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Donnerstag, 25. November 2010

Buchbesprechung: Big Sue aus dem mareverlag (Unabhängige Verlage in Deutschland)

Zora del Buono
Big Sue
Hamburg 2010, 192 S., gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, € 18,– [D] / € 18,50 [A] / sFr. 31,90, mareverlag




In diesem sehr kurzweiligen und geschickt auf einen Skandal hin ausgerichteten Roman geht es von Anfang an um Abwehr von übler Nachrede, um Gerüchte, Rufschädigung, Vertuschung und Aufdeckung.
Zwei Berufe, die sich gern um solche Inhalte kümmern, treffen aufeinander: eine deutsche Journalistin, die es leid ist, Artikel über Langweiliges zu schreiben, und stattdessen lieber Rechercheaufträge gegen Honorar ausführt, und ein zehn Jahre jüngerer Kunsthistoriker, Sohn eines Schriftstellers, der bemüht ist, die üble Nachrede gegenüber seinem Vater, vielleicht einmal durch eine romanhafte Gegendarstellung, zurückzuweisen. 
In Atlanta (Georgia) sich zuerst kurz begegnet, in Savannah (Georgia) sich wieder zufällig getroffen und dann eine eigenwillige Bekanntschaft eingegangen, die beide durch die Geschichte South Carolinas führt. Sie auf der Suche nach den Gullah-Bräuchen und -Traditionen, einer Mischung aus afrikanischen und amerikanischen Einflüssen, er, Carl Fenner, auf der Flucht vor den Verleumdungen eines jungen Schweizer Schriftstellers namens Christian Abegg seinen Vater, Ferdinand Fenner, betreffend. Dem Vater werden wüstester Lebensstil und Ausschreitungen, Drogenkonsum und vieles mehr vorgeworfen, obwohl er ein ganz renommierter Schrifststeller und wichtiger Mann in der Schweiz geworden ist, den Abegg, ein Schulfreund von Carl Fenner, nun demontiert. Abeggs Roman "Verfehlungen" ist ein Omen und markantes Zeichen für das Geschehen. 
Carl Fenner, der über die Geschichte einer alten Villa auf Humphrey Island vor der Küste South Carolinas schreiben soll, gerät  mehr und mehr in den Sog der Geheimnisse auf seiner in den Sümpfen gelegenen Insel. Die Mitbewohnerin Sue in der Villa, in der er wohnt, hat regen Männerverkehr und er sieht sie anfangs nie, dann einmal kurz und erst am Ende des Romans lernt er sie kennen. Währenddessen erfährt die Journalistin, dass dieses Humphrey-Island der Ausgangspunkt einer groß angelegten Betrugsaktion gegen die Schwarzen war, die von Präsident Lincoln nach dem Bürgerkrieg ihre Unabhängigkeit und eigenes Land bekommen sollten. Der alte John Humphrey, nach dem die Insel benannt ist, war ein Anhänger der Sklaverei und er hielt sich Hunderte von Sklaven auf der Insel, die von Alligatoren und Sümpfen umlagert, nicht fliehen konnten. Sie hätten vor dem Bürgerkrieg bei Flucht auch kein Pardon genossen, hätte man sie geschnappt. Der alte Humphrey legte seine und noch Tausende andere Sklaven rein, veräußerte Land an Geschäftsleute aus dem Norden, aber nicht an die neuen Bürger der USA. Andere Großgrundbesitzer taten es ihm nach. Hinzu kamen die Regulierungen seitens der Lincoln-Nachfolger, die durch die Parole "equal but separated" bekannt wurden. Diese Regeln waren bis 1955 gültig und hielten Schwarze strikt von weißen Lebens- und Alltagsarealen fern. Die Antirassismusströmungen brauchten noch weitere Jahrzehnte, um den Rassismus spürbarer zurückzudrängen - der erschossene Martin Luther King, die schwarze Bürgerbewegung, der getötete John F. Kennedy, der gewaltbereite und ebenfalls getötete Malcolm X und alle weiteren Kämpfer und Opfer auf diesem Weg inkl. dem Attentatsopfer Abraham Lincoln nach dem Bürgerkrieg des 19. Jahrhunderts seien hier genannt.
Die amerikanische Geschichte und die Geschichte der Humphreys in der Parallele werfen Licht auf Carl Fenner, seinen Vater und jene Unbekannte, die - so entdeckt Fenner - das aktivste Sexleben aller Zeiten hat. Er verliebt sich, überhört die Warnungen der Erzählerin, dass es nur Prostitution und Feeding sei, was da passiere, und will nichts sehnlicher, als mit Big Sue zu schlafen. Es wird der Journalistin im Gespräch mit schwarzen Zeitzeugen immer klarer, dass diese opulente, voluminöse und äußerst dralle Big Sue die Tochter von John Humphreys Sohn war. Eine völlig überraschende Wendung konfrontiert Carl mit der ödipalen Tatsache, dass die Frau, die er begehrt, seine Mutter ist. So vermischen sich die unglaubliche Geschichte um den polizeilich verfolgten Demonstranten, späteren Medizinstudenten und Vater Ferdinand Fenner mit der blutigen Geschichte der Humphreys, einem Mord und einer brutalen Trennung von Mutter und Sohn. Diese Trennung mündete in eine Reaktionsbildung der totalen Hingabe an jedermann. In einem grandiosen Finale wird das ganze Chaos aufgedeckt und Fenner mit seiner Mutter, einer Hure aus Rachemotivation, konfrontiert. Ein Roman, der fesselt, en passant Geschichtliches, und zwar dieses ganz Schockierende der Südstaaten-Rassenideologie, aufrollt. Big Sue, die Mutter von 17 Kindern, eine Metapher für das aufbegehrende US-Amerika, das alle Rassen-, Nationalitäts- und Standesschranken über den Haufen warf.  Die Lektüre lohnt sich. Man spürt ein bisschen Peter Handke, denkt an Phillip Roth und seine Darstellungen der amerikanischen Gesellschaft. Bei Zora del Buono werden europäische und reaktionäre amerikanische Welten verknüpft und die Problematik dadurch greifbarer, näher gerückt.


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