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Montag, 6. Juli 2015

Wie war's bei Anna Seghers KOPFLOHN in Mainz?


Johann   (c) Bettina Müller

Im Mainzer Staatstheater ist die Aufführung von KOPFLOHN eines von mehreren Tributes to Anna Seghers! Ein besonderes Entgegenkommen des Theaters: Zum Programmheft gibt es den ganzen Text auf 64 kleinformatigen Seiten gleich zum Lesen dazu. Der Roman erschien 1933 in Amsterdam. Johann Schulz' (David Schellenberg) Steckbrief hängt öffentlich in der Kreisstadt Billingen aus, einen Fußmarsch entfernt von einem rheinhessischen Dorf namens Oberweilerbach, wo er bei Verwandten, sehr armen Leuten, den Bastians, Ende Juli 1932 Zuflucht sucht. Man beschuldigt den Leipziger Arbeiter, bei einer Demonstration einen Polizisten getötet zu haben. Der ausgesetzte "Kopflohn" wird für die Dorfbewohner zum Anreiz, auf die 500 Mark Belohnung zu spekulieren, aber keiner zeigt ihn an. 

Der Leser/Zuschauer lernt Leute aus dem Dorf kennen, die Struktur verstehen. Der arme Bauer Algeier (Martin Herrmann) sieht den Steckbrief, erkennt Johann und könnte seine Zentrifuge bezahlen und behalten, die Arbeitslosigkeit seiner Tochter Marie (Kristina Gorjanowa), die ihre Dienstmädchenstelle verlor, leichter verkraften, er zeigt nicht an. Marie und Johann verlieben sich. Der unmenschliche, despotische Bauer Schüchlin, der seine Frau zur Gebärmaschine und Zwangsarbeiterin machte, sie wegen des zu erwartenden Erbes in den Selbstmord trieb, sieht nach der Identifikation des Leichenfundes den Steckbrief und ignoriert ihn aus Genugtuung über den Tod seiner Frau. Der Jude Naphtel und der alte Merz (Armin Dillenberger) entdecken den Steckbrief auch, im Vordergrund steht allerdings das Provisionsgeschäft durch einen Immobilenverkauf für Merz. Merz ist auch Amtsleiter und stellte Johann ungeprüft eine Anmeldung im Dorf aus, zu Hause bereitet er eine gepfefferte Anzeige für die Schublade vor. Schließlich denunziert Kößlin (Sebastian Brandes), ein Bekannter Johanns ihn bei seinem Naziverband, der SA. Die Folge: schwere Körperverletzung durch die SA und alle Beteiligten wohl bis zum Tod ... Im Original war nur die stumme Hinnahme und Tolerierung der Bestrafung vorgesehen, in der Aufführung ein kollektives Bestrafungsritual.

Anna Seghers erzählt hier absolut in der Tradition der sozialkritischen Dramen der Geringverdiener und des Proletariats das Leben der kleinen Leute, der Lohnarbeiter, Andersdenkenden, Unterdrückten im Kontrast zur oft nicht feinen Bürgerlichkeit - zumeist mit schicksalhafter Ergebenheit bis auf wenige Ausnahmen: Die Rendel (Anika Baumann) ist eine Aktivistin, im Dienste des Kommunismus und Stalins warnt sie vor Hitler, der Verblendung, dem Faschismus und vergisst ganz die Grausamkeit des anderen Diktators. Stalins Zwangskollektivierung ab 1928, Überführung in Kolchosen und Genozid an den Kulaken (vormals Bauern mit eigenem Land) war ein Holodomor ungeheuren Ausmaßes mit mehreren Millionen Opfern. 1932 Anna Seghers offensichtlich noch nicht bewusst, wird hier ein einseitiger Mythos gepflegt, der von der Aufklärung nach 1945 beiderseits Lüge gehießen wurde. 

Die Rendel wird zum Vergewaltigungsopfer der SA-Schergen. Daneben Johann als ungelerntes Ex-Mitglied der SPD, nun Kommunist ohne Zukunft, der gegen die Herrenrige ankämpfen will. Die Figuren pflegen den restringierten Code der Underdogs, Bauern, Arbeiter und Ausgebeuteten. Klar in der Tradition von J.M.R. Lenz, Georg Büchner, Arno Holz (Familie Selicke) und Gerhard Hauptmann (Die Weber, Vor Sonnenaufgang), später Franz Xaver Kroetz, werden die Alltagsprobleme ausgewälzt, der schöne Schein desavouiert. Das proletarische Ausgebeutetsein wird gepflegt. Die SA-Vertreter ganz in der aufkommenden Naziideologie demagogisch, herrisch, unterwerfend, erniedrigend, brutal, besitzergreifend, zerstörend in propagandistischer Agitation. 


Die Rendel   (c) Bettina Müller

Dirk Laucke (Regie) hat wirklich mit Geschick den 250 Seiten starken Roman-Tobak auf immerhin auch noch zwei Stunden Theater heruntergebrochen, ohne Substanz zu verlieren. Mit "beschleunigenden" Übergängen, hektische Musik, schnelle Bewegungen, sich im Kreis drehende Darstellung in der Videoprojektion, wird in Zeitraffer Handlung nachgeholt oder weitergespult. Anderes wird nur erzählt, nicht gespielt. Stilmittel, die das Geschehen der realen Historie schnell näher kommen lassen. Ein Jahr danach beginnt die deutsche Extremdiktatur, die vieles an Verbrechen in den Schatten stellte. Der ungeheure Rassismus und Kommunistenhass legten Deutschland und Europa in Schutt und Asche. Der deutsche Gutmensch dachte noch an eine sinnvolle Mission, bis ihm Auschwitz klar wurde. Und da war es schon zu spät! Die Tötungsmaschine Hitlers auf vollen Touren! Laucke analysierte als Sachse auch in seinem Schaffen die unerfreuliche Gegenwart der Pegida-Bewegung, die konfus und diffus Oswald Spenglers Untergang des Abendlandes heraufbeschwört. Gerade im Licht der zunehmenden und geplanten Internationalisierung der Bevölkerung, um schnell den Einwohnerrückgang von prognostiziert 16 Millionen aufzufangen, wird nationale Zukunft auf der einen Seite irrational mit Überfremdung, Islamisierung, frauenbevorzugendem Gendermainstream und intolerant in Frage gestellt, auf der anderen Seite euphorisch und euphemistisch im bunten Zusammen gesehen. Dass dazwischen eine stark familienbejahende und -unterstützende Infrastruktur und Anschauung auch seitens der Arbeitgeber fehlt oder zu wenig ausgebaut und verwirklicht wurde (die Ursache der Geburtenschwäche), bleibt ja oft auf der Strecke.

Die Liebeleien des jungen Merz mit der 16-jährigen Sophie Bastian (Ulrike Beerbaum) unglücklich, aber er setzt sich durch, die Zeugen bei der Hochzeit stumm dabei. Der Lehrer Rifke, handicapped, als anpassungsfähiges Gewächs, seine Luise Merz liebend. Beide zusammen: Merz und Sophie, Rifke und Luise, feiern eine Parallelhochzeit, Marie und Johann bleiben nicht zusammen. Maries Devise: "Wenn man heutzutage nicht stark ist auf Erden, kann man sich gleich drunterlegen." 

Die SA kontrolliert bereits die Wahlen. Parteigenosse Zillich, Sturmführer, und Kunkel unterziehen Johann nach Denunziation durch Kößling einer schweren Prüfung. Seine Stärke wird getestet, währenddessen ihm nicht nur Sophie an die Kleider geht, seine Stärke mit zerstört, sondern auch das halbe Dorf. Das angebliche Verbrechen an einem Polizisten scheint gesühnt, aber vielmehr ist alles ein Zeichen der heraufdämmernden Unterdrückung und der Entfesselung des groß und tödlich angelegten arisch-rassistisch-politischen Mobbings. Die mehrfache Wiederholung der Misshandlung deutet hin auf Rachegelüste, Lust am Zerstören und Töten, Ausleben eines Wiederholungszwangs und tatsächlich auch der Bereitschaft zum grausamen Ritual, als wiederholbarer Lustgewinn und Zeichen der Macht.


KOPFLOHN (UA)
Von Dirk Laucke nach dem Roman von Anna Seghers
Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen
Uraufführung in Recklinghausen: 4. Juni 2015
Premiere in Mainz: 12. Juni 2015
Aufführungsdauer: ca. 120 Minuten - keine Pause
Kleines Haus

TERMINE
11.07.2015, 16.07.2015, 18.07.2015

Samstag, 10. Dezember 2011

Kurzprosa: "Dorotheenstädtischer Friedhof (Berlin)" von Willi van Hengel

Weinerlicher Tag. Deshalb wohl mein unbeschwerter Ausritt auf den Dorotheenstädtischen Friedhof. Ja, du hörst richtig: ich und auf einem Friedhof. Ich bin über die Französische Begräbnisstätte zu ihm hingelangt, hab deshalb auch die Tafel mit der Thanatografie nicht gesehen, was ganz gut war, denn so bin ich über den ganzen Friedhof hin und her geirrt; aber was heisst geirrt, geschlendert auf der Suche nach meinem Hegel. Und hab so viele herrliche Mausoleen und Todeskunst entdeckt, dass mir plötzlich ganz warm wurde mitten in diesem frühen Winter, Ende November vier Grad unter null und meine Hände waren ganz warm, bei der rötlich-braunen Krone blieb ich zum ersten Mal etwas länger stehen und sah fast noch die Hände, die Minetti freigeschaufelt hatten vom leichten Schnee. 
Nicht weit davon entfernt und fast schon verwittert, obwohl er noch ein junger Toter ist, der Name Heiner Müllers, auf dessen Karree nur Gras wächst, was doch schon etwas mehr berührt als die Prunkbauten der großkopferten Unternehmer. Gras wächst auch über deine Schriften, dachte ich. Und hier haben sie damals gestanden, die Trauernden mit ihren Tränen und schwarz beträufelten Seele.
Und nun steh ich hier mit meinem Winterpullover ohne Handschuhe und Schal. Und mir ist überhaupt nicht kalt. Als strömte noch immer Wärme von euch hoch.
In irgendeiner Ecke gelandet, sah ich über die Friedhofsmauer hinweg die Charité. Und etwas näher dieses herrliche gelbe Gebäude mit den roten Fenstern und dem hohen Schornstein. Und mein Atem wurde immer klarer.
Thomas Brasch
Ruhiger. Einen kleinen Wunderblock, dachte ich, den wünsch ich mir auch, weil mir der ein oder andere Vers gut tat. Sonst hätte ich Fichte überhaupt nicht entdeckt. Sein Name ist in seinem Obelisk verwässert. Und neben ihm weist seine Gemahlin in klaren Lettern auf ihn hin, dass sie ihm mit erhobenem Haupte und überaus stolz gefolgt sei. Und durch meine Brille blinzelnd, um die letzte Spur seines Namens zu entlettern, gibt mir Hegel einen Klaps auf die Schulter, der gleich neben Fichte liegt. Während ich Fichtes grünlichen Obelisken nicht mag, freunde ich mit Hegels wesentlich kleineren Stein an, der, so kommt es mir vor, zwar nur einen Meter aus der Erde, aber wahrscheinlich vierhundert Meter in die Erde ragt.
Gleich zu Anfang, als ich laut Hans Mayer in seinem einsamen Grab sah und neben ihm, nur von einer Tanne getrennt, in offen geschlossenen Armen "Thomas Brasch" laut sagte, da schaute eine Frau herüber und ich fühlte eine gewisse Peinlichkeit ob meines Selbstgesprächs. Sie schlenderte dann von Grab zu Grab auf mich zu, und ich fragte sie, ob sie wisse, wo Hegel liege. "Nein", antworte sie, "wir sind auch das erste Mal hier." Was mir noch peinlicher war, denn ihr "wir" wies mich daraufhin, dass ich es mit Hegel gar nicht ernst meinte und nicht ihn, sondern sie womöglich gesucht habe bzw. noch nicht einmal sie, sondern irgendeine Frau …
Doch als ich vor meinem Hegel stand, war mir das alles egal. Ich hatte meine Jungs gefunden, ach ja, Anna Seghers auch, die mit dem Hinterkopf Johannes R. Becher und Heinrich Mann und seine Gespielin berührt, und will mit bloßen Worten nichts mehr sagen. Manchmal fällt einem nur die Nacht ins Genick. Und ich habe noch etwas nachzuempfinden. So als sei ein Verfallen alles. Nun schleiche ich nicht mehr an Häuserwänden entlang. Sondern zwischen lichten Tannen und Fichten, wo es nur noch ums Vermächtnis und nicht mehr um die Beiläufigkeiten meines jetzigen Lebens geht. 
Mein Zickzacklauf zwischen den nie ganz Toten war ein Schweben. Und mir wollte nicht kalt werden.  


So., 28. Nov. 2010, Willi van Hengel