in London (2010). The Personal Effects of Theo Grünberg wurde 2010 auf der Biennale in Säo Paulo gezeigt.

Ab 12. April im Kino: The Grey - Unter Wölfen



Ein packendes Abenteuer um Leben und Tod in der Wildnis von Alaska

THE GREY
Unter Wölfen

Mit Liam Neeson, Frank Grillo und Dermot Mulroney
Regie: Joe Carnahan
Kinostart: 12. April 2012
Im Verleih von Universum Film 

Der Film sprang am Startwochenende in den USA auf Anhieb auf Platz 1 und spielte 20 Millionen US-Dollar ein.

John Ottway (LIAM NEESON) ist in Alaska bei einem Ölunternehmen angestellt, um dort die Bohrarbeiter vor wilden Tieren zu schützen. Er und ein Trupp Männer befinden sich auf dem Rückflug in die Heimat, als ihr Flugzeug in einen heftigen Sturm gerät und in der Wildnis abstürzt. Eisige Kälte empfängt die Männer in einer scheinbar unendlichen Schnee-Hölle. Die acht Überlebenden, die unterschiedlicher nicht sein könnten, versuchen sich in Richtung Süden durchzuschlagen – doch Hunger und Kälte sind nicht die größte Gefahr: Die Absturzstelle liegt inmitten eines Jagdreviers von Wölfen. Das Rudel hat die Männer bereits entdeckt und nimmt die unerbittliche Verfolgung auf.

In einem atemberaubenden Wettlauf gegen die Zeit liefern sich Mann und Wolf ein gnadenloses Duell um Leben und Tod. Nur gemeinsam als Gruppe können die Männer jetzt überleben. Jeder Fehltritt, jede Schwäche eines Einzelnen, kann sie das Leben kosten. Klassischer Neuaufguss der Flugzeugabsturzdramen, immer beliebt ...

Ein packendes Abenteuer in einer Wildnis, die keine Gnade kennt: Regisseur Joe Carnahan („Das A-Team – Der Film“, „Smokin’ Aces“) und die Produzenten Ridley und Tony Scott ("Robin Hood", "Man on Fire") haben sich mit Liam Neeson („Kampf der Titanen“, „96 Hours“) in der Hauptrolle in Alaska einen atemberaubenden Schauplatz für THE GREY ausgesucht.




Freitag, 6. April 2012

Ostermeditation mit Harma-Regina Rieth: Kreuzigung


(c) Harma-Regina Rieth
Ein Seufzer nur...
Wie ist denn die Ewigkeit 
Wie kann sie nur sein ...
Ein Seufzer am Tag 
Für dich allein
Wie ist denn die Ewigkeit 
Wie wird sie nur sein ...
Ein Seufzer in der Nacht 
Für dich allein


Wie ist denn die Ewigkeit 
Wie soll sie nur sein ...
Ein Seufzer nur in der Unendlichkeit 
Für dich allein
Lass mich in der Nacht in den Glanz der Sterne fliegen 
Lass mich am Tag in den goldenen Sonnen wiegen 
Lass mich jeder Zeit im Himmel meine Ängste besiegen
Fühl dich wohl in der Ewigkeit
Und nicht nur du allein
Ein Seufzer nur
Und es ist vergessen alles Leid ...


(Für Inge)          (c) Harma-Regina Rieth

2012 ist nicht nur Weltuntergang, sondern auch 200. Geburtstag der Erstausgabe der Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm


Hinter den Märchen steckt recht oft Erotisches, dabei lassen wir die unsere Kinder lesen... Früh übt sich, wer eine gesunde Begehrstruktur braucht. Handelt es sich um heiße Liebesnächte im Rapunzel-Turm? Der lüsterne Verführer vor der Tür der sieben Geißlein? Oder die Gefahr der vorzeitigen Entjungferung im Bett der Großmutter?
Für den Germanisten und Direktor des Instituts für Jugendbuchforschung an der Frankfurter Goethe-Universität, Hans-Heino Ewers, stecken in den "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mehr als nur schöne Geschichten.
Er wolle sie wieder für erwachsene Leser interessant machen, sagte Ewers. Am Sonntag, 22. Januar, wurde hierzu in Kassel das Grimm-Museum nach einer längeren Sanierung neu eröffnet.

Eigentlich waren Märchen drastische Erotikgeschichten

Wer ist der Vater von Rapunzels Zwillingen?
Das Brüder-Grimm-Museum in Kassel hat wieder geöffnet.
Bis zu den Grimms waren Märchen alles andere als Kinderlektüre gewesen: "Die Aufklärer des 18. Jahrhunderts wollten den Kindern nicht vorgaukeln, dass es Zauberei und Magie gibt. Außerdem waren Märchen eigentlich Liebes-, Heirats- und oft sehr drastische erotische Geschichten.
Und das hatte bei Kindern nichts zu suchen. Dann kamen die Grimms auf den Gedanken, Märchen seien die ideale Kinderlektüre. Alle griffen sich an den Kopf: "Jetzt sind sie übergeschnappt."
Dass die "Kinder- und Hausmärchen" heutzutage dennoch vor allem in den Kindergärten und Grundschulen anzutreffen sind, lasse sich auch auf die Grimms zurückführen: Nachdem einer ihrer Dichterfreunde sie darauf hinwies, dass ihre Storys überhaupt nicht kindgerecht seien, hätten sie bis 1819 die Märchen überarbeitet.
Sie unterdrückten die Liebesthematik und machten aus Heiratsgeschichten in der zweiten Auflage Kinderfreundschaftsgeschichten. Das treibt zuweilen seltsame Blüten. Am witzigsten ist das bei "Rapunzel".
Das Mädchen ist am Ende schwanger und kriegt Zwillinge, aber man ahnt im ganzen Text nicht, wie das kommt. In der ersten Auflage der "Kinder- und Hausmärchen" sind die Liebesnächte im Turm noch angedeutet.

Auch "Rotkäppchen" ist ein Liebesabenteuer

Nach Ewers Schätzung sind ein Viertel bis ein Drittel der rund 200 Texte in der Sammlung Märchen. Der Rest sind Schwänke von der Art des "Tapferen Schneiderleins".
Die Märchen erkenne man aber immer an der Liebes- und Heiratsthematik: Auch "Rotkäppchen" ist ein Liebesabenteuer. Das ist eine sogenannte Tierbräutigamsgeschichte. Rotkäppchen soll sich nicht von irgendeinem jungen Schürzenjäger vorzeitig entjungfern lassen. Bei "Der Wolf und die sieben Geißlein" repräsentiert der Wolf auch den männlichen Verführer, vor dem die Geißenmutter ihre Töchter schützen will.
Im Mittelpunkt der Märchen steht aber laut Ewers nicht etwa ihre Lehre: "Sie sollen in erster Linie unterhalten - Geschichten werden erzählt. Märchen sollen zwar in den Kinderstuben bleiben, aber auch die Älteren sollen sie als das entdecken, was sie immer gewesen sind: Erzählungen für Erwachsene."
Das Grimm-Museum ist übrigens unweit von dem bereits vorgestellten Sepulkralkultur-Museum, siehe zwei Beiträge davor.

Donnerstag, 5. April 2012

Ostermeditation mit Harma-Regina Rieth: Ölberg


(c) Harma-Regina Rieth
Lasst mich jetzt einfach nur ICH sein ...
Lasst mich jetzt einfach nur auf den Wolken schweben
Lasst mich jetzt einfach nur den Mondschein und dann die Nacht für mich entdecken
Lasst mich jetzt - einfach nur noch höher in den Himmel recken ...


Lasst mich jetzt einfach nur zur Pflanze werden
Lasst mich jetzt einfach nur die Tiere verstehen
Lasst mich jetzt einfach nur zu neuen Wesen gehen
Lasst mich jetzt einfach nur zum Weisen werden
Lasst mich jetzt einfach nur neue fremde Ufer finden
Lasst mich jetzt - einfach nur ins Weltall entschwinden


Lasst mich jetzt einfach nur mutig sein und ohne Furcht


Lasst mich endlich Schmetterlinge lachen hören


Lasst mich jetzt - mich mit Nektar betören
Entgegen des Gipfels - in mir selbst abwärts gelassen blicken
Frieden mit meinem NEUEN LEBEN finden


Und auf immer lebendig sein hier auf Erden und nicht im Vergangenen rühren


Lasst mich einfach ICH sein....

(Für Inge)                                                                                                 (c) Harma-Regina Rieth

Seltenes Museum in Kassel rund um den Tod

In Kassel gibt es ein Museum für Sepulkralkultur. Alles rund um den Tod, Trauer, Beerdigung, Riten, Kulte. Selbst für Kinder und Jugendliche alles verständlich rund um den Tod. Die Aura ein bisschen nekrophil anmutend, aber andererseits, man kann den Tod nicht ausklammern, er ist überall gegenwärtig. Aber müssen wir ihn ausstellen?

Der Tod
Ist es so wie in der berühmten Gewölben vom ehemaligen Franziskanerkloster in Palermo, wo die Leichen an der Wand hängen, angezogen, präpariert? Nein, Leichen aus der Jetztzeit - etwa die geklauten aus der Kölner Pathologie - oder nahen Vergangenheit werden nicht ausgestellt.  Der Besucher kann, soll und darf sich mit dem Tod auseinandersetzen. Von Hagen hat mit seinen Plastinaten ja einen riesigen Erfolg, obwohl die Kritik stark war. Das Museum hofft ebenfalls, die Besucher vermehrt anzulocken. Aber sie schaffen es noch nicht über 24.000 Besucher im Jahr. Das unweit entfernt liegende Gebrüder-Grimm-Erlebniswelt eröffnet 2014. Vielleicht bringt das mehr Besucher. 

Aber was bringt uns die Beschäftigung mit dem Tod, seinen Formen, wie er interpretiert wird, wie er zugefügt wurde, wie er sein kann und wie er ist? Können wir uns besser vorbereiten? Wird der Weg leichter? Wird die deutsche Beerdigung dadurch billiger? Sparen wir Geld? Bekommen wir Rabatt beim Bestatter? Oder bleibt es bei den peinlichen 7.000/8.000 € für Feuerbestattung und ab 12.000 € für die Erdbestattung (Inklusivkosten)? Bleibt es bei den Gesetzen, die eindeutig FÜR Bestatter gemacht wurden? Eine Beerdigungsmaschine, die sich am Tod dumm und dämlich verdient?

Tibetanische Totenmaske
Das Kasseler Museum ist das einzige Museum seiner Art in Deutschland und eines der wenigen weltweit. Es gibt noch ein paar in den USA, die von Bestattungsunternehmen finanziert werden, und selbstverständlich die jeweiligen (Naturvölker-)Beerdigungsstätten, z.B. auf Polynesien (präpariert, trocknend, auf Pfahlbauten hockend), Bali, in Indien am Ganges verbrennend, in Tibet die Himmelsbeerdigungsstätten, wo Leichen zerschlagen (!) und an Raubvögel verfüttert werden etc. ... Die Bezeichnung kommt übrigens vom lateinischen Wort "sepulcrum", was Grab oder Grabmal bedeutet. Bei einem Rundblick über die Erde erfahren wir Neues, Erschreckendes, jedenfalls immer Buntes. Beerdigt wird sehr vielfältig. Kinder haben das Museum in KAssel angeblich wegen seiner gruseligen Gestalten als Ort der Begegnung entdeckt. Sie feiern dort häufig Kindergeburtstag.

2009 waren erstmals Leichen in Mumienform im Sepulkralmuseum zu sehen. Die neue Sonderausstellung "Galgen, Rad und Scheiterhaufen - Einblicke in Orte des Grauens", beschäftigt sich mit den Hinrichtungsstätten des Mittelalters. Auch da kommen wir manchmal noch ins Staunen, wie man Leben beendet hat, wie brutal und grausam die Strafen waren.

Die Betreiber wünschen sich eine religionsübergreifende Beteiligung mit Juden und Moslems an Bord, um die Trägerschaft des Museums zu erweitern, was ja auch Geld zum Betreiben bringt. Bislang sind unter anderem der Bund, das Land Hessen und die Stadt Kassel sowie die evangelische und die katholische Kirche Träger.










Mittwoch, 4. April 2012

Walter Brusius stellt ab 15.04.2012 aus - Der Ziegenmelker im Maler-Zang-Haus, Birkenfeld



Ein ungewöhnliches Menü mit Madeleine Giese und Gavin West

Gibt es ein Leben nach dem Tod? Oh je, was sich da die Leute streiten, die Religionsgründer und -vertreter für Versprechen parat halten. Vom Dasein in den Armen von Jungfrauen, paradeisisch (!) verwöhnt und gebobbelt, bis zur Schwebeposition auf Wolke 10 und größer ... Die Inkarnation ist ja in Asien gang und gäbe, die Wiederkunft, bis man alles abgearbeitet und gesühnt hat oder in einem besseren Zustand, der Dalai Lama verzichtet gar auf die Wiederkehr, wenn er dafür Seelen retten kann ... Wie selbstlos ... Bei diesen Milliarden der Erdbevölkerung ist die Wiederkunft gegeben - und anders als im Christentum, das ist ja nur eine Auferstehung in Jenseitspositionen, aber nicht mehr auf der Erde, kennt - sogar mehrfach. Margarete Giese hat in ihrem Werdegang bereits die dritte Inkarnation innerpsychisch angetreten, was uns vor völlig andere Perspektiven stellt (siehe ihre Webpräsenz). Die Reifung des Ich durch Mehrfachtode im Leben ... Wobei wir ja auch beim Thema wären.

Tote und Tode, wohin das Auge blickt. Seit Jahren lässt sie sterben, an Giftchen, Mittelchen oder Safran, dieses beliebte Aphrodisiakum, das bei Anäis Nin schon für Zündstoff sorgte, überdosiert allerdings sehr gefährlich ist. Ihre Figur Gewürzhändler Dude stirbt in ihrem aktuellen RadioTatort "Der lachende Tod" an einer Überdosis Safran ... Sie hat übrigens bereits fünf Romane auf den Markt gebracht, zuletzt "Nachtvogelflug" beim Aufbau-Verlag. Daneben Erzählungen, Hörspiele und Krimi-Dinner.
Letzten Mittwoch, 28.3.2012, war Madeleine Giese im MAX, Winnweiler mit "ERLESENE ZWISCHENGÄNGE" - WEIN, WEIB, MORD" und las aus ihren Werken. Begleitend zu ihren fesselnden Geschichten und Songs spielte Gavin West gekonnt und überzeugend Jazzmelodien auf der Gitarre. Ich hatte ihn im Djulia Trio unlängst ebenfalls sehr positiv erlebt.
Bereits im ersten Song zeigte sich uns die männermordende, formulierungsvirtuose Autorin von ihrer lustig-genüsslichen "Killerseite", reihenweise Tote als Amuse-Gueulle.  Da sie  es  ja wirklich darauf anlegte, uns den Abend ordentlich zu verderben, jedenfalls den Appetit, hörten wir auch viel dergleichen. Sie kredenzte uns sodann ein Gedicht über die Vorzüge  des Champagners.
An dieser  Stelle muss ich gleich einfügen, dass meine Erwartungshaltung von Lesung plus Dinner so nicht erfüllt wurde. In der Planung wohl vernachlässigt, speisten die Leute oder waren schon fertig, als die Autorin erst zu den (Zwischen-)Gängen und eben am Ende zum Dessert  aufrief. Das hätte noch eine sehr angenehme Parallelität erzeugt, wenn es geplanter abgelaufen wäre. So war es auch kein Beinbruch, war aber nicht am Lese-Ablaufplan orientiert, was eine sehr gekonnte Note verliehen hätte.
Es wird Wein aus Persien kredenzt und die alte Überlegung, ob es besser sei nüchtern  oder mit einem Glas Wein über Probleme nachzudenken. Das alte Sprichwort aus Persien, besungen beim Klassiker Rumi, heißt ja "Wer Wein säuft wie Wasser, der ist ein Esel". Dosiert kann er dagegen beste Wirkung haben. Eine beeindruckende Statistik aus dem Altersheim Elisabethenstift Darmstadt aus dem 19. Jahrhundert brachte es übrigens auf 10.000 Flaschen Wein Konsum (man sprach dem Wein eine große Heilwirkung zu), 60 Flaschen Champagner (wer den wohl getrunken hat?) und 350 Flaschen Portwein pro Jahr.
In der Folgegeschichte ging es um einen 1-Dollar-Liebestrank und einen Lebensreiniger, die in einem Spezialgeschäft für Trinkkuren und -waren zu beziehen sind. Den Trank für 1 $ benötigt man, um die Lust anzukurbeln, und erlebt auch Ungeheuerliches. Leider macht er eifersüchtig, was das Gegengift Lebensreiniger für 50.000 $ erforderlich macht, um den nicht mehr ausstehbaren Partner zu beseitigen, sein Leben eben von ihm reinigt ...
In "Auf Bestellung Mord" geht es gleich mit einer Bestellung los. Das Missverständnis dominiert: "Soll ich den Fisch umbringen?" statt " ... eine Erfrischung bringen?" Die Sache eskaliert, aus einem Fauxpas, Ketchupbestellung im Restaurant zum Essen, und einer Bemerkung von wegen Übergewicht bei ihr kommt es zu einem zünftigen Streit auf der Dachterrasse, der in einem fürchterlichen Absturz endet.
In einer Abwandlung von Loriots Adventsgedicht offeriert Madeleine Giese ein Ostergedicht von der Försterin, die ihren Mann in einer sternklaren Nacht umbringt, quasi als Hauptspeise. Die Waldbewohnerin zerlegt ihren Mann sodann und schichtet elementare Teile fein säuberlich auf, die Reste verschenkt sie an die Osterhasen zum Weiterverteilen. In manchem Haushalt gellten dann wohl Entsetzensschreie beim Öffnen der Geschenke durch den Raum.
In "Herzenswünsche" ein absurdes Treiben von abgedrehten Persönlichkeiten. Zum Beispiel Ellen,  die chronisch nicht nein sagen kann, deswegen in Therapie ist, zum Geburtstag bei einer Feier für Sanna dabei ist, die einen Stripper geschenkt bekommen soll, der auch tatsächlich der Torte entsteigt, sich aber eher als Metzgergeselle entpuppt denn als erotischer Mann auf Bestellung, wie angekündigt. Im weiteren Verlauf der Party eine durchgeknallte Sanna, die nackt zu Stevie Wonders "Happy Birthday" tanzt, später ihre Brüste und mehr mit Nutella beschmierte, während die Feier absoff und Sanna ab dem nächsten Tag nicht mehr auffindbar war.
Zum Abschluss und Dessert gewissermaßen dann wichtige Informationen zum genussvollen Verbrauch von Kalorien. Während Küssen es nur auf 3 und Umarmen auf 4 kcal bringt, ist Intimverkehr schon besser, aber immer noch schwach, wenn nicht täglich praktiziert (dann 125 kcal), mit Extras 185 und ekstatisch 200 kcal. Orgasmus per se sind dann 40, aber vorgetäuscht schon über 140 kcal, was dann hinzuaddiert einen sinnvollen Verbrauch erzeugen kann. Solchermaßen informiert, sollten wir dann einen ausführlichen Liebesplan für jeden Tag aufstellen, um die Menüs von Madeleine Giese abzuarbeiten. Ein Trost,  da  wir aber eh nicht viel anderes zu uns nehmen, während wir zuhören, können die paar Kalorien auch relativ gut abgeliebt werden ... ;-)

Poesie-Vademecum aus den Schweizer Alpen: Poesie-Agenda 2012



Der Schweizer orte-Verlag, beheimatet in der appenzellischen Bergwirtschaft Rütegg, hat dieses Jahr die 29. Poesie-Agenda herausgebracht. Und was der Bündner Poet Hans Gysi in einem seiner Gedichte schrieb, es gilt:

dichter sind beliebt beim volk
dichter bekommen einen sockel
wenn sie tot sind
lang lebe der dichter 

Während der deutsche Poet Wendel Schäfer meint:

Mitten auf der Wiese
legt sich ein Halm
zum Sterben nieder. 
Er wird eine Lücke hinterlassen

Der große und einst zu den Konkreten gehörende und leider vor einigen Jahren verstorbene Poet Claus Bremer jedoch fordert uns über seinen Tod hinaus auf:

denk nicht an früher
legen wir einen weg an
machen wir neues

Auf 256 Seiten wird diese bremersche Aufforderung und sehr vieles mehr den Leserinnen & Lesern mit Schwung und viel Freude nahe gebracht. Nicht zuletzt darum finden sich neben lustigen, todernsten, fröhlichen, auch engagiert oder ironisch daherkommende Gedichte in der Poesie-Agenda 2012 — und zwar sowohl von deutschen, helvetischen, österreichischen, amerikanischen, französischen Lyrikerinnen und Lyrikern. Auch können viele Cartoons mit bösen und liebevollen Bemerkungen neben zahlreichen heiteren und ganz und gar wahren Notizen und einmaligen Fotos entdeckt werden.
In diesem Sinn beschwört der große amerikanische Poet William Carlos Williams den Frühling:

0 meine grauen Haare! 
Wirklich, ihr seid wie Pflaumenblüten weiss

während die Rheintalerin Elsbeth Maag über ihre Katze staunt:

Auf dem Tisch ein Gedichtentwurf
meine Katze hat davon Wörter gefressen 
nun schaut sie mich so sonderbar an

und einer der Agenda-Herausgeber meint in seinem Gedicht:

„Fröhliches ist nicht umzubringen".

Nochmals sei jetzt aber der grosse amerikanische Dichter und Arzt William Carlos Williams aus dem Editorial der neuesten „Poesie-Agenda" zitiert, was dieser einst über schlechte und gute Lyrik schrieb:

Und woraus ist schlechte Lyrik gemacht 
Aus Zucker und Zimt und allem was glimmt 
Daraus ist schlechte Lyrik gemacht

um dann gleich die umwerfende Antwort zu geben:

Und woraus ist gute Lyrik gemacht 
Aus Ratten und Schnecken und Jungwelpen-Zecken 
Und daraus ist gute Lyrik gemacht

Poesie-Agenda 2012: Auf 256 Seiten bringt diese neue „Poesie-Agenda" viele grossartige Gedichte aus der halben Welt zu Leserinnen und Lesern ins Haus, verschönert ihnen mit Bestimmtheit, fern von schöngeistigem Gedudel, Tag für Tag das Leben mit hellen, dunklen, lebensfrohen und lustigen Gedichten. Diese überaus lebendige „Poesie-Agenda" kann im Buchhandel oder direkt beim orte-Verlag bezogen werden, 9413 Oberegg, +41 (0)71 888 15 56 oder info@orteverlag.ch. 
ISBN 978-3-85830-163-5, ISSN 1420-0325, Fr. 16.00/€ 10.00.

Dienstag, 3. April 2012

Ankes Fundstücke: Todestag vom Johannes Brahms (7.5.1833-3.4.1897)

„Guten Abend, gute Nacht, mit Rosen bedacht, mit Näglein besteckt, schlüpf unter die Deck: Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt, morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt."


Kennen sie dieses Wiegenlied noch? In der Grundschule gelernt oder im Musikunterricht ...? Oder irgendwann einmal in Ihrer Kindheit? Kompo­niert wurde die Melodie von Johannes Brahms, einem der bedeutendsten deutschen Sinfoniker.

Frühe Erfolge

Johannes Brahms wurde am 7. Mai 1833 in Hamburg geboren. Seine Kindheit verbrachte er in eher ärmlichen Verhältnis­sen. Der Vater war ein Berufsmusiker und setzte sich für die musikalische Laufbahn seines Sohnes ein. Mit 7 Jahren erhielt Johannes Brahms seinen ersten Klavierunterricht. Und er zeigte Talent: Mit 10 Jahren trat er bereits zum ersten Mal als Pianist auf. Durch öffentliche Konzerte trug er schon früh zum Lebens­unterhalt der Familie bei. Mit 19 Jahren verließ Brahms seine Heimatstadt, um als Klavierbegleiter eines Geigers auf seine erste Konzertreise zu gehen. In Hannover lernte er den berühmten Violinvirtuosen Joseph Joachim kennen. Dieser erkannte das Talent des jungen Pianisten und überredete ihn, sich bei dem Komponisten Robert Schumann vorzustellen. Mit dem Geiger Joachim blieb Brahms ein Leben lang eng befreundet und fragte ihn bei musikalischen Dingen oft um Rat.

Seine Freundschaft mit den Schumanns

In Düsseldorf lernte Brahms schließlich Robert Schumann und dessen Frau Clara kennen und freundete sich mit dem Ehepaar an. Schumann begeisterte sich für Brahms' Werke und stellte den außergewöhnlichen Komponisten der Öffentlichkeit vor. Durch Schumanns Unterstützung wurde der junge Brahms in kürzester Zeit berühmt, ohne dass er bis dahin etwas veröffentlicht hatte. Von Roberts Frau Clara Schumann, einer europaweit bekannten Pianistin, war Brahms so begeistert, dass er ihr eines seiner Klavierwerke widmete. Beide pflegten jahrelang einen innigen Briefwechsel und blieben zeitlebens in freundschaftlichem Kontakt. Brahms stand ihr auch bei, als Robert Schumann in eine Heil- und Pflegeanstalt eingeliefert werden musste und dort schließlich starb.

Der weitere Werdegang

1858 wurde Brahms Hofmusikdirektor am Fürstenhof zu Detmold. In diesem Jahr lernte er auch Agathe von Siebold kennen. Mit ihr verlobte er sich zunächst, löste die Verbindung aber kurze Zeit später wieder. Er blieb sein Leben lang unverheiratet. In Detmold entstand Brahms' erstes Klavierkonzert, das zunächst keinen großen Erfolg hatte. 1860 lernte er den Verleger Fritz Simrock kennen, der Brahms' Werke publizierte. Dadurch verhalf er ihm zu großer Bekanntheit, denn die anderen Verleger waren nach dem Misserfolg seines ersten Klavierkonzertes vorsichtig. Außerdem galten Brahms' Stücke als schwer spielbar, und nicht selten fand das Publikum keinen leichten Zugang zu seinen Harmonien.

Seine Anerkennung als Komponist

Im Jahr 1862 hielt sich Brahms zum ersten Mal in Wien auf. Im selben Jahr begann er mit der Arbeit an seiner ersten Sinfonie, die er aber erst viele Jahre später vollendete. In Wien ließ er sich einige Jahre später endgültig nieder und blieb dort bis zu seinem Tod. Hier gab Brahms zahlreiche Konzerte und schrieb Werke wie die „Ungarischen Tänze" und das „Deutsche Requiem", dessen Text aus der Bibel stammt. Das Stück für Solisten, Chor und Orchester war sein Durchbruch als aner­kannter Komponist. Neben Bach und Händel hatte auch Beethovens Werk großen Einfluss auf die Musik von Brahms. Zeitweise wurde er auch als „Beethovens Nachfolger" bezeichnet - diesem Titel stand Brahms allerdings skeptisch gegenüber.

Sein musikalisches Vermächtnis

Am 3. April 1897 starb Johannes Brahms in Wien und wurde dort auf dem Zentral­friedhof bestattet. Er gilt heute als einer der bedeutendsten europäischen Komponisten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Bereits zu Lebzeiten wurde er als virtuoser Pianist, Komponist und Dirigent bewundert und verehrt. Außer Opern umfasst sein Gesamtwerk alle Gattungen der Musik, darunter über 200 Lieder, Duette und viele andere Kompositionen. Seine Werke werden hauptsächlich der Romantik zugeordnet. Sie weisen einen lyrischen Grundton auf, haben dabei aber eine strenge Form. Auch volkstümliche Elemente prägen seinen Stil. Johannes Brahms schrieb zahlreiche Klavierkompositionen. Zu seinen bekann­testen Stücken zählt aber das oben erwähnte Wiegenlied, eines der berühmtesten Klavierlieder überhaupt.



Heute Abend: Ole Lehmann in KL-Bahnheim


Ole Lehmann – Reich und trotzdem sexy
Beginn um 20:00 Uhr
Ort: Lautrer Wirtshaus in KL-Bahnheim, Bahnheim 17C, 67663 Kaiserslautern (Bus/Bahn)
Abendkasse
Siehe Regionale Events

Buchbesprechung: Der Göttliche - Das Leben des Michelangelo


Volker Remhardt
Der Göttliche
Das Leben des Michelangelo
Biographie
München 2010. 381 Seiten mit 81 Abbildungen,
davon 38 in Farbe, und 2 Stammtafeln, Leinen
€ 24,95[D], C.H. Beck Verlag


Schon zu Lebzeiten galt Michelangelo (1475-1564) - der Maler der Sixtinischen Kapelle, der Schöpfer des David, der Architekt des Petersdoms - als der größte Künstler, den die Welt je gesehen hatte. Volker Reinhardt vermittelt in seiner umfassenden Biographie neue Erkenntnisse über das Leben des Universalgenies.
Michelangelo Buonarroti (1475-1564) wurde von seinen Zeitgenossen als der Göttliche
verehrt, aber er war auch der Schreckliche. Selbst Päpsten diktierte er seine Honorare, ließ Fristen verstreichen, wechselte die politischen Seiten - und wurde doch immer weiter umworben. So ungewöhnlich wie seine Stellung gegenüber den Mächtigen war auch seine Kunst: Statt die Bildprogramme der Auftraggeber getreu umzusetzen, brachte er seine eigenwillige Sicht der Welt in Fresken, Statuen und Bauwerken zum Ausdruck.
Auch sein Leben fiel aus dem Rahmen: Michelangelo hauste wie ein armer Handwerker. Beim Tod des fast Neunzigjährigen fand man einen Tisch, einen Stuhl, einen Schrank, ein Bett - und unter dem Bett Unmengen von Gold. Volker Reinhardt bringt in seiner Biographie die Kunstwerke Michelangelos durch detaillierte Beobachtungen und überraschende Entdeckungen ganz neu zum Sprechen. Aber er beschränkt sich nicht wie frühere Biographen auf die Kunst und ihre Entstehung. Er beschreibt, wie der ersehnte gesellschaftliche Aufstieg seiner Familie Michelangelo antrieb, welche religiösen und politischen Vorstellungen er teilte und wie er in einer kriegerischen Zeit überlebte, indem er das Leben selbst zum Kunstwerk machte.


Volker Reinhardt, geb. 1954, ist Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität
Fribourg. Bei C.H. Beck erschienen von ihm u.a. Geschichte der Schweiz (2008), Die Medici
(2007), Geschichte Italiens (2006), Die Renaissance in Italien (2007).

Montag, 2. April 2012

Tschernobyl, Fukushima, Cattenom... BLUTIGE TRÄNEN VON FUKUSHIMA von Harma-Regina Rieth


(c) Harma-Regina Rieth: Fukushima, Acryl

Blutige Tränen von Fukushima

Wie lange ist es schon her, seit ich hier zusammengekauert und gekrümmt in einer müllhaldeähnlichen Landschaft verharren muss? Ein Tag oder zwei Tage, oder gar schon drei Tage? Ich habe die Zeit und die Orientierung völlig verloren, es rauscht in meinen Ohren und in meinem dröhnenden Kopf spiegelt sich das unglaubliche Geschehen der Vortage wider.
Was war eigentlich passiert? Ich versuchte meine Gedanken neu zu ordnen. Gerade als ich auf dem Weg zu meinen Eltern war, wollte ich doch eigentlich nur einen kleinen Abstecher runter zum Strand machen. Ja, so war es, ich wollte meine Eltern in Fukushima besuchen. Ich bemerkte nicht sofort das drohende Zittern der Erde. Ich spielte gedankenverloren mit den Füßen im herrlich weißen Sand, als der Sand erneut langsam zwischen meinen Zehen zitternd herunterrieselte, dann vernahm ich nur noch ein tosendes, krachendes, berstendes Geräusch. Im gleichen Moment durchzuckte mich eine unwirkliche Angst. Ich wusste nicht, wieso diese Angst mich mit einem Male so beherrschte und warum ich wie erstarrt im Sand sitzen geblieben war.
Ich schaute in Richtung Meer und sah, wie sich die Wellen unwirklich auftürmten und drohend auf den Strand, auf mich zukamen. Regungslos, gelähmt vom Schock und erstarrt vor Furcht saß ich da und sah das Meer und seine Wellen immer schneller auf mich zukommen.
Eigentlich ist es ein wunderschöner Tag. Was sollte da schon passieren?, dachte ich, wie um mich zu beruhigen, bevor es nass, schlammig und unendlich kalt und dunkel um mich wurde. 

So war es gewesen vor Tagen. Und jetzt? Ich schaue an mir herunter und sehe mich dreckverschmiert, mit mehr oder minder starken Verletzungen an den Armen und Beinen. Die Haut aufgerissen, das Fleisch aufgeplatzt, Hautabschürfungen am ganzen Körper. Aber ich lebe. Ich lebe!
Mit geweiteten Augenpupillen blicke ich mich vorsichtig und angstvoll um.
Meinen Urlaub wollte ich übers Wochenende hier in Fukushima verbringen. Doch wo ist die Stadt? Müll, Dreck, Metallschrott, Steine, Möbelteile, leblose Tiere, Gegenstände aller Art – doch Menschen? Ich sehe keine Menschen hier – wo sind sie, wo sind die Menschen? Alle tot? Kein Geräusch ist zu hören, kein Vogelgesang, absolut keine Tiergeräusche. Stille. Es gibt keine Geräusche mehr um mich herum, ich höre nur noch das Blut in meinem Kopf pochen und durch meine Adern strömen, eher langsamer werdend ....
Keine menschlichen Stimmen, wo ist das Lebendige? Geräusche der Menschen, der Stadt? Wo ist das alles? Wo sind sie alle? Wo ist das pulsierende Leben?
Langsam versuche ich meine Gliedmaße zu ordnen und löse mich aus meiner augenscheinlichen Erstarrung und Verkrampfung. Endlich schaffe ich es aus meinem verdreckten Müllbett zu kriechen. Mein Blick schweift über die unwirkliche, verzerrte und utopische Landschaft. Und meine hilflose Situation wird mir schlagartig bewusst.
Was ist das hier? Wo bin ich hier? Das ist doch nicht mehr meine Heimatstadt Fukushima!
Ich fasse meinen ganzen Mut zusammen und versuche meine neue Umgebung zu erkunden.
Das Meer ist weg, ich sehe keine Wellen und keine aufschäumenden Wogen mehr.
Alles um mich herum ist mit Schlamm und Dreck überladen, Möbelstücke, Autos, Kleider, Fahrräder, Bücher, Maschinen. An einigen Stellen sehe ich Hände und Köpfe von leblosen Menschen aus dem Chaos ragen, mit erstarrten Augen und geöffneten Mündern, andere wirken, als ob sie schlafen würden, die Beine von toten Tieren ragen in die Luft. Aufgedunsene Hundeleiber. Der Dreck beherrscht die ganze Umgebung, bizarr und unwirklich ist alles, so weit man sieht, überall Müll, Chaos, Tod und Zerstörung. 
Hier und da kämpfen Fische im Schlamm um ihr Leben. Mit übergroßen Augen schauen sie mich fragend an, angstvoll, zitternd, zappelnd.

Antworten. Antworten bedurfte es! Was ist hier geschehen? Ein Erdbeben, eines der Tsunamis, die unsere Küste selten, aber immer wieder heimsuchen? Was ist mit mir geschehen? Wo war ich in diesem plötzlichen Erfasstwerden? Was hat das Meer mit mir gemacht? 
Die Nacht umarmte mich erneut und ich fiel zurück in einen neuen unruhigen Angstschlaf. Lebe ich noch - oder bin ich schon tot? Ich wollte nicht mehr denken, ich hatte auch keine Angst mehr, ich wartete geduldig. Aber auf was wartete ich eigentlich? Befand ich mich schon in der Unendlichkeit der Ewigkeit? War ich die einzige Überlebende? Die Erde zitterte wieder, ich war erschöpft und klammerte mich an dem Gedanken fest, dass ich nicht alleine sein kann, hier in diesem kalten dreckigen Schlamm und Müll.
Ein übler Geruch kroch in meine Nase und ich sah, wie sich die Fischaugen neben mir allmählich langsam auflösten. Angewidert vom Anblick des stinkenden Fisches wandte ich mich ab. Meine Haut brannte wie Feuer, doch sie erwärmte so allmählich meinen ausgekühlten fast gefrorenen Körper. 
Wasser …! Ich brauche Wasser, ich muss etwas trinken!
Auf allen Vieren kriechend machte ich mich auf den Weg um etwas Trinkbares zu finden. Schlagartig vielen mir die ewigen Werbeblöcke mit allerlei köstlichen Getränken der Fernsehsender ein, die mehrmals zwischen meinen Lieblingssendungen hereinflimmerten. 
Jetzt flimmerten die Werbeblöcke vor meinem inneren Auge, nach ihren Getränken lechzend beobachtete ich sie gierig. Ich habe Angst verrückt zu werden, durchzudrehen. Mein Mund völlig ausgetrocknet, ich fühlte mich wie ein Reiskorn, das sich nach Wasser sehnt.
Unerreichbar... In unerreichbarer Ferne schien jeder Tropfen Flüssigkeit.
Nein, ich gebe nicht auf, ich suche weiter, immer weiter … Und endlich sah ich eine, wie mir schien, mit mir weggespülte Flasche. Mit letzter Kraft schraubte ich den Verschluss auf – leer, sie ist leer! Hysterisch schüttle ich die leere Flasche. Das kann nicht sein, durchzuckt es mich, in meinem Innern brennt es, ich muss den ohnmächtigen Brand in mir endlich löschen. Fahrig, zittrig, mit weit aufgerissenen Augen beobachte ich den teilweise skelettierten Fisch neben mir, der mich gestern vielleicht noch groß angestarrt hatte.
Ich ahne Böses und resigniere. Das Feuer auf meiner Haut brennt sich derweil weiter durch mich hindurch. Aus tausenden blutigen Hautrissen quillt mein Leben. Mein Leben brennt lodernd sengend weg. Einer Ohnmacht nahe habe das Gefühl mich aufzulösen.
Neben mir liegt ein verschmierter Zettel, und ich greife zeitlupenartig danach. Meine Fingerkuppen scheinen mir unwirklich, als ob es nicht meine wären, entstellt. Ich sehe das Abbrechen der aufgeweichten Fingernägel, und weiß, dass ich mich beeilen muss …
Ich streiche mir langsam durch mein Haar und halte es in meinen Händen. Angewidert von mir selbst, blicke ich in das Glas der leeren Flasche und erkenne mich selbst nicht mehr.
Erschrocken über mein Spiegelbild laufen mir blutige Tränen über meine brennenden Wangen, das Salz der Tränen frisst zusätzlich eine tiefe Furche in mein Gesicht.
Und plötzlich quellen unaufhaltsam immer mehr blutige Tränen aus meinen Augen. Ich muss den anderen Menschen sagen, was passiert ist! Sie müssen wissen, welche unsichtbare schleichende Gefahr ihnen droht! Ich muss versuchen ihnen dies alles, was mir widerfahren ist, mitzuteilen! Ich blicke wieder in das Glas der leeren Flasche, glanzlose Augen starren mir entgegen. Aschfahle blutige Haut umrahmt mein vormals hübsches, jetzt kaum noch zu erkennendes Gesicht. Auf meinem Haupt fehlen große Büschel Haare, es ist fast haarlos. Meine Haut zeigt vereinzelt eitrige Hautkrater, die Kahlheit, Verletztheit meines Körpers ist bezeichnend, alles wirkt eigentlich schon leblos und tot an mir.
Denke ich noch, als Ich? Bin ich es noch? „Hallo, Mutter, hallo, Vater, schön euch zu sehen.“ Ich blicke auf … „Bitte nehmt mich mit, sagt doch was, warum sprecht ihr nicht mit mir?“ Ich strecke ihnen Hilfe suchend meine Arme entgegen, doch sie greifen ins Leere. 

Wochen später fand man bei den Aufräumungsarbeiten in der Nähe von Fukushima eine stark verschmutzte Flasche mit einem verschmierten, mit Blut beschriebenem eingerollten Zettel und ein mit Blut getränktes Holzstäbchen. Es diente jemandem scheinbar als Schreibstift, der einen mit Blut geschriebenen Text verfasste. Als ob er den Inhalt beweisen wollte, legte er ein Haarbüschel sowie einen abgerissen Fingernagel dazu. Es war eine Frau, die ihre Erlebnisse, Gedanken und ihren Tod anderen mitteilen wollte. Die Botschaft der blutigen Tränen: Fukushima kann überall sein. Wo ist es morgen? 

(c) Harma-Regina Rieth

Neue CD (Bayernsound): Mei Zuastand


SÖLLNER
Mei Zuastand
München 2011
1 CD, Our Own Voice - Trikont

Hey wos is / Blumen und Farben / Für meine Buam / A groußa König / Wintertraum Runda Di seh / Manchmoi wenn i aufwach / im Herbst (Kai) / l schrei / und du dramst / Grea göib roud / A Dog wia jeda andere / Hey liaba God / Hodada

Hans Söllner zieht musikalische Zwischenbilanz seiner 30-jährigen Geschichte als Songwriter und Musiker - für sich, seine langjährigen Fans und vor allem die Mehrheit der Jungen, die wieder massenhaft zu ihm strömen -, weil er in seinen Auftritten die Gegenwart widerspiegelt wie vermutlich kein anderer Songwriter oder Dichter im deutschsprachigen Raum.
Mit Songs, in denen alles aus unserem Leben präsent ist. Hans Söllner hat sich für dieses Album Lieder ausgesucht, die es schon länger gibt, die fast vergessen sind, die beinahe zeitlos wirken, in denen alles zu finden ist: Weinen und Lachen, Schimpfen und Küssen. Liebeslieder, Abschiedslieder, Lieder, die sagen, dass der Wind auch plötzlich drehen kann. Söllners Band „Bayaman'Sissdem" hat diesen Songs ein neues musikalisches Gewand gegeben mit neuem Sound und neuem Rhythmus - eine Hommage an seine Lieder mit dem Blick von heute. 

Gesellschaftskritisch, gegen Ausländerfeindlichkeit, mit bayrisch-schottischen Zwischenklängen auf zur ungewöhnlichen Beruhigung und Erziehung der (Schul-)Kinder, nichts mit Beurteilungen, Zeugnissen und Stahlhelmen, Bob Marley macht uns glücklich, wir nehmen uns eben das Recht auf Leben, Kinder! Er besingt den König von Äthiopien, der Hanf für die Welt anpflanzt, den runden Tisch im Jenseits, wo alle gleich sind, egal wann sie gingen und was sie gemacht haben (nicht die Länge ist entscheidend, sondern die Qualität!), das Recht auf Selbstbestimmung und auf ein persönliches Ende, gerne sterben, wenn man es geschafft hat, das Ausreiten mit dem Motorrad, das Sterben auf dem Sommer-Open-Air-Festival. Sehr dicht und atmosphärisch, schräg und bayrisch, kritisch und austeilend: "Und du dramst". Für Bayernbewohner und -Fans ein heimatliches Erlebnis von Freiheit!

»Ich habe lange überlegt, ob ich diese Platte aufnehmen soll, denn alle diese Lieder haben nur aus Zuständen in meinem Leben erzählt, in denen ich mal war. Und wie die Stürme und Katastrophen auf dieser Welt zunehmen, nehmen auch die Stürme und Katastrophen in uns zu, besonders in mir. Oft müssen wir verletzen und beleidigen, um uns zu schützen, in all diesen Liedern geht es darum. Nur in einem geht es ums Ficken, für die Ganzheit. Auf Wunsch von vielen von Euch habe ich diese Lieder noch einmal aufgenommen und ohne mein Beisein hat die Band Bayaman'Sissdem (Peter Pichler, Manfred Puchner, Stefan Hofer) die Musik darauf gemacht. Die Zustände bleiben immer dieselben, nur der Rhythmus ändert sich.« Hans Söllner

Sonntag, 1. April 2012

Candida C. Stapf: Filigrane Papierschnittkunst, bunte Buddhas und Urnen im Kleinen Kunstbahnhof, St.Julian-Eschenau


Candida C. Stapf aus Stuttgart ist eine ungewöhnliche Künstlerin. Nicht der Pinsel, die Leinwand und Farbe beschäftigen sie, sondern Papiere aller Art und Qualität sowie die Schere. Mit sehr sicherer Hand schneidet sie filigrane Formen heraus, klebt Details aus anderen Papieren auf und fügt in der Art der erzählerischen Bricolage äußerst interessante Motive zusammen. Einerseits der tanzende Einzelmensch andererseits tanzende Paare in gegenseitiger Anziehung oder bei der Vereinigung sowie Tiermenschen. Daneben gibt es eine Reihe mit kulinarischen Schnittbildern (à table) und Buddha-Schnittbildern, wo sie offensichtlich ihre kleinen Zöglinge, die bunten und sehr asiatisch anmutenden Buddhas aus Kartonagenmaterial, etwa 30 cm hoch, wieder aufgreift. 
Eine besondere Sparte in ihrem Schaffen ist das Herstellen von künstlerischen Urnen, jede ein Unikat. Die Urnen sind ebenfalls aus Kartonagenmaterial hergestellt, das innerhalb von 6 Monaten im Erdreich zerfällt. Kein tristes Sterben mehr, sondern farbenfroh. In diesen Kurzzeitbehausungen zu Grabe gebracht scheint der Schmerz gemildert. Das Papierdesign und die Farben sind nach Absprache mit der Künstlerin bestellbar. Das gilt auch für die Papierschnittbilder. 


Candida C. Stapf wurde 1962 in München geboren. Sie arbeitet als Urnendesignerin, bildende Künstlerin und Setdesignerin für Film- und Fernsehproduktionen. Daneben ist sie auch Krimiautorin und ist bereits bei ihrem vierten Roman angelangt. Sie lebt in Stuttgart und Südtirol.



Am 25.03.2012 eröffnete Candida C. Stapf ihre Ausstellung im kleinen Kunstbahnhof in St.Julian-Eschenau - nach der Laudatio in der speziellen Art von D.E. Hofmann-Leitmeritz -  mit einer Lesung aus ihrem letzten Kriminalroman "Mordshunger". Unbekümmert und zielgerichtet geht sie ans Werk und ordnet den Alltag ihrer Erzählfiguren, ohne Rücksicht auf Leichen ... Kein Wunder, dass sie einen Faible für schöne Urnen hat, so lassen sich viele Figuren wunderbar und geschmackvoll entsorgen ... :-) Was keine Aufforderung sein soll, um Himmels Willen, nein. Mein Vorschlag: Symbolisch den bösen Chef, den Politiker, die verachtete Person eben mal beerdigen, das kann eine sehr gute psychologisch wirkungsvolle Kartharsishandlung sein. Veranstalten Sie einen künstlerischen Bestattungsevent. Laden Sie ein, feiern Sie und verbannen Sie diese Person, diese Dinge, diese Schreiben, diesen Ärger aus der Welt! Erde oder Feuer - bestimmen Sie selbst!


Zurück zum Roman. Der Inhalt: Maria Begovic ist Bestatterin. Leichen und Friedhöfe, Särge und Urnen, Trost, Beistand und Friedhofsbürokratie – das ist die Welt, in der sie lebt. Irgendwann reicht ihr das nicht mehr. Sie bewirbt sich als Kandidatin bei einer der vielen Koch-Shows. Was für Maria als harmloses Abenteuer beginnt, entwickelt sich bald zur Besessenheit. Um den Ruhm und die Anerkennung zu gewinnen, die ihr - wie sie glaubt - zustehen, muss sie immer mehr Hindernisse aus dem Weg räumen.
Das erste ist ihre eigene Mutter. Mit unauffälligen Giftgaben aus der Natur vollendet sie ihren Plan. Danach kann sie sich beruhigt den Kochwettbewerben, dem Leben, und weiteren Opfern zuwenden.


Im vorausgegangenen Krimi "Rauchzeichen", der die spannende Fortsetzung des Kriminalromans "Die Gesellschafterin" mit Claire Möller darstellt, thematisierte sie, wie Nikotinentzug die Psyche von Rauchern negativ verändern kann. Nicht ohne Ironie beschreibt die fachkundige Autorin die Menschen vor und hinter der Kamera.



Worum geht es in "Rauchzeichen"? Um sich wenigstens einen gewissen Lebensstandard zu sichern, kehrt die Gesellschafterin Claire Möller in ihren alten Beruf zurück: Als Maskenbildnerin bei der ersten Telenovela nach lateinamerikanischen Vorbild, die in Stuttgart produziert wird. Sie merkt sehr schnell, dass sie einen Fehler gemacht hat. Die Stimmung im Team ist miserabel, die Zeitvorgaben sind fast nicht zu schaffen, der Druck von der Produktionsleitung ist unerträglich.  Das absolute Rauchverbot, auf dem Gelände der Funylights-Filmproduktion zwingt die Crew zu einem kollektiven Nikotinentzug, der nicht ohne gravierende Folgen bleibt ... Mitten im Stress der Drehtage gerät Claire zudem in einen Strudel von undurchsichtigen Ereignissen: Die Familie ihrer letzten Klientin als Gesellschafterin wird von einer Serie seltsamer Todesfälle heimgesucht; alle scheinbar natürlich, aber in ihrer Häufung äußerst beunruhigend. Claire stößt auf ein düsteres Familiengeheimnis und gerät in den Sog eines Rachefeldzugs, der zurück bis ins 19. Jahrhundert führt, zum vergessenen Drama der schwäbischen Missionsbräute.

Candia C. Stapf lässt sich nicht nur als sehr geschickte und erstklassige Schnittbildkünstlerin entdecken, sondern auch als kurzweilig schreibende Krimiautorin, klar und knapp in der Sprache. Schauen Sie mal rein.

Buchbesprechung: 23.000 von Vladimir Sorokin

Vladimir Sorokin
23000
Roman
Aus dem Russischen von Andreas Tretner.
332 Seiten. Gebunden
€ 24,00 [D], Berlin Verlag

Die Auserwählten der Bruderschaft wissen: Die Erde ist allein im Univer­sum, sie ist ein Unikum. Und der Homo sapiens ist ein Unikum hoch zwei oder drei. Wenn dem aber so ist, muss man die Erde als Störfall anse­hen, als Schandfleck am Leib des Universums. Auch im letzten Band der viel diskutierten LJOD-Trilogie schwingt Sorokin den Eishammer. 
In einer Welt der Reproduktion und des Konsums lässt er Heilversprechen, Erweckungsphantasien und den Wahn kommerzialisierter Glückssuche unge­bremst aufeinanderkrachen. Mal Thriller, mal Gangsterroman, mal lyrisch-pathetischer Hymnus - Sorokin zieht erneut alle Register seines enormen sprachlichen Reper­toires. Er spielt in seinem schon legen­där gewordenen Mimikry-Stil mit Sprache und Genres und beweist ein­mal mehr sprachliche Gewandtheit, erzählerische Bravour und einen aus­geprägten Sinn für das Absurde. Vladimir Sorokin schildert in 23000 die letzten Tage einer Sekte, der Bru­derschaft des Lichts, die kurz vor der Erfüllung ihres kosmischen Plans steht. Sorokin hat eine packende Gesellschaftsutopie geschrieben - und damit nichts weniger als eine treffende Diagnose unserer Zeit.

Inhalt:
Im letzten Teil seiner Eistrilogie widmet sich Vladimir Sorokin den Opfern jener Sekte, die mit sibirischem Eis (das vorgeblich beim Aufschlag des Tunguska-Meteoriten entstanden ist) weltweit ein glänzendes Geschäft betreibt, deren wahre Bestimmung jedoch das große Vernichtungswerk ist. Um es vollenden zu können, muss freilich die große Versammlung der 23 000 "Brüder des Lichtes" herbeigeführt werden, ein kompliziertes Unterfangen, denn die Bruderschaft ist weltweit verstreut und nicht leicht zu identifizieren.
Das grausige Erkennungsritual besteht darin, dem jeweiligen Kandidaten mit einem Eishammer einen gewaltigen Schlag in die Herzgegend zu versetzen, auf dass das Herz "zu sprechen" beginne. Spricht es, so ist der eigentliche Name des oder der Auserwählten zu vernehmen. Bleibt es stumm, hat sich die entsprechende Person als "hohle Nuss" erwiesen, eine simple "Fleischmaschine", die zu Höherem nicht taugt und im besten Fall die Erkennungsprozedur überlebt.
Zwei der Überlebenden, ein junger Schwede und eine in New York lebende russische Jüdin, gehören zu den "hohlen Nüssen", die das Ritual überstanden haben. Über ein Internetforum miteinander in Kontakt gekommen, beginnen sie eine globale Suche nach den brutalen "Aufklopfern", die sie bis nach China, in die Zentrale des Eis-Konzerns führt, während die Bruderschaft fieberhaft dabei ist, ihre letzten fehlenden Mitglieder aufzuspüren.
Sorokins Roman bedient auf virtuose Weise und in parodistischer Manier beinahe alle Genres. Das thrillerartige Grundmotiv wird bereichert um Elemente einer Weltuntergangsfantasie, religiös-mythischer Verzückungsprosa, gesellschaftskritischer Entwürfe und grotesker Humoristik. Abwechslungsreich und spannend, global angelegt und temporeich erzählt, dabei ganz wesentlich der überbordenden Fantasie des Autors entsprungen, wirkt dieser Roman wie das literarische Pendant zu einem Computerspiel mit erheblicher Sogwirkung. (DRadio Kultur)

Der Autor:
Vladimir Sorokin wurde 1955 in Mos­kau geboren. Nach dem Studium der Petrochemie arbeitet er als Buchillust­rator, bevor er Ende der 1970er Jahre erste literarische Anerkennung erfuhr. Berühmt wurde er mit dem Roman Die Schlange, der in zehn Sprachen übersetzt wurde. Sorokin gilt neben Vladimir Pelewin und Viktor Jerofejew als einer der Hauptvertreter der russischen Postmoderne. Regelmäßig ist er heftigen Angriffen regimetreuer Gruppen ausgesetzt. Zuletzt erschien beim Berlin Verlag LJOD. Das Eis (2003; BvT 2005), das auch mehrfach für das Theater inszeniert wurde, und BRO (2006; BvT 2007).

Die Presse:
»Sorokins Literatur ist fulminant und konvulsivisch, berechnend und glitschig, heiß und kalt zugleich«
Falter
»Vladimir Sorokin, der Großmeister des Provokanten und Obszönen.«
Süddeutsche Zeitung