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Montag, 9. Januar 2017

Wie war's bei SPECTACLE SPACES im Bockenheimer Depot?

Mauricio Kagel: Variété      (c) Barbara Aumüller
Im Rahmen der heim:spiele des Ensemble Modern@Bockenheimer Depot gab es zum Abschluss der Reihe eine reizvolle Triade aus moderner zitatenreicher und nicht leicht zuordenbarer Musik und Elementen des klassischen Variétés, der klassischen Akrobatik und der clownesken Komik. Zwei Stücke von Mauricio Kagel aus den siebziger Jahren und ein in diesem Veranstaltungsrahmen zur Uraufführung gebrachtes Stück von Martin Matalon unterhielten 70 Minuten mit außergewöhnlicher Rezeptur. Unter der Regie von Knut Gminder und einer kaleidoskopen Choreografie von Aleksei Uvarov entstand ein absolut kurzweiliger Abend.


Mauricio Kagel: Variété       (c) Barbara Aumüller
Mit Mauricio Kagel, geboren am 24.12.1931 in Buenos Aires und gestorben am 18. September 2008 in Köln, war ein ungewöhnlicher Komponist vertreten, der bereits früh mit spektakulären Werken auf sich aufmerksam machte und eine wichtige Rolle in der Kunst- und Musikgeschichte Deutschlands spielte. Er war in Köln Direktor des Instituts für neue Musik, Nachfolger von Karlheinz Stockhausen als Leiter der Kurse für Neue Musik, Professor für Musiktheater, Gründer des Ensembles für Neue Musik usw. 
Mauricio Kagel: Variété

(c) Barbara Aumüller
Kagel ist der wichtigste Vertreter des „Instrumentalen Theaters“ in Deutschland, bei dem Mimik, Gestik, Aktionen wie im Zirkus, der Clownerie, dem Theater sowie multimediale Audrucksformen mit einbezogen werden. Zu seinen Musiktheaterwerken zählt das 1971 in der Hamburgischen Staatsoper uraufgeführte "Staatstheater", das wegen eintreffender Drohbriefe unter Polizeischutz aufgeführt werden musste. Kagel entwickelte auch eigene Instrumente und Spieltechniken, etwa für den Film "Zwei-Mann-Orchester" (1973) oder das Instrumentaltheater "Exotica". Sein Film "Ludwig van. Ein Bericht" (1970, s/w, 100 Min.) bringt Joseph Beuys ins Spiel, der Flammen aus einem Gully zum 1. Satz der 9. Sinfonie von Beethoven schlagen lässt, um sie dann nach zwei Minuten mit einem Bräterdeckel zu ersticken. Sein Auftritt mit einer "Napoleonmaske" zu einer kurzen Gesangsparodie ist ebenfalls verwirklicht. Kagel lässt ferner den Künstler Dieter Roth Beethovenbüsten zerschlagen, spielt Verstecken mit Musikern auf einem Rheindampfer und andere ungewöhnliche Aktionen.

Martin Matalon ist ein weiterer wichtiger argentinischer Komponist, der ebenfalls Musiktheater unterstützt und Konzert mit anderen Genres mischt. 1958 in Buenos Aires geboren, Bachelor-Abschluss in Komposition am Boston Conservatory of Music 1984 und 1986 Master-Abschluss an der Juilliard School of Music. 1989 gründete er Music Mobile, ein in New York ansässiges Ensemble, das dem zeitgenössischen Repertoire (1989-96) gewidmet war.
Matalon erhielt wichtige amerikanische und französische Anerkennung, so auch ein Fulbrigth-Stipendium für Frankreich (1988). 1993 ließ er sich ganz in Paris nieder, schrieb eine neue Partitur für die restaurierte Version von Fritz Langs Stummfilm Metropolis, und für die legendären surrealistischen Filme des spanischen Regisseurs Luis Bunuel "Las Siete vidas de un gato" (1996) für "Un Chien andalou" (1927), "Le Scorpion" (2001) ) "Für L'Age d'or" (1931) und "Traces II (la cabra)" (2005) für "Las Hurdes (terre sans Pain)" (1932). Sein Werk umfasst auch eine große Anzahl von Kammer- und Orchesterwerken wie "Otras Ficciones" oder "Lignes de fuite" für großes Orchester, "... del matiz al color ..." für Cello-Oktett, "Monedas de hierro" für Ensemble und Elektronik sowie Stücke für ein großes Spektrum verschiedener Genres, wie musikalische Geschichten, choreografische Werke, Installationen, Musik mit Text, Hörspiele, Musiktheater, Musik mit Mimen ... Die 1997 begonnene Serie der "Spuren" spielen auch eine wichtige Rolle in seinem Schaffen. Er komponierte viel u.a. für das Orchestre de Paris, das Orchestre National de France, das Orchestre National de Lorraine und das Arsenal de Metz, auch für Ensembles und Orchester in Barcelona.


Mauricio Kagel: Variété

(c) Barbara Aumüller
In Frankfurt zu erleben und zu genießen Partituren mit einem humorvollen Grundtenor zeitgenössischer Musik, wie immer beeindruckend gespielt vom Ensemble Modern. Bisweilen komisch-originell mit Tönen und Assoziationen von Kapriolen aus der Manege, dem kindlichen Welterlebnis und Musik für Kinder, dann wieder melancholische Zwischentöne und Momente, mal synchron, mal gegensätzlich zu den artistischen Bewegungen, immer aber konsequent die Erwartungshaltung der Zuhörer auf den Kopf stellend. So wie Kagel in einem seiner Stücke den Solisten im Konzertstück für Pauken und Orchester am Ende kopfüber in sein Instrument fallen lässt, bestehen Szenen, Sketche, artistische Nummern aus einem hervorstechenden Gag oder schließen mit einem überraschenden Element. So in "Caravanserail", wo der Kontrabass final demontiert wird oder am Ende in "Variété" das Akkordeon allmählich erstirbt. Der Komiker Tom Murphy mit seiner Physical Comedy ergänzt diese Strukturelemente in "Caravanserail" durch korrespondierende Gags aus der Clownerie, nimmt Bodybuiling auf den Arm, jongliert unfallträchtig Stühle, stolpert immer wieder überraschend fast ins Publikum. Im "Morceau de Concours" schon zu Beginn der multimediale Verfremdungseffekt, ein Trompeter auf der Hebebühne des Staplers, ein Hornspieler am anderen Ende der Bühne, völlig lakonische und "überflüssige" Sprechpassagen des Trompeters, die Partitur groß zum Mitlesen auf Leinwand, und die Artisten mit ihrer äußerst bemerkenswerten Körperbeherrschung und Leistungsfäigkeit bei der individuellen Vorbereitung zu ihrem Auftritt im Backstagebereich. Etwa Walter Holecek mit einer der aktuellen hocheitlen Haartrachten Einzelhaare bändigend oder Anna Roudenko, die Kontorsionskünstlerin mit ihrem kleinen Kind, in unvorstellbaren Verbiegungen. 


Martin Matalon: Caravanserail   (c) Barbara Aumüller
Martin Matalon: Caravanserail   (c) Barbara Aumüller
Das Handy dann in "Caranvanserail" zunächst noch viel wichtiger als alles andere. Jeder hat ein Handy, reproduziert die klassischen Handyuserverhaltensmuster, dabei schnelle Akrobatik en passent. Kapriolenmusik vom Ensemble und Exponierung der artistischen Meisternummern hinter der Leinwand als Schattenspiel, als ob es Videoprojektionen wären, auch hier ein Spiel mit der Verfremdung, und zwar der Verfremdung. Die Artisten kreuzen die Wege der Musiker, üben und führen aus, verschwinden ganz schnell, erscheinen hinter der Leinwand, wirken im Bühnennebenraum im halbdunklen Off usw. In "Variété" dann eine starke Betonung der Akrobatik und Jonglage. Tom Murphy und Jongleur Vladik Myagkostupov im Team, dabei jeder in seinem Metier tätig, beide zusammen versetzten den Dirigenten Franck Ollu ein paar Meter weiter, Vladik M. ein Meister im Nackentransport von Jongleurkugeln, Anna Roudenko u.a. als Gummipuppenkunstwerk im 3D-Luftring, Rosannah Star mit einer ästhetischen Supershow mit Schlingenseilen (Multicordes), Walter Holecek noch einmal stark in Körperbeherrschung und Ausdruck als schwebender Artist in Fliegetüchern und IMAGINE / Duo Cyr Wheel neben Detailauftritten zuvor hier virtuos mit dem Künstlerreifen in Lebensgröße und einer Laternenpolenummer zu Hafenmusik- und traurig-dissonanten Musikelementen. 

Die Vielfalt der gemischten Elemente in diesen Musiken und dieser Verwirklichung führen zu einem hohen Unterhaltsgrad, fesseln Aufmerksamkeit und erheitern, ohne dass die klassische Zirkusatmosphäre jeweils länger als ein paar Sekunden aufkommt. Der Besucher erlebt eine intellektuelle Variante von Zirkus und Variété - Zirkusgeruch und Zigarettenqualm der kleinen und Glitterlook der großen Revues und Variétés transponiert in die hohe Kunst.