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Dichterhain, Bände 1 bis 4

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Dichterhain, Bände 5 bis 8

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Dienstag, 31. Dezember 2013

Fantasien zur Nacht: Graffiti auf Haut


$Graffiti Girls$ *body art* Healthy D feat King -
Last Night from finest girl

Fantasien zum Jahreswechsel: LAMINATED MASK


laminated mask from LuxFilm Factory

Dichterhain: SCHNEE AUF ARABIENS ZELTEN von Jörn Laue-Weltring




Schnee auf Arabiens Zelten


von Jörn Laue-Weltring


wenn Schnee auf Arabiens Zedern* fällt
statt auf Europas Berge, Fichten, Tannen

die alten Brücken hier uns schwinden

in aller Seelen trüber Brühe schmelzen

im heißen Kaufrausch greller Angebote
trotz Herzens traurig warnend Zucken

treu uns nur des Glühweins klebrig Höllenritt
der Waren Scheiterhaufen flüchtiger Moneten

von aller Besinnlichkeit lang schon abgetrieben
erfrieren wir aus Gier uns um den Verstand

Frieden, Gerechtigkeit auf und davon gejagt
weiter als den Stern vom Kind in Bethlehem

wie wir uns selber wurden unterm Morgenstern
so fremd wie Schnee auf Arabiens Zelten



*2013 fiel im Dezember statt in Deutschland in Israel, im Libanon, in Jordanien und Syrien viel Schnee, für die Millionen Flüchtlinge dort eine weitere todbringende Katastrophe, während in Europa vor allem die schlechten Aussichten für den Wintersport und eine „weiße Weihnacht“ öffentlich und mehrmals täglich bedauert wurden.

Good Sounds: CALVIN HARRIS, Thinking About You


Comedy & Kabarett im Radio: Die Von der Leyens


WDR 2:
Von der Leyens: Die perfekte Familie


Ein perfekter Ehemann, perfekte Kinder und die perfekteste aller Muttis!


http://www1.wdr.de/radio/podcasts/wdr2/vonderleyens122.html

Auch mit Mitmach-Comedy Hörer lesen Leyens

Das WDR 2 Hör(er)-Hörspiel - eine Folge der legendären WDR 2 Die von der Leyens - mit über 70 Hörern haben der WDR-Comedy-Familie neue Stimmen gegeben. Mutter Ursula eröffnet ihrer Familie, dass sie jetzt BuMV ist, also Bundesministerin für Verteidigung. 

http://www.wdr2.de/unterhaltung/mitmachcomedy102.html

Good Sounds: NEIL YOUNG, Like A Hurricane


Heute Abend im Radio: Das Ende vom Anfang. Von Sean O'Casey




31.12.2013 * 20:05 bis 21:00 * Deutschlandfunk, Hörspiel

Das Ende vom Anfang
Von Sean O'Casey

Aus dem Irischen von: Maik Hamburger und Adolf Dresen
Bearbeitung: Karl E. Horbol
Regie: Horst Liepach
Komposition: Reiner Bredemeyer
Mit: Günter Naumann, Jürgen Holtz und Käthe Reichel
Produktion: Rundfunk der DDR 1983

Darry Berril, irischer Bauer, gerät mit seiner Frau Lizzie wieder mal in Streit über die Frage, wer mehr zu arbeiten hat: er auf Wiese und Feld oder sie in Haus und Hof. Großsprecherisch verkündet Darry, Lizzies Arbeit sei ein Kinderspiel. Diesmal macht Lizzie Ernst: Sie schnappt sich die Sense und geht die Wiese mähen. Darry muss nun wohl oder übel die Hausarbeit machen. Zusammen mit Nachbar Barry Derril, der helfen will, geht nach und nach erst das Geschirr, dann die Zimmereinrichtung, dann schließlich das ganze Haus zu Bruch - Lizzie findet einen Trümmerhaufen und zwei arg lädierte Helden vor.

Sean O'Casey, geboren 1880 in Dublin, gestorben 1964 in Torquay/Devon, England. Irischer Dramatiker von Weltrang.

Good Sounds: NENA, Leuchtturm


Montag, 30. Dezember 2013

Video: Tom Day - Never Give Up


Tom Day - Never Give Up 

Good Sounds: FRANZÖSISCHE MUSIK ACADEMY, French Restaurant Music


Immer ein Treffer in Völklingen / Saar: Generation Pop! ... hear me, feel me, love me!




Generation Pop! ... hear me, feel me, love me!
Bis 15.06.2014, Weltkulturerbe Völklinger Hütte, 66333 Völklingen
+49 6898 9100100

Bis 15. Juni 2014 entführt das Weltkulturerbe Völklinger Hütte seine Besucher in die Welt des Pop. Mit rund 1.500 Exponaten, darunter Kult-Objekte von Pop-Stars wie Elvis Presley, Elton John, Michael Jackson oder Eminem, ist "Generation Pop!" das bedeutendste Ausstellungsprojekt unserer Gegenwart zum Phänomen Pop. Sechs Themenräume zur Pop-Kultur der 50er, 60er, oder 70er-Jahre bis hin zum 21. Jahrhundert machen das Lebensgefühl der Generation Pop erlebbar, die durch Musik und Pop-Kultur geprägt wurde. Die größte Maschine der Welt, die Gebläsehalle des Weltkulturerbes Völklinger Hütte, bietet dafür das perfekte Ambiente.

"Generation Pop!" ist eine emotionale Zeitreise auf den Spuren des Pop auf einer Ausstellungsfläche von mehr als 6.000 Quadratmetern – multimedial erzählt von Objekten, Bildern und dem ‚Sound‘ von Generationen. In einer Zeit des Umbruchs, da die digitale Revolution unsere Wahrnehmung verändert, zeigt "Generation Pop!", wie das Lebensgefühl von Generationen durch Pop-Musik und Pop-Kultur geprägt wurde.

"Generation Pop!" ist eine Ausstellung der großen Gefühle und mit viel Musik. Und gleichzeitig ein zeitgeschichtlicher Überblick, der das Lebensgefühl von Elvis Presley bis Lady Gaga in den Blick nimmt.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalogbuch, 288 S. durchgehend 4-farbig, zum Preis von 19,70 €.

Öffnungszeiten der Ausstellung:
Sommer: Täglich 10.00 bis 19.00 Uhr
Winter: Täglich 10.00 bis 18.00 Uhr

Eintritt:
Vollzahler: 12 Euro
Ermäßigt: 10 Euro
Kinder und Jugendliche im Klassenverband: 3 Euro
Familien (zwei Erwachsene mit Kindern oder Jugendliche bis 16 Jahre): 25 Euro

Weitere Informationen zur Ausstellung finden sie unter: http://www.voelklinger-huette.org/de/ausstellungen/details/event/391/.

Good Sounds: THE DOORS, The End


Ausstellung in Saarbrücken: STERBENDE GÖTTINNEN im Stadtarchiv - Ein DS-Fan besucht seine Geliebte auf dem Schrottplatz

(c) Achim Scheurer

„Sterbende Göttinnen“

Das Stadtarchiv Saarbrücken bietet vom 17. Oktober 2013 bis 17. Januar 2014 eine Ausstellung mit Fotografien von Adrian Scheuer an.

Stadtarchiv
Deutschherrnstraße 1
66117 Saarbrücken
+49 681 905-1258


Der Juli ist blau, im November wird alles kahl und ein Dezember im Schnee ermöglicht dem Betrachter manchmal nur eine vage Vorstellung von dem, was der Schnee verbirgt. Mit Glück ein erster warmer Sonnenstrahl im Februar oder ein Märzregen, der Spuren hinterlässt. Der Saarbrücker Fotograf Adrian Scheuer hat mit seiner Kamera einen Autofriedhof in der Nähe von Freyming-Merlebach aufgesucht und „seine Göttinnen“ – allesamt in die Jahre gekommene „Déesses“ – fotografiert.

Adrian Scheuer war mehrmals und zu verschiedenen Jahreszeiten auf dem „DS-Friedhof“ und hat so eine Fotoserie geschaffen, die weit mehr ist als nur als eine „Fotostrecke übers Jahr“. Es ist ein Zeitdokument, weil es den Betrachter in eine vergangene Zeit mitnimmt, ihm zugleich aber vor Augen führt, dass sich die Welt seitdem verändert und die Zeit Spuren hinterlassen hat. So entsteht eine Melancholie, der man sich nur unschwer entziehen kann, auch deshalb weil selbst Göttinnen letztendlich nichts dagegen ausrichten können und der Zeit ihren Tribut zollen. Man sieht ihnen an, dass ihre Zeit vorbei ist und hat dennoch mehr als nur eine Erinnerung, wie sie einmal waren – vor allem für Adrian Scheuer. Ihn haben die Déesses ein Leben lang begleitet.

Der Eintritt ist frei.

Citroen DS in den 70er-Jahren, elegant und anfällig

Good Sounds: TOM WAITS, I Hope That I Don't Fall In Love


Heute Abend in Saarbrücken: Jahresabschluss in der Krumm Stubb mit "Acoustic Fight"



Jahresabschluss in der Krumm Stubb mit "Acoustic Fight"

30.12.2013 20:00 Uhr Krumm Stubb
Saarbrücker Str. 293
66125 Saarbrücken-Dudweiler
+49 6897 9246732
http://www.krummstubb.net


Mit Gesang, Gitarre und Cajon ziehen Pouya Nemati, Thomas Burckhardt und Steffen Witt wieder mal in den Kampf gegen fiese Schurken und miese Songs. Austragungsort ist diesmal die grandiose "Krumm Stubb" in Dudweiler. Nach zahlreichen Konzerten im Saar-Pfalz-Kreis freuen sich die Jungs von Acoustic Fight auf den Jahresabschluss in ihrem Lieblings-Livemusik-Lokal.

An ihrer Seite wie immer: Bob Marley, Tom Waits, Audioslave, The Police, Rainald Grebe...aber auch Pur, Deichkind, RATM und Snap! Nicht verpassen, an Silvester kann jeder feiern.

Der Eintritt ist frei, es erfolgt eine Hutsammlung.

Weitere Informationen finden sie unter: www.krummstubb.net.

Historische Pianos: SONATA IN A MINOR, D.357, Allegretto quasi andantino, Fortepiano von Graf, Wien, 1826


Prosa: TEUFELSKINDER (15) - Vom Mahle der Lästerer (2) - von Jules Amedée Barbey d'Aurevilly


Vom Mahle der Lästerer


2

Es braucht kaum gesagt zu werden, daß die fünfundzwanzig Gäste in der Mehrzahl Soldaten waren. Aber es waren auch einige Ärzte, große Realisten, darunter sowie etliche ehemalige, nicht im besten Ruf stehende Geistliche, Altersgenossen des alten Mesnilgrand, und als Krone des Ganzen ein Volksvertreter aus der Umsturzzeit, der für die Hinrichtung des Königs gestimmt hatte. Es waren also Landsknechte oder Jakobiner, leidenschaftliche Bonapartisten oder eingefleischte Volksmänner, alle bereit, aufeinander loszugehen und sich gegenseitig zu vernichten, alle nur in einem gleichgesinnt: in der Mißachtung Gottes und der Kirche.
Der Rittmeister von Mesnilgrand hob sich von diesem Kreis in jeder Weise glänzend ab. Die anwesenden Offiziere, die einstigen Dandys der Kaiserzeit, waren zweifellos schöne und fesche Männer, aber ihre Schönheit war Mittelware, Alltagsgut; körperlich rein oder unrein, entbehrte sie des Seelischen, und ihre Eleganz war zu komissig. Man sah ihnen noch in ihrer jetzigen Bürgertracht das Steife der abgelegten Uniform an. Die anderen Kumpane, die ärztlichen Weltverächter und die entgleisten Pfaffen, hielten nicht auf ihr Äußeres; sie sahen beinahe verkommen aus. Nur Mesnilgrand war, wie die Frauen sich ausdrückten, adorabel angezogen. Da noch Vormittag war, trug er einen entzückenden schwarzen offenen Gehrock (von der Firma Staub in Paris), eine Krawatte von mattgelber Seide mit winzigen, kaum erkennbaren, handgestickten, goldenen Sternchen, dunkle, ins Bläuliche schimmernde Tuchhosen, eine unauffällige Weste aus schwarzem Kaschmir, durchbrochene seidene Strümpfe und – da er im eigenen Hause war, keine Schuhe, sondern – tiefausgeschnittene Halbschuhe mit hohen Absätzen, wie sie Chateaubriand bevorzugte, der bestbeschuhte Kavalier seiner Zeit nach dem Großfürsten Constantin; an Schmuck nichts aus Gold, nur – über den breiten Falten seiner nicht verschlungenen, militärisch schlichten Krawatte – eine kostbare antike Kamee mit einem Alexanderkopf. Man brauchte nur das Erlesene dieser Kleidung zu sehen, um sofort zu wissen, daß der Künstler über den Soldaten gekommen war und ihn gewandelt hatte und daß ihr Träger von anderer Art war als alle übrigen, obwohl er sich mit den meisten auf du stand.
Punkt zwölf Uhr mittags begann die Tafel. Auch darin lag Spott. In der Normandie herrscht nämlich der Glaube, der Papst setze sich um diese Zeit an seine Tafel und wünsche dabei der ganzen Christenheit: Gesegnete Mahlzeit. Dieses Benedicite sollte lächerlich gemacht werden. Wenn es vom Doppelturm der Stadtkirche Mittag zu läuten begann, versäumte es der alte Herr von Mesnilgrand nie, unter voltairischem Lächeln mit seiner schrillen Stimme zu rufen: »Zu Tisch, meine Herren! So fromme Christen wie wir dürfen sich des römischen Segens nicht berauben!« Und dies war gleichsam das Losungswort für alle die Lästereien, die nun das Tischgespräch bildeten. Was an einer Tafelrunde von Männern geredet wird, ist immer leichtfertig, noch dazu von solchen Männern wie hier. Man kann wohl sagen, alle Herrenessen, bei denen keine Dame den Vorsitz hat, Einklang schaffend und Milde ausströmend, arten, selbst wenn geistreiche Köpfe zusammen sind, in ein schreckliches Handgemenge aus, wie die Gelage der Lapithen und Kentauren, bei denen es vermutlich auch keine Frauen gab. Bei solchen Festmählern verlieren die gesittetsten und besterzogenen Männer etwas von ihrer Höflichkeit und Vornehmheit. Das ist nicht weiter verwunderlich; fehlt doch die Galerie, der sie gefallen wollen. Sie verfallen einer gewissen Nachlässigkeit, die beim geringsten Anprall, beim geringsten Widerstreit der Meinungen, ins Gröbliche geht. Wenn dies schon bei den Gelagen der edelsten alten Athener geschah, so mußte es erst recht der Fall sein bei den Gastmählern im Hause Mesnilgrand, deren Teilnehmer immer ein wenig im Kasino oder in der Kantine wenn nicht an ärgeren Orten zu sein dünkten.
Beim dritten Gang ging es bereits hoch her. Man hatte erst über politische Dinge geredet, voller Haß gegen die Bourbonen; dann war man zu den Frauen übergegangen, dem unerschöpflichen Gesprächsstoff, besonders in Frankreich, dem geckenhaftesten Lande der Erde.
Man begann Abenteuer zu erzählen. Jeder wollte den anderen überbieten. Die teuflischen Beichten wurden immer gepfefferter. Der ehemalige Abbé Reniant, ein Kurpfuscher, der in den Wirren der Umsturzzeit aus einem Priester ohne Glauben ein Arzt ohne Wissenschaft geworden war, kam an das Wort. Nachdem er noch einmal bedächtig aus seinem Glas geschlürft hatte, begann er:
»Es war schon eine Weile her, daß ich meine Kutte an den Nagel gehängt hatte. Die Revolution war im schönsten Gange. Es war um die Zeit, Bürger Lecarpentier, als Sie sich auf Ihrer Rundreise als Volksvertreter hier in *** aufhielten. Erinnern Sie sich an ein junges Mädchen aus Hémevès, das Sie eines Tages einsperren ließen? Ein übergeschnapptes Frauenzimmer. Eine Epileptikerin.«
Der Volksmann vermochte sich nicht zu entsinnen.
»Man nannte sie die Tesson«, begann der ehemalige Abbé wieder. »Josefine Tesson, wenn ich mich nicht irre. Ein großes dickbackiges Frauenzimmer. Die Chouans und die Pfaffen hatten ihr den Kopf verdreht. Sie machte es sich geradezu zur Lebensaufgabe, diese Kerle zu verstecken, diese gottverdammten Pfaffen. Wo es galt, so einem Halunken das Leben zu retten, trotzte sie Tod und Teufel. Sie verschaffte ihnen die unglaublichsten Zufluchtsorte; versteckte sie, wenn's sein mußte, in ihrem Bett, unter ihrem Unterrock. Wäre es gegangen, so hatte sie einen dort versteckt, wo sie die Büchse mit den Hostien trug, zwischen ihren Brüsten ...«
»Potztausend!« warf Rançonnet ein, den die Geschichte in Wallung versetzte.
»Bloß zwei!« scherzte Reniant. »Dafür aber von anständigem Kaliber ...«
Es erhob sich allgemeines Gelächter.
»Ein sonderbares Ciborium«, meinte der Doktor Bleny verträumt, »so ein Weiberbusen!«
»Das Ciborium der Not!« erklärte Reniant, dessen Erregung sich inzwischen gelegt hatte. »Alle die heimatlosen, verfolgten und gehetzten Priester, denen sie sich verbergen half, vertrauten ihr die Hostien an, die sie in ihrem Busen überall dahin trug, wo sie benötigt wurden. Man setzte das größte Vertrauen in sie und redete ihr ein, sie sei eine Heilige. Das stieg ihr zu Kopf. Am liebsten wäre sie eine Märtyrerin geworden. Unerschrocken eilte sie mit der Hostienbüchse hin und her, bei Tag und Nacht, bei Wind und Wetter, über Stock und Stein, zu den verborgenen Priestern, um Sterbenden das Viatikum zu verschaffen.
Eines Abends erwischten wir das Frauenzimmer, ich und ein paar brave Burschen der Teufelskompagnie von Rossignol, in einem Bauernhof, wo ein Chounan abfahren wollte. Einer von uns, der durch ihre strammen Vorgebirge Appetit auf sie gekriegt hatte, karessierte ' sie ein bißchen. Aber es bekam ihm schlecht. Die Katze schlug ihm ihre zehn Krallen in die Visage, so fest, daß er zeitlebens an sie denkt. Trotzdem ließ der Kerl nicht locker. Ein kecker Griff förderte die Herrgottsbüchse zutage. Wir zählten ein Dutzend Hostien, die ich in Gegenwart des schreienden und uns wie eine Rasende anfallenden Weibstückes vor die Säue werfen ließ ...«
Er hielt inne und brüstete sich wie der Hahn auf dem Mist.
»Abbé, das war wohl das letztemal, daß Sie das Abendmahl gereicht haben?« fragte der alte Herr von Mesnilgrand im Fistelton.
»Die lieben Tierchen werden sich doch den Magen nicht verdorben haben?« spottete einer der Tafelrunde.
Nach diesen groben Lästereien herrschte eine kleine Weile Stille.
»Und du, Mesnil?« rief Rançonnet seinem Kameraden zu. Dem darauf Lauernden dünkte es eine gute Gelegenheit, auf den Kirchgang zu kommen. »Sagst du gar nichts zu dieser famosen Geschichte des trefflichen Abbé?«
Mesnilgrand sagte in der Tat nichts. Den Kopf in die Hand gestützt, saß er am Tisch und hörte ohne Abscheu, aber auch ohne Vergnügen, den Scheußlichkeiten zu, die seine verrohten Genossen vorbrachten. Er hatte sich über all das hinausgelebt. Es berührte ihn nicht. Er hatte schon zuviel davon hören und sehen müssen, in den vielen Jahren und in der Umgebung, in der er lebte. Die Umwelt ist das Schicksal des Menschen. Im Mittelalter wäre Mesnilgrand ein begeisterter Kreuzritter geworden; im neunzehnten Jahrhundert konnte er nichts anderes als napoleonischer Soldat werden. Namentlich während des Feldzuges in Spanien hatte er Greueltaten miterlebt, die denen der Landsknechte des Konnetabel von Bourbon bei der Einnahme Roms kaum nachstanden. Zum Glück ist die Umgebung nur für gemeine Geister und Gemüter ein böses Verhängnis. In starken Seelen lebt und webt etwas, das nicht verdirbt. Und dies war in Mesnilgrand untilgbar.
Müde, fast schwermütig erwiderte er dem Frager:
»Was soll ich dazu sagen? Herr Reniant hat da keine Heldentat vollbracht. Hätte er im Glauben, daß es einen Gott gäbe, einen lebendigen Gott, einen Gott der Rache, das Wahrzeichen dieses Gottes den Säuen vorgeworfen, auf die Gefahr hin, auf der Stelle vom Blitz erschlagen zu werden und in die Hölle zu kommen, ja, dann läge zum mindesten Bravour darin, dem Tod und noch Schlimmerem zu trotzen. Denn wenn es einen Gott gäbe, hätte er ihn zu ewigen Martern verdammen können. Sinnlos war die Tat in jedem Fall, aber dann wäre sie immerhin tapfer gewesen. Doch dieser gewisse Reiz an der Sache fehlt völlig. Der Abbé glaubt nicht an Gott, und der Glaube an das Symbol ist ihm nur lächerlicher Aberglauben. Er war somit von der Gefahrlosigkeit seines Tuns überzeugt. Für ihn war es nichts Mutigeres, als hätte er den Inhalt einer Schnupftabaksdose in den Koben geschüttet.«
»Ja, ja!« ließ sich der alte Herr von Mesnilgrand vernehmen, indem er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und seinen Sohn unter dem Schild seiner vorgehaltenen Hand betrachtete. Er hatte stets Verständnis für das, was sein Sohn sagte, mochte er der nämlichen oder anderer Meinung sein. Hier war er übrigens derselben Ansicht. Er wiederholte darum auch seinen Ausruf: »Ja, ja!«
Mesnilgrand fuhr fort:
»Was ich aber an der Geschichte schön finde, und zwar wunderschön, mein lieber Rançonnet, und was ich mir zu bewundern erlaube, obgleich auch ich an nichts besonders viel glaube, das ist dieses Mädel, diese Tesson, wie Sie sie nennen, Herr Reniant. Indem sie das, was sie für ihren Gott hielt, an ihrem jungfräulichen Busen durch alle Gefahr und Gemeinheit der Welt zuversichtlich und kühn trug, machte sie ihre Brust zum Tabernakel ihres Gottes und sich selbst zum Altar, der jeden Augenblick mit ihrem eigenen Blut übergossen werden konnte. Meine Herren, wir, wir Offiziere – du, Rançonnet! Du, Mautravers! Du, Sélune! – wir, die wir das Kreuz der Ehrenlegion tragen, erworben in so vielen blutigen Schlachten, haben wir nicht mit diesem Symbol den Kaiser auf unserer Brust getragen? Und hat es nicht so manches Mal unsern Mut erhöht, daß wir ihn so trugen? Gibt es einen Unterschied zwischen dem und jenem? Bei meiner Ehre, ich finde die Tat des Mädchens einfach erhaben! Ich möchte wissen, was aus ihr geworden ist. Vielleicht ist sie tot. Vielleicht lebt sie, armselig irgendwo in einem Winkel. Und wenn ich Marschall von Frankreich wäre und sie begegnete mir barfuß, im Schmutz, um ein Stück Brot bettelnd, ich würde von meinem Pferd steigen und den Hut vor ihr abnehmen, vor diesem edlen Wesen, als trüge es wirklich einen Gott im Herzen.« Er stützte sein Haupt nicht mehr auf die Hand. Er hatte den Kopf nach rückwärts geworfen, und während er diese demütigen Worte sprach, wuchs er in die Höhe wie die Braut von Korinth in Goethes Gedicht. Ohne daß er aufgestanden wäre, überragte er alle die andern um sich herum.
»Geht die Welt aus ihren Fugen?« rief Mautravers, indem er mit der Faust auf einen Pfirsichkern schlug und ihn wie mit einem Hammer zertrümmerte. »Husarenrittmeister und Frontsoldaten ducken sich vor Betschwestern?«
Da erhob Rançonnet seine Stimme:
»Schließlich sind das nicht die schlechtesten Liebsten, die bei jeder Freude, die sie uns spenden oder wir ihnen, der ewigen Verdammnis zu verfallen wähnen. Aber, verehrter Mautravers, es gibt etwas Schlimmeres als Betschwestern zu Bettschwestern zu machen. Und das ist, wenn einer, der den Säbel geführt, selber zum Betbruder herabsinkt. Wißt ihr, wo ich den Rittmeister von Mesnilgrand erst am vorigen Sonntag gegen Abend angetroffen habe?«
Niemand gab eine Antwort. Alle aber waren nachdenklich geworden, und alle schauten nach dem Rittmeister Rançonnet hin.
»Bei meinem Säbel«, fuhr dieser fort. »Angetroffen ist falsch ausgedrückt; denn ich hüte meine Reiterbotten vor dem Staub der Kapellen. Ich sah zufällig, wie er durch das Nebenpförtchen in den Tempel hineinschlich. Starr vor Erstaunen fragte ich mich: Donnerwetter, seh' ich Gespenster? War das nicht Mesnils Gestalt? Aber was hat der in der Kirche zu suchen? Mir schossen die verliebten Abenteuer mit den Satansweibern der spanischen Klöster durch den Schädel. Also auch hier? dachte ich bei mir. Er kann die Unterröcke noch nicht lassen? Der Teufel soll mich holen! Ich muß sehen, welche Farbe der hat! Und so trat ich in den Gebetsladen. Es war verflucht duster drinnen. Ich stieg und stolperte über ein Dutzend alter Weiber, die ihren Rosenkranz ableierten. Schließlich aber erwischte ich meinen Mesnil, gerade als er durch das Seitenschiff wieder hinauswollte. Aber – glaubt ihr mir? – er hat mir nicht eingestanden, was er im Pfaffenzwinger zu suchen hatte. Und das ist es, warum ich ihn hier vor euch festnagle. Er soll uns jetzt Rede und Antwort stehen!«
»Na also, Mesnil! Rede! Sprich! Rechtfertige dich!« erklang es von allen Seiten.
»Mich rechtfertigen?« wiederholte Mesnilgrand belustigt. »Ich brauche mich nicht zu rechtfertigen, wenn ich tue, was mir Vergnügen macht. Ihr, die ihr die Inquisition in Grund und Boden verdammt, am Ende seid ihr selber Inquisitoren. Ich bin am vergangenen Sonntag in der Kirche gewesen, weil es mir so beliebte.«
»Und warum hat es dir beliebt?« fragte der Rittmeister Mautravers.
»Das möchtet ihr wohl gern wissen?« meinte Mesnilgrand lachend. »Ich bin hineingegangen – wer weiß, vielleicht um zu beichten? In jedem Fall bin ich an einem Beichtstuhl gewesen. Na, Rançonnet, du wirst nicht behaupten können, daß meine Beichte lange gedauert habe.« Sie merkten, daß er sich über sie lustig machte; aber es lag etwas Geheimnisvolles in der ganzen Sache, das die Tafelrunde reizte.
»Deine Beichte!« sagte Rançonnet betrübt, denn er nahm die Worte seines Kameraden ernst. »Himmelkreuzdonnerwetter! So bist du also für uns verloren!« Aber schon schreckte er vor seinem Gedanken zurück wie ein bodenscheues Pferd vor seinem eigenen Schatten. Er bäumte sich auf und rief: »Hol mich der Henker! Das ist ganz unmöglich! Nein, keiner von uns allen hier kann sich das vorstellen: der Eskadronchef Mesnilgrand wie ein altes Weib, die Knie auf dem Betschemel, die Nase am Gitter vor dem Schilderhaus eines neugierigen Pfaffen! Dieses Bild will: nicht in meinen Schädel! Hunderttausend Granaten sollen mich treffen!«
»Du bist sehr gütig. Ich danke dir«, sagte Mesnilgrand voll drolliger Nachsicht.
»Scherz beiseite!« meinte Mautravers. »Mir geht es wie Rançonnet. Ich kann auch nicht an die Kapuzinade eines Mannes von deinem Schlag glauben. Die Sorte macht selbst in der Todesstunde nicht den Froschsprung ins Weihwasserbecken!«
»Was andere in ihrer Todesstunde tun, das weiß ich nicht«, erwiderte Mesnilgrand langsam. »Aber was mich anbelangt, so liegt mir daran, ehe ich zur Ewigen Armee abreite, mein Packzeug fix und fertig zu haben.«
Dies Soldatenwort ward so ernst ausgesprochen, daß Stille eintrat. Mesnilgrand fuhr fort:
»Lassen wir das! Aber da Rançonnet um jeden Preis wissen will, warum ich am Sonntag in der Kirche war, ich, der ich vielleicht ein ebenso großer Heide bin wie mein alter Kamerad, so soll die Geschichte erzählt werden. Eine Geschichte steckt nämlich dahinter. Wenn er sie vernommen hat, ist sein ungläubiges Gemüt vielleicht imstande, meinen Kirchgang zu begreifen.« Er machte eine Pause, wie um der Geschichte, die jetzt anhob, eine gewisse Weihe zu geben. Dann begann er:
»Rançonnet, du erwähntest vorhin Spanien. Just in diesem Lande hat sich meine Geschichte zugetragen. Mancher von euch hat wie ich den unseligen Feldzug von 1808 mitgemacht. Es war der Anfang vom Ende des Kaiserreichs und all unseres Mißgeschicks. Wer dort gefochten hat, der wird diesen Krieg nie vergessen. Vor allem du nicht, Sélune!«
Der Major Sélune saß dem Erzähler gegenüber, neben dem alten Herrn von Mesnilgrand. Er war ein Mann von stattlichem soldatischem Äußeren. Bei einem Vorpostengefecht in Spanien hatte er einen Säbelhieb bekommen, quer über das Gesicht, von der linken Schläfe mitten durch die Nase bis zum rechten Ohr. Die gewaltige Wunde war schlecht geflickt worden, in der Eile und aus Ungeschicklichkeit des Feldschers. Wenn der Major erregt wurde und ihm das Blut in den Kopf stieg, flammte die gräßliche Narbe auf, und es sah aus, als liefe um sein sonnenbraunes Gesicht ein breites blutrotes Band.
»Wir haben dort manches Grauenhafte gesehen«, fuhr Mesnilgrand fort, »und manchmal auch, selber begangen. Aber das Ärgste, was ich wohl erlebt habe, das will ich jetzt erzählen!«
»Jawohl«, sagte der Major Sélune mit der Selbstgefälligkeit eines hartgesottenen Kriegsmannes, den nichts mehr rührt. »Gesehen und erlebt! Ich erinnere mich, einmal Zeuge gewesen zu sein, wie man achtzig Nonnen übereinander in einen tiefen Brunnen warf, alle halbtot, nachdem sie von den Leuten zweier Schwadronen der Reihe nach vorgenommen worden waren ...«
»Vieherei von Mannschaften!« sagte Mesnilgrand. »Hier aber handelt es sich um die barbarische Tat eines Offiziers.« Er nippte an seinem Glas, ließ den Blick über die Tafelrunde schweifen und fragte: »Hat einer der Herren den Major Ydow gekannt?«
Nur Rançonnet antwortete:
»Ich zum Beispiel! Den hab' ich gut gekannt. Er stand mit mir bei den achten Dragonern.«
»Da du ihn also gekannt hast«, fuhr Mesnilgrand fort, »so wirst du auch noch jemanden gekannt haben. Als er zum Regiment kam, brachte er ein Frauenzimmer mit ...«
»Die Rosalba!« ergänzte Rançonnet. »Sein berühmtes Verhältnis. Ein Saumensch!«
»Gewiß. Sie verdient die übelste Bezeichnung ...« Mesnilgrand sann nach. Dann begann er von neuem: »Der Major brachte sie aus Italien mit, wo er vordem gewesen war, bei einem Reservekorps, als Hauptmann. Da ihn von den Anwesenden nur Rançonnet kennt, muß ich ihn näher schildern, damit sich auch die andern Herren ein Bild von diesem Teufelskerl machen, dessen Ankunft bei den achten Dragonern mit einem Frauenzimmer im Gefolge großes Aufsehen erregte.
Er war wohl kein Franzose – ein Umstand, bei dem Frankreich nicht viel verliert. Ich weiß nicht mehr, woher er stammte. Aus Böhmen oder Illyrien. Ich habe es vergessen. Aber wo er auch geboren sein mag, er war ein sonderbarer Mensch. Er war sichtlich ein Gemisch verschiedener Rassen, und er selber sagte, er sei von griechischer Abkunft. Seine Schönheit stützte diese Behauptung. Er war, weiß der Teufel, fast zu schön für einen Soldaten. Die Furcht, seine hübsche Larve verschandelt zu bekommen, soll einen Kriegsmann nicht bedrücken. Er ging ins Feuer wie alle andern und tat seine Pflicht, wenn auch nie einen Zoll mehr; aber das, was der Kaiser das heilige Feuer genannt hat, besaß er nicht. Im Grunde fand ich sogar seine Schönheit unangenehm. Später, als ich die Bekanntschaft mit der Antike machte, einer dem Feldsoldaten unbekannten Sache, da habe ich den Grundzug seines Gesichts wiedergefunden, in den Antinousbüsten. Besonders eine hat eine überraschende Ähnlichkeit mit ihm, eine aus Marmor, der ihr Schöpfer aus verrückter Laune oder aus schlechtem Geschmack Smaragde als, Augensterne eingesetzt hat. Solche meergrünen Augen hatte der Major, die zu seinem klassisch geschnittenen Gesicht mit dem warmen Oliventon in seltsamem Widerspruch standen. Sie schimmerten wie wehmütige Abendsterne, aber es war nicht Endymion, dessen Wollust darin schlummerte. Ein Tiger lauerte dahinter. Und eines Tages sollte ich den kennenlernen.
Ydow war braun und blond zugleich. Sein Haupthaar lockte sich dicht und dunkel um die schmale Stirn mit ihren eingedrückten Schläfen, während sein langer seidiger Schnurrbart fuchsrot war. Man pflegt zu sagen, Kopfhaar und Bart von verschiedener Farbe seien ein Zeichen von Verrat und Tücke. Vielleicht wäre der Major später ein Verräter wie so manch andrer geworden – am Kaiser. Das Schicksal hat es nicht dazu kommen lassen. Er war vielleicht gar nicht falsch und tückisch. Wie dem auch sei, vermutlich trug diese Äußerlichkeit bei, daß Ydow unter seinen Kameraden allgemein unbeliebt war. Sehr bald, nachdem er ins Regiment gekommen war, haßte man ihn.
Er war damals fünfunddreißig Jahre alt, und ihr könnt euch denken, daß ein so schöner Mann von den Frauen schrecklich verwöhnt und in jeder Beziehung verdorben wurde. Er gefiel auch den Unnahbarsten. Er war ein lasterhafter Mensch. Aber genug! Wir waren alle miteinander keine Tugendbolde. Wir liefen den Weibern nach und waren überdiesSäufer, Verschwender, Spieler, Duellanten und mitunter große Spitzbuben. Er war in tausend Händel verstrickt. Er galt als der Allerschlimmste, und er hatte wohl auch Dinge getan, deren wir andern doch nicht fähig waren. Ihm traute man alles zu. Dabei war er ein gräßlicher Streber, ein widerlicher Kriecher vor seinen Vorgesetzten. Man verdächtigte ihn aus Haß. Zweimal kam es zum Zweikampf. Er schlug sich brav, aber das änderte unsre Meinung über ihn keineswegs. Er blieb für uns ein zweifelhafter Kavalier. Glück im Spiel hatte er übrigens dem bekannten Sprichwort zum Trotz auch. Mit einem Wort, er war ein gefährlicher Kumpan. Es ließe sich noch viel über ihn sagen, aber ich denke, meine Schilderung genügt.«
»Das denke ich auch!« bemerkte Rançonnet ungeduldig. »Zum Kuckuck! Was hat der verdammte Major von den achten Dragonern samt seinem Luder von einem Weibsbilde, für die er am liebsten alle Dome Spaniens und der gesamten Christenheit geplündert hätte, mit dem Kirchgang am verflossenen Sonntag zu tun?«
»Prell nicht immer vor und warte ab!« wies ihn Mesnilgrand zurecht. »Du bist und bleibst der unverbesserliche Hitzkopf. Erst müssen die Personen meiner Geschichte sozusagen aufmarschieren!«
»Na denn laß sie aufmarschieren! Galopp marsch!« sagte der alte Draufgänger und stürzte zu seiner Beruhigung ein Glas Picardan hinunter.
Mesnilgrand fuhr fort:
»Wenn der Major Ydow ohne die Frau, die nicht seine Gattin, nur seine Geliebte war, zum Regiment gekommen wäre, wäre er wahrscheinlich von den Offizieren ziemlich geschnitten worden. Aber dieses Frauenzimmer, das den Major wer weiß wie an sich gefesselt hatte, verhinderte, daß dies dem Major widerfuhr. Das Weib ist der Magnet des Teufels. Die Herren, die mit ihm nur die unvermeidliche dienstliche Berührung gehabt hätten, verkehrten kameradschaftlich mit ihm – dieser Frau wegen. Wäre der Major unbeweibt gewesen, so hätte ihm im Kaffeehaus, wo sich alle Offiziere trafen, keiner einen Kognak angeboten. Aber man tat es mit dem Hintergedanken, einmal zu ihm eingeladen zu werden und mit ihr zusammenzukommen. Es ist eine alte Wahrheit: Ist man nicht der erste Liebhaber einer Frau, so ist man der zehnte! Und in der Tat, es dauerte nicht lange, da wußte man bei den achten Dragonern, daß diese Hoffnung keinen betrog. Rosalba war die Schlimmste der Schlimmen. Ich übertreibe nicht. Rançonnet, der gewiß einer der vielen Glücklichen war, wird mir das zugeben. Er weiß auch, daß sie eine blendende Sünderin war, daß sie alle Reize wie alle Laster des Weibes in sich einte.
Wo hatte der Major sie aufgegabelt? Woher stammte dies junge Geschöpf? Man fragte zunächst nicht danach. Es war nichts Ungewöhnliches, daß Offiziere ihre Geliebten beim Regiment hatten. Die Hauptsache war, daß sich der Betreffende den Aufwand leisten konnte. Die Kommandeure drückten angesichts dieser Ungehörigkeit schon eine Auge zu. Oft begingen sie sie selber. Eine Frau aber von der Art der Rosalba hatten wir noch nicht bei uns gesehen.
Hübsche Mädel fanden wir überall die Menge. Sie waren beinahe alle von derselben Sorte: abenteuerliche, schneidige, kaum noch weibliche, recht freche Frauenzimmer, fast durchweg Brünetten, mit mehr oder weniger Feuer, angezogen wie junge Burschen, in herausfordernden Phantasieuniformen, die ihnen ihre Liebhaber hatten machen lassen. Wenn sich schon die wirklichen und anständigen Offiziersdamen durch ein gewisses ganz besonderes Etwas von anderen Frauen abhoben, so war das noch mehr bei den Offiziersgeliebten der Fall. Diesen Soldatendirnen glich die Rosalba nicht im geringsten- Zunächst hatte man ein schlankes blasses Mädchen vor sich, mit auffällig reichem blondem Haar. Das war nichts weiter Verblüffendes. Sie besaß eines jener Kameengesichter, die durch ihre Gleichförmigkeit und Unbeweglichkeit gerade leidenschaftliche Gemüter stark erregen. Aber auch das ist nichts Besonderes. Alles in allem war sie gewiß eine schöne,Frau. Aber ihr Zauber auf die Männer hatte nichts mit der Schönheit zu schaffen. Der entquoll einer andern Quelle. Sie war ein Ungeheuer an Schamlosigkeit im Widerspruch zu ihrem Namen Rosalba und noch mehr zu ihrem Spitznamen: Pudika – die Keusche ...«
»Virgil hat sich auch den Keuschen genannt«, warf der ehemalige Abbé ein, der gern mit seiner lateinischen Bildung protzte, »was ihn nicht abgehalten hat, gewisse kleine Sanskulotterien zu schreiben!«

Sonntag, 29. Dezember 2013

Video: THE WORK OF ZINA NICOLE LAHR (A Girl's Dream)


Video: THUGLI - RUN THIS (Black Dream)


THUGLI - RUN THIS from Amos LeBlanc

Good Sounds: RIO REISER, Jetzt schlägt's dreizehn


Kosakenmusik seit Jahrhunderten: Soviet ORCHESTRA UND CHORUS, Stenka Razin



Heute Abend in Ludwigshafen am Rhein: Magic of the Dance - Die Weltmeister kommen!!




Magic of the Dance - Die Weltmeister kommen!!

29. Dezember 2013, 18:00 Uhr, Theater im Pfalzbau, Ludwigshafen am Rhein

von 37,40 EUR bis 57,30 EUR und Ermäßigungen




Die Tänzer von MAGIC OF THE DANCE steppen über Tische und Stühle, springen und tanzen, dass die Funken sprühen. Die derzeit wohl rasanteste und mitreißendste Steppshow Irlands live. MAGIC OF THE DANCE vereint die besten Stepptänzer der Welt, innovative Choreografien des achtmaligen Weltmeisters John Carey, eine spannende Liebesgeschichte, die von Hollywoodstar Sir Christopher Lee erzählt wird, zauberhafte Musik, spektakuläre Pyrotechnik und eine hervorragende Lichtshow mit Filmeinspielungen, die MAGIC OF THE DANCE zu einem erstklassigen Show-Erlebnis machen. Die Bilanz der letzten Jahre ist einmalig: Weltweit hat diese Erfolgsproduktion mit über 2.500 Shows mehr als drei Millionen Fans begeistert.



Kosakenmusik seit Jahrhunderten: Soviet ORCHESTRA UND CHORUS, Victory's Day


Kosakenmusik seit Jahrhunderten: Soviet ORCHESTRA UND CHORUS, People's Army



Ausstellung in Ludwigshafen: MOSKAU - MANNHEIM - PARIS. Heute Führung

Kosaken 1813


"MOSKAU - MANNHEIM - PARIS"

VOM 20. DEZEMBER 2013 BIS 9. MÄRZ 2014

Öffnungszeiten:
Stadtmuseum Ludwigshafen: Do – So 11:00 bis 17:00 Uhr
Karl-Otto-Braun-Museum Sa 14:00 bis 17:00 Uhr
So 10:00 bis 13:00 Uhr
14:00 bis 17:00 Uhr
Flyer zur Sonderausstellung: Moskau - Mannheim - Paris"
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Sonderausstellung "Moskau - Mannheim - Paris 200 Jahre Rheinübergang der russischen Truppen zu Silvester 1813/1814" eröffnet


Am Freitag, den 20. Dezember 2013 wurde der Ausstellungsteil „Götterdämmerung eines Kaiserreichs“ im Stadtmuseum Ludwigshafen feierlich eröffnet. Unter den zahlreichen Gästen befanden sich unter anderem der russische Generalkonsul, der Honorarkonsul der Republik Frankreich sowie der Oberbürgermeister der Stadt Mannheim. Gastredner Stefan Mörz, Leiter des Stadtarchiv Ludwigshafen, äußerte Gedanken zum Thema „Befreiungskriege? – Befreiungskriege!“ In die Ausstellung führte Alfred Umhey, Militärhistoriker und Kurator der Ausstellung ein. Gezeigt wird die chronologische Folge der Feldzüge von 1812 bis 1814. Schwerpunkte bilden hier der Rheinübergang bei Mannheim sowie das Pionierwesen zu Napoleons Zeiten.

Die feierliche Eröffnung des Ausstellungsteils „Russischer Bär schlägt französischen Adler“ im Oppauer Karl-Otto-Braun-Museums fand am Sonntag, den 22. Dezember 2013 statt. Auch hier führte Alfred Umhey in die Ausstellung ein. Gezeigt werden hier die russischen Truppen um 1813 mit dem Schwerpunkt auf die fremden Völker in der russischen Armee: Kosaken und Baschkieren. Auf besondere Gäste konnte eine Delegation des Blüchermuseums in Kaub am Rhein in den Uniformen der preußischen Jäger und schlesischen Landwehr begrüßt werden.

Russische Soldaten auf dem Durchmarsch durch die Pfalz 1814
Die Ausstellung ist noch bis zum 9. März 2014 in den beiden Museen zu sehen.

Am Sonntag, den 29. Dezember findet um 14:00 Uhr eine kostenlose Führung im Stadtmuseum Ludwighafen statt.

Good Sounds: RIO REISER, Zauberland


Dichterhain (gesprochen): NOCH BIST DU DA von Rose Ausländer








Noch bist du da
Wirf deine Angst
in die Luft

Bald
ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da

Sei was du bist
Gib was du hast

Rose Ausländer

Good Sounds: RIO REISER, Junimond


Dichterhain: LEBENSWEG von Norbert van Tiggelen


Lebensweg

Gehe mit Gott
den Weg Deines Lebens,
ist er auch steinig
und scheint oft vergebens.

Der Herr schenkt Dir Licht,
auch an dunklen Tagen,
versuche sein Wort
im Herzen zu tragen.

© Norbert van Tiggelen

Samstag, 28. Dezember 2013

Der Mitternachtsgast 07: Literarische Konzentrationsübungen von Clayton Cubitt



Amanda visits the studio and reads from "A Clockwork Orange"
by Anthony Burgess. Directed by Clayton Cubitt.




Fantasien zur Nacht (Film): Eros von DECORTICA


Decortica - Eros from decortica 

Heute Abend in Kaiserslautern: DER NACKTE WAHNSINN, Komödie von Michael Frayn


Der nackte Wahnsinn
Komödie von Michael Frayn
28.12.2013, 19:30 Uhr, Großes Haus, Pfalztheater Kaiserslautern

Aberwitziger Blick hinter die Kulissen einer Theateraufführung

Regisseur Lloyd Dallas ist mit seinen Nerven am Ende. Es ist bereits kurz nach Mitternacht, und die Generalprobe der Komödie läuft völlig aus dem Ruder. Die Nerven liegen blank. Texthänger, Requisi-tenchaos, klemmende Türen, verlorene Kontaktlinsen und volltrunkene Schauspieler – ein echter Albtraum für alle Beteiligten.
Dem Zuschauer wird das Geschehen in drei Etappen vorgeführt. Zu sehen bekommt er dabei nur den ersten Akt des aufzuführenden Stücks, diesen aber drei Mal aus jeweils verschiedenen Perspektiven. Dabei wird die Truppe immer desolater: Galt es zunächst noch, den schönen Schein der Theaterwelt aufrecht zu halten, wird im letzten Teil – Monate nach der Premiere – mit allen Mitteln gegeneinander gekämpft. Die Schauspieler versuchen, sich gegenseitig auszubooten, Inspizienten kämpfen gegen Assistenten, der Regisseur rauft sich die noch verbliebenen Haare und den Überblick haben alle schon längst verloren.
„Der nackte Wahnsinn“ ist eine der erfolgreichsten Farcen der achtziger Jahre. Wer schon immer wissen wollte, was auf und hinter der Bühne vor und während einer Premiere „wirklich“ los ist, kommt bei dieser rasanten Geschichte garantiert auf seine Kosten.
Die raffinierte und turbulente Komödie ist eine augenzwinkernde Liebeserklärung an das Theater. Ein Vergnügen für die Lachmuskeln!

Historische Musik: MANNHEIMER HOFKAPELLE, Tut Busse und lasse sich ein jeglicher taufen



Heute oder morgen ins Mannheimer Barockschloss: 600 Jahre Wittelsbacher am Rhein



Die Wittelsbacher am Rhein

600 Jahre lang beherrschten die Wittelsbacher die Pfalz – ab 1214. Schloss Mannheim als ehemalige Residenz der Kurfürsten von der Pfalz ist genau der richtige Ort, um die Geschichte der mächtigen Dynastie zu zeigen. Die Ausstellung ist vom 8. September 2013 bis 2. März 2014 zu sehen.

Die große Gemeinschaftsausstellung der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim und der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg lässt die Dynastie und ihr Wirken sichtbar werden. Aus über 600 Jahren Kulturgeschichte haben sich zahlreiche Kostbarkeiten erhalten, die an den Ausstellungsorten zu einer einmaligen Gesamtschau zusammengeführt werden. Schloss Mannheim ist der eindrucksvolle Ort, an dem sie zur Wirkung kommen. Weiterer Ausstellungsort in Mannheim ist das Zeughaus der Reiss-Engelhorn-Museen.


Die Geschichte der mächtigen Dynastie beginnt im Jahre 1214. Damals übertrug Kaiser Friedrich II. die Pfalzgrafschaft bei Rhein an die Familie der Wittelsbacher. Was folgte, war eine klassische Aufsteiger-Geschichte: 600 Jahre lang regierten die Wittelsbacher die Pfalz, sie avancierten zu Kurfürsten und stellten mit Ruprecht I. ab 1400 sogar den König des Heiligen Römischen Reichs. Und sie hinterließen beeindruckende Spuren in Kunst und Kultur.


Das Barockschloss Mannheim wurde unter den wittelsbachischen Kurfürsten Carl Philipp und Carl Theodor zwischen 1720 und 1760 erbaut. Als 1777 der Herzog von Bayern kinderlos starb, trat Carl Theodor seine Nachfolge an und verlegte die Residenz nach München. Bis dahin war Mannheim einer der kulturellen Brennpunkte Europas! Für „Die Wittelsbacher am Rhein“ steht zum ersten Mal die einstige Residenz der Kurfürsten als Schauplatz einer großen kulturgeschichtlichen Sonderausstellung zur Verfügung.


Während im Zeughaus das Mittelalter Thema wird, geht es im Barockschloss Mannheim um die Glanzzeit der Herrscherdynastie: vom 16. Jahrhundert bis zum Übergang der Kurpfalz an Baden 1803. In Schloss Mannheim sind die Spitzenleistungen zu erleben, die Künstler und Wissenschaftler am berühmten Musenhof der Kurfürsten schufen. Die Ausstellung ist eine Kooperation zwischen Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen angelegt – und hat noch weitere sehenswerte Ausstellungsorte.


Das Bibliotheks- und Gartenkabinett aus der Rokoko-Zeit ist heute noch im Originalzustand zu sehen.



Barockschloss Mannheim
Bismarckstraße, Schloss Mittelbau
68161 Mannheim

Museum Zeughaus und Barockschloss Mannheim
täglich, auch montags und an Feiertagen (außer 24. und 31.12.) 11.00 –18.00 Uhr

Erwachsene 14,00 €
Begünstigte 12,00 €
Kinder u. Jugendliche (6 bis 18 Jahre) 5,00 €
Studierende, Azubis 5,00 €
Schulklassen, Kindergartengruppen (Pro Person) 3,00 €
Familien 24,00 €

Good Sounds: MAX RAABE, Für Frauen ist das kein Problem


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Historische Pianos: Op. 49 - Three Monferrinas, Grand Pianoforte, Clementi, London, 1822



Heute Abend in Mannheim: DIE GLASMENAGERIE von Tennessee Williams



28.12.2013, 19:30 - 21:15 Uhr, Schauspielhaus, Nationaltheater Mannheim

Die Glasmenagerie
Tennessee Williams / in deutscher Übersetzung von Jörn van Dyck

Inszenierung Sebastian Schug
Bühne Christian Kiehl
Kostüme Nico Zielke
Musik Johannes Winde
Dramaturgie Stefanie Gottfried

» Was machen wir denn mit dem Rest unseres Lebens?«

Zur Zeit der wirtschaftlichen Depression in den 30er-Jahren lebt Amanda Wingfield mit ihren beiden erwachsenen Kindern beengt in ärmlichen Verhältnissen in St. Louis. Einst umschwärmt, jetzt von ihrem Mann verlassen, traktiert sie die Restfamilie mit Mutterliebe und ihrer Vorstellung von einer heilen Familie: Erst wenn ihre leicht körperbehinderte Tochter Laura verheiratet ist, werden alle wieder glücklich sein. Doch beide Kinder entfliehen den in sie gesetzten Erwartungen: Tom, der mit Fabrikjobs die Familie ernähren muss, geht lieber ins Kino und träumt von einer großen Schriftstellerkarriere, während Laura sich in ihre Sammlung von zerbrechlichen Glastieren verliert. Als aber eines Tages Toms Arbeitskollege Jim zum Abendessen kommt, implodiert die auf Lüge und Verdrängung gegründete Familienkonstruktion ...

Mit Die Glasmenagerie, einem Stück über seine eigene Jugend und Familie, gelang Tennessee Williams 1945 der große Bühnenerfolg. Das expressive, melancholische Drama, weltberühmt auch durch hochkarätig besetzte Verfilmungen, besticht durch klare Konflikte, präzise Dialoge und Emotionen im Übermaß. Letztlich vermag der Überlebenswille sich gegen alle Widrigkeiten durchzusetzen.

Dauer: 1 Stunde und 50 Minuten, keine Pause

Historische Pianos: Nocturne No.1 in Eb, Fortepiano, Fritz, Wien 1815



Dichterhain: DUNKLES ZU SAGEN von Ingeborg Bachmann



Dunkles zu sagen

Wie Orpheus spiel ich
auf den Saiten des Lebens den Tod
und in die Schönheit der Erde
und deiner Augen, die den Himmel verwalten,
weiß ich nur Dunkles zu sagen.

Vergiß nicht, daß auch du, plötzlich,
an jenem Morgen, als dein Lager
noch naß war von Tau und die Nelke
an deinem Herzen schlief,
den dunklen Fluß sahst,
der an dir vorbeizog.

Die Saite des Schweigens
gespannt auf die Welle von Blut,
griff ich dein tönendes Herz.
Verwandelt ward deine Locke
ins Schattenhaar der Nacht,
der Finsternis schwarze Flocken
beschneiten dein Antlitz.

Und ich gehör dir nicht zu.
Beide klagen wir nun.

Aber wie Orpheus weiß ich
auf der Seite des Todes das Leben
und mir blaut
dein für immer geschlossenes Aug.

Ingeborg Bachmann

Historische Pianos: Sonata 35 in AB, Rosenberger, Wien, 1800



Prosa: TEUFELSKINDER (14) - Vom Mahle der Lästerer (1) - von Jules Amedée Barbey d'Aurevilly


Vom Mahle der Lästerer

1

Der Abend fiel über die vom Herbstnebel erfüllte Stadt *** herein, und in der Kirche dieses kleinen
echt normannischen Ortes war es schon ganz dunkel. Die Nacht ist in den gotischen Kirchen immer zuerst da. Es mag dies am Gewölbe liegen, das man mit der Wipfeldecke des Waldes verglichen hat, oder daran, daß die bunten Glasfenster das Licht verzehren, oder weil die vielen hohen Pfeiler überallhin ihren Schatten werfen. Aber trotz der frühen Finsternis werden die Kirchentüren nicht geschlossen. Sie bleiben gewöhnlich bis nach dem Angelusläuten offen; manchmal sogar noch länger, besonders am Vorabend hoher Feiertage, wo in den frommen Kleinstädten eine Menge Leute zur Beichte gehen, um sich für das Abendmahl am nächsten Morgen zu rüsten. Und überhaupt kommen in weltfernen Gegenden zu keiner Tageszeit mehr Besucher in die Kirche als um die Dämmerstunde, wo die Arbeit ruht und die Nacht anbricht, die der Christen Seelen an den Tod gemahnt. Um diese Stunde fühlt man so recht, daß der christliche Glaube ein Kind der Katakomben ist und daß ihm noch immer etwas von seiner trübseligen Wiege anhaftet. Die Dunkelheit ist aber überhaupt ein Bedürfnis für andächtige Herzen, und in ihr glaubt selbst das Weltkind noch am ehesten an die Erfüllbarkeit eines Gebetes.
Es war ein Sonntag. Die Vesper war bereits zwei Stunden vorüber, und die blaue Weihrauchwolke, die wie ein Baldachin lange am Deckengewölbe gehangen hatte, war schon fast verflogen. Die Rippen und Sterne krochen in die Falten des breiten Schattenmantels, der von den Spitzbogen herabwallte. Nur die Flammen zweier Kerzen an zwei ziemlich weit voneinander entfernten Pfeilern des Mittelschiffes und das Laternenlicht am Hochaltar, das wie ein winziger Stern aus dem Dunkel des Chores hervorstarrte, warfen durch die Nacht, die sich im Mittelschiff und in den beiden Seitenschiffen breitmachte, einen gespenstischen Schimmer. In diesem ungewissen Halbdunkel vermochte man Gestalten wohl im Umriß zu sehen, aber nicht klar zu erkennen. Hie und da hoben sich in der Dämmerung verschwommene Gruppen ab, noch dunkler als der Hintergrund, gebeugte Rücken, die weißen Hauben von knienden Frauen aus dem Volk, Gestalten in Mänteln mit heruntergeklappten Kapuzen; aber mehr war nicht zu unterscheiden. Eher hörte man mancherlei. Alle die Lippen, die leise beteten, erfüllten den weiten, stark hallenden Raum mit seltsamem Gesumm, einem Geräusch, das den Ohren Gottes wie das Gesumm eines Ameisenhaufens von Seelen tönen mag. Dieses fortwährende leise Murmeln, zuweilen von Seufzern durchklungen, dieses im Dunkel einer schweigsamen Kirche so eindringliche Lippengeräusch, ward von nichts durchbrochen als ab und zu durch das Kreichen der Haupttür in ihren Angeln beim Eintritt Kommender und durch das danach Wiederzuklappen des schweren Flügels, oder durch den hellen harten Aufschlag der Holzschuhe eines an den Seitenkapellen entlang Gehenden, oder durch den Fall eines Stuhles, gegen den jemand in der Dunkelheit angestoßen war, oder bisweilen durch ein zwei- oder dreimaliges Husten, das verhaltene Husten der Frommen, das aus Respekt vor dem heiligen Echo musiziert, geflötet wird. Aber alle diese Laute verflüchteten sich rasch, ohne die im fortdauernden Gesumm sich sammelnden Gebete zu stören.
Und darum achtete auch niemand aus der Schar der Andächtigen auf eine Mannesgestalt, die sicherlich manchen in Erstaunen gesetzt hätte, wenn es hell genug gewesen wäre, um ihn deutlich zu erkennen. Er war nämlich nichts weniger als ein eifriger Kirchengänger. Man sah ihn nie im Gotteshaus. Seit seiner Rückkehr in die Vaterstadt, von der er jahrelang fern gewesen war, hatte er sie keinmal betreten. Warum war er an diesem Abend erschienen? Welche Empfindung, welcher Gedanke, welche Absicht hatte ihn bewogen, die Schwelle zu überschreiten, an der er Tag um Tag ein paarmal vorüberging, als wäre sie nicht vorhanden?
Er war in jeder Hinsicht ein höherer Mensch und hatte seinen Stolz wie sein Haupt beugen müssen, um durch die niedrige kleine Nebenpforte zu kommen, deren sandsteinerner Rahmen in der feuchten Luft der Normandie grün geworden war. Übrigens fehlte es seinem Feuerkopf durchaus nicht an Romantik. Beim Betreten des ihm ungewohnten Ortes berührte ihn der gruftartige Raum ganz eigentümlich. Dieser Eindruck wird gerade bei dieser Kirche von vornherein dadurch erweckt, daß der Fußboden des Schiffes tiefer liegt als draußen der Platz, auf dem das Gebäude steht. Zu den Türen führen etliche Stufen hinab. Nur der Hochaltar ist höher angelegt. Offenbar unter diesem Eindruck, seiner selbst ungewiß und im Bann alter Erinnerungen, blieb er in der Mitte des Nebenschiffes, durch das er schritt, stehen. Offenbar fand er sich zunächst nicht zurecht. Als sich seine Augen aber einigermaßen an die Dunkelheit gewöhnt hatten und er die Umrisse der Dinge besser wahrnahm, entdeckte er eine,alte Bettlerin, die in der Ecke der Armenbank mehr hockte denn kniete und ihren Rosenkranz ableierte. Ihr auf die Schulter klopfend, fragte er sie, wo die Kapelle der Muttergottes und der Pfarrer eines Sprengels sei, den er ihr nannte. Auf den Weg gewiesen von dieser Alten, die seit einem halben Jahrhundert genauso zur Kirche gehörte wie die Fratzen der Wasserspeier, schritt der Suchende nun ohne weiteres durch die während des Gottesdienstes in Unordnung geratenen Stuhlreihen und blieb schließlich vor dem Beichtstuhl stehen, der sich ganz hinten in der Kapelle befand. Er verschränkte die Arme, wie das Männer meist tun, die nicht zum Gebet in eine Kirche geraten sind, aber eine schickliche und würdige Haltung zur Schau tragen wollen. Einem Beobachter wäre der Mann nicht durch Unehrbietiges, aber durch das Unfromme in seiner Haltung aufgefallen.
Gewöhnlich brannte an den Beichtabenden am bändergeschmückten Sockel der Madonna eine gewundene gelbe Wachskerze, die der Kapelle Licht spendete. Aber da sich niemand mehr im Beichtstuhl einfand, hatte der Priester die Flamme ausgeblasen und seine Andacht in der Zelle im Dunkeln fortgesetzt. War es Zufall, Laune, Sparsamkeit oder irgendeine Absicht, daß dies geschehen war? Jedenfalls hatte es der unfromme Gast diesem Umstand zu verdanken, daß er unerkannt blieb, gleichgültig, ob ihm daran gelegen war oder nicht. Als ihn der Priester durch die Gittertür erblickte, öffnete er sie, ohne seinen Sitz im Beichtstuhl zu verlassen. Der Draußenstehende gab seine bisherige Haltung auf und überreichte dem Geistlichen ein Päckchen, das er aus einer Brusttasche gezogen hatte. Was darinnen sein mochte, konnte man nicht erkennen.
»Nehmen Sie das, Ehrwürden!« sagte er mit leiser, aber vernehmlicher Stimme. »Ich schleppe es nachgerade lange genug mit mir herum.« Weiter ward nichts gesprochen. Als wüßte er, worum es sich handelte, nahm der Priester das Päckchen entgegen und schloß dann wieder die Tür seines Beichtstuhles. Vielleicht glaubte irgendein Zuschauer, der Mann werde nun hinknien und beichten; aber zu seinem Erstaunen mußte er sehen, daß jener rasch die Stufen der Kapelle hinabschritt und im Seitenschiff wieder verschwand, woher er gekommen war. Und noch erstaunlicher war es, daß er mitten im Seitenschiff plötzlich von zwei kräftigen Armen umfaßt wurde, unter einem lauten Auflachen, das an einem so frommen Ort arg lästerlich klang.
»Der Teufel soll mich holen! Du, Mesnil?« rief der Lacher halblaut, aber doch deutlich genug, daß man den Landsknechtsfluch ringsherum vernehmen mußte. »Was hast du Narr um diese Zeit im Tempel zu suchen? Wir sind doch nicht mehr in Spanien wie Anno dazumal, wo wir den Klosterschwestern von Avila die Schleier zerknüllten!«
Der »Mesnil« Genannte machte eine zornige Bewegung.
»Schweig!« sagte er mit gedämpfter Stimme, obgleich er den anderen am liebsten laut angegrobst hätte. »Bist du bezecht? Du fluchst hier in der Kirche wie in einer Wachtstube! Komm mit! Benimm dich! Wir wollen uns beide mit Anstand entfernen!«
Er beschleunigte seinen Schritt. Der andere folgte ihm. So schritten beide durch die niedrige kleine Pforte, und als sie im Freien waren, wo sie wieder laut sprechen konnten, begann dieser von neuem:
»Zum Donnerwetter noch einmal, Mesnil! Willst du Kapuziner werden? Am Ende gar Abendmahlgänger! Du, der Herr von Mesnilgrand, Rittmeister von den Chambordschen Husaren, Betbruder! Pfui Deibel!« »Du warst ja selber dort«, erwiderte Mesnilgrand gelassen.
»Nur, weil ich dir nachgegangen bin. Ich sah dich hineingehen und war baff. Was sucht der Kerl in der Pfaffenscheune? fragt' ich mich. Sitzt eine Maus im Unterrock da in dem Steinhaufen? Kurz und gut, ich wollte mich mit eigenen Augen überzeugen, ob ein Ladenmädchen oder eine Prinzessin hier deiner harre.«
»Mein Vehrtester, nur für mich war ich drinnen«, sagte Mesnilgrand, kühl und geringschätzig. Es war ihm sichtlich ganz gleichgültig, was andere über ihn dachten.
»So! Dann muß ich mich um so mehr wundern!«
»Mein Lieber«, entgegnete der Rittmeister, indem er stehen blieb. »Menschen meines Schlages sind nun einmal von jeher in der Welt, um Leute wie dich in Erstaunen zu setzen.« Ihm den Rücken wendend, ging er rasch wieder weiter, wie einer, der allein bleiben will, durch die Gisors-Gasse nach dem Thurin-Platz, an dessen einer Ecke er sein Heim hatte.
Er wohnte im Haus seines Vaters, des alten Herrn von Mesnilgrand, der als reicher Geizhals verschrien war. Selbiger lebte lange Jahre völlig zurückgezogen, bis auf die drei Monate, die sein Sohn, der in Paris lebte, alljährlich bei ihm zubrachte. Dann aber pflegte der alte Herr, zu dem sonst keine Katze kam, die alten Freunde und Regimentskameraden seines Sohnes einzuladen und auf das üppigste zu bewirten. Die bösen Zungen der Stadt lästerten natürlich auch darüber; aber »der Tisch des alten Knickers« – wie sie sich ausdrückten – war in der Tat vorzüglich.
Der greise Vater war sehr stolz auf seinen Sohn, aber ebenso betrübt über ihn. Und dazu hatte er allen Anlaß. War doch das Leben seines Jungen, wie er den Vierzigjährigen immer noch nannte, durch denselben Schlag zertrümmert worden, der das Glück des Kaisers zerbrochen hatte. Mit achtzehn Jahren war der junge Mesnilgrand Husar geworden und hatte die Feldzüge der Kaiserzeit mitgemacht. Zu den höchsten Hoffnungen berechtigt, denn er war aus dem Holz geschnitzt, von dem die Marschälle Napoleons waren, hatte das Finale von Waterloo seine ehrgeizige Laufbahn ein für allemal vernichtet. Er war einer von denen, die von der Restauration nicht wieder in Dienst genommen wurden, weil er wie so mancher der Besten während der Hundert Tage im alten Bann den neuen Eid vergessen hatte. Und so kam es, daß er, der bis zum Eskadronchef in einem Regiment von geradezu fabelhafter Tapferkeit gebracht hatte, und obgleich man von ihm sagte: »Man kann tapfer wie Mesnilgrand sein, aber unmöglich tapferer!« – daß er nun zusehen mußte, wie Kameraden von ihm, deren Führungsliste sich in keiner Weise mit seiner messen konnte, Oberste und Kommandeure von Garderegimentern wurden. Er kannte keinen Neid, aber er ärgerte sich doch gräßlich darüber.
Mesnilgrand war ein zügelloser Draufgänger gewesen. Nur die soldatische Zucht einer beinahe römischen Zeit hatte es vermocht, den Sturm und Drang in ihm einigermaßen einzudämmen. Das Gerücht seiner leidenschaftlichen Abenteuer war bis in seine biedere Vaterstadt gedrungen, die sich darob arg entsetzte, zumal als er sich – vor nunmehr achtzehn Jahren – durch sein tolles Leben ein schweres Rückenmarksleiden zuzog, das er nur durch einen ungeheuerlichen ärztlichen Eingriff und dank seiner eisernen Natur überwand.
Diese besaß er wirklich, so daß er nach dieser höllischen Kur allen den Mühsalen und Wunden des Krieges von neuem zu trotzen imstande war. Dieser ehrgeizige Kraftmensch, der im besten Mannesalter seinen Säbel an den Nagel hängen mußte, war fortan zum Nichtstun verdammt, ohne Aussichten und ohne Hoffnungen. Er raste vor Wut. Obgleich nur der Sohn eines schlichten niedernormannischen Krautjunkers, ähnelte er, durch geheimnisvollen Zufall Karl dem Kühnen, dem Herzog von Burgund, den die Geschichte auch »den Schrecklichen« genannt hat. Er besaß dessen nie nachlassende wilde Leidenschaftlichkeit und bitterlich bösen Ingrimm.
Als der »verkrachte Rittmeister« – wie ihn die alles herabwürdigende Allgemeinheit nannte – heimkam, glaubte man zunächst, er werde sich umbringen oder den Verstand verlieren. Aber er beging weder Selbstmord, noch wurde er verrückt. Letzteres ging nicht, denn er war es schon immer, meinten die Spötter. Daß er bei seiner Natur am Leben blieb, war verwunderlich, indessen er war nicht der Mann, der sich vom Geier das Herz auffressen ließ, ohne den Versuch zu machen, dem Geier den Schnabel zu zerbrechen. Der unglaublich willensstarke Vittorio Alfieri, der nichts verstand als wilde Pferde zuzureiten, hat mit vierzig Jahren noch die Sprache Homers zu lernen begonnen und es so weit gebracht, daß er griechische Verse geschrieben hat. Nach diesem Vorbild warf sich Mesnilgrand auf die Malerei, das heißt auf etwas, was ihm am fernsten lag, denn er hatte zunächst keine Ahnung von den handwerksmäßigen Erfordernissen dieser Kunst. Er arbeitete, stellte in Paris seine Bilder aus, fand keine Beachtung, verzichtete auf die öffentliche Anerkennung, zerstörte seine Werke und schuf wieder neue, mit immer gleichem Feuereifer. Dieser Offizier, der bis dahin nur seinen Säbel zu handhaben verstanden und auf seinem Gaul ganz Europa durchquert hatte, verbrachte sein Leben fortan vor der Staffelei. Sein Widerwille vor dem Krieg und seinem alten Beruf, der Groll eines heimlich Liebenden war so groß, daß er nur Landschaften malte, also Dinge, die er ehedem verwüstet hatte. Beim Malen rauchte er stets, und seinem Tabak mengte er Opium bei. Aber kein Betäubungsmittel war imstande, das grimmige Ungeheuer einzuschläfern, das er seinen »Drachen am Brunnen« nannte. Leute, die ihn nur oberflächlich kannten, hielten ihn für einen Carbonaro; aber wer ihn besser kannte, wußte, daß er ein viel zu selbständiger Denker war, als daß er dem Freisinn jener Zeit verfallen konnte, der im Grunde nur hohles und dummes Geschwätz war.
Trotz seiner maßlosen und unsinnigen Leidenschaftlichkeit wahrte sich Mesnilgrand doch den nüchternen klaren Sinn für das Wirkliche, der den Bewohnern der Normandie eigentümlich ist. Er war alles andere denn Umstürzler. Das Demokrätentum, auf das sich die Bonapartisten während der Restauration stützten, war ihm stark zuwider. Mesnilgrand war durch und durch Aristokrat. Er war es nicht nur nach Geburt, Stand und Rang, sondern von Natur. Er war eben er, und wenn er der ärmste kleine Mann gewesen wäre: ein Herrenmensch, das Gegenstück zum Spießbürger. Äußerliche Auszeichnungen, auf die der Emporkömmling soviel Wert legt, verachtete er. Seine Orden pflegte er nicht zu tragen. Sein Vater hatte ihm vor dem Zusammenbrach des Kaiserreichs, als seine Ernennung zum Stabsoffizier bevorstand, ein Majorat gegründet, so daß er berechtigt war, den Baronstitel zu tragen; aber auf seinen Besuchskarten wie für alle Welt blieb er »Le Chevalier de Mesnilgrand«.
Es gibt in allen Jahrhunderten fahrende Ritter. Heutzutage kämpfen sie für das, was sie als recht und richtig ansehen, und gegen das, was sie hassen, nicht mehr mit Lanze und Schwert, sondern mit Spott und Hohn. Mesnilgrand war ein solcher Ritter. Er besaß die dazu nötige geistige Überlegenheit. Die war übrigens nicht die einzige Gabe, die ihm der Gott der Kraft verliehen hatte. Wie in allen Männern der Tat herrschte bei ihm der starke Wille vor; nur stand dem ein scharfer Verstand zur Seite, eine Macht für ihn gegen die anderen. Wahrscheinlich wäre er als glücklicher Mann nicht besonders geistreich gewesen, aber als Nichtglücklicher hatte er das Feuer der Verzweifelten, und, wenn er gute Laune hatte, auch den Galgenhumor solcher Menschen. Dazu war ihm eine ungewöhnliche Beredsamkeit eigen. Was man von Mirabeau sagte: Man muß ihn gehört haben! – das galt auch von ihm. Byron begann damals in die Mode zu kommen. Wenn sich Mesnilgrand einigermaßen beherrschte, glich er den Helden der Dichtungen des Lords. Er besaß nicht die regelmäßige Schönheit, die den kleinen Seelen gefällt. Er war sogar grundhäßlich. Aber sein blasses verlebtes Gesicht, dazu das jugendlich gebliebene kastanienbraune Haar, seine früh durchfurchte Stirn, gleich der des Lara oder des Korsaren, seine Leopardennase, seine grünschimmernden Augen, die ein wenig blutrot durchädert waren wie die feuriger Rassepferde, verliehen ihm einen Ausdruck, der selbst die größten Spötterinnen der Stadt beunruhigte. In seiner Gegenwart mäßigten die schlimmsten ihr Mundwerk. Groß, stark, gut gewachsen, nur ein wenig vorgebeugt in seiner Haltung, als bewege er sich in einer zu schweren Rüstung, hatte Mesnilgrand die in unseren Tagen so selten gewordene stattliche Herrenhaftigkeit, die wir aus den Bildnissen der alten Zeit kennen. »Er ist ein wandelndes Ahnenbild!« sagte einmal eine junge Dame von ihm, als sie ihn zum ersten Male im Salon eintreten sah. Überdies krönte er alle diese Vorzüge durch einen, der in den Augen der Frauen unübertrefflich ist. Er war immer tadellos angezogen. War dies die letzte Eitelkeit eines homme à femmes, dessen Persönlichkeit ein abgetanes Stück Leben überdauerte, wie die untergehende Sonne den Saum der Wolken durchglüht, hinter denen sie versunken ist? War dies ein Überbleibsel des fürstlichen Aufwandes, den die Eroberer Europas sich ehedem geleistet hatten, wo Mesnilgrand eine Paradedecke aus Tigerfellen unter dem Sattel trug, die seinem Vater, dem Geizhals, zwanzigtausend Franken gekostet hatte? Wie dem auch sei, kein junger Mann in Paris oder London konnte diesen Menschenfeind, der die große Welt verlassen hatte, in der Erlesenheit seiner Kleidung übertreffen.
Während der drei Monate, die er in *** zuzubringen pflegte, machte er nur wenige Besuche; den Rest des Jahres keine. Wie in Paris lebte er auch in seiner Vaterstadt bis in die späte Nacht nur seiner Malerei. Manchmal erging er sich ein wenig in der sauberen, anmutigen kleinen Stadt, die etwas Verträumtes an sich hatte, als sei sie für Dichter da, obwohl wahrscheinlich kein einziger in ihr hauste. Wenn er durch die Straßen ging, flüsterten die Leute einander zu: »Das ist der Herr Rittmeister von Mesnilgrand!« Und wer ihn einmal gezeigt bekommen hatte, der vergaß ihn sein Leben lang nicht wieder. Er machte Eindruck auf die Leute, wie alle Menschen, die nichts mehr vom Leben verlangen. Wer das nicht mehr tut, der steht immer über ihm; und dann ist es das Leben, das sich uns hündisch zu Füßen legt. Mesnilgrand ging nicht in das Kaffeehaus, zu den anderen Offizieren, die von der neuen Regierung aus der Rangliste gestrichen waren; aber auf der Straße verfehlte er nicht, wenn er einen traf, ihm die Hand zu drücken. Die kleinstädtischen Kaffeehäuser waren nichts für ihn, den Aristokraten. Eines zu betreten, wäre ihm ein Verstoß gegen den guten Geschmack gewesen. Es nahm ihm dies niemand übel. Seine Kameraden konnten ihn ja jederzeit im Haus seines Vaters aufsuchen. Die üppigen Gastmähler, die er ihnen, wie schon erwähnt, gab, nannten sie in Anlehnung an die Bibel, in der sie nie lasen, die »Belsazar-Mähler«.
Bei diesen Tafeleien saß der Vater dem Sohn gegenüber, und trotz seines Alters merkte man gar wohl, daß auch er ein ganzer Mann gewesen, würdig seines Sohnes, auf den er so stolz war. Groß und hager, gerade gewachsen wie ein Mastbaum, beugte er sich dem Alter lange noch nicht. Er ging stets im schwarzen Gehrock, in dem er noch größer erschien, als er ohnehin war. Er sah ernst aus wie ein nachdenklicher Mensch, der aller Eitelkeit der Welt entsagt hat. Seit Jahren pflegte er immer eine veilchenblaue gestrickte Zipfelmütze zu tragen, ohne daß sich der Spott an diese herkömmliche Kopfbedeckung des »Eingebildeten Kranken« gewagt hätte. Über die Jugend dieses Geronten wußte niemand etwas. Sie lag zu weit zurück, als daß man sich hätte daran erinnern können. Er hatte zu den Umstürzlern gehört, sagte man, obwohl er ein Vetter von Vicq d'Azir war, dem Arzt der Königin Marie Antoinette. Aber das dauerte nicht lange. Der Mann der Wirklichkeit, der Besitzende, der Gutsherr, war schließlich doch stärker als der Mann der Idee. Nur war er aus der Umsturzzeit, in die er als Ungläubiger in kirchlichen Dingen geschritten war, auch als Ungläubiger in Staatsdingen hervorgegangen. Dieser doppelte Unglaube ergab einen Erzzweifler, vor dem Voltaire erschrocken wäre. Übrigens verhielt er sich bei den zu Ehren seines Sohnes von ihm veranstalteten Gastmählern ziemlich schweigsam; nur wenn er auf Wahlverwandtschaft stieß, ließ er sich Meinungen und Gedanken entlocken, die das rechtfertigten, was man in der Stadt über ihn munkelte. Für die Frommen und Adligen, von denen es am Ort wimmelte, war er der alte Ketzer, mit dem man nicht verkehren konnte und der sich selber verdammte, indem er sich von der Welt abschloß.
Er führte ein sehr einfaches Leben. Niemals ging er aus. Die Grenze seines Hofes und seines Gartens waren für ihn die Grenzen der Welt. Im Winter saß er vor dem großen Kamin in der Küche, in einem hohen Lehnstuhl mit rotbraunem Utrechter Samt, stumm inmitten seiner Dienstboten, die, von seiner Gegenwart bedrückt, kaum zu flüstern wagten. Im Sommer befreite er sie von diesem Zwang und blieb im Eßzimmer, wo es kühl war, las in den Zeitungen oder in irgendeinem alten Buch aus einer Klosterbibliothek, die er bei einer Versteigerung erstanden hatte, oder ordnete Geschäftspapiere an einem kleinen Schreibtisch aus Ahornholz mit Messingbeschlägen, den er sich aus dem Oberstock hatte herunterschaffen lassen, um nicht hinaufgehen zu müssen, wenn einer seiner Pächter kam, obwohl dies Möbelstück gar nicht in ein Eßzimmer paßte. Ob ihn noch andere Dinge als seine Geschäfte bewegten, wußte kein Mensch. Sein fahles, von Blatternarben zerrissenes Gesicht mit der kurzen, ein wenig aufgestülpten Nase, verriet nichts von seinem Innern. Es war rätselhaft wie das einer am Herd schnurrenden Katze. Infolge der Blattern hatte er gerötete Augen und nach innen gekehrte Wimpern, die ab und zu gestutzt werden mußten. Er blinzelte infolgedessen, und wenn er mit jemandem sprach, legte er die eine Hand an die Brauen, um das Licht zu dämpfen, wobei er den Kopf etwas zurückbog. Dies verlieh ihm den Anschein von Dünkel und Hochmut. Der Gebrauch eines Augenglases, um schärfer zu sehen, hätte nicht so anmaßend gewirkt. Seine Stimme, die eines Mannes, der an das Recht des Befehlens gewohnt ist, war mehr eine Kopf- als eine Bruststimme, gleichsam ein Zeichen, daß er selbst mehr Hirn als Herz hatte. Aber er machte selten von ihr Gebrauch. Er war mit seinen Worten genauso sparsam wie mit seinen Talern. Wenn er sprach, geschah dies in der knappen Art des Tacitus. Er drechselte an seinen Worten, und so hatte seine Rede Wert und Wucht. Seine Witzworte trafen wie Steinwürfe.
Ehedem hatte er über die großen Ausgaben und die tollen Streiche seines Sohnes gejammert, wie dies alle Väter tun, aber seit Mesnil – wie er ihn nannte – unter den Trümmern des Kaiserreiches begraben war wie ein Titan, hatte er. vor ihm die Achtung des Weisen, der das Leben auf der Goldwaage der Verachtung wägt und gefunden hat, daß es im Grunde nichts Schöneres gibt als vom sinnlosen Schicksal zerbrochene Menschenkraft. Er bewies ihm dies auf seine Art. Wenn sein Sohn das Wort hatte, leuchtete die vollste Aufmerksamkeit in seinen Zügen. Der größte Beweis, wieviel er ihm galt, lag übrigens darin, daß er während seiner Anwesenheit, wie schon bemerkt, seinen Geiz völlig vergaß.
Die Gelage in seinem Haus waren in der ganzen Stadt berüchtigt. Man raunte sich zu, es ginge dabei gottlästerlich her. Und wirklich, echte Gottesleugner und wütende Pfaffenfeinde waren sie alle miteinander, die da versammelt saßen. Die Gottlosen der damaligen Zeit waren von ganz besonderer Art. Es war das Heidentum von Kraftmenschen und Männern der Tat, die alle Greuel des Umsturzes und alle Kriege der Kaiserzeit durchgemacht hatten. Das war eine völlig andere Gottlosigkeit als die des achtzehnten Jahrhunderts, aus der sie hervorgegangen war. Diese war von Wahrheitsliebe und Geistesfülle durchdrungen. Sie war scharfsinnig, grüblerisch, gespreizt und vor allem frech, aber nicht so roh wie die der Königsmörder von 1793, wie die der Landsknechte des Kaisers. Auch wir, die wir eine neue Zeit vorstellen, haben unser Heidentum, ein eisiges, gelehrtes, innerlich starkes, unerbittliches, unduldsames und zielbewußtes Heidentum. Aber weder dieses noch sonst eines vermag einen Begriff zu geben von der leidenschaftlichen Gottlosigkeit der Männer zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in Frankreich. Und so war es Tatsache, daß nach drei oder vier Stunden des Schlemmens und Zechens das Eßzimmer im Haus am Thurin-Platz von den gottlosesten Reden dröhnte.
Die Teilnehmer an diesen schändlichen Gelagen sind tot, und reichlich tot; aber damals waren sie am Leben, und zwar auf der Höhe ihres Lebens. Die ist nicht dort, wo die Kräfte abzunehmen beginnen, sondern dort, wo das Ungemach am größten wird. Alle diese Freunde Mesnilgrands, alle die Gäste im Haus seines Vaters, waren im Besitz ihrer ganzen Kraft, um so mehr, da sie diese geübt und erprobt hatten, als sie in maßloser Gier noch am vollen Faß der ungezügelten Lebensfreuden saßen, ohne daß sie am berauschenden Trank zugrunde gegangen waren. Aber so krampfhaft ihre Hände den Becher umklammerten und ihre Zähne in ihn bissen, um nicht von ihm zu lassen: er war ihnen doch entrissen worden. Die Umstände hatte sie vom Quell verjagt, an dem sie geschlürft hatten, ohne sich satt zu trinken; und nun waren sie um so durstiger, weil sie davon getrunken hatten. Sie hatten wie Mesnilgrand ihre »schlimme Zeit«, aber es fehlte ihnen die Seelengröße dieses rasenden Rolands, dessen Ariost, wenn er einen gefunden hätte, ein Shakespeare hätte sein müssen. Für ihre Seelen, ihren Geist und ihre Sinne war das Leben schon vor dem Tod zu Ende. Noch waffenfähig, waren sie entwaffnet. Alle jene Offiziere sahen sich nicht nur an als Verabschiedete der Loire-Armee, sondern auch als Verabschiedete des Lebens und der Hoffnung. Nachdem das Kaiserreich vernichtet, nachdem die Revolution getilgt war durch die Reaktion, die sie nicht niederzuhalten vermochten wie der Erzengel Michael den Drachen, waren sie, ihrer Stellung, ihrer Ämter, ihres Ehrgeizes und der Ernte ihrer Vergangenheit beraubt, in ihre Vaterstadt heimgekehrt, machtlos, arm und gedemütigt, um dort – wie sie grimmig sagten – gleich Hunden zu verrecken. Im Mittelalter wären sie Wegelagerer,Freibeuter oder Entdecker geworden. Aber man kann sich sein Jahrhundert nicht aussuchen; und da sie an den Ketten der Gesittung hingen, die alles in Schranken und Gesetzen hält, so mußten sie still halten, in die Kandaren beißen, auf der Stelle treten, sich selbst verzehren und den Unmut darüber hinunterschlucken. Höchstens konnten sie ihren Blutdurst in Zweikämpfen austoben.
Man kann sich danach einen Begriff machen, wie das Vaterunser gelautet hat, das diese Haudegen zum Himmel emporsandten, wenn die Rede auf den lieben Gott kam. Wenn sie selber auch nicht an ihn glaubten, so glaubten doch andere Leute an ihn, ihre Feinde; und das genügte ihnen, um in ihren Reden alles, was auf Erden für hoch und heilig gilt, zu verlästern, zu verspotten und niederzutreten.
Wie allwöchentlich hatte sich also auch am Freitag nach jenem Sonntag, an dem Mesnilgrand von seinem alten Kameraden zu dessen Verwunderung und Ärger in der Kirche angehalten worden war, die Tafelrunde im Mesnilgrandschen Hause pünktlich eingestellt. Jener alte Kamerad war der Rittmeister Rançonnet, ehemaliger 8. Dragoner. Er erschien diesmal als einer der ersten, weil er sich vorgenommen hatte, den Freund, den er die ganze Woche nicht wiedergesehen, um Aufklärung über den Vorfall zu ersuchen und über die Art, wie er dort von ihm behandelt worden war. Dies sollte in Gegenwart aller Gäste geschehen, um sie zu unterhalten. Rançonnet war durchaus nicht der Schlimmste der Schlimmen an der Freitagstafel. Aber er war ein Polterer und ein allzu urwüchsiger Feind der Kirche. Wenn nicht geradezu ein Narr, so war er hierin ein Tor. Der Gottesbegriff ärgerte ihn wie eine Fliege auf der Nase. Im übrigen war er vom Scheitel bis zur Sohle ein Offizier seiner Zeit, mit allen Fehlern und Vorzügen, einer, der den Krieg um des Krieges willen liebte, ein echter Säbelraßler. Von den fünfundzwanzig Zechkumpanen war er wohl der, der den Rittmeister Mesnilgrand am liebsten hatte; nur war er ihm seit dem Vorfall in der Kirche unverständlich geworden.